Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
T. Stief

Plasma-Kallikrein-Kinin-System

Plasma-Kallikrein-Kinin-System
Synonym(e)
KKS
Englischer Begriff
plasma-kallikrein-kinin-system
Definition
Das Plasma-Kallikrein-Kinin-System (KKS) ist das insbesondere an negativ geladenen oder lipophilen Molekülen aktivierbare Gerinnungssystem, das aus den beiden Proenzymen Faktor 12 (F12) und Präkallikrein (PK) sowie dem Kofaktor „high-molecular-weight kininogen“ (HMWK) besteht.
Beschreibung
Die Proenzyme F12 und PK können durch veränderte Blutmatrix (Matrix = Umgebung von F12/PK) in die aktive Form F12a und/oder Kallikrein (K) gefaltet werden. Außerdem aktivieren sich F12a und K gegenseitig aus ihren Proenzymen (F12a/K-Loop). Eine Reihe physiologischer Produkte wie Lipide oder Polyanionen wie Heparin, Phospholipide, Polyphosphate, freie DNA können den F12a/K-Loop auslösen. Typisch ist, dass Patienten mit einem Mangel an Kontaktfaktoren keine Blutungsneigung haben. Dies dürfte daran liegen, dass bei Ausfall von F12a, der alternative intrinsische (altered matrix-) Zünder Kallikrein die Kontaktaktivierungs-Kaskade auslöst.
HMWK besteht aus einer Polypeptidkette mit den Domänen 1–6. Domäne 1 und 6 sind über eine Disulfidbrücke verbunden. Kallikrein spaltet HMWK und setzt Bradykinin frei, es entsteht ein HMWK aus einer schweren und einer leichten Polypeptidkette. Bradykinin erhöht die Gefäßpermeabilität und setzt t-PA, NO und Prostacyclin (PGI2) aus Endothel frei. Die leichte Kette dieses HMWK enthält die Oberflächenbindungsdomäne (D5) und die Proenzymbindungsdomäne (D6).
HMWK, F12 und PK binden reversibel und saturierbar an Endothelzellen, Thrombozyten und Granulozyten. HMWK bindet an das Endothel über einen Rezeptorkomplex bestehend aus „urokinase-plasminogen activator receptor“ (u-PAR), gC1q-Rezeptor (gC1qR) und Cytokeratin 1. Durch den Komplex ebenfalls gebundene Prolylcarboxypeptidase aktiviert (F12-unabhängig) PK zu Kallikrein (K). K wiederum aktiviert F12 zu F12a sowie „single-chain urokinase plasminogen activator“ (scu-PA = Prourokinase) zu Urokinase (u-PA), setzt Bradykinin aus HMWK frei und aktiviert Spuren von Prothrombin zu Thrombin.
Literatur
Schmaier AH, McCrae KR (2007) The plasma kallikrein-kinin system: its evolution from contact activation. J Thromb Haemost 5:2323–2329CrossRefPubMed
Stief TW (2010) Lipids trigger thrombin generation. Hemost Lab 3:77–92
Stief TW (2011) Polyphosphates modulate thrombin generation. Hemost Lab 4:449–454