Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
H. Renz und B. Gierten

HLA-DR

HLA-DR
Englischer Begriff
HLA-DR
Definition
Teil des MHC-II-Komplexes.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
HLA-DR, das am stärksten exprimierte Molekül des MHC-II-Komplexes, ist auf der Oberfläche zahlreicher Zellen (B-Lymphozyten, Makrophagen, Monozyten, aktivierten T-Zellen und humanen Progenitorzellen) nachweisbar. Zur durchflusszytometrischen Analyse von Leukozytenpopulationen im peripheren Blut im Rahmen immunologischer Diagnostik dient HLA-DR als Marker in Kombination mit CD3 (aktivierte T-Zellen) oder CD14 (Monozyten).
Funktion – Pathophysiologie
Die Expression von HLA-DR auf Monozyten wird durch zahlreiche Zytokine reguliert, die an der Stimulation der zellulären Immunantwort beteiligt sind (z. B. IFN-γ, GMCSF). Die genannten Zytokine führen direkt zur Stimulation der zellulären HLA-DR-Expression auf Monozyten. Andere Mediatoren (z. B. IL-10, TGF-β) und Medikamente (Glukokortikoide, Ciclosporin A, Katecholamine) dagegen inhibieren direkt oder indirekt die Expression auf Monozyten. Aufgrund dieser komplexen Regulationsmechanismen kann man die Expression von HLA-DR auf Monozyten als Surrogat der zellulären Immunkompetenz ansehen.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
EDTA-Blut.
Präanalytik
Analytik
Durchflusszytometrie, auch quantitativ (durch Einsatz fluoreszierender Latexpartikel).
Konventionelle Einheit
HLA-DR-Moleküle/CD14 (absolut oder %).
Referenzbereich – Erwachsene
HLA-DR/CD14 (abs.)
HLA-DR/CD14 (%)
Interpretation
>15.000
>70
Unauffällig
5000–10.000
30–70
Kontrollbedürftiger Bereich
<5000
<30
Immunparalyse
Referenzbereich – Kinder
s. Erwachsene.
Interpretation
Eine starke Verminderung der HLA-DR-Expression auf Monozyten oder des Anteils HLA-DR-positiver Zellen kann als Zeichen global eingeschränkter Immunkompetenz angesehen werden. Sie ist bei Patienten nach schweren Operationen, Traumata, Stress, nach immunsuppressiver Therapie sowie bei schweren systemischen Infektionen nachweisbar. Dabei zeigt die länger persistierende verminderte Expression von HLA-DR ein hohes Risiko für bakterielle oder mykotische Infektionen an. Bei immunsupprimierten Patienten (Transplantation) mit stark verminderter HLA-DR-Expression können septische Komplikationen durch starke Reduktion der immunsuppressiven Therapie u. U. vermieden werden, ohne eine Transplantatabstoßung zu induzieren. In diesen Fällen zeigt die verminderte Expression von HLA-DR an, dass das Immunsystem weder in der Lage ist, eine Infektion abzuwehren noch das Transplantat abzustoßen. Dieser Zustand ist durch den Begriff Immunparalyse gekennzeichnet. Immunologisch ist sie durch eine Monozytendeaktivierung (und Veränderung der T-Zell-Funktion) gekennzeichnet, die durch die stark verminderte HLA-DR-Expression dokumentiert und überwacht werden kann.
Diagnostische Wertigkeit
Bei Risikopatienten (Intensivpatienten mit der Gefahr septischer Komplikationen) sollten im Rahmen der Diagnostik des zellulären Immunsystems u. a. die HLA-DR-Expression auf CD14-Zellen überprüft werden. Mithilfe von Verlaufskontrollen können Krankheitsverlauf und Therapie frühzeitig abgeschätzt werden. Persistierend niedrige Expression von HLA-DR deutet auf Immunparalyse hin.
Die präanalytischen Bedingungen sind genau einzuhalten, da die Lagerung der Probe bei Raumtemperatur bereits nach kurzer Zeit eine In-vitro-Aktivierung (messbar an gesteigerter Expression von HLA-DR) eintritt und damit falsch hohe Expressionswerte gemessen werden.
Literatur
Kunz D, Kohse P (2002) Entzündungsdiagnostik in der Pädiatrie. Lab Med 26:335–341
Volk HD et al (1999) Immunological monitoring of the inflammatory process: which viables? when to assess? Eur J Surg Suppl 584:70CrossRef