Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
K. J. Lackner und D. Peetz

Fruktosamin

Englischer Begriff
fructosamine
Definition
Bezeichnung für die in der Amadori-Reaktion entstehenden Ketoamine spontan glykierter Plasmaproteine; es handelt sich dabei nicht um ein spezifisches Molekül, sondern um eine gemeinsame Struktur verschiedener Proteine.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Fruktosamine entstehen durch nichtenzymatische Glykierung der Plasmaproteine. Ihre Konzentration im Plasma hängt von der Glukosekonzentration ab. Etwa 70 % des Fruktosamin wird von Albumin, etwa 15 % von Immunglobulinen repräsentiert, was ungefähr ihrem Anteil am Gesamtprotein (Protein, gesamt im Urin) entspricht.
Halbwertszeit
Entsprechend der Halbwertszeit der wichtigsten Plasmaproteine ist die Halbwertszeit der Fruktosamine uneinheitlich. Albumin und Immunglobuline haben eine relativ lange Halbwertszeit von ~3 Wochen.
Funktion und Pathophysiologie
Die Glykierung von Proteinen hängt neben dem Vorhandensein freier Aminogruppen und der Glukosekonzentration im Blut vor allem von drei Faktoren ab: Glykoproteine und Proteine mit einem sauren pI werden schlechter nicht-enzymatisch glykiert, und eine kurze Halbwertszeit lässt auch weniger Glykierung zu. Die Fruktosamin-Konzentration repräsentiert die mittlere Glukosekonzentration der letzten etwa 8–10 Tage.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Serum; Plasma ergibt andere Werte wegen der zusätzlich vorhanden Gerinnungsfaktoren und des Fibrinogens.
Probenstabilität
Proben sind 24 h bei Raumtemperatur stabil.
Präanalytik
Längeres Stauen bei der Blutentnahme führt zu falsch hohen Werten.
Analytik
Die Bestimmung erfolgt meist durch Reduktion von Nitroblautetrazolium zu Formazan im alkalischen Milieu.
Konventionelle Einheit
μmol/L
Internationale Einheit
μmol/L
Umrechnungsfaktor zw. konv. u. int. Einheit
1
Referenzbereich – Erwachsene
205–285 μmol/L
Referenzbereich – Kinder
s. Erwachsene
Indikation
Retrospektive Bewertung der Blutzuckereinstellung
Interpretation
Erhöhte Werte sind hinweisend auf eine unzureichende Blutzuckereinstellung in den letzten 8–10 Tagen. Da die Gesamtmenge von Fruktosamin als reduzierende Substanz gemessen wird, sind die Ergebnisse von der Gesamteiweißkonzentration der Serumprobe abhängig. Falsch-hohe Werte können außerdem bei Hyperbilirubinämie oder Hämolyse auftreten, falsch-niedrige Werte bei Hypoproteinämien. Korrektur für die Serumproteinkonzentration kann durch Multiplikation mit 72/Gesamtprotein (g/L) erfolgen. Eine Akute-Phase-Reaktion kann zu falsch hohen Werten führen.
Diagnostische Wertigkeit
Gegenüber dem HbA1c sind Fruktosamine in der Therapiekontrolle von Diabetikern in den Hintergrund getreten, weil die Bestimmung anfälliger gegen diverse Stör- und Einflussfaktoren ist. Sie kommen hauptsächlich bei Patienten in Frage, bei denen die HbA1c-Bestimmung wegen Einfluss- oder Störfaktoren unzuverlässig ist. Klinische Studien weisen darauf hin, dass die Bestimmung von glykiertem Albumin diagnostisch aussagekräftiger als Fruktosamine ist.
Literatur
Danese E, Montagnana M, Nouvenne A, Lippi G (2015) Advantages and pitfalls of fructosamine and glycated albumin in the diagnosis and treatment of diabetes. J Diab Sci Technol 9:169–176CrossRef