Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
H. Baum

Hämoglobin

Hämoglobin
Synonym(e)
Blutfarbstoff, roter
Englischer Begriff
hemoglobin
Definition
Eisenhaltiges, sauerstoffbindendes Protein der Erythrozyten mit Peroxidaseeigenschaft.
Struktur
Tetramer aus 2 Paaren identischer Globinketten sowie 4 Hämmolekülen.
Die Abbildung zeigt die tetramere Struktur des Hämoglobins HbA, innerhalb der jeweiligen Ketten ist das Sauerstoff-bindende Hämmolekül dargestellt (aus: Löffler und Petrides 2006):
Molmasse
68 kDa.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Hämoglobin wird ausschließlich in den erythrozytären Vorläuferzellen synthetisiert. Seine Verteilung entspricht der Erythrozytenmasse. Der Abbau erfolgt nach Aufnahme der Erythrozyten in Zellen des retikuloendothelialen Systems vor allem der Milz. Der Hämanteil wird über Biliverdin zum unkonjugierten Bilirubin abgebaut, das hepatisch eliminiert wird.
Funktion – Pathophysiologie
Das Hämoglobinmolekül ist ein Tetramer aus 2 identischen Paaren von Polypeptidketten, wobei jede Kette ein Hämmolekül (Ferroprotoporphyrin IX) enthält. Allen normalen fetalen und adulten Hämoglobinen ist das α-Kettenpaar gemeinsam. Die unterschiedlichen Hämoglobine werden durch das zweite Kettenpaar bestimmt (β-, γ- oder δ-Kette). Jede dieser 4 Hämmoleküle kann reversibel ein Molekül O2 binden, sodass das Hämoglobin der ideale Sauerstoffträger ist. Die Sauerstoffsättigung des Hämoglobins hängt dabei vor allem von der Sauerstoffspannung ab. Das Sauerstoffbindungsvermögen ist abhängig von der Art des variablen Kettenpaars der Hämoglobine sowie von der Konzentration von CO2, H+, 2,3-Diphosphorglyzerinsäure sowie der Temperatur.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
EDTA-Blut.
Präanalytik
Es sind keine besonderen präanalytischen Bedingungen einzuhalten.
Präanalytik
  • Empfohlen wird die fotometrische Messung mit der Cyanhämiglobinmethode. Dabei werden alle im Blut nachweisbaren Hämoglobine mit Kaliumhexacyanoferrat(III) quantitativ in Cyanhämiglobin überführt und bei 546 nm gemessen.
  • Alternativ wird bei einigen vollautomatischen Methoden auch SLS (Natriumlaurylsulfat) zur Messung verwendet. Dabei werden normalerweise gleiche Ergebnisse erzielt.
Konventionelle Einheit
g/dL.
Internationale Einheit
mmol/L.
Umrechnungsfaktor zw. konv. u. int. Einheit
g/dL = mmol/L × 1,61.
Referenzbereich – Frauen
123–153 g/L.
Referenzbereich – Männer
140–175 g/L.
Referenzbereich – Kinder
Alters- und geschlechtsabhängig, wobei Neugeborene höhere Werte bis >200 g/L haben, die aber innerhalb von 10–12 Wochen auf einen Nadir von etwa 90 g/L abfallen. Die Werte der Erwachsenen werden erst mit der Pubertät erreicht Abb. 1.
Indikation
Diagnostik von Anämien und Polyglobulien.
Interpretation
Verminderung der Hämoglobinkonzentration unter die jeweilige alters- und geschlechtsspezifische Referenzbereichsgrenze spricht für eine Anämie, eine Erhöhung wird als Polyglobulie bezeichnet.
Diagnostische Wertigkeit
Die Bestimmung der Hämoglobinkonzentration wird, zusammen mit dem Hämatokrit, zur Definition von Anämien und Polyglobulien herangezogen. Eine Einteilung der Anämien kann jedoch nur durch die abgeleiteten Kenngrößen MCH, MCV, MCHC und der Retikulozyten (Retikulozyt) erfolgen.
Literatur
Löffler G, Petrides PE (2006) Biochemie und Pathobiochemie, 8. völlig neu bearb. Aufl. Springer, Berlin/Heidelberg/New York
Thomas L (2005) Hämoglobine. In: Thomas L (Hrsg) Labor und Diagnose. Indikation und Bewertung von Laborbefunden für die medizinische Diagnostik, 6. Aufl. TH-Books, Frankfurt am Main, S 487–489