Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
G. Töpfer

Immunturbidimetrie

Immunturbidimetrie
Synonym(e)
Turbidimetrie; Trübungsmessung
Englischer Begriff
immunoturbidimetry; turbidimetry
Definition
Werden Antikörper zu Antigen(verdünnungen) (Antigen) gegeben, so entstehen das Licht absorbierende und streuende Immunkomplexe, wobei die der Antigenkonzentration über einen weiten Bereich proportionale Lichtabsorption (Lambert-Beer-Gesetz) fotometrisch gemessen wird (analoges Messprinzip zur Spektralphotometrie, d. h. Lichtabschwächung).
Strahlengang bei der Immunturbidimetrie:
Physikalisch-chemisches Prinzip
Genauso wie bei der Immunnephelometrie wird Polyethylenglykol 6000 (PEG 6000) als Reaktionsbeschleuniger (Akzelerator) verwendet, sodass in der Regel 10–15 Sekunden nach der Zugabe des Antikörpers zu der Probenlösung eine kinetische Messung der Absorption beginnt. Registriert wird (im Gegensatz zur Immunnephelometrie, bei der die Lichtausbeute des von den Immunkomplexen gestreuten Lichtes gemessen wird) die Extinktionszunahme (Zunahme der Lichtschwächung) pro Minute, die der Antigenkonzentration über einen bestimmten Konzentrationsbereich (nahezu) proportional ist. Die Kalibrationskurven verlaufen zunächst flach, dann fast linear, um bei Antigenüberschuss wieder in einen geringen Anstieg überzugehen (sigmoidaler Verlauf der Kalibrationskurve). Genauso wie bei der Immunnephelometrie lässt sich durch Bindung der Antikörper an Latexpartikel (Polystyrolpartikel) eine Empfindlichkeitssteigerung etwa um den Faktor 1000 erreichen, dabei werden beispielsweise hochaffine monoklonale Antikörper auf große Latexpartikel und niedrigaffine Antikörper auf kleinere Latexpartikel gebunden (DUREL-Prinzip).
Einsatzgebiet
Proteine im Serum, Liquor und Urin ähnlich wie bei der Immunnephelometrie (beispielsweise im Serum: hoch sensitives C-reaktives Protein, Ferritin, IgE, Transferrinrezeptor, löslicher; im Urin: β2-Mikroglobulin im Urin, Myoglobin im Urin, α1-Mikroglobulin im Urin; im Liquor Albumin sowie IgG). Problematisch sind IgA und IgM im Liquor, die mittels (latexverstärkter) Immunnephelometrie präziser und empfindlicher bestimmbar sind.
Untersuchungsmaterial
Serum, Liquor, Urin, Körperflüssigkeiten wie Pleurapunktat, Exsudate und Transsudate.
Instrumentierung
Ist als fotometrisches Verfahren auf Fotometern und Fotometer-Analysenautomaten (kinetische Messung mit entsprechender Software) durchführbar.
Spezifität
Wird durch die Spezifität der Antikörper bestimmt. Mögliche Reaktionen mit Bruchstücken (Abbauprodukten) und Aggregaten sowie Komplexen der Antigene oder Reaktionen der Antikörper mit Rheumafaktoren (mit denen das Reagenz-IgG über das Fc-Stück kreuzreagieren kann) können die Teste stören. Stören können auch Autoantikörper gegen die zu bestimmenden Antigene, indem sie die Epitope „verdecken“.
Sensitivität
Bei vielen Proteinen wird eine ähnliche Sensitivität wie mit der Immunnephelometrie (auch bei der Latex-verstärkten Immunturbidimetrie) – Beispiel Myoglobin oder ultrasensitives C-reaktives Protein – erreicht. Einige gering konzentrierte Proteine wie IgA und IgM im Liquor werden mit der Immunnephelometrie empfindlicher und präziser bestimmt.
Fehlermöglichkeit
Hämolyse (Hämolyse, in vivo und in vitro), Lipämie und Hyperbilirubinämie können stören. Beispiel Myoglobin: Zur Entfernung der störenden Lipämie kann man die Flotation der trübenden Lipid-Micellen durch Zentrifugation des Serums bei 15.000–20.000 × g über 15 Minuten versuchen. Hämolyse stört hier ab 120 μmol/L (etwa 3-mal so hoch wie visuell gerade als Rotfärbung wahrgenommen wird).
Praktikabilität – Automatisierung – Kosten
Da die Bestimmung an Analysenautomaten möglich ist, sind Praktikabilität und Kosten etwas günstiger als bei der Immunnephelometrie. Die Automatisierung ist dem Verfahren am Immunnephelometer vergleichbar, ohne dass die Probe „aufgeteilt“ werden muss.
Bewertung – Methodenhierarchie (allg.)
Praktikabelstes Verfahren der Proteinbestimmung. Da aber für einige Analyte zu insensitiv (Liquor-Immunglobuline), leider (noch) nicht universell dafür einsetzbar.
Literatur
Mali B, Armbruster D, Serediak E, Ottenbreit T (2009) Comparison of immunturbidimetric and immunnephelometric assays for specific proteins. Clin Biochem 42(15):1568–1571CrossRefPubMed
Thomas L (1990) Quantitative immunchemische Plasmaproteinbestimmung mittels Nephelometrie und Turbidimetrie. Lab Med 14:313–320
Töpfer G, Hornig F, Sauer K, Zawta B (2000) Untersuchungen zur Stabilität von 11 Serumproteinen bei Bestimmung mittels Immunturbidimetrie. J Lab Med 24(3):118–125