Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
A. M. Gressner und O. A. Gressner

Glykoprotein, α1-saures

Glykoprotein, α1-saures
Synonym(e)
Orosomukoid
Englischer Begriff
α1-acid glycoprotein; orosomucoid
Definition
In den Hepatozyten synthetisiertes, hochglykosyliertes Serumprotein mit klinischer Bedeutung als früher, empfindlicher und positiver Reaktant der Akute-Phase-Reaktion.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Das in den Hepatozyten synthetisierte Protein besteht aus einer Polypeptidkette mit 181 Aminosäuren, die mit einem Kohlenhydratmassenanteil von etwa 45 % an der Molmasse von 41–43 kDa hochgradig glykosyliert ist. Die starke Glykosylierung durch 5 N-gebundene Glykane trägt zu dem ausgeprägten, durch 3 Gene bedingten, genetischen Polymorphismus und der elektrophoretischen Heterogenität bei und verleiht dem Protein eine hohe negative Ladung, extreme Wasserlöslichkeit und Resistenz gegenüber Säuren und Hitze. Aminosäuresequenzhomologien und partielle immunologische Kreuzreaktivitäten bestehen zum carcinoembryonalen Antigen (CEA; Carcinoembryonales Antigen), zur „epidermal growth factor (EGF)“-Bindungsdomäne des EGF-Rezeptors und zum Immunglobulin G. Es gehört zusammen mit α1-Mikroglobulin (α1-Mikroglobulin im Urin), Retinol-bindendem Protein (Retinol-bindendes Protein) u. a. zur Lipocalin-Superfamilie (Lipocaline) sekretorischer Proteine. Die Halbwertszeit in der Zirkulation beträgt 5 Tage, die Elimination erfolgt über den „klassischen“, durch den Asialoglykoprotein-Rezeptor (Ashwell-Rezeptor) vermittelten Endozytoseweg an Hepatozyten, der spezifisch präterminale Galaktosereste der N-Glykane erkennt, wenn vorher deren terminale Sialinsäurereste enzymatisch entfernt sind.
Funktion – Pathophysiologie
Die genauen Funktionen sind noch unbekannt und hängen im Einzelnen von der genetischen Variante und dem Glykosylierungsmuster des Proteins ab:
  • Bindung und Inaktivierung basischer, neutraler und lipophiler Substanzen wie Hormone (z. B. Progesteron) und Medikamente (z. B. Propranolol, Chlorpromazin, Kokain, Benzodiazepine)
  • Früher und empfindlicher Anstieg in der Akute-Phase-Reaktion mit einer bis zu 3-fachen Konzentrationserhöhung innerhalb von 24–48 Stunden bei akuten Entzündungen
  • Hemmung des transvaskulären Transports von Albumin (Permselektivität)
  • Immunmodulation, z. B. Potenzierung der Lipopolysaccharid-(LPS-)Wirkung
Die Interleukin-6-vermittelte Stimulation von Expression und Sekretion in den Hepatozyten im Rahmen der Akute-Phase-Reaktion führt zur vermehrten Bindung und Inaktivierung lipophiler Substanzen (was eine veränderte Pharmakokinetik bedingen kann) und möglicherweise zur Suppression der Immunreaktivität. Einschränkungen der glomerulären Filtrationsrate führen zu Retention und Konzentrationsanstieg des glomerulär-filtrierbaren Proteins.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 4 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg. Zur Tiefkühlkonservierung des IgM kann man den Proben 80 % gepuffertes Glyzerin beifügen.
Referenzbereich – Erwachsene
0,55–1,4 g/L (>50 Jahre).
Referenzbereich – Kinder
0–1 Jahr 0,11–1,49 g/L; 2–10 Jahre 0,45–1,48 g/L; 10–50 Jahre 0,45–1,28 g/L.
Indikation
  • Diagnose und Verlaufskontrolle akuter Entzündungen und maligner Tumoren
  • Ergänzungsuntersuchung beim Einsatz von Haptoglobin zur Hämolysediagnostik mit möglicherweise überlagernder Entzündungsreaktion
Interpretation
Als früher und mäßig positiver Reaktant der Akuten-Phase, dessen Anstieg wesentlich geringer (bis zu 3-fach) als der des C-reaktiven Proteins (CRP; C-reaktives Protein) ausfällt, kommt diesem Protein dennoch eine dem CRP ähnliche klinische Bedeutung zu.
In folgender Tabelle ist eine Bewertung der Konzentrationsveränderungen von α1-saurem Glykoprotein im Serum zusammengefasst:
Abnahme
Zunahme
Renales Proteinverlustsyndrom
Enterales Proteinverlustsyndrom
Malnutrition
Kachexie
Schwere Leberparenchymerkrankungen
Terminale Zirrhose
Kontrazeptiva, Östrogene (gering)
Schwangerschaft (nur gering)
Aktivitätsabhängige Entzündungsprozesse
Tumoren in Verbindung mit Zellnekrose
M. Crohn (oft solitärer und starker Anstieg)
Abnahme der glomerulären Filtration
Beginnende Urämie
Erniedrigungen sind klinisch nicht relevant und beruhen entweder auf Proteinverlust oder Syntheseinsuffizienz der Leber. Da das Verhalten von Haptoglobin und α1-saurem Glykoprotein in der Akute-Phase-Reaktion ähnlich sind, letzteres aber durch Hämolyse nicht beeinflusst wird, kann durch die simultane Bestimmung beider Proteine eine mögliche Kompensation der Haptoglobinerniedrigung bei Hämolyse durch überlagernde Entzündung festgestellt werden.
Diagnostische Wertigkeit
Vergleichbar dem C-reaktiven Protein, jedoch mit wesentlich geringerer Amplitude und Beeinflussung durch die glomeruläre Filtrationsrate.
Literatur
Van Dijk W, Brinkmann-Van der Linden ECM, Havenaar EC (1998) Glycosylation of α1-acid glycoprotein (orosomucoid) in health and disease: occurrence, regulation and possible functional implications. Trends Glycosci Glycotechnol 10:235–245CrossRef