Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
M. Bidlingmaier

Dihydrotestosteron

Dihydrotestosteron
Synonym(e)
5α-Dihydrotestosteron; Androstanolon; DHT
Englischer Begriff
dihydrotestosterone; 5α-dihydrotestosterone; DHT
Definition
Androgenes C-19-Steroid, in vielen Geweben die eigentlich aktive Form vom Testosteron.
Struktur
C-19-Steroid, 17β-Hydroxy-5α-androstan-3-on.
Molmasse
290,44 Da.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination.
In der Steroidbiosynthese entsteht Dihydrotestosteron (DHT) durch Reduzierung des Testosterons. Katalysiert wird diese Reaktion durch die 5-α-Reduktase, ein Enzym aus der Gruppe der Oxidoreduktasen (s. a. 5-α-Reduktase-Genmutation). Die enzymatische Umwandlung erfolgt zum größten Teil erst in den Zielzellen, die direkte DHT-Synthese im Hoden des Mannes ist sehr gering. Bei der Frau entsteht DHT in den Ovarien sowie in der Nebennierenrinde aus Testosteron und Androstendion. Nur etwa 1 % des DHT zirkuliert frei, der größte Teil ist an Sexualhormon-bindendes Globulin (SHBG) gebunden. Dihydrotestosteron ist ein reines Androgen (Androgene), da es nicht – wie das Testosteron selbst – durch die Aromatase zu Estradiol metabolisiert werden kann. DHT wird durch Reduktion zu 17-Ketosteroiden (s. 17-Ketosteroide) inaktiviert, die Ausscheidung erfolgt renal.
Pathophysiologie.
Dihydrotestosteron ist das aktivste Androgen. Physiologisch bestimmt die gewebsspezifische Expression der 5-α-Reduktase und damit das Ausmaß der lokalen Aktivierung von Testosteron zu DHT ganz wesentliche die Androgensensitivität. Besonders relevant ist DHT für die äußere Virilisierung und für das Wachstum der Prostata, während die Differenzierung der aus dem Wolff-Gang abgeleiteten Strukturen (Samenblase, Ductus deferens und Epididymis) vom Testosteron selbst abhängt. Bei der 5-α-Reduktase-Genmutation kommt es aufgrund des Fehlens von DHT zum Ausbleiben der äußeren Virilisierung bei 46,XY-Karotyp.
Die androgenetische Alopezie ist im Wesentlichen eine Konsequenz einer gesteigerten Empfindlichkeit der Haarwurzelzellen für DHT.
Therapeutisch nutzt man die Hemmung der DHT-Bildung durch Inhibition der 5-α-Reduktase bei der Behandlung der benignen Prostatahyperplasie (Finasterid, Dutasterid).
Eine Rolle spielt die Substanz auch im Doping, die anabole Wirkung ist mit entsprechenden androgenen Nebenwirkungen assoziiert.
Untersuchungsmaterial
Probenstabilität
Proben sollten rasch ins Labor gebracht und zentrifugiert werden. Kann die Analyse nicht am selben Tage erfolgen, müssen die Proben eingefroren werden (−20 °C). Eingefroren (−20 °C) mindestens 2 Monate.
Präanalytik
Nüchternstatus notieren. EDTA-Plasma wegen besserer Stabilität für die meisten Assays empfohlen. Hämolyse vermeiden. Rasches Zentrifugieren nach Abnahme.
Analytik
Konventionelle Einheit
ng/mL.
Internationale Einheit
nmol/L.
Umrechnungsfaktor zw. konv. u. int. Einheit
1 ng/mL = 0,333 nmol/L.
Referenzbereich – Erwachsene
Die Messergebnisse verschiedener Dihydrotestosteronassays unterscheiden sich deutlich. Dies gilt bislang auch für massenspektrometrische Verfahren. Daher sind methodenspezifische Referenzbereiche nötig, folgende Angaben können nur als grobe Orientierung gelten:
  • Frauen: 5,6–20 ng/dL
  • Männer: 16–110 ng/dL
Referenzbereich – Kinder
< 5 ng/dL.
Alter bzw. Pubertätsentwicklung beachten!
Indikation
  • Abklärung intersexuelles Genitale, Pseudohermaphroditismus
  • Verlaufsbeurteilung bei 5-α-Reduktase-Mangel
  • Ggf. bei Therapie der benignen Prostatahyperplasie mit 5-α-Reduktase-Inhibitoren
Interpretation
In den meisten Fällen folgen physiologischerweise die DHT-Konzentrationen den Testosteronkonzentrationen. Beim 5-α-Reduktase-Mangel findet sich eine erhöhter Testosteron/DHT-Quotient, unter Therapie mit Inhibitoren der 5-α-Reduktase beim Prostatakarzinom kann der Abfall des DHT bezeigt werden.
Diagnostische Wertigkeit
Die diagnostische Wertigkeit ist durchaus umstritten, nur in wenigen Indikationen ist eine über das Testosteron hinausgehende Aussage zu erwarten. Außerdem waren bislang viele der verfügbaren Testverfahren anfällig für Kreuzreaktionen.
Literatur
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Pihlajamaa P, Sahu B, Jänne OA (2015) Determinants of receptor- and tissue-specific actions in androgen signaling. Endocr Rev 36(4):357–384CrossRefPubMed
Tavita N, Greaves RF (2017) Systematic review of serum steroid reference intervals developed using mass spectrometry. Clin Biochem 50:1260. pii: S0009-9120(17)30582-9CrossRefPubMed