Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. G. Guder

Harnsediment

Harnsediment
Synonym(e)
Urinsediment; Sediment des Harns
Englischer Begriff
urinary sediment
Definition
Im Rahmen der mittelalterlichen Harnbeschau repräsentierte das Sediment als „Fundus“ die unterste Schicht in der Matula nach Stehenlassen der Harnprobe, in denen charakteristische Bestandteile wie kristalline Sedimente, farbige Trübungen und andere Komponenten als Spiegel der unteren Körperhälfte gedeutet wurden.
Mit Einführung der mikroskopischen Harnanalyse wurde die Untersuchung des Harnsediments fester Bestandteil der Harnanalyse, indem man den Harn nach Zentrifugation und Dekantierung der oberen neun Zehntel des Volumens aufschwemmte und unter kleiner (Objektiv 10×) oder starker Vergrößerung (Objektiv 100×) im Mikroskop betrachtete.
Untersuchungsmaterial
Traditionell erster Morgenurin, immer Mittelstrahlurin, der in einem 10-mL-Röhrchen bei 400 g für 5–10 Minuten zentrifugiert und der klare Überstand dekantiert wird. Nach Aufschütteln des Sediments wird die Aufschwemmung auf einen Objektträger getropft und mit einem Deckglas zugedeckt. Bei neueren Analysatoren (s. Analytik) kann nichtzentrifugierter Harn verwendet werden.
Analytik
Seit dem 19. Jahrhundert ist die Betrachtung des Harnsediments von der visuellen in die mikroskopische Betrachtung übergegangen. Dabei werden, vorteilhafterweise nach Färbung und/oder Phasenkontrasteinrichtung, 10 Gesichtsfelder bei niedriger Vergrößerung (10–12 × 10) betrachtet und bei höherer Vergrößerung (10 × 40) quantifiziert. Dabei wird zwischen keine, vereinzelt, häufig oder viel und massenhaft unterschieden.
Neuerdings ist eine quantitative Ermittlung im nichtzentrifugierten Urin möglich (UF-100 und UN containing UF 5000/4000, Fa. Sysmex; iQ 10, 100 und 200, Fa. Iris; sediMAX, Fa. Menarini or FUS-2000, Diriu Industrial Co). Diese Verfahren erlauben Angaben in Partikeln pro Liter Urin.
Referenzbereich
Bevor Referenzbereiche des Harnsediments beschrieben werden, sollte man sich klar werden, wie relativ unbedeutend eine Angabe pro L Urin ist in Anbetracht der großen biologischen Variabilität und der vielfachen präanalytischen Variablen bei der Urinbildung und Gewinnung bis hin zu methodischen Unterschieden. Die folgenden Angaben können also nur als Hinweis auf ungefähre Konzentrationen sein. Die Angaben beschränken sich auf Partikel, die von diagnostischer Bedeutung und im normalen Urin vorhanden sind.
Dabei wird angenommen, dass die alte Einheit „pro Gesichtsfeld“ bei hoher Vergrößerung einem Volumen von 0,0095 μL entspricht und eine Konzentrierung des Harns um den Faktor 20 erfolgte. Daher ist eine Konzentration × 106/L = 5,8 × Gesichtsfeldangabe.
Leukozyten: 2–10 Mpt (× 106)/L, höher bei Neugeborenen, Frauen > Männer.
Erythrozyten: 1–14 Mpt/L, davon 50–80 % dysmorph.
Einzelne Epithelien und gelegentliche hyaline Zylinder sind ebenfalls Bestandteil des normalen Sediments.
Bei Verwendung von Durchflusszytometern mit nichtzentrifugiertem Urin wurden höhere Zahlen gefunden, ein Hinweis auf die Verluste bei der Zentrifugation und Aufbereitung des mikroskopischen Präparats.
Bewertung
Das Harnsediment ist über 100 Jahre in vielen Ländern ein fester Bestandteil des sog. Harnstatus gewesen, d. h. der Basisuntersuchung des Urins. Tendenzen, es nur noch dann durchzuführen, wenn der Teststreifen einen Hinweis auf pathologische Hämaturie, Leukozyturie oder Proteinurie gibt, sind als Versuch zu werten, die aufwendige Technik auf pathologische Urine zu beschränken. Dies scheint aber nicht immer gerechtfertigt, sodass auch nach Einführung vollmechanisierter Analysatoren die Rolle des Harnsediments neu von der medizinischen Seite definiert werden muss.
Einig sind sich alle Autoren, dass die Analyse der Kristalle bis auf das Auffinden von Cystinkristallen bei Cystinurie keine diagnostische Bedeutung mehr hat. Auch für die Leukozyten und Erythrozyten genügt oft der Teststreifenbefund. Hier hat die Einführung der Bestimmung von dysmorphen Erythrozyten im Urin (Dysmorphe Erythrozyten im Urin) als Marker einer renalen Ursache der Hämaturie dem Sediment neue Bedeutung gegeben. Diese Funktion ist bisher mit mechanisierten Analysatoren nicht befriedigend zu ersetzen. Wenn eine Proteinanalyse mit Messung von α2-Makroglobulin im Urin durchgeführt wird (Proteinuriediagnostik), ist bei Albuminurie >100 mg/L die Ursache der Hämaturie hiermit zu lösen. Die große diagnostische Bedeutung der Zylinder hat durch die Einführung tubulärer Marker (α1-Mikroglobulin im Urin) stark abgenommen, da diese wesentlich früher, empfindlicher und quantitativ die tubuläre Dysfunktion anzeigen. Auch die Erfassung von Bakterien, gemeinsam mit den Teststreifen für Leukozyten und Nitrit, kann eine wertvolle Aussage über das Vorliegen einer Infektion der ableitenden Harnwege liefern und damit eine Indikation für das Anlegen einer Kultur.
Durch die Einführung des digitalmikroskopischen Analysators kann das Harnsediment ohne mikroskopische Kontrolle vollmechanisiert durchgeführt werden, da alle pathologischen Bestandteile als Bilder dokumentiert werden können. Diese Technik ermöglicht mit der quantitativen Erfassung aller Harnpartikel mehr als medizinische Erfordernisse benötigen. Es bleibt Leitlinien vorbehalten, die Rolle der Bestandteile des Harnsediments neu zu definieren. Die publizierten diagnostischen Pfade können als Vorstufe dieser nationaler Leitlinien gelten.
Literatur
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