Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
T. Stief

Gerinnungsfaktor XII

Gerinnungsfaktor XII
Synonym(e)
FXII; FXII:Ag; Hagemann-Faktor; EC 3.4.21.38; F12
Englischer Begriff
factor XII; F12
Definition
Gerinnungsfaktor XII bildet zusammen mit Präkallikrein (PK), High-Molecular-Weight Kininogen (HMWK) und C1-Inhibitor (C1-INH) das „Kontaktsystem“. Faktor XII ist das Proenzym der aktiven Serinprotease Faktor XIIa (F12a). F12a und Kallikrein sind die beiden Zünder der intrinsischen Gerinnungskaskade.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Serinprotease, das primäre Translationsprodukt besteht aus 596 Aminosäuren, (Molmasse ca. 80 kDa ), IEP 6.3, aktivierter Faktor XII besteht nach Spaltung an Arg353-Val354 aus einer schweren und einer leichten Kette, verbunden durch eine Disulfidbrücke. Die leichte Kette enthält die katalytische Domäne, die schwere Kette hat 2 Fibronectin-Domänen, 2 Epidermal-growth-factor Domänen und eine Prolin-reiche Region.
Faktor XII wird in der Leber in Hepatozyten gebildet und in einer Konzentration von 31 ± 8 mg/L (ca. 0,38 μM) in die Zirkulation abgegeben. Die Halbwertszeit beträgt ca. 40–50 h. Die schwere Kette enthält 2 Bindungsstellen für anionische Oberflächen. Nach Bindung an insbesondere negativ-geladene oder lipophile Moleküle faltet sich das Proenzym in die aktive Form. Die leichte Kette des aktivierten Faktors ist eine typische Serinprotease. Das aktive Zentrum wird durch C1-Inaktivator inaktiviert (1+1 Komplexierung Protease/Serpin). Polyanionische sulfatierte Glykosaminoglykane und Cerebrosidsulfat, Bestandteile der Zellmembran und extrazellulðren Matrix, falten F12 in F12a.
Funktion – Pathophysiologie
Die aktivierte Serinproteinase Faktor 12a aktiviert Präkallikrein (F12a/Kallikrein Loop) und F11. Obwohl ein Faktor-XII-Mangel zu einer deutlichen Verlängerung der aPTT führt, besteht gegebenenfalls selbst bei Faktor-XII-Aktivitäten unter 1 % keine Blutungsneigung (Kompensation durch den alternativen Zünder Kallikrein). Antikörper gegen Faktor XII werden in bis zu 50 % bei Patienten mit einem Antiphospholipidsyndrom (APS) gefunden.
Untersuchungsmaterial
Citratplasma.
Präanalytik
Nach Plasmagewinnung sollte die Probe maximal 2 h bei Raumtemperatur belassen werden.
F12-Aktivierung bei erschwerter Blutentnahme.
Analytik
Einstufentest zur Aktivitätsmessung, Varianten der aPTT.
Faktor XII:Ag (Antigen) durch Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA) mit polyklonalen Antikörpern.
Chromogene Bestimmung nach Aktivierung zu Faktor XIIa.
Referenzbereich – Erwachsene
Citratplasma: Faktor XII-Aktivität: 52–164 %.
Der F12-Promotor enthält einen funktionellen Estrogen-Rezeptor, daher die Zunahme der F12-Aktivität nach Estrogengabe und in der Schwangerschaft.
Referenzbereich – Kinder
Physiologischerweise bei Neugeborenen vermindert (Mittel: 53 %, Bereich: 13–93 %).
Indikation
  • Thrombophilieabklärung
  • Abklärung einer verlängerten aPTT
  • Verdacht auf Inhibitoren gegen Faktor XII
  • Differenzialdiagnostik bei Lupus-Antikoagulans
Diagnostische Wertigkeit
Ein angeborener Faktor-XII-Mangel wird häufig aufgrund einer präoperativen Routinetestung durch eine Verlängerung der aPTT entdeckt.
Literatur
Colman RW (2001) Contact activation pathway: inflammatory, fibrinolytic, anticoagulant, antiadhesive, and antiangiogenic activities. In: Colman RW, Hirsh J, Marder VJ et al (Hrsg) Hemostasis and thombosis. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia, S 103–121
Monagle PT, Andrew M (2001) Hemorrhagic and thromboembolic complications during infancy and childhood. In: Colman RW, Hirsch J, Marder VJ et al (Hrsg) Hemostasis and thrombosis. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia, S 1053–1070
Stief TW (2012) Zn2+, hexane, valproate, or glucose in two purified systems of F12-PK-HMWK. Hemost Lab 5:35–50