Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. G. Guder

Gewicht, spezifisches des Urins

Gewicht, spezifisches des Urins
Synonym(e)
Relative Dichte des Urins
Englischer Begriff
relative density of urine; specific gravity of urine
Definition
Maß für die Masse des Urins je Volumeneinheit (Dichte, spezifische und relative).
Funktion – Pathophysiologie
Die spezifische Dichte des Urins wird bestimmt durch die Flüssigkeitsaufnahme, die extrarenale Flüssigkeitsabgabe (Schweißsekretion, Stuhlbeschaffenheit, Erbrechen) und die Nierenfunktion. Insbesondere im Sammelrohr des tubulären Systems wird die Konzentration des Urins durch Wasserresorption (stimuliert durch Vasopressin) und Salzsekretion gesteigert.
Eine Verminderung der Konzentrierungsfähigkeit der Niere kann durch renale und extrarenale Ursachen bedingt sein. Fehlende oder nicht ausreichende Sekretion von Vasopressin führt zum Diabetes insipidus. Beim Diabetes mellitus wird durch erhöhte Glukosekonzentration die Wasserresorption gehemmt und dadurch die Dichte vermindert. Demgegenüber können eine große Zahl immunologischer, toxikologischer und postrenaler Ursachen zu verminderter Harnkonzentration führen.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Für die erste Untersuchung ist der erste Morgenurin ausreichend. Bei Feststellung einer verminderten Harndichte ist ein Durstversuch über 18 Stunden anzuschließen. Dabei wird jede spontan gelassene Urinprobe gemessen.
Probenstabilität
Urinproben behalten ihre relative Dichte über mindestens 3 Stunden bei Raumtemperatur konstant. Geringe Veränderungen durch Verdunstungen, Spaltung von gelösten Substanzen und Ausfällung von Salzen können zu Anstiegen oder Absinken der Dichte führen. Bei Kühlschranktemperatur wurde eine Stabilisierung bis zu 7 Tagen, im eingefrorenen Zustand bis zu über 3 Monaten beschrieben.
Analytik
Traditionell wurde das spezifische Gewicht des Urins mit dem Urometer gemessen. Seit Einführung der Teststreifenmethode, die auf der Messung von Kationen mit einem pH-Indikator beruhen, ist dieses Verfahren nicht mehr üblich. Neuerdings werden darüber hinaus kontinuierlich messende Verfahren zur Leitfähigkeitsmessung am Patienten (Urimeter, Fa. Fresenius) oder in Harnanalysesystemen (Teststreifenmessgerät SediMAX, Fa. Menarini, Fus-2000 von Diriu Industrial Comp oder Sedimentanalysengerät UF 100 und UN mit UC Teststreifenanalysator, Fa. Sysmex) angewendet, die ebenfalls das spezifische Gewicht als Messergebnis anzeigen. Als Referenzmethode sollte weiter die Wägung des Urins in einem Pyknometer gelten.
Konventionelle Einheit
Die Dichte wird in g/mL oder kg/L gemessen. Die relative Dichte (das spezifische Gewicht) ist dimensionslos.
Internationale Einheit
Nach dem SI-System wird die Dichte in kg/m3 angegeben.
Referenzbereich – Erwachsene
Einzelne Harnprobe: 1,002–1,04 g/mL, obere Grenze im Alter abnehmend.
Durstversuch >1,03 g/mL.
Referenzbereich – Kinder
Zunehmend während der ersten Monate auf die Werte von Erwachsenen.
Durstversuch >1,030 g/mL ab dem 3. Lebensjahr.
Indikation
Die Bestimmung der Harndichte gehört zum Basisprogramm des Urinstatus, wie er meist mit Teststreifen durchgeführt wird. Bei Fragestellungen nach der Konzentrierungsfähigkeit oder der Fähigkeit, Wasser auszuscheiden, sollte ein Trinkversuch oder Durstversuch angeschlossen werden. Als Leitbefund für die Harnkonzentrierungsfähigkeit hat die Messung der spezifischen Dichte jene des spezifischen Gewichts weitgehend abgelöst.
Interpretation
>1,040 g/mL Hyperstenurie.
<1,020 g/mL beim Konzentrationsversuch: Hypostenurie.
Die mit Teststreifen oder Leitfähigkeitsmessung (Widerstandsmessung, Refraktometrie) gemessenen Ergebnisse sind ggf. vor der endgültigen Diagnose durch Messung der Osmolalität des Urins zu bestätigen.
Diagnostische Wertigkeit
Während die relative Dichte wesentlich durch die Konzentration gelöster organischer und anorganischer Teilchen bestimmt wird (Harnstoff, Carbonat, Phosphate, Elektrolyte und pathologische Bestandteile wie Glukose), ist die Teststreifenmethode von der Salzkationenkonzentration und damit pH-abhängig. Auch die Refraktometrie oder Leitfähigkeitsmessung vernachlässigt die organischen Bestandteile weitgehend. Daher können die Ergebnisse aus diesen Methoden bei Patienten nicht direkt miteinander verglichen werden.
Literatur
Guder WG (2009) Osmolalität, Leitfähigkeit, spezifisches Gewicht des Harns. In Guder WG, Nolte J. Das Laborbuch für Klinik und Praxis. 2. Aufl. München: Elsevier, Urban und Fischer, München, S 954–5
Hagemann P, Scholer A (2011) Aktuelle Urindiagnostik für Labor und Arztpraxis. Labolife Verlagsgemeinschaft, Rotkreuz
Hofmann W, Miller B, Guder WG (1996) Spezifisches Gewicht, Leitfähigkeit, Dichte und Osmolalität im Harn. Vergleich bei Normalpersonen, stationären Patienten und Intensivpatienten. J Lab Med 20:697–703