Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
A. M. Gressner und O. A. Gressner

Galaktosebelastungstest

Galaktosebelastungstest
Synonym(e)
Galaktoseeliminationstest; Galaktosetoleranztest
Englischer Begriff
galactose elimination capacity test; galactose clearance test; galactose tolerance test
Definition
Quantitativer Leberfunktionstest, bei dem die Clearancekapazität der Leber für oral oder intravenös applizierte Galaktose anhand der nach einer definierten Zeit im Serum verbleibenden Galaktosekonzentration oder der Galaktoseausscheidungsmenge in einem zeitlich definierten Sammelurin gemessen wird.
Durchführung
Es sind mehrere Varianten der Testdurchführung im Gebrauch:
  • Nach oraler Aufnahme von 40 g Galaktose in 200 mL Tee (Sättigungsdosis) innerhalb von 2 Minuten Bestimmung der Galaktosekonzentration im Serum 90 Minuten später oder Galaktoseausscheidungsmenge im 2-Stunden-Sammelurin
  • Nach intravenöser Injektion von 0,5 g Galaktose/kg KG serielle Blutentnahme über 20–50 Minuten post injectionem und Bestimmung der Galaktosekonzentrationen
  • Nach oraler Verabreichung von [14C]- oder [13C]-Galaktose Messung der exhalierten Menge von [14C]O2 bzw. [13C]O2 in der Atemluft
Funktion – Pathophysiologie
Es handelt sich um den ältesten, bereits im Jahr 1906 von R. Bauer eingeführten quantitativen Leberfunktionstest. Die Elimination von Galaktose aus dem Blut hängt nahezu ausschließlich von ihrer Aufnahme in die Leber ab, wo sie durch zytosolische (geschwindigkeitsbestimmende) Galaktokinase in Hepatozyten schnell zu Galaktose-1-Phosphat phosphoryliert und nachfolgend in UDP-Galaktose und schließlich in UDP-Glukose umgewandelt wird. Nur 5 % der oral verabreichten Galaktose wird durch die Nieren ausgeschieden. Bei Normalpersonen beträgt die maximale hepatische Eliminationskapazität 500–600 mg/Minute bei einer Plasmakonzentration von 50 mg/dL. Oberhalb dieser Plasmakonzentration ist die hepatische Eliminationsrate unabhängig von der Plasmakonzentration und reflektiert nur die funktionelle Lebermasse. Unterhalb von 50 mg/dL wird die Clearance wesentlich durch den hepatischen Blutfluss determiniert.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Serum, Plasma, Hämolysat, Urin.
Präanalytik
Mindestens 24 Stunden Alkoholkarenz.
Analytik
Die Galaktosebestimmung erfolgt im enzymatisch-optischen-Test, wozu 2 Methoden zur Verfügung stehen:
1.
Die Galaktosebestimmung im enteiweißten Überstand erfolgt mit β-D-Galaktose-Dehydrogenase (EC 1.1.1.48):
Messgröße ist die während der Reaktionszeit von 30–40 Minuten gebildete NADH-Menge. Sie ist äquivalent der Galaktosemenge. Die Messung erfolgt durch Absorptionszunahme bei 340, 366 oder 334 nm.
 
2.
Die Galaktose wird im enteiweißten Überstand mit Galaktose-Oxidase (EC 1.1.3.9) umgesetzt:
Als Chromogen (DH2) wird ο-Dianisidin und Peroxidase als Hilfsenzym verwendet. Die photometrische Bestimmung erfolgt bei 440–460 nm.
Galaktosedehydrogenase setzt außer Galaktose auch α-L-Arabinose, β-D-Fucose und Desoxy-D-Galaktose um, die im Blut jedoch nicht vorkommen. Beide Methoden haben eine gute Präzision (VK <5 %).
 
Referenzbereich – Erwachsene
Galaktosekonzentration im Serum nach 90 Minuten <0,3 g/L; Eliminationskapazität >7 mg Galaktose/kg KG/Minute; Galaktoseausscheidung im 2-Stunden-Sammelurin <2,5 g.
Indikation
Diagnose und Verlaufskontrolle der Leberzellinsuffizienz im Rahmen einer Hepatitis, Zirrhose und von Lebermetastasen.
Interpretation
Die Aussagefähigkeit des Tests ist beschränkt, da in 30 % der Fälle von Leberzirrhose falsch normale und bei einem Drittel der Lebergesunden falsch pathologische Eliminationsraten zu erwarten sind. Darüber hinaus korreliert die Eliminationsrate nur bedingt mit anderen Parametern der Leberzellsynthesefunktion.
Diagnostische Wertigkeit
Die Bedeutung des Tests, der nur noch sehr selten angewendet wird, liegt vorwiegend in der Longitudinaluntersuchung aufgrund geringer intraindividueller Schwankungen. Die Abnahme der Eliminationskapazität ist prognostisch ungünstig, doch ergibt sich gegenüber dem Child-Turcotte-Pugh-Score keine zusätzliche prognostische Information.
Literatur
Kuntz HD, Kuntz E (1983) Intravenöse Galaktosebelastung als Leberfunktionsprobe. Fortschr Med 101:999–1004PubMed
Stein J, Wehrmann T (Hrsg) (2002) Funktionsdiagnostik in der Gasteroenterologie. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York