Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
T. Stief

Gerinnungsfaktor XI

Gerinnungsfaktor XI
Synonym(e)
FXI; Plasma Thromboplastin Antecedent (PTA); Rosenthal-Faktor; EC 3.4.21.27; F11
Englischer Begriff
factor XI; F11
Definition
Gerinnungsfaktor XI (F11), ein Glykoprotein, ist die inaktive Vorstufe der Trypsin-ähnlichen Serinprotease FXIa, die Faktor IX (F9) zu Faktor IXa (F9a) aktiviert.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Serinprotease (Molmasse 143 kDa), über Disulfidbrücken gebundenes Homodimer mit identischen Polypeptidketten, jedes 607 Aminosäurereste lang. Beide können durch die Serinproteasen Faktor XIIa (F12a) oder Kallikrein durch Spaltung der Peptidbindung zwischen Arg309 und Ile310 aktiviert werden. Die entstehende Leichtkette (238 Aminosäurereste) enthält die Trypsin-ähnliche katalytische Domäne.
Das Faktor XI-codierende Gen befindet sich auf dem langen Arm von Chromosom 4 (4q35). Faktor XI wird exklusiv in der Leber synthetisiert und zirkuliert im Plasma in einer Konzentration von ca. 5 mg/L. Durch seine Bindung an High-Molecular-Weight Kininogen (HMWK) wird Faktor XI (Gerinnungsfaktor XI) an negativ geladenen Oberflächen gebunden und kann autokatalytisch sich selbst aktivieren oder durch die Serinproteasen Faktor XIIa, Kallikrein oder durch Thrombin aktiviert werden.
Funktion – Pathophysiologie
Der autosomal rezessiv angeborene Faktor XI-Mangel (Hämophilie C) ist sehr selten. Eine höhere Inzidenz findet sich in einigen ethnischen Gruppen, wie z. B. unter Aschkenaze-Juden (variable Penetranz der Blutungsneigung). Am häufigsten sind Mutationen, die zu einem vorzeitigen Translationsabbruch infolge eines neu-entstandenen Stoppcodons und damit zu niedrigen Spiegeln an F11 in der Zirkulation führen. Erworbener F11-Mangel infolge einer Lebersynthesestörung tritt erst bei einer ausgeprägten Schädigung auf. Inhibitoren gegen F11 sind sehr selten bei Autoimmunkrankheiten oder paraneoplastisch.
Untersuchungsmaterial
Citratplasma, Messung bis 2h nach Entnahme.
Präanalytik
Lupus-Antikoagulans und Heparin lassen zu niedrige Faktorenaktivitäten messen.
Analytik
Einstufentest zur Aktivitätsbestimmung, Variante der aPTT.
Immunologische Bestimmung des Antigens mit polyklonalen Antikörpern (Enzyme-linked Immunosorbent Assay [ELISA]).
Chromogene Bestimmung der F11a-Aktivität.
Referenzbereich – Erwachsene
Citratplasma: 70–120 %, steigt im Alter an.
Referenzbereich – Kinder
Beim Neugeborenen physiologischerweise vermindert (Mittel: 38 %, Bereich: 13–62 %).
Indikation
  • Diagnose eines angeborenen oder erworbenen Faktor XI-Mangels, insbesondere zur Abklärung eines pathologischen aPTT-Werts
  • Nachweis eines Hemmkörpers
  • Überwachung einer Substitutionstherapie mit Faktor XI
Interpretation
Faktor-XI-Aktivitäten unter 15 % gehen in der Regel mit einer Blutungsneigung einher, aber auch Aktivitäten zwischen 50–70 % können gegebenenfalls unter chirurgischen Bedingungen schon zu Blutungskomplikationen führen. Spontanblutungen sind selten, persistierende Blutungen nach Operationen, nach Zahnextraktionen und Menorrhagien bei Frauen sind häufig.
Literatur
Stief TW (2009) Factor XIa triggers thrombin generation. Hemost Lab 2:271–280
Walsh PN (2001) Factor XI. In: Colman RW, Hirsh J, Marder VJ (Hrsg) Hemostasis and thrombosis. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia, S 191–202