Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
M. Bidlingmaier

Progesteron

Progesteron
Synonym(e)
Pregn-4-en-3,20-dion
Englischer Begriff
progesterone; pregn-4-ene-3,20-dione
Definition
C-21-Steorid, wichtigstes Gestagen (Gelbkörperhormon), bereitet die Gebärmutterschleimhaut auf die Nidation vor.
Struktur
C-21-Steroid, C21H30O2.
Molmasse
314,47 Da.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Die physiologische Bildung von Progesteron erfolgt im Verlauf des Zyklus unter dem Einfluss steigender LH-Konzentrationen (Luteinisierendes Hormon) zunächst in den Granulosazellen, nach dem Eisprung dann in wesentlich größerer Menge im Corpus luteum. In der Schwangerschaft entsteht Progesteron vor allem in der Plazenta. Beim Mann kommt Progesteron vor allem aus den Leydig-Zellen des Hodens. Geringe Mengen Progesteron werden bei Frau und Mann auch in der Nebennierenrinde gebildet. Biochemisch entsteht Progesteron unter Einfluss der 3β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase aus Pregnenolon. Im Rahmen der Steroidbiosynthese kann Progesteron durch die 21-Hydroxylase Richtung Mineralokortikoide oder durch die 17-Hydroxylase zum 17-Hydroxyprogesteron metabolisiert werden. In Zirkulation ist Progesteron zu über 90 % an Serumproteine gebunden. Der Abbau erfolgt hepatisch zum endokrin inaktiven Pergnandiol, das nach Glukoronidierung renal eliminiert wird.
Halbwertszeit
Wenige Minuten.
Pathophysiologie
Seine Wirkung entfaltet Progesteron vor allem über die Bindung an den nukleären Progesteronrezeptor. Daneben kann Progesteron auch an den Mineralokortikoidrezeptor binden und fungiert dort als potenter Antagonist des Aldosterons. Estrogene führen zu einer vermehrten Expression des Progesteronrezeptors. Auf hypothalamischer und hypophysärer Ebene inhibiert das Progesteron die Ausschüttung von FSH (Follikelstimulierendes Hormon), wodurch die weitere Reifung von Follikeln im Ovar unterbleibt. Dieser Effekt ist auch für die kontrazeptive Wirkung bedeutsam. Progesteron hat einen thermogenetischen Effekt, der für den Anstieg der Basaltemperatur in der zweiten Hälfte des Zyklus der Frau verantwortlich ist.
Die hohen Progesteronkonzentrationen bereiten die Gebärmutterschleimhaut auf die Nidation vor. Bei Ausbleiben einer Befruchtung bzw. Schwangerschaft fallen die Progesteronkonzentrationen mit Rückbildung des Corpus luteum wieder ab, die proliferierte Gebärmutterschleimhaut kann nicht erhalten werden, es kommt zur Blutung. Die Blutung im normalen Zyklus ist daher eine Progesteronentzugsblutung. Ist die Schwangerschaft eingetreten, haben die unter dem Einfluss steigender hCG-Konzentrationen (Choriongonadotropin, humanes) vom Corpus luteum gebildeten Gestagene eine Reihe „schwangerschaftsunterstützender“ Funktionen, bis nach der 8. Schwangerschaftswoche die Plazenta die Progesteronsynthese übernimmt. Progesteron reduziert u. a. den Tonus der uterinen Muskulatur und führt zur Veränderung der Viskosität des Zervixschleims.
Hohe Progesteronwerte finden sich neben der Schwangerschaft vor allem bei bestimmten Ovarialtumoren und bei angeborenen Defekten der Steroidbiosynthese (adrenogenitales Syndrom, AGS). Beim Hypogonadismus der Frau, generell bei Zyklusstörungen und insbesondere beim anovulatorischen Zyklus sind die Progesteronkonzentrationen erniedrigt.
Untersuchungsmaterial
Serum, Plasma, Speichel.
Probenstabilität
Bis 24 Stunden bei Raumtemperatur, gekühlt (4–8 °C) 1 Woche, eingefroren (−20 °C) mehrere Jahre.
Präanalytik
Der Zykluszeitpunkt muss erfasst werden.
Analytik
Immunoassay, Gas- oder Flüssigkeitschromatographie-gekoppelte Massenspektrometrie, Flüssigkeitschromatographie-gekoppelte Tandem-Massenspektrometrie.
Konventionelle Einheit
μg/L.
Internationale Einheit
nmol/L.
Umrechnungsfaktor zw. konv. u. int. Einheit
1 μg/L = 3,18 nmol/L.
Referenzbereich – Erwachsene
Die Messergebnisse verschiedener Progesteronimmunoassays unterscheiden sich deutlich. Methodenspezifische Referenzbereiche sind nötig, folgende Angaben können als grobe Orientierung gelten:
Frauen:
  • Follikelphase <1 μg/L (<3,18 nmol/L)
  • Lutealphase ≥8 μg/L (≥22 nmol/L)
  • 1. Trimester 10–50 μg/L (32–159 nmol/L)
  • 2. Trimester 20–130 μg/L (64–413 nmol/L)
  • 3. Trimester 130–420 μg/L (413–1334 nmol/L)
  • Postmenopausal <1 μg/L (<3,18 nmol/L)
Männer: 0,3–1,2 μg/L (0,95–3,82 nmol/L)
Referenzbereich – Kinder
Alter bzw. Pubertätsentwicklung beachten!
Indikation
Interpretation
Normal hohe Progesteronkonzentrationen in der zweiten Zyklushälfte weisen auf eine stattgehabte Ovulation hin. Erniedrigte Werte finden sich bei Corpus-luteum-Insuffizienz jedweder Genese. Die Pulsatilität der Progesteronsekretion in der Lutealphase ist bei der Interpretation von Werten aus einer Einzelbestimmungen zu berücksichtigen. Stark erhöhte Progesteronkonzentrationen außerhalb der Schwangerschaft kommen bei Störungen der Steroidbiosynthese und Ovarialtumoren vor.
Literatur
Gellersen B, Brosens JJ (2014) Cyclic decidualization of the human endometrium in reproductive health and failure. Endocr Rev 35(6):851–905CrossRefPubMed