Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
H. Baum

Thrombozyten

Thrombozyten
Synonym(e)
Blutplättchen
Englischer Begriff
thrombocytes; platelets
Definition
Kernlose, vom Megakaryozyten des Knochenmarks abstammende Zellelemente des peripheren Blutes mit kardinalen Funktionen in der primären Hämostase (s. Abbildung, Pfeile; 1000×, May-Giemsa-Grünwald-Färbung):
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Thrombozyten entstehen im Knochenmark durch Zytoplasmaabschnürungen der Megakaryozyten und direkter Freigabe in die Sinus des Knochenmarks. Die Thrombozyten sind normalerweise nur im Blut nachweisbar und werden von der Milz eliminiert.
Halbwertszeit
10 Tage.
Funktion – Pathophysiologie
Die Thrombozyten sind die Effektorzellen der Megakaryopoese. Sie sind entscheidend an der primären Hämostase beteiligt. Nach der Verletzung eines Blutgefäßes lagern sich die Thrombozyten an die freigelegten subendothelialen Strukturen an, bilden Aggregate und induzieren die plasmatische Gerinnung.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
EDTA-Blut, in speziellen Situationen (z. B. bei EDTA-bedingter Pseudothrombopenie) auch Citrat- oder Heparinblut.
Probenstabilität
Bei Raumtemperatur bis zu 24 Stunden.
Präanalytik
Bei der Blutentnahme ist darauf zu achten, dass keine Aktivierung der Thrombozyten erfolgt (v. a. schnelle Mischung des Blutes mit dem Antikoagulans, Kontaktzeit mit Fremdoberfläche minimieren).
Präanalytik
Konventionelle Einheit
μL.
Internationale Einheit
G/L.
Umrechnungsfaktor zw. konv. u. int. Einheit
1 μL:1000 = 1G/L.
Referenzbereich – Erwachsene
100–300 G/L.
Referenzbereich – Kinder
S. Erwachsene.
Indikation
Interpretation
Thrombozytosen:
  • Primäre Thrombozytosen. Als Ursache liegt ein Defekt der megakaryozytären Progenitorzelle vor. Dies ist assoziiert mit der Polycythaemia vera, essenzielle Thrombozytose, chronisch myeloische Leukämie, primäre Osteomyelofibrose. Die klinische Symptomatik reicht dabei in Abhängigkeit von der Funktionsfähigkeit der Thrombozyten von Blutungen bis zu Thrombosen.
  • Sekundäre Thrombozytosen. Ursächlich liegt eine Überproduktion vor bei Stimulation der Megakaryozyten im Knochenmark durch einen peripherer Verlust oder eine Freisetzung aus dem Milzpool z. B. bei körperlicher Anstrengung, Stress.
Thrombozytopenien:
  • Verminderte Bildung
  • Hereditäre Ursachen (selten)
  • Erworbene Ursachen, wie z. B. aplastische Anämie, Leukosen, nach Bestrahlung oder Chemotherapie
  • Vermehrte Thrombozytenzerstörung und Verbrauch
  • Immunthrombozytopenie bei verstärkter Clearance durch Thrombozyten-assoziierte IgG- und Komplementaktivierung (Auto- oder Alloantikörper) oder Medikamenten-induziert
  • Erhöhter peripherer Verbrauch bei dissiminierter intravasaler Gerinnung, Sepsis, Schock, intraoperativ und nach Transfusionen
  • Heparin-assoziierte Thrombozytopenie (HIT)
Diagnostische Wertigkeit
Die Bestimmung der Thrombozyten gehört zu den Basisuntersuchungen der Hämatologie. Sie erlaubt eine orientierende Einteilung in Thrombozytopenie oder Thrombozytose. Allerdings sagt die Thrombozytenzahl nichts über die Funktionsfähigkeit der Thrombozyten aus (z. B. Thrombastenie). Diese muss durch Thrombozytenfunktionsteste nachgewiesen werden.
Literatur
Thomas L (1998) Thrombozytenzahl. In: Thomas L (Hrsg) Labor und Diagnose, 5. Aufl. TH Books Verlagsgesellschaft, Frankfurt, S 509–516