Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
A. M. Gressner und O. A. Gressner

Interleukin-8

Interleukin-8
Synonym(e)
Neutrophile-aktivierendes Protein (NAP-1)
Englischer Begriff
interleukin-8; neutrophil-chemotactic factor (protein); NCF
Definition
Zur Chemokin-Superfamilie gehörendes, vorwiegend in aktivierten Monozyten synthetisiertes, unglykosyliertes, niedermolekulares Zytokin mit aktivierender Wirkung auf neutrophile Granulozyten und klinischer Bedeutung in der Pathogenese entzündlicher Prozesse.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Synthese vor allem in stimulierten Monozyten, aber auch Makrophagen, Fibroblasten, Endothelzellen, Keratinozyten, Synoviazellen, Hepatozyten, Melanozyten, Chondrozyten und einer Reihe von Tumorzellen. Expressionsstimulation durch Interleukin-1 (IL-1), Tumornekrosefaktor-α (TNF-α), Phorbolester, bakterielle Lipopolysaccharide u. a. Interferon-γ wirkt als Costimulator. Inhibitoren sind Glukokortikoide, Interleukin-4 (IL-4), Transforming Growth Faktor β (TGF-β), 1,25(-OH)2-Vitamin D3 ( Vitamin D) u. a. Synthese erfolgt als höhermolekulare Proform (99 Aminosäuren), die durch spezifische Proteasen in das nichtglykosylierte Polypeptid (72 Aminosäuren) der Molmasse 8 kDa prozessiert wird. Ausgeprägte Resistenz gegenüber Plasmapeptidasen, Hitze, extremen pH und anderen denaturierenden Einflüssen. Auftreten mehrerer, biologisch aktiver N-terminaler Varianten mit längeren (77–79 Aminosäuren) und kürzeren Formen (69 Aminosäuren). Zwei intramolekulare Disulfidbrücken. Genlokus auf Chromosom 4q12-q21. Signalübertragung erfolgt über ein dimeres Glykoprotein (Molmassen der Untereinheiten 59 und 67 kDa), das zur Familie der G-Protein-gekoppelten Rezeptor-Protein-Familie gehört (CD128). Im Blut ist IL-8 hochaffin an die Erythrozytenmembran gebunden und dadurch biologisch inaktiviert.
Funktionen:
  • Spezifische Aktivierung neutrophiler Granulozyten, transienter Anstieg des zytosolischen Calciums, Produktion reaktiver Sauerstoffspezies („respiratory burst“), Stimulation von Chemotaxis, Exozytose von Speicherproteinen (Granula), erhöhte Expression von Adhäsionsmolekülen
  • Chemotaktische Wirkung auf alle Typen migratorischer Immunzellen
  • Hemmung der Adhäsion von Leukozyten an aktivierte Endothelzellen (antiinflammatorische Aktivität)
  • Mitogener Effekt auf epidermale Zellen
Funktion – Pathophysiologie
IL-8 ist vermutlich von pathogenetischer Relevanz für Psoriasis und rheumatoide Arthritis. Mehrere entzündliche Prozesse unterschiedlicher Ätiologie führen zu erhöhten IL-8-Konzentrationen, insbesondere auch septische Prozesse. Exzessiv erhöhte Konzentrationen in der Synovialflüssigkeit bei chronischer Polyarthritis, wodurch es zu einem konstanten Einstrom von Granulozyten in die Gelenkflüssigkeit kommt.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Serum, Plasma, Synovialflüssigkeit, Punktionsflüssigkeit.
Probenstabilität
Analytstabilität bei 4 °C 2 Tage, bei −20 °C mehrere Wochen. Serum/Plasma muss innerhalb von 2 Stunden nach Abnahme von dem Blutkuchen getrennt werden.
Präanalytik
Lipämie- und Hämolyse-freies Serum/Plasma.
Referenzbereich – Erwachsene
Stark methodenabhängig, Richtwerte für Serum/Plasma: <62 ng/L.
Indikation
Entzündliche Prozesse unterschiedlicher Ursache, besonders Sepsis, Psoriasis, rheumatoide Arthritis (Synovialflüssigkeit).
Interpretation
Eine ausgewiesene klinische Bedeutung hat die Bestimmung von IL-8 in Körperflüssigkeiten zurzeit nicht. Es kann lediglich als Surrogat-Kenngröße, insbesondere bei Sepsis, Psoriasis und rheumatoider Arthritis dienen.
Diagnostische Wertigkeit
Gegenwärtig eingeschränkt.
Literatur
Hoch RC, Schraufstätter IU, Cochrane CG (1996) In vivo, in vitro and molecular aspects of interleukin-8 and the interleukin-8 receptors. J Lab Clin Med 128:134–145CrossRefPubMed