Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
A. M. Gressner und O. A. Gressner

Phospholipase A2

Phospholipase A2
Synonym(e)
EC 3.1.1.4; PLA
Englischer Begriff
phospholipase A2; lecithinase A; phosphatidylcholine-2-acylhydrolase
Definition
In den Azinuszellen des exkretorischen (digestiven) Pankreas vorkommendes Enzym der Gruppe von Phosphoglycerid-spezifischen Carbonsäureesterasen, deren Aktivität im Serum bei akuter Pankreatitis stark zunimmt und für die Pathogenese der Pankreatitis und (pulmonalen) Komplikationen gleichermaßen bedeutsam ist.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Die Synthese erfolgt in den Azinuszellen des Pankreas: 80 % werden sezerniert, 20 % sind nicht sekretorische PLA. Vorkommen in zahlreichen nicht pankreatischen Geweben und Zellen, z. B. Granulozyten, Makrophagen, Thrombozyten, Leber, Bienen- und Schlangengift. Pankreatische Sekretion in Form eines inaktiven Zymogens (Zymogene), was durch tryptische Abspaltung des N-terminalen Heptapeptids in aktive PLA der Molmasse 15,8 kDa überführt wird. Es hat eine kompakte Struktur mit 6–15 Disulfidbrücken, ist hitzestabil (5 Minuten, 98 °C) und stabil in 8 mol/L Harnstoff, pH-Optimum liegt bei 8,5.
PLA ist das geschwindigkeitsbestimmende Enzym der Prostaglandinsynthese. Es katalysiert in Anwesenheit von Calcium die Esterhydrolyse in Position 2 von Phosphoglyceriden (z. B. Lecithin, Cephalin) in Lysophospholipide (z. B. Lysolecithin, Lysocephalin) und Fettsäure (s. Abbildung).
Substratabbau durch Phospholipasen (Abb. 1):
Funktion – Pathophysiologie
Die systemischen toxischen Wirkungen werden durch Detergenzeffekte des Lysolecithins vermittelt: Zerstörung von Zellmembranen (Nekrosen) und Blutgefäßen (z. B. Azinus und Pankreasgangzellen), Histaminfreisetzung aus Mastzellen (Schock), sympathomimetische Wirkung durch Freisetzung von Katecholaminen (Katecholamine), Hämolyse, Gefäßschäden, Zerstörung von Lungenstrukturen (respiratorisches Distress-Syndrom, ARDS) und Verminderung von Lungensurfactants. Lysolecithin hat große Bedeutung für die Pathogenese der akuten Pankreatitis.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Probenstabilität
Analyt ist bei 2–4 °C für ca. 1 Woche stabil, langfristige Lagerung bei −20 °C.
Analytik
  • Immunologische Bestimmung der Enzymkonzentration (-masse) mit zeitaufgelöstem Europium-Fluoreszenzimmunoassay: sensitiv, aufwendig.
  • Katalytische Aktivitätsbestimmung: In einer Emulsion von Soja-Phosphatidylcholin werden langkettige Fettsäuren freigesetzt, deren Konzentration enzymatisch bestimmt wird: aufwendig, relativ unpräzise.
Referenzbereich – Erwachsene
Methode 1: 1,8–9,2 μg/L; Methode 2: <10 U/L (<0,17 μkat/L).
Indikation
Interpretation
Enzymaktivitätsanstieg ist bereits am ersten Tag der akuten Pankreatitis feststellbar, die Normalisierung erfolgt langsamer als die der Amylase (Amylase, pankreasspezifische). Hohe Anstiege bei akuter Pankreatitis, wobei die Amplitude der Aktivitätserhöhung einigen Studien zufolge mit dem Schweregrad korrelieren soll: bei interstitieller ödematöser Pankreatitis geringer als bei hämorrhagisch nekrotisierender Verlaufsform. Vorsichtige prognostische Beurteilung ist möglich, damit ist PLA hinsichtlich des klinischen Wertes Trypsinogen-Aktivierungspeptid (TAP) vergleichbar.
Diagnostische Wertigkeit
Anstiege sind nicht pankreasspezifisch, da auch bei Sepsis, Myokardinfarkt, malignen Tumoren und hämatologischen Erkrankungen feststellbar. Sensitivität (Sensitivität, diagnostische) für schwere alkoholische Pankreatitis 91 %; für Pankreaskarzinom 87 %.
Literatur
Büchler M, Malfertheiner P, Schädlich H et al (1989) Role of phospholipase A2 in human acute pancreatitis. Gastroenterology 97:1521–1526CrossRefPubMed
Six DA, Dennis EA (2000) The expanding superfamily of phospholipase A(2) enzymes: classification and characterization. Biochim Biophys Acta 1488:1–19CrossRefPubMed