Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. G. Guder

Leukozyten im Urin

Leukozyten im Urin
Synonym(e)
Weiße Blutkörperchen (meist Granulozyten) im Urin
Englischer Begriff
urine leukocytes; urine white blood cells
Definition
Anzahl der Granulozyten im Urin, da Lymphozyten und andere Zellen von den verwendeten Verfahren nicht erfasst werden.
Funktion – Pathophysiologie
Granulozyten im Urin können durch renale, postrenale und kontaminierende Mechanismen in den Urin gelangen. Sie sind Ausdruck einer sekretorischen Funktion der die Harnwege umgebenden Epithelien, die durch entzündliche, selten durch maligne Reize vermehrt in den Urin gelangen. Dabei überwiegen als Ursachen und Pathomechanismen bakteriell entzündliche Erkrankungen der ableitenden Harnwege. Andere Formen von Leukozyten wie Lymphozyten, eosinophile Granulozyten und Makrophagen werden als Ausdruck von interstitiellen Immunreaktionen chronischer Art, akuter interstitieller Nephritis und immunologischer Abstoßungsreaktion gedeutet.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Zur Erfassung der Granulozytenzahl ist am ehesten der erste Morgenurin geeignet, der als Mittelstrahlurin gewonnen werden muss, um die Kontamination mit Leukozyten aus dem äußeren Genitale zu verhindern.
Probenstabilität
Der Nachweis von Leukozyten mit Teststreifen hat eine geringere Stabilität (1 Stunde), da die Teststreifenaktivität bei der Lagerung von Urin laufend ansteigt. Leukozyten als mikroskopisch sichtbare Zellen halten sich zwischen 1–24 Stunden je nach pH und Osmolalität. Während die Zellzahl mit der Zeit abnimmt, nimmt die Aktivität der mit Teststreifen gemessenen Esterase mit der Zeit zu.
Analytik
Die Leukozyten wurden historisch im Rahmen der mikroskopischen Analyse von Harnsediment bestimmt. Der Nachweis erfolgte meist ohne Färbung. Dieses Verfahren erlaubte bei Verwendung standardisierter Volumina eine halbquantitative Aussage, die durch Verwendung von Zählkammern im Addis-Count oder im Test nach Stansfeld Webb (Stansfeld-Webb-Methode) zu quantitativen Aussagen führen.
In den 1960er-Jahren wurde ein Teststreifen zum Nachweis der Leukozyten entwickelt, der inzwischen zum Standard jeder Harnuntersuchung geworden ist. Dabei wird die in Granulozyten gebildete Esterase, die auch in den Extrazellulärraum ausgeschieden wird, gemessen, indem man Indoxylester als Substrat anbietet, aus denen eine Indigofarbe entsteht. Nach 2 Minuten kann anhand der violetten Farbe die Esterase kalibriert als Zahl der Granulozyten abgeschätzt werden. Die Teststreifen erlauben eine Einteilung in den 4 Stufen (+), + bis +++, was einer Leukozytenzahl von 10 bis >100 Mpt/L (10 bis >100/μL) entspricht.
Mit der Entwicklung von Durchflusszytometern und digitalen Fotoanalysatoren für das Harnsediment ist eine mechanisierte quantitative Analyse der Leukozyten im unzentrifugierten Urin möglich. Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass durch die konventionellen Verfahren eine Reihe präanalytischer Variablen wie Verluste von Granulozyten bei der Zentrifugation unterschätzt wurden. Daher sind die Referenzbereiche stark abhängig von der angewandten Methode. Hier werden die Zahlen mit Flowzytometrie angegeben, die mit den in der Kammer quantifizierten übereinstimmen.
Konventionelle Einheit
Halbquantitativ: negativ, (+) , + bis +++.
Quantitativ: Zahl/μL Urin.
Internationale Einheit
Zahl pro L Urin = Mpt/L.
Umrechnungsfaktor zw. konv. u. int. Einheit
Konv. (Zahl/μL) × 106 = intern. (Mpt/L) Einheit.
Referenzbereich – Erwachsene
<10 Mpt/L.
Referenzbereich – Kinder
4–8 Mpt/L.
Unterschiede zwischen Mädchen <90 Mpt/L und Jungen (<50 Mpt/L) wurden bei Verwendung von Katheterurin bei den gleichen Personen auf einheitlich <10 Mpt/L nicht bestätigt, sodass bei Kindern von 2–16 Jahren ein kontaminierender Anteil bei Mittelstrahlurin vom 5- bis 9-Fachen der aus der Blase stammenden Leukozyten angenommen werden muss.
Indikation
Die Leukozyten (Granulozyten) sollten qualitativ bei jeder Urinuntersuchung erfasst werden. Eine Quantifizierung ist bei der Überwachung und Verlaufskontrolle bakterieller Infektionen sinnvoll.
Diagnostische Wertigkeit
Der Ausschluss von Leukozyten im Urin ist eine der festen Bestandteile der Basisuntersuchung im Urin. Gemeinsam mit dem Testreifenfeld für Nitrit ist die Untersuchung zum Ausschluss und zur Indikationsstellung einer bakteriellen Kultur empfohlen worden. Die mikroskopische Untersuchung auf Granulozyten ist demgegenüber bei Verwendung eines genügend empfindlichen Teststreifens oder einer mechanisierten Partikelanalyse nicht mehr indiziert. Die Quantifizierung ist in ihrer Aussage wesentlich eingeschränkt durch präanalytische Variable bei der Gewinnung, Behandlung und analytischen Methode.
Literatur
DeLange JR, Kouri TT, Huber AR et al (2000) The role of automated urine particle flow cytometry in clinical practice. Clin Chim Acta 301:1–18CrossRef
Guder WG, Fiedler GM, da Fonseca-Wollheim F, Schmitt Y, Töpfer G, Wisser H, Zawta B. (2015) Quality of Diagnostic Samples. BD Diagnostics Preanalytical Systems, Oxford
Györy AZ, Kesson AM, Talbot JM (1980) Microscopy of urine – now you see it, now you don’t. Am Heart J 99:537–538CrossRefPubMed
Hofmann W, Ehrich JHH, Guder WG, Keller F, Scherberich JE (2011) Diagnostische Pfade bei Nierenerkrankungen. Nieren- und Hochdruckkrankheiten 40(02):47–70
Kouri T, Fogazzi G, Gant V, Hallnder H, Hofmann W, Guder WG (2000) European Urinalysis Guidelines. Scand J Clin Lab Invest 60 (Suppl 231)
Kutter D (1983) Schnelltests in der klinischen Diagnostik, 2. Aufl. Urban und Schwarzenberg, München
Lun A, Ziebig R, Hammer H et al (1999) Reference values for neonates and children for the UF 100 urine flow cytometer. Clin Chem 45:1879–1880PubMed
Stansfeld JM, Webb JKG (1953) Observations on pyuria in children. Arch Dis Child 28:386–391CrossRefPubMedPubMedCentral