Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
M. Bidlingmaier

Follikelstimulierendes Hormon

Follikelstimulierendes Hormon
Synonym(e)
FSH; Follitropin
Englischer Begriff
FSH; follicle-stimulating hormone
Definition
Eines der vom Hypophysenvorderlappen sezernierten Gonadotropine, reguliert zusammen mit dem luteinisierenden Hormon (LH, s. Luteinisierendes Hormon) die Follikel- bzw. Spermienreifung.
Struktur
Aus 2 nichtkovalent verbundenen Untereinheiten (Polypeptidketten) bestehendes Glykoprotein. Die α-Untereinheit mit 92 Aminosäuren kommt auch in anderen Hormonen vor (Choriongonadotropin, Luteinisierendes Hormon, Thyreotropin), nur die aus 111 Aminosäuren bestehende β-Untereinheit ist spezifisch für das FSH. Die Gonadotropine weisen wegen unterschiedlich starker Glykosilierung eine große molekulare Heterogenität auf.
Molmasse
Insgesamt ca. 35.000 Da, die FSH-spezifische β-Untereinheit ca. 12.500 Da.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Die pulsatile Gonadotropin-Releasing-Hormon-Sekretion des Hypothalamus stimuliert am Hypophysenvorderlappen die Synthese und Sekretion von FSH (und LH). Auf hypophysärer Ebene wird die FSH-Sekretion zudem durch die Peptidhormone Activin und Inhibin moduliert. FSH vermittelt seine Wirkung über Bindung an spezifische Rezeptoren auf den Sertoli-Zellen des Hodens beim Mann bzw. den follikulären Granulosazellen bei der Frau. Im Sinne eines negativen Feedback wird die FSH-Sekretion der Hypophyse dann durch in den Granulosa- bzw. Sertoli-Zellen gebildetes Inhibin gehemmt. Die Serumkonzentrationen des FSH folgen aufgrund der längeren Halbwertszeit weniger ausgeprägt der hypothalamischen GnRH-Pulsatilität als die des LH (Luteinisierendes Hormon). FSH wird zum Teil proteolytisch degradiert, die Elimination erfolgt renal. Das im Urin gemessene FSH repräsentiert im Wesentlichen die freie β-Untereinheit.
Halbwertszeit
Endogen 3–4 Stunden, nach subkutaner oder intramuskulärer Injektion 40–50 Stunden.
Pathophysiologie
Vor der Pubertät sind die Gonadotropinkonzentrationen aufgrund der fehlenden Stimulation durch hypothalamisches GnRH niedrig, erst mit Einsetzen der pulsatilen GnRH-Sekretion steigen die FSH- (und LH-) Konzentrationen an. FSH stimuliert und reguliert bei der fertilen Frau die Reifung der präovulatorischen Follikel sowie die Östrogensynthese in den Granulosazellen. Nach einem weniger stark als beim LH erkennbaren ovulatorischen Peak fallen die FSH-Konzentrationen in der Lutealphase des Zyklus ab. Bei Mann stimuliert FSH über die Sertoli-Zellen die Spermatogenese.
Zusammen mit LH ist FSH zentraler Regulator der normalen Spermatogenese bzw. des Menstruationszyklus, Störungen der physiologischen Sekretion oder der Bindung und Wirkung des FSH führen zu Fertilitätsproblemen. Bei der primären Ovarialinsuffizienz wie beim primären Hypogonadismus des Mannes z. B. bei Hodenatrophie sind die FSH-Konzentrationen dauerhaft hoch. Niedrige FSH-Konzentrationen finden sich bei den sekundären Ovarial- bzw. Hodeninsuffizienzen. Neben Störungen auf hypophysärer Ebene kann auch eine Störung der regulären GnRH-Sekretion bei hypothalamischen Prozessen, Anorexie, chronischem Stress etc. Ursache einer insuffizienten FSH-Sekretion sein.
Therapeutisch kommt aus Urin aufgereinigtes oder rekombinant hergestelltes FSH bei unerfülltem Kinderwunsch bzw. bei der Vorbereitung der In-vitro-Fertilisation (IVF) zum Einsatz.
Untersuchungsmaterial
Probenstabilität
24 Stunden bei Raumtemperatur, mehrere Tage bei 4 °C, mehrere Monate bei −20 °C.
Präanalytik
Bei der Blutentnahme sind der Zyklustag bzw. die Einnahme von Ovulationshemmern zu erfragen.
Analytik
Immunoassays. Nach wie vor besteht keine Harmonisierung der verschiedenen FSH-Assays, Unterschiede bestehen vor allem in der Spezifität der Antikörper sowie der verwendeten Standardpräparation. Der Ersatz der mehr oder weniger aufgereinigten Hypophysenextrakte durch eine rekombinante Standardpräparation hat die Vergleichbarkeit der Messergebnisse nicht verbessert.
Konventionelle Einheit
IU/L (die International Units beziehen sich auf die jeweilige Standardpräparation).
Referenzbereich – Erwachsene
Aufgrund der Unterschiede der Assays sind jeweils methodenspezifische Referenzbereiche zu verwenden. Orientierend folgende Angaben:
Männer: 2–10 IU/L
Frauen:
  • Follikelphase: 3–12 IU/L
  • Periovulatorisch: 8–20 IU/L
  • Lutealphase: 2–8 IU/L
  • Postmenopausal: >20 IU/L
Referenzbereich – Kinder
Aufgrund der Unterschiede der Assays sind jeweils methodenspezifische Referenzbereiche zu verwenden. Orientierend folgende Angaben:
Alter (Jahre)
Knaben (IU/L)
Mädchen (IU/L)
<3
<5,5
<3,5
4–9
<1,9
<1,6
10
0,2–4,5
0,4–6,9
11
0,4–9
0,4–9
12–14
0,5–10
1–17
15
0,4–18,5
Zyklusabhängig
Indikation
  • Beurteilung von Zyklusstörungen bei der Frau
  • Fertilitätsdiagnostik bei Mann und Frau
  • Differenzialdiagnostik des Hypogonadismus bei Mann und Frau
  • Hypophysenerkrankungen
Interpretation
Erhöhte FSH-Konzentrationen sprechen für einen primären, erniedrigte für einen sekundären oder tertiären Hypogonadismus.
Diagnostische Wertigkeit
Basal erhöhte FSH-Konzentrationen sind in aller Regel diagnostisch ausreichend. In Zweifelsfällen bzw. in der speziellen Differenzialdiagnostik kann jedoch der GnRH-Test hilfreich sein.
Literatur
Rose MP, Gaines Das RE, Balen AH (2000) Definition and measurement of follicle stimulating hormone. Endocr Rev 21(1):5–22CrossRefPubMed
Stamatiades GA, Kaiser UB (2017) Gonadotropin regulation by pulsatile GnRH: signaling and gene expression. Mol Cell Endocrinol pii: S0303-7207(17)30552-X
Sturgeon CM, Ellis AR (2007) Standardization of FSH, LH and hCG – current position and future prospects. Mol Cell Endocrinol 260-262:301–309CrossRefPubMed