Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
A. M. Gressner und O. A. Gressner

Bromsulphthalein-Test

Bromsulphthaleintest
Synonym(e)
Bromthalein-Test; BSP-Test
Englischer Begriff
bromsulphthaleintest
Definition
Die zu den hepatotropen Farbstoffeliminationstesten gehörende, heute nur noch sehr selten angewandte Leberfunktionsprüfung, insbesondere ihrer exkretorischen Leistung, basiert auf der Clearance-Messung der intravenös verabreichten Markersubstanz Bromsulphthalein, die spezifisch von der Leberzelle aufgenommen und in die Galle exkretiert wird.
Durchführung
Der schnellen (<10 s) i.v. Injektion von 5 mg BSP/kg Körpermasse folgt 45 min später die Bestimmung der verbliebenen BSP-Konzentration im Serum, die in Prozent der initialen BSP-Konzentration angegeben wird. Als 100 %-Wert wird eine tatsächlich (meistens 3 min p.i.) gemessene oder eine geschätzte (fiktive) BSP-Konzentration zugrunde gelegt. Die Schätzung beruht auf der Annahme, dass sich die Dosis von 5 mg/kg in einem Plasmavolumen von 50 ml/kg homogen verteilt, entsprechend 100 mg/L (=100 %).
Funktion – Pathophysiologie
Das bereits im Jahr 1925 von Rosenthal und White als Testsubstanz eingeführte BSP (tetrabromiertes Phenolphthalein-Dinatriumsulfonat) wird nach i.v. Applikation vorwiegend an Albumin gebunden zur Leber transportiert, aktiv in die Leberzellen (Hepatozyten) aufgenommen und an Ligandin und Z-Protein gebunden (Abb. 1). Beide Vorgänge sind durch Bilirubin, Indocyaningrün und bestimmte Medikamente wie Rifampicin kompetitiv hemmbar. Vor Exkretion in die Galle wird BSP überwiegend mit Glutathion konjugiert (durch Ligandin = Glutathion-S-Transferasen katalysiert), was in geringem Umfange hydrolytisch zum BSP-Zysteinylglyzin und BSP-Zystein gespalten wird. Die aktive Exkretion in die Galle von sowohl konjugiertem als auch freiem BSP stellt den geschwindigkeitsbestimmenden und vulnerabelsten Teilschritt dar. Der teilweise Rückstrom von BSP aus der Zelle in die Zirkulation bewirkt eine komplizierte, biexponentielle BSP-Abstromkinetik aus der Blutbahn. Eine enterohepatische BSP-Zirkulation liegt nicht vor. Die Farbstoffextraktion aus dem Blut kann nicht nur hepatisch, sondern auch prä- und posthepatisch gestört sein: Prähepatisch durch reduzierte Leberdurchblutung; mangelhafte Farbstoffbindung an Transportproteine führt in Folge rascher extravasaler Diffusionen und renaler Elimination zu falsch negativen Ergebnissen. Posthepatisch führen zum Beispiel Gallengangsobstruktionen zu falsch positiven Ergebnissen.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Präanalytik
Patient sollte 12 Stunden nüchtern sein und 30 Minuten vor BSP-Applikation liegen.
Analytik
Die Bestimmung des BSP erfolgt durch Verdünnung der Serumprobe mit alkalischem Phosphatpuffer unter Zugabe des starken Anions Natrium-p-Toluol-Sulfonat, das BSP aus der Albuminbindung freisetzt. Die entstandene Rotfärbung wird bei 580 nm gemessen (A1). Nach Ansäuerung wird der nun farblose Zustand der Probe erneut bei 580 nm (Leerwert) photometriert (A2). Die Differenz A1 – A2 ist der Farbstoffkonzentration proportional und kann anhand der Absorption (A3) eines BSP-Standards in alkalischer Lösung (50 mg/L entspricht 50 % Retention) in die prozentuale BSP-Retention umgerechnet werden:
$$ \mathrm{BSP}-\mathrm{Retention}\;\left[\%\right]=\frac{{\mathrm{A}}_1-{\mathrm{A}}_2}{{\mathrm{A}}_3}\times 50 $$
Referenzbereich – Erwachsene
In Abhängigkeit vom Zeitpunkt der Blutentnahme gelten als obere Retentionsgrenzen:
Nach 30 min
10 mg/L = 10 % Retention
Nach 45 min
5 mg/L = 5 % Retention
Nach 60 min
2 mg/L = 2 % Retention
Referenzbereich – Kinder
s. Erwachsene.
Indikation
Globale Erfassung von Leberfunktionsstörungen mit cholestatischer Komponente.
Interpretation
Der Test ist heute aufgrund sehr selten beobachteter anaphylaktischer Reaktionen von ca. 1:105 gegen Brom nur noch ausnahmsweise im Gebrauch. Er stellte bis dahin eine einfache und empfindliche, ansonsten mit wenigen Nebenwirkungen belastete Leberzellfunktionsprüfung dar, wenn der Einfluss extrahepatischer Störgrößen der folgenden Art auszuschließen ist: falsch positive Ergebnisse bei Hyperbilirubinämie >20 mg/L, cholotropenen Röntgenkontrastmitteln, bestimmten Medikamenten (s. Tabelle), starker Adipositas (infolge relativer Überdosierung des BSP) und Orthostase (infolge reduzierter Leberdurchblutung). Falsch negative Ergebnisse infolge starker Hypalbuminämie, bei einigen Medikamenten und starkem Untergewicht. Physiologische Retentionserhöhungen sind bei Neugeborenen infolge unreifer Exkretionsmechanismen, in der Schwangerschaft als Folge einer Exkretionsstörung durch Hyperöstrogenismus und bei älteren Personen über 70 Jahre zu beobachten (Abb. 2).
Diagnostische Wertigkeit
Die klinische Beurteilung der BSP-Retentionswerte ist in folgenden Tabelle zusammengefasst:
Verzögerte BSP-Elimination
Beschleunigte BSP-Elimination
Parenchymatöse Lebererkrankungen
- Anikterische akute Hepatitis
- Fettleber
- Toxische Schädigungen (Intoxikationen, Infektionen)
- Zirrhosen
Funktionelle Lebererkrankungen und -störungen
- Panhypopituitarismus
- Neonatalperiode
Extrahepatische Gallenwegsobstruktion
- Papillenstenose
Störungen der Hämozirkulation
- Herzinsuffizienz (Stauung)
- Schock
Medikamente
- Anabole Steroide
- Östrogene (Kontrazeptiva)
- Rifampicin
- Gallepflichtige Röntgenkontrastmittel
Hypalbuminämien größeren Ausmaßes
Medikamente
- Phenobarbital
- Sulfonylharnstoffe
- Sulfonamide
Literatur
Preisig R (1985) Fremdsubstanzen als Indikatoren der Leberfunktion. Schweiz med Wschrift 115:36–42