Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
K. J. Lackner und D. Peetz

Glukosetoleranztest, oral

Glukosetoleranztest, oral
Synonym(e)
Orale Glukosebelastung; oGTT
Englischer Begriff
oral glucose tolerance test
Definition
Orale Belastung mit Glukose unter definierten, standardisierten Bedingungen in der Diagnostik des Diabetes mellitus.
Durchführung
Der orale Glukosetoleranztest wird in Fällen einer abnormalen Nüchternglukose („impaired fasting glycemia“, IFG) mit Werten zwischen 100–125 mg/dL (5,6–7,0 mmol/L) oder klinischem Verdacht (z. B. zahlreiche Risikofaktoren, ältere Patienten) zur Sicherung bzw. zum Ausschluss der Diagnose eines Diabetes mellitus benötigt. Außerdem wird inzwischen international und in Deutschland empfohlen, dass bei allen Schwangeren zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche ein oGTT zum Ausschluss eines Gestationsdiabetes durchgeführt wird. Nach den Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft wird der Test wie folgt durchgeführt:
Vorbereitung
Vor dem Test mindestens 3 Tage lang kohlenhydratreiche Ernährung (>150 g KH/Tag); 10–16 Stunden Nahrungskarenz unmittelbar vor dem Test.
Durchführung
Patient soll sitzen oder liegen, keine Muskelbelastung. Orale Gabe von 75 g Glukose in 250–300 mL Wasser (bei Kindern 1,75 g/kg KG ggf. in entsprechend geringerem Volumen) über einen Zeitraum von ca. 5 Minuten Blutentnahme zur Bestimmung der Glukosekonzentration unmittelbar vor und 2 Stunden nach Glukosegabe in Entnahmesysteme mit Glykolyse-Inhibitoren. Bei Schwangeren soll auch nach 1 Stunde Blut entnommen werden. Eine Reduktion der Glukosemenge auf 50 g zum Screening Schwangerer wird nicht empfohlen.
Bewertung
2-Stunden-Werte >200 mg/dL (11,1 mmol/L) in venösem Plasma sichern die Diagnose Diabetes mellitus. Werte zwischen 140 und 199 mg/dL (7,8–11,0 mmol/L) werden als gestörte Glukosetoleranz („impaired glucose tolerance“, IGT) bezeichnet. Die Kommission Labordiagnostik in der Diabetologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Deutschen Vereinten Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL) gibt keine Grenzwerte für andere Probenmaterialien wie z. B. kapilläres Vollblut oder Plasma mehr an. In der Diagnostik des Gestationsdiabetes gelten folgende, niedrigere Grenzwerte: nüchtern <92 mg/dL (<5,1 mmol/L), 1 Stunde <180 mg/dL (<10 mmol/L), 2 Stunden <153 mg/dL (<8,5 mmol/L). Damit findet der 1-Stunden-Wert nur bei der Diagnose des Gestationsdiabetes Beachtung.
Probenstabilität
Analytik
Konventionelle Einheit
Internationale Einheit
Umrechnungsfaktor zw. konv. u. int. Einheit
Referenzbereich – Erwachsene
2-Stunden-Wert <140 mg/dL; spezielle Referenzwerte für Schwangere beachten!
Referenzbereich – Kinder
S. Erwachsene.
Indikation
Sicherung der Diagnose bei V. a. Diabetes mellitus; Screening auf einen Gestationsdiabetes.
Kontraindikation(en)
Nachgewiesener Diabetes mellitus (Nüchternblutzucker >125 mg/dL) macht einen oGTT überflüssig.
Literatur
American Diabetes Association (2016) Classification and diagnosis of diabetes. Sec. 2. In standards of medical care in diabetes 2016. Diabetes Care 39(Suppl 1):S13–S22
International Association of Diabetes and Pregancy Study Groups Consensus Panel (2010) International association of diabetes and pregancy study groups recommendations on the diagnosis and classification of hyperglycemia in pregnancy. Diabetes Care 33:676–682CrossRef
Kellerer M, Matthaei S, Kreienberg R et al (2011) Gestationsdiabetes mellitus (GDM) Evidenzbasierte Leitlinie zu Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Deutschen Diabetes-Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. https://​www.​deutsche-diabetes-gesellschaft.​de/​fileadmin/​Redakteur/​Leitlinien/​Evidenzbasierte_​Leitlinien/​Gestationsdiabet​es_​EbLL_​Endfassung_​2011_​08_​11_​.​pdf. Zugegriffen am 28.02.2017
Müller-Wieland D, Petermann A, Nauck M et al (2016) Definition, Klassifikation und Diagnostik des Diabetes mellitus. Diabetologie 11(Suppl 2):S78–S81