Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
A. M. Gressner und O. A. Gressner

Stuhlfett

Stuhlfett
Synonym(e)
Fett im Stuhl; Fettmalabsorption
Englischer Begriff
fecal fat; stool fat
Definition
Die Stuhlfettausscheidung/Tag ist die definitive Kenngröße (Kenngröße, klinisch-chemische) zum Nachweis einer Steatorrhoe (Fettstuhl) bei Malassimilation, erlaubt jedoch keine Differenzierung in Maldigestion und -absorption.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Fäkale Lipide sind überwiegend freie, sowohl gesättigte als auch ungesättigte Fettsäuren, nur eine kleine Fraktion sind Neutralfette (Triglyzeride), die durch Lipasen hydrolytisch gespalten werden.
Funktion – Pathophysiologie
Die normale fäkale Fettausscheidung ist konstant und relativ unabhängig von der Nahrungsaufnahme. Quelle des Stuhlfettes bei Gesunden sind intestinale Mukosazellen, die bakteriell freigesetzt werden. Da bei exokriner Pankreasinsuffizienz als erstes die Fettverdauung beeinträchtigt ist, kommt der Zunahme des Stuhlfettgehaltes für die Diagnostik der pankreatogenen Maldigestion größere Bedeutung zu. Eine selektive Erfassung der Triglyzeride und freien Fettsäuren hat keine diagnostische Relevanz, da Triglyzeride mikrobiell im Kolon in wechselndem Ausmaß hydrolysiert werden.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Stuhlsammelmenge in 24-Stunden-Sammelperioden an 3–4 aufeinander folgenden Tagen. Der Proband hat 2 Tage vorher und während der Sammelperiode eine tägliche Fettzufuhr von mindestens 90 g bis maximal 200 g einzuhalten.
Präanalytik
Konservierung des Materials kurzfristig bei 4 °C oder längerfristig bei − 20 °C während der Sammelperiode.
Korrekte Sammlung notwendig, Kontamination mit Urin vermeiden, Absetzen interferierender Medikamente, tägliche Fettzufuhr >90 bis <200 g.
Analytik
  • Titrimetrische Methode nach van de Kamer et al. (1949): Diese am häufigsten eingesetzte Methode bestimmt den gesamten Fettgehalt (Triglyzeride und freie Fettsäuren) eines Aliquots von ca. 5 g des homogenisierten Stuhls. Nach Verseifen mit konzentrierter Kalilauge in Ethanol, saurer Hydrolyse zur Freisetzung von Fettsäuren und Extraktion mit Petroleumether werden die Fettsäuren mit 0,1 mol/L NaOH in Anwesenheit von Thymolblau als Indikator oder mit einem pH-Titriergerät (pH-Stat) titriert. Variationskoeffizient 4,6 %. Ein Nachteil besteht in dem Verlust flüchtiger Fettsäuren und in der Variabilität des Titrationsfaktors, der von der Art der zur Kalibration verwendeten freien Fettsäure abhängt. Allgemein wird auf eine mittlere Molmasse der freien Fettsäure von 284 g/mol bezogen.
  • Mikroskopische Bestimmung: Heute obsolete, allenfalls semiquantitative mikroskopische Bestimmung von Zahl und Größe der Fetttropfen in einem mit Sudan III, Methylenblau oder Nilblau gefärbten Ausstrich des Stuhlmaterials.
  • Gravimetrische Methode: Nach Extraktion und Verdampfung des Lösungsmittels erfolgt direkte Wägung der extrahierten Fette.
Referenzbereich – Erwachsene
<7 g Fettsäuren/Tag (Mittelwert von 3 Tagesstühlen), 15–25 % des Stuhltrockengewichtes, >95 % Fettabsorptionskoeffizient.
Berechnung des Fettabsorptionskoeffizienten (%) nach folgender Formel:
Indikation
  • Bestätigungsdiagnose einer Steatorrhoe
  • Diagnose und Verlaufskontrolle der Malabsorption
  • Diagnose und Verlaufskontrolle der exkretorischen Pankreasinsuffizienz, z. B. bei Enzymsubstitution
Interpretation
Fettausscheidung >7 g/Tag (Steatorrhoe) tritt wegen großer Funktionsreserve des Pankreas erst bei weitreichendem (>75 %) Parenchymuntergang auf, die Lipasesekretion muss mindestens auf ein Zehntel der Norm abgefallen sein. Deshalb ist die Stuhlfettmenge keine zur Frühdiagnose der Pankreasinsuffizienz geeignete Kenngröße.
Diagnostische Wertigkeit
In Verbindung mit dem Stuhlgewicht (Stuhltrockengewicht) liegt der positive und negative Vorhersagewert des Stuhlfettgehaltes für die Pankreasinsuffizienz um 75 %, Sensitivitäten (Sensitivität, diagnostische) und Spezifitäten (Spezifität, diagnostische) um 80 %. Die Spezifität für die Diagnose der exokrinen Pankreasinsuffizienz ist eingeschränkt, da verschiedene Malabsorptionssyndrome, z. B. Dünndarmerkrankungen mit Mukosaatrophie und gesteigerte Dekonjugation von Gallensäuren sowie andere Cholanopathien (Gallensäurestoffwechselstörungen) zur Steatorrhoe führen (Tab. 1) (s. a. Steatokrit).
Tabelle 1.
Diagnostische Bewertung der Steatorrhoe
Syndrom
Erkrankung
Maldigestion
Exkretorische Pankreasinsuffizienz
Teilresektion
Tumoren
Cholanopathien (Gallensäurestoffwechselstörungen)
Schwere Leberzellinsuffizienz
Gallgengangsobstruktion (Stein- oder Tumorverschluss)
Verminderung konjugierter Gallensäuren infolge mikrobieller Dekonjugation
Unterbrechung der enterohepatischen Gallensäurezirkulation (z. B. Ileumresektion)
Malabsorption
 
Sprue, Morbus Crohn, Morbus Whipple, Amyloidose, intestinale Tuberkulose u. a.
Diagnostische Bewertung der Steatorrhoe:
Die Bestimmung des Stuhlfettes ist heute durch die weniger aufwendige Messung der pankreasspezifischen Elastase (Elastase, pankreasspezifische) im Stuhl (ca. 100 mg Stuhlprobe) weitgehend ersetzt.
Zur Differenzierung dienen:
Literatur
Lembcke B, Braden B, Stein J (1994) Diagnostik der Steatorrhoe. Z Gastroenterol 32:256–261
Stein J, Wehrmann T (Hrsg.) Funktionsdiagnostik in der Gastroenterologie, 2. Auflage, 2006, Springer Medizin Verlag, Heidelberg.
Kamer JH van de, ten Bokkel Huinink H, Meyer HA (1949) Rapid method for the determination of fat in feces. J Biol Chem 177(1) 347–355.