Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
H. Baum

Retikulozyt

Retikulozyt
Englischer Begriff
reticulocyte
Definition
Junger Erythrozyt in dem durch Spezialfärbungen eine netzartige Struktur aus Ribonukleoproteinkomplexen und RNA nachweisbar ist.
In der Abbildung sind 2 Retikulozyten zu erkennen (Pfeile; 1000×, Brillantkresylblaufärbung):
Funktion – Pathophysiologie
Retikulozyten sind junge Erythrozyten, die noch Ribonukleoproteinkomplexe und RNA enthalten. Diese Strukturen, die sog. Substantia granulofilamentosa, kann durch basische Farbstoffe oder Farbstoffe, die an RNA binden nachgewiesen werden. Die Freisetzung der reifen Erythrozyten aus dem Knochenmark vollzieht sich im Stadium des Retikulozyten. Somit ist die Anzahl der Retikulozyten im peripheren Blut ein direktes Maß für die Kapazität der Erythropoese im Knochenmark. Der normale Anteil der Erythrozytenerneuerung pro Tag liegt bei ca. 1 %.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
EDTA-Blut, Kapillarblut.
Probenstabilität
Die Stabilität ist stark abhängig von der Bestimmungsmethode. Bei Raumtemperatur ist eine Lagerung bis zu 24 Stunden unproblematisch, bei +4 °C bis >72 Stunden.
Präanalytik
Keine besonderen präanalytischen Voraussetzungen.
Präanalytik
  • Mikroskopische Zählung: Inkubation des Blutes mit einem basischen Supravitalfarbstoff (Brillantkresylblau, Methylenblau neu). Nach Inkubation Anfertigen eines Ausstrichpräparates und Auszählung der angefärbten Retikulozyten bezogen auf 1000 Erythrozyten.
  • Automatisierte Zählung: Alle automatisierten Methoden messen die Retikulozyten in einer Durchflusszelle nach Anfärbung der Retikulozyten mit einem Farbstoff (z. B. Thiazolorange, Acridinorange, Methylenblau, Oxazin). Dabei wird entweder ein Fluoreszenz-Signal erfasst (Fluoreszenz-aktivierte Zytometrie), oder es wird das Streulicht oder die Absorption des Lichtes an den Präzipitaten gemessen (Durchflusszytometrie). Gleichzeitig wird die Signalstärke in 3 Klassen eingeteilt (hoch, mittel, niedrig), die der Menge an Nukleinsäuren entspricht.
Konventionelle Einheit
‰.
Internationale Einheit
%.
Umrechnungsfaktor zw. konv. u. int. Einheit
× 10.
Referenzbereich – Frauen
0,8–4,1 %
Referenzbereich – Männer
0,8–2,5 %.
Referenzbereich – Kinder
Alter
%
Neugeborene
≤6
1. Woche
≤1,3
6. Woche
≤2,4
Indikation
  • Differenzierung der Anämien (hypo-, normo- und hyperregenerative Formen)
  • Kontrolle des Ansprechens einer Therapie bei Mangelanämien (z. B. Eisen-, Vitamin B12 -, Folsäure-Mangel)
  • Zur Beurteilung der Erythropoese nach Knochenmarktransplantation, aplastischer Anämie
  • Kontrolle einer Erythropoetintherapie
Interpretation
  • Retikulozytosen. Sie sind ein Hinweis auf eine gesteigerte Erythropoese im Knochenmark. Ursächlich kommen dafür infrage:
    • Akute Blutung
    • Hypersplenismus
    • Behandlung einer Mangelanämie
    • Erythropoetin-Therapie
    • Nach Knochenmarktransplantation
    • Nach Knochenmarkaplasie
  • Retikulozytopenien. Sie sind ein Hinweis auf eine ineffektive Erythropoese bei
Diagnostische Wertigkeit
Die Bestimmung der Retikulozytenzahl ist eine Screeningmethode zur schnellen Erkennung der erythropoetischen Kapazität des Knochenmarks bei Anämien.
Literatur
Thomas L (1998) Retikulozyten. In: Thomas L (Hrsg) Labor und Diagnose, 5. Aufl. TH Books, Frankfurt am Main, S 495–498