Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
T. Arndt

Kokastrauch

Kokastrauch
Synonym(e)
Erythroxylum coca LAM.; Erythroxylon coca LAM.
Englischer Begriff
coca plant
Definition
Zur Pflanzengattung Erythroxylum gehörende, 2–3 m hohe, strauch- bis baumartige Pflanze der feucht-warmen, auf 500–2000 m Höhe gelegenen Gebiete Süd- und Mittelamerikas, die außer in den Samen in allen Pflanzenteilen bis zu 18 Alkaloide enthält, darunter das Hauptalkaloid Kokain.
Beschreibung
Im Hager (Blaschek et al. 2007) werden 4 kokainhaltige Arten genannt: E. coca, E. novogranatense, E. recurrens, E. steyermarkii, von denen die beiden erstgenannten kultiviert werden, besonders in den östlichen Anden von Ecuador bis Bolivien, aber auch in Südostasien.
Erythroxylum coca LAM. (syn. Erythroxylon coca LAM.) (Köhler 1887; Reproduktion mit freundlicher Genehmigung von www.biolib.de):
Droge sind die getrockneten Blätter, die zwischen 0,1–0,7 % (bis 1,8 %) Alkaloide enthalten. Aus 100 kg Blättern wird nach basischer Extraktion ca. 1 kg Kokapaste mit 40–91 % Kokain gewonnen. Die Paste wird oft mit Laktose (Milchpulver), Mannitose, Talk, auch Tabak oder Marihuana verschnitten und als Zigarette präpariert. Reines Kokain wird aus den Blättern durch Extraktion, Hydrolyse- und Rückveresterung gewonnen. Das weiße Kokainpulver („Schnee“) wird gewöhnlich in sog. „Linien“ geschnupft oder i.v. injiziert. Mit Wasser und Natriumhydrogenkarbonat (auch Backpulver) zu kleinen Klümpchen verbackenes Kokain wird als „Crack“ bezeichnet, weil es mit einem knackenden Geräusch verbrennt, z. B. beim Rauchen.
Bei dem traditionellen Kauen eines Kokabissens (Kokapfriems) wird die bukkale Alkaloidresorption durch Zusatz von alkalischen Substanzen wie Pflanzenasche, gebrannter Kalk, Muschelschalen, auch Backpulver unterstützt. Rätsch (2009) zitiert einen schweizerischen Naturforscher des 19. Jahrhunderts wie folgt: „Wenigstens dreimal, in der Regel aber viermal des Tages ruhen die Indianer von der Arbeit aus, um ihre Coca zu kauen. Zu diesem Zweck nehmen sie die einzelnen Blätter sorgfältig aus dem Huallqui (Beutel), lösen die Rippen heraus, stecken das geteilte Blatt in den Mund und zerbeißen es, womit sie solange fortfahren, bis sich unter den Mahlzähnen eine ordentliche Kugel geballt hat, dann stecken sie ein dünnes befeuchtetes Hölzchen in gebrannten Kalk und stechen es mit dem daran klebenden Pulver in den Cocaballen im Munde; dies wiederholen sie ein paar Mal, bis er die richtige Würze hat; den reichlich sich entwickelnden Speichel, der sich mit dem grünen Safte der Blätter mischt, spucken sie nur teilweise aus, der meiste wird verschluckt.“ Die alkalischen Zusätze verbessern die Kokainfreisetzung aus dem Pflanzenmaterial und die Resorption der Alkaloide über die Schleimhäute und führen damit zu einer effektiveren und schnelleren Anflutung von Kokain (oder Ecgonin?, Eich 1997) als bei rein gastrointestinaler Resorption.
Mit einem Kokabissen treten schon nach wenigen Minuten die leistungsstimulierenden, hunger- und schlafbedürfnisdämpfenden bis euphorisierenden Wirkungen sowie eine lokale Betäubung der Schleimhäute ein. Rauchen führt zu vergleichbaren Effekten, wobei die schnellere Kokainanflutung im Gehirn bei höheren Dosen und längerer Anwendung ein höheres Intoxikationsrisiko birgt. Akute Kokainvergiftungen äußern sich in einer starken zentralen Erregung mit Gefahr der Atemlähmung, Nierenschädigung und Herzinfarkt, chronischer Missbrauch in einem allgemeinen körperlichen und sozialen Abbau, wobei Kokainismus (Missbrauch von Kokain) ein höheres Gesundheitsrisiko als Kokaismus (Anwendung von Kokablättern) hat (Eich 1997).
Der Kokastrauch galt den Indios lange vor Ankunft der Spanier als göttliche Pflanze. Kokablätter werden seit mehr als 5000 Jahren als genuss- und leistungssteigerndes, vor Hunger und Kälte schützendes Mittel genutzt. Kokablätter wirken blutzuckerstabilisierend, Kokablätter (und Kokain) lokalanästhetisch. In der Ethnopharmazie werden Kokapräparate vielfältig eingesetzt u. a. bei Zahnschmerzen, Augenreitzungen, Gastrointestinalbeschwerden und Rheumatismus, man spricht vom „Aspirin der Anden“.
Kokablätter sind in Deutschland eine obsolete Droge, Kokain und Ecgonin unterliegen dem deutschen Betäubungsmittelgesetz. Zu Metabolismus und Analytik von Kokain s. dort.
Literatur
Blaschek W, Ebel S, Hackenthal E, Holzgrabe U, Keller K, Reichling J, Schulz V (Hrsg) (2007) Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen, Dih-Eti, Bd 6, 6. Aufl. Wiss Verlagsges/Springer, Stuttgart/Heidelberg, S 827–838
Eich E (1997) Alkaloide. In: Rimpler H (Hrsg) Biogene Arzneistoffe – Pharmazeutische Biologie II, 1. Aufl. Nachdruck. Gustav Fischer Jena, S 344–347
Köhler FE (1887) Köhler’s Medizinal-Pflanzen in naturgetreuen Abbildungen mit kurz erläuterndem Texte, Bd 1. http://​caliban.​mpipz.​mpg.​de/​koehler1/​high/​DSC_​2769.​html. Zugegriffen am 15.06.2017
Rätsch C (2009) Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 9. Aufl. AT-Verlag, Aarau