Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Humane Herpes-6-Viren

Humane Herpes-6-Viren
Englischer Begriff
human herpes virus type 6
Beschreibung des Erregers
Das humane Herpes-Virus 6 (HHV-6), erstmals im Jahr 1986 beschrieben, wurde bei dem Versuch entdeckt, das HIV aus den Lymphozyten eines AIDS-Patienten zu isolieren. Daher wurde es zunächst als humanes B-lymphotropes Virus (HBLV) bezeichnet. Später konnte jedoch gezeigt werden, dass sich das Virus vorwiegend in T-Zellen vermehrt.
HHV-6 gehört zur Familie Herpesviridae (behüllte Viren mit einer doppelsträngigen, linearen DNA als Genom), Unterfamilie β-Herpesvirinae, Gattung Roseolo-Viren. Die HHV-6-Virionen (Durchmesser 200 nm) bestehen aus einem ikosaedrischen Kapsid, das von Tegumentproteinen umkleidet und einer äußeren Virushülle umgeben ist. Reservoir für HHV-6 ist ausschließlich der infizierte Mensch. HHV-6 existiert als Spezies HHV-6A oder HHV-6B, sie sind auf Nukleotidebene zu 90 % homolog, können jedoch nicht miteinander rekombinieren. Der Übertragungsmodus von HHV-6A ist bisher noch ungeklärt. HHV-6B wird in der Regel als Kontakt- oder Tröpfcheninfektion über den Speichel weitergegeben. Die Durchseuchungsrate mit HHV-6 bei Kleinkindern im Alter von 2 Jahren liegt ca. 95 %.
Erkrankungen
HHV-6A-Infektionen verlaufen eher asymptomatisch. HHV-6B ist das ätiologische Agens des Exanthema subitum (Roseola infantum oder Dreitagefieber), das zu den klassischen Kinderkrankheiten zählt – betroffen sind fast ausschließlich Kinder unter 2 Jahren. Die Erkrankung ist durch plötzliches hohes Fieber gekennzeichnet, als Komplikation können Krampfanfälle auftreten, zum einen Fieberkrämpfe mit meist guter Prognose, zum anderen Enzephalitis-bedingte Krämpfe angesichts einer Beteiligung des ZNS. Seltener sind gastrointestinale und respiratorische Symptome, Schwellung der zervikalen Lymphknoten und rote Flecken an Gaumen und Zäpfchen (Nagayama-Flecken). Bei Entfieberung, nach 3–4 Tagen, tritt ein Hautausschlag mit feinen Flecken oder Papeln an Rumpf und Nacken auf.
Behandlung symptomatisch, bei schweren neurologischen Komplikationen Therapie mit Ganciclovir, Forscarnet oder Cidofovir.
Analytik
Direktnachweis: Viruskultur oder Nachweis viraler DNA durch Virussubtyp-spezifische PCR (PCR (Polymerase-Kettenreaktion)).
Serologie: Antikörperbestimmung durch indirekte Immunfluoreszenz (Immunfluoreszenz, indirekte) oder Enzymimmunoassay.
Untersuchungsmaterial – Probenstabilität
Direktnachweis und Kultur: Untersucht wird Liquor, selten Plasma. Das Material sollte bis zur Weiterverarbeitung bei +4 bis +8 °C aufbewahrt und innerhalb von 24 Stunden untersucht werden. Bei längerer Transportzeit ist das Material einzufrieren.
Serologie: Serum oder Plasma für den Nachweis der Antikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg. Zur Tiefkühlkonservierung des IgM kann man den Proben 80 % gepuffertes Glyzerin beifügen.
Diagnostische Wertigkeit
Bei Dreitagefieber ist in der Regel keine Labordiagnostik erforderlich. In Fällen mit unklarer Klinik können Tests zum Nachweis von IgG- und IgM-Antikörper gegen HHV-6 die Diagnose unterstützen. Man kann allerdings noch nicht zwischen HHV-6A und HHV-6B unterscheiden. Zu beachten sind außerdem Kreuzreaktivitäten mit HHV-7- und Cytomegalie-Viren. Die Viruskultur wird nur in Speziallaboren durchgeführt und ist diagnostisch unbedeutend. Bei Verdacht auf Enzephalitis besitzt die Virussubtyp-spezifische PCR mit einer Liquorprobe die höchste Aussagekraft.
Literatur
Gärtner BC, Müller-Lantzsch N (2007) Dreitagefieber/Humanes Herpesvirus 6 und 7. In: Handbuch der Infektionskrankheiten, Hofmann, VIII-6.10, 18
Salahuddin SZ, Ablashi DV, Markham PD, Josephs SF, Sturzenegger S, Kaplan M, Halligan G, Biberfeld P, Wong-Staal F, Kramarsky B et al (1986) Isolation of a new virus, HBLV, in patients with lymphoproliferative disorders. Science 234:596–601CrossRefPubMed