Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Röteln-Viren

Röteln-Viren
Englischer Begriff
Rubella virus
Beschreibung des Erregers
Familie: Togaviridae; Genus: Rubivirus.
Erkrankungen
Röteln werden durch Tröpfchen übertragen. Etwa 50 % der Ansteckungen im Kindesalter verlaufen asymptomatisch. Im Falle einer Erkrankung kommt es zur Schwellung der nuchalen und retroaurikulären Lymphknoten sowie zu dem Röteln-typischen kleinfleckigen bis makulopapulösen Exanthem, das sich, im Gesicht beginnend, über Körper und Extremitäten ausbreitet und nach 1–3 Tagen wieder verschwindet. Mit einer Häufigkeit von 1:6000 kommt es zu Komplikationen wie Enzephalitis und Arthritis. Röteln während der Schwangerschaft führen je nach Infektionszeitpunkt zu schweren Embryopathien. Bei 90 % der Infektionen in den ersten 12 Schwangerschaftswochen (SSW) kommt es zu Herzmissbildungen, Katarakt, Innenohrschwerhörigkeit und Spontanabort. Bei Infektionen in SSW 11–17 findet man in etwa 20 % der Fälle Einzelmanifestationen. Nach der 20. SSW ist das Risiko einer Embryopathie nur noch gering. Die Seroprävalenz beträgt bei Frauen im gebärfähigen Alter 97 %, die Inzidenz der Röteln-Embryopathie liegt nur noch bei 0,1/100.000.
Präventiv ist eine aktive Immunisierung mit attenuierten Lebendimpfstoffen möglich; sie wird heute in der Regel mit einer simultanen Schutzimpfung gegen Masern, Mumps und Varizellen kombiniert. Die erstmalige Immunisierung erfolgt im Alter von 12–14 Monaten, sie wird nach einem Jahr wiederholt. Auch Knaben sollten gegen Röteln geimpft werden, um die Prävalenz der Röteln einzudämmen.
Bei seronegativen Schwangeren bietet sich als postexpositionelle Prophylaxe bis zu 48 Stunden nach Kontakt mit einem Rötelnpatienten die passive Immunisierung durch Gabe eines spezifischen Hyperimmunglobulins an.
Analytik
Direktnachweis: Anzucht mittels Zellkultur, worauf die Röteln-Antigene immunzytologisch dargestellt werden. Deutlich schneller verfügbar sind Ergebnisse der Real-Time-PCR (PCR (Polymerase-Kettenreaktion)), die sich heute weitgehend durchgesetzt hat, besonders bei der invasiven Pränataldiagnostik.
Serologie: Bestimmung postnataler Infektionen und Feststellung der Immunitätslage durch Hämagglutionationshemmtest (HAH), Hämolyse-im-Gel-Test (HiG) oder modernere Testsysteme, mit denen die Immunglobulinklassen der Antikörper identifiziert werden können: indirekte Immunfluoreszenz (Immunfluoreszenz, indirekte, s. Abbildung) oder Enzymimmunoassay (u. a. Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA), Chemilumineszenz Immunoassays).
Indirekte Immunfluoreszenz: Antikörper gegen Röteln-Viren:
Prinzip des HAH: Im Serum enthaltene Antikörper gegen Röteln-Hämagglutinin verhindern eine Agglutination von Nachweis-(Hühner-)Erythrozyten bei Zugabe des Antigens. Immunität ist anzunehmen ab einem HAH-Titer von 1:32. Der HiG wird heute nur noch selten verwendet. Hier induzieren die Antikörper eines reaktiven Patientenserums die komplementabhängige Lyse antigenbeschichteter Erythrozyten. Die Ergebnisse des ELISA werden in internationalen Einheiten (IE) angegeben, ab 15 IE/mL im IgG ist eine Immunität anzunehmen. Blot-Techniken (Immunblot; Immunodot) ermöglichen eine separate Bestimmung von Antikörpern gegen die Röteln-Glykoproteine E1 und E2: Antikörper gegen das E2-Protein werden erst spät im Verlauf einer Erkrankung gebildet, ihre Anwesenheit schließt eine akute Erkrankung aus.
Spezifische Antikörper der Klasse IgM oder niedrig avide Antikörper der Klasse IgG weisen auf eine akute Infektion hin, ebenso ein IgG-Titeranstieg innerhalb zweier Wochen.
Vor der Bestimmung der spezifischen IgM-Antikörper muss das möglicherweise vorhandene spezifische IgG eliminiert werden, um durch Rheumafaktoren bedingten falsch positiven Reaktionen zu entgehen oder durch konkurrierendes IgG falsch negative IgM-Reaktionen zu vermeiden. Die Abtrennung erfolgt durch Ultrazentrifugation oder durch Absorption mittels eines IgG-präzipitierenden „RF-Absorbens“.
Untersuchungsmaterial – Probenstabilität
Direktnachweis und Kultur: Untersucht werden Fruchtwasser, Chorionzottenbiopsate, Abortmaterial, fetales EDTA-Blut, Liquor, Rachenabstriche, Urin. Das Material sollte bis zur Weiterverarbeitung bei +4 bis +8 °C aufbewahrt werden. Direktnachweise sind innerhalb von 24 Stunden durchzuführen, Kulturen innerhalb von 6 Stunden anzulegen. Bei längerer Transportzeit ist das Material einzufrieren.
Serologie: Serum oder Plasma für den Nachweis der Antikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg. Zur Tiefkühlkonservierung des IgM kann man den Proben 80 % gepuffertes Glyzerin beifügen.
Diagnostische Wertigkeit
Die Diagnose einer akuten Rötelninfektion wird abgesichert durch den Nachweis spezifischer Röteln-Antikörper der Klasse IgM und einen signifikanten Anstieg des IgG innerhalb zweier Wochen. Zusätzliche Bedeutung besitzt die Bestimmung der Avidität des spezifischen IgG. Bei Verdacht auf eine Beteiligung des zentralen Nervensystems werden die spezifischen Antikörper und die Gesamtantikörper parallel in Liquor und Serum bestimmt und der spezifische Liquor-Serum-Quotient errechnet. Ein Wert deutlich >1 spricht für eine intrathekale Antikörpersynthese.
Indirekte Immunfluoreszenz und Enzymimmuntests erlauben eine Differenzierung der Immunglobulinklassen. Sie sind daher den HAH- und HiG-Tests vorzuziehen.
EBV- und Parvo-Virus-Infektionen können mit einer rötelnähnlichen Symptomatik verlaufen. Auch andere virale Exantheme (HHV 6, Masern, Parvo-Virus B19) sowie Arzneimittelexantheme und sonstige allergische Hauterscheinungen müssen gelegentlich serologisch abgegrenzt werden.
Im Rahmen der Mutterschaftsvorsorge dient die Analytik der Vorbeugung von Röteln-Embryopathien. Sowohl prä- als auch postnatal erlaubt die Kombination aus PCR und Bestimmung des spezifischen IgM sowie der Avidität des spezifischen IgG eine Bestätigung oder den Ausschluss einer kongenitalen Infektion.
Akute Röteln-Erkrankungen sind laut Infektionsschutzgesetz meldepflichtig.
Literatur
Doerr HW, Gerlich WH (2002) Toga-Viren: Röteln-Virus. In: Medizinische Virologie, 1. Aufl. Thieme, Stuttgart, S 243–250
Enders G (2005) Mütterliche Infektionen mit dem Risiko der prä- und perinatalen Übertragung – Teil 1. Labormedizinische Aspekte wichtiger Infektionen im Überblick. Gynäkol und Geburtsh 38–46
Robert-Koch-Institut Berlin. RKI-Ratgeber für Ärzte, 26. Juni 2013. Röteln. https://​www.​rki.​de/​DE/​Content/​Infekt/​EpidBull/​Merkblaetter/​Ratgeber_​Roeteln.​html#doc2394074bodyTe​xt9. Zugegriffen am 08.03.2017