Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
S. Holdenrieder und P. Stieber

Carbohydrate antigen 19-9

Carbohydrate antigen 19-9
Synonym(e)
CA 19-9
Englischer Begriff
carbohydrate antigen 19-9
Definition
Carbohydrate antigen 19-9 ist ein 36 kDa schweres Glykolipid und entspricht einem Hapten der Lewis-a-Blutgruppendeterminante (Lewis (Le)-Blutgruppensystem).
Struktur
Carbohydrate antigen 19-9 ist ein Sialylderivat der Lakto-N-Fucopentaose II. Es entsteht aus der Vorstufe Carbohydrate antigen 50 nach Fucosylierung in a-1-4-Stellung am N-Acetylglukosamin, wobei die N-Acetylneuraminsäure an einen terminalen Galaktoserest in a-2-3-Stellung gebunden ist.
Molmasse
36 kDa.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Physiologisch kommt CA 19-9 im fetalen Epithel von Magen, Kolon, Dünndarm, Leber und Pankreas vor, in Spuren auch in normalen adulten Organen des Gastrointestinaltrakts und der Lunge. Daneben ist es Bestandteil vieler Schleimhautzellen und von deren Sekretionsprodukten wie Speichel oder Mekonium.
CA 19-9 wird rein biliär ausgeschieden. Eine Cholestase auch geringeren Ausmaßes kann z. T. deutlich erhöhte CA-19-9-Konzentrationen verursachen.
Halbwertszeit
4–8 Tage.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Plasma, Serum, Aszites, Pleurapunktat.
Analytik
Enzymimmunoassay (EIA), Radioimmunoassay (RIA), Immunradiometrischer Assay (IRMA), Elektrochemilumineszenz-Immunoassay (ECLIA) insbesondere unter Verwendung von monoklonalen Antikörpern.
Konventionelle Einheit
U/mL (kU/L).
Referenzbereich – Erwachsene
Serum: Median 3,1 kU/L; 95 %-Perzentile 28,4 kU/L (methodenabhängig).
Indikation
  • Verdacht auf Pankreaskarzinom, hepatobiliäres Karzinom, Magenkarzinom
  • Therapiekontrolle und Nachsorge der genannten Karzinome
  • Prognose beim kolorektalen Karzinom
Interpretation
Die meisten CA-19-9-Assays sind für die Anwendung im Serum und Plasma ausgetestet.
Das CA 19-9 weist weder eine eindeutige Tumor- noch eine Organspezifität auf. Es kann von verschiedenen Karzinomen des Gastrointestinaltrakts und von Adenokarzinomen anderer Genese deutlich vermehrt freigesetzt werden. In sehr hohen Konzentrationen (>10000 U/mL) ist CA 19-9 jedoch fast pathognomonisch für ein bereits metastasiertes Pankreas- oder hepatobiliäres Karzinom. Zwar genügt für die Diagnostik eines Kolonkarzinoms in der Regel die CEA-Bestimmung (Carcinoembryonales Antigen), doch ist der präoperative CA-19-9-Wert in der multivariaten Analyse neben dem Tumorstadium ein unabhängiger Prädiktor für das Überleben. Auch ist ein Therapiemonitoring durch CA 19-9 bei CEA-negativen Patienten sinnvoll.
Verschiedene benigne Erkrankungen insbesondere mit cholestatischer Komponente wie akute und chronisch aktive Erkrankungen von Leber und Galle sowie die Mukoviszidose führen in Abhängigkeit von Aktivität und Ausmaß der Erkrankung in 10–30 % der Fälle zu einem transitorischen Anstieg der CA-19-9-Konzentrationen (maximal bis 500 U/mL). Ansteigende CA-19-9-Werte bei fehlenden oder gleichbleibenden Entzündungs- oder Cholestasezeichen weisen jedoch auf eine maligne Pankreaserkrankung hin.
Patienten, welche die Blutgruppenkonstellation Lewis (a-/b-) haben (etwa 3–7 % der Bevölkerung), können CA 19-9 nicht exprimieren.
Während der Menstruation und der Schwangerschaft sind transiente, leichte CA-19-9-Erhöhungen beschrieben.
Diagnostische Wertigkeit
  • Pankreaskarzinom, hepatobiliäres Karzinom, Magenkarzinom: Differenzialdiagnose, Prognose, Therapiemonitoring, Rezidiverkennung
  • Kolorektales Karzinom: Prognose und Therapiemonitoring bei CEA-negativen Patienten
Literatur
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Lamerz R (2012) CA 19-9. In: Thomas L (Hrsg) Labor und Diagnose, 8. Aufl. TH-Books, Frankfurt am Main, S 1629–1634
Stieber P, Heinemann V (2008) Sinnvoller Einsatz von Tumormarkern. J Lab Med 32:339–360
Trapé J et al (2011) Increased plasma concentrations of tumour markers in the absence of neoplasia. Clin Chem Lab Med 49:1605–1620CrossRefPubMed