Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

PBC-assoziierte antinukleäre Autoantikörper

PBC-assoziierte antinukleäre Autoantikörper
Synonym(e)
PBC-assoziierte ANA; PBCNA
Englischer Begriff
PBC associated anti-nuclear antibodies; in the broader sense also: autoantibodies to the nuclear pore complex, SS-A and centromeres
Definition
Primär biliäre Cholangitis-assoziierte antinukleäre Antikörper, nicht zu verwechseln mit Autoantikörper gegen PCNA („proliferating cell’s nuclear antigen“). Bei der primär biliären Cholangitis (PBC, chronische nichteitrige destruierende Cholangitis; früher: primär biliäre Zirrhose) kann man im Serum der Patienten verschiedene Autoantikörper finden, teilweise von pathognomonischer Bedeutung. Im Vordergrund stehen Autoantikörper gegen Mitochondrien, daneben ist aber auch eine Reihe verschiedener Zellkernantigene Ziel der Autoaggression bei PBC:
  • Nuclear dots, PML-NB (Promyelozytenleukämie nuclear bodies), PML-Nuclear dots und Nuclear domain 10 (ND10). Dabei handelt es sich um hochmolekulare, Kernmatrix-gebundene Multiprotein-Komplexe aus mindestens vier autoantigenen Komponenten – den Proteinen Sp100 („speckled protein“ 100 kDa), PML (48–97 kDa), SUMO-1 und SUMO-2 („small ubiquitin-related modifiers“, je ca. 11 kDa). Die Antigene Sp100 und PML (Autoantikörper gegen PML) wurden zuerst in den Tumorzellen von Patienten mit akuter Promyelozyten-Leukämie gefunden. Sie kommen in verschiedenen Isoformen (Spleißvarianten) vor, beide Proteinfamilien liegen teilweise kovalent an die SUMO-Proteine gebunden vor.
  • Antigene der Kernmembran: Dazu gehören Glykoprotein 210 (GP 210, Autoantikörper gegen Glykoprotein 210), p62 und Laminrezeptoren (Autoantikörper gegen Lamin-B-Rezeptoren).
  • Daneben gehören im weiteren Sinne auch Autoantikörper gegen SS-A und Autoantikörper gegen Zentromere zu den PBCNA.
Funktion – Pathophysiologie
Sp100 und PML spielen eine Rolle bei der proapoptotischen Signalübertragung. Sie modulieren die Aktivität von Transkriptionsfaktoren, sie selbst werden durch Interferone hochgeregelt. SUMO-1 und -2 sind Ubiquitin-ähnliche „Modifier“, die durch kovalente Bindung an Proteine deren Abbau (im Gegensatz zu Ubiquitinen) verhindern. GP 210 und p62 sind integrale Bestandteile des Kernporenkomplexes.
Untersuchungsmaterial
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg.
Analytik
In der Immunfluoreszenz (Immunfluoreszenz, indirekte) stellen sich bei Vorliegen der Autoantikörper gegen Sp100, ND10, SUMO-1, SUMO-2 und PML in den Kernen der Interphase bei HEp-2-Zellen 5–20 unterschiedlich große splitterartige Granula dar, die quer über den Zellkern verteilt sind („nuclear dots“) (s. folgende Abbildung).
Autoantikörper gegen Mitochondrien für die primär biliäre Cholangitis (Substrat HEp-2-Zellen):
Das Zytoplasma ist dunkel, wenn nicht gleichzeitig die ebenfalls mit PBC assoziierten Antikörper gegen Mitochondrien vorliegen. Früher wurden die Nuclear dots fälschlicherweise als Mitochondrien-haltige Absprengsel des Zytoplasmas betrachtet. Bei den Mitosen sind die PML-Nuclear dots aufgelöst, außerhalb der (nicht reagierenden) Chromosomen fluoreszieren nur vereinzelte Granula.
Autoantikörper gegen PML-Nuclear dots reagieren mit Primatenleber mindestens ebenso stark wie mit HEp-2-Zellen (s. folgende Abbildung).
Autoantikörper gegen Mitochondrien für die primär biliäre Cholangitis (Substrat Primatenleber):
Man kann sie bei paralleler Verwendung beider Substrate auch dann identifizieren, wenn gleichzeitig Autoantikörper gegen Zentromere vorliegen, was bei PBC häufig vorkommt: Dann fallen die Nuclear dots der HEp-2-Zellen zwar nicht mehr auf, aber in den Zellkernen der Hepatozyten sind sie zu sehen, wo Antikörper gegen Zentromere 10-fach schwächer fluoreszieren. Mit Rattengewebe sind Antikörper gegen Sp100 gewöhnlich nicht oder mit zu geringer Sensitivität nachweisbar, humane Autoantikörper gegen PML, SUMO-1 und SUMO-2 reagieren dagegen zum Teil auch mit Rattengewebe.
Das Serum wird initial parallel in den Verdünnungen 1:100 und 1:1000 angesetzt, weil die Antikörper (besonders gegen Zentromere) oft erst bei höherer Verdünnung sichtbar werden. Man untersucht vorwiegend Antikörper der Immunglobulinklasse IgG.
Sp100 und PML sind exakt kolokalisiert: Will man die entsprechenden Antikörper differenzieren, muss man einen Enzyme-linked Immunosorbent Assay oder verschiedene Blottechniken (Immunblot) einsetzen, unter Verwendung aus Zellkulturen gewonnener, ggf. rekombinant hergestellter Sp100-Antigene oder relevanter Teilabschnitte.
Referenzbereich – Erwachsene
Negativ.
Referenzbereich – Kinder
Negativ.
Indikation
Verdacht auf primär biliäre Cholangitis.
Diagnostische Wertigkeit
Autoantikörper gegen Nuclear dots (s. a. Autoantikörper gegen Zellkerne) werden bei 25–30 % der Patienten mit primär biliärer Cholangitis gefunden. Die Antikörper gegen PML und Sp100 kommen häufig zusammen vor, können jedoch auch einzeln vorliegen (s. Tabelle). Antikörper gegen SUMO-1 treten bei 15 % und gegen SUMO-2 bei 42 % der (Anti-Nuclear-dot-positiven) PBC-Patienten auf, und immer nur zusammen mit Anti-Sp100 und/oder Anti-PML.
Autoantikörper gegen Glykoprotein 210 kommen bei 20–30 % der Patienten mit PBC vor, sie weisen auf einen schweren Krankheitsverlauf hin, ebenso Autoantikörper gegen SS-A. Liegen bei PCB zusätzlich Autoantikörper gegen Zentromere vor, besteht oft eine partiale Hypertension. Anti-GP-210-Antikörper werden vereinzelt auch bei Autoimmunhepatitis oder Hepatitis B und C beobachtet. Die gemeinsame Bestimmung der Autoantikörper gegen PML, Sp100, Autoantikörper gegen Glykoprotein 210, AMA-M2 und M2-3E erhöht die diagnostische Sensitivität für PBC von 75 % (AMA, untersucht mit Rattenniere) auf über 95 %. Die folgende Tabelle bietet eine Übersicht über die mit primär biliärer Cholangitis assoziierten Autoantikörper:
Sp100
PML
Sp100 allein
PML allein
SUMO-1
SUMO-2
GP 210
p62
Lamin-B-Rezeptoren
20
13
5
3
15
42
20–30
23–32
1–3
AMA M2 – Rattenniere
AMA M2 – Vollantigen (BPO)
SS-A
Zentromere
Ro-52
75
90–98
20
20–30
27
Literatur
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