Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Respiratorische Synzytial-Viren

Respiratorische Synzytial-Viren
Englischer Begriff
respiratory-syncytial virus (RSV)
Beschreibung des Erregers
Das respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist ein polymorphes RNA-Virus, das zur Familie der Paramyxoviridae gehört. Es wurde im Jahr 1956 von Robert M. Chanock identifiziert und charakterisiert. In der Zellkultur ruft RSV eine charakteristische Synzytienbildung mit eosinophilen zytoplasmatischen Einschlüssen hervor.
Erkrankungen
RSV ist der bedeutendste Erreger rekurrierender Infektionen der Atemwege bei Säuglingen und Kleinkindern, die sich als Krupp, Bronchitis, Bronchiolitis oder interstitielle Pneumonie darstellen. Die Hälfte der Bevölkerung hat die erste RSV-Infektion bereits während des ersten Lebensjahrs überstanden; spätestens am dritten Geburtstag war jeder einmal betroffen. In jedem Winter brechen Infektionen mit dem hochkontagiösen Erreger aus, der durch Tröpfchen auf die Schleimhäute übertragen wird. Der Mensch ist das einzige RSV-Reservoir. Die Immunität hält nur kurz an, daher sind Reinfektionen die Regel. RSV ist der relevanteste Verursacher nosokomialer Infektionen in der stationären Kinderheilkunde.
Die Therapie verläuft symptomatisch; in schweren Fällen wird Ribavirin als Aerosol eingesetzt. Kinder mit geschwächter Immunität können zur Prophylaxe passiv mit Hyperimmunseren oder monoklonalen Antikörpern immunisiert werden.
Analytik
Der Virusnachweis ist möglich mittels PCR (Polymerase-Kettenreaktion) oder Enzym- und Fluoreszenzfärbungen, alternativ oder ergänzend mittels Viruskultur. Für den Nachweis spezifischer Antikörper werden Komplementbindungsreaktion, Enzyme-linked Immunosorbent Assay oder indirekte Immunfluoreszenz (Immunfluoreszenz, indirekte) eingesetzt (s. Abbildung).
Indirekte Immunfluoreszenz: Antikörper gegen RSV:
Untersuchungsmaterial – Probenstabilität
Direktnachweis und Kultur: Für den Virusnachweis kommt als Untersuchungsmaterial Nasopharyngealsekret infrage. Für die Viruskultur eignet sich frisches, nicht mit anderen Erregern (z. B. Pilzen) kontaminiertes Material. Es sollte gekühlt transportiert und innerhalb von 4 Stunden analysiert werden.
Serologie: Serum oder Plasma für den Nachweis der Antikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg. Zur Tiefkühlkonservierung des IgM kann man den Proben 80 % gepuffertes Glyzerin beifügen.
Diagnostische Wertigkeit
Da eine Infektion mit RSV keine typischen Krankheitserscheinungen verursacht, kommt der Labordiagnostik ein besonderer Stellenwert zu. Die RT-PCR und auch die anderen Direktnachweise gelten als schnelle und zuverlässige Nachweisverfahren für die klinische Praxis. Die Viruskultur erfordert Fachpersonal und ist zeitaufwendig, da die zytopathischen Effekte erst nach mindestens 4 Tagen zu erkennen sind.
Der Antikörpernachweis ist eher für epidemiologische Auswertungen als für die Akutdiagnostik geeignet. Die Komplementbindungsreaktion wird kritisiert wegen ihrer Inkompetenz, Antikörperklassen zu differenzieren. Die Verdachtsdiagnose kann durch einen Anstieg der Konzentration des spezifischen IgG innerhalb 2–3 Wochen bewiesen werden.
Literatur
Allwinn R, Weber B (2006) Das Respiratory Syncytial Virus (RSV): Epidemiologie, Klinik und Labordiagnose. J Lab Med 30:13–17
Robert-Koch-Institut (2004) Erkrankungen durch Respiratory Syncytial Viren (RSV). Epid Bull 3:95–100