Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
M. Bidlingmaier

Thyreoglobulin

Thyreoglobulin
Synonym(e)
TG
Englischer Begriff
thyroglobulin; Tg
Definition
Spezifisch von den Follikelzellen der Schilddrüse synthetisiertes, iodhaltiges Glykoprotein.
Struktur
TG liegt als Homodimer aus 2 jeweils 2749 Aminosäuren langen Peptidketten vor. Das Molekül enthält ca. 130 Tyrosinreste.
Molmasse
660 kDa.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
TG wird in den Follikelzellen der Schilddrüse gebildet und in das Follikellumen sezerniert. Die TG-Bildung wird durch Thyreoidea-stimulierendes Hormon (TSH) stimuliert. TG macht ungefähr 50 % des Kolloids der Schilddrüse aus. Durch Iodierung von Tyrosinresten werden am TG die Schilddrüsenhormone Thyroxin (T4), Triiodthyronin (T3) und reverses T3 gebildet. Im TG des Follikellumens gespeichert werden sie – nach Wiederaufnahme des TG in Thyreozyten – durch Hydrolyse freigesetzt und sezerniert. Das TG wird in der Schilddrüse wiederverwertet, teilweise auch in der Leber metabolisiert. Die zirkulierenden Konzentrationen werden von der Rate der Neubildung (TSH-Stimulation), aber auch von der nach Therapie verblieben Masse funktionellen Schilddrüsengewebes bestimmt. Die Kinetik des Abfalls der messbaren Konzentrationen von TG ist daher bei Therapieformen, die erst mit einer gewissen Verzögerung zur kompletten Destruktion des Schilddrüsengewebes führen, anders als z. B. bei der kompletten Thyreoidektomie. Dies erklärt die teilweise sehr diskrepanten Angaben zur Halbwertszeit des TG in der Literatur.
Halbwertszeit
Ca. 30 Stunden (Serumkonzentration nach totaler Thyreoidektomie).
Pathophysiologie
Unter physiologischen Bedingungen erfüllt TG seine Funktion gänzlich in der Schilddrüse und ist in Zirkulation meist nur in verhältnismäßig geringen Konzentrationen nachweisbar. Bei benignen Schilddrüsenerkrankungen, wie z. B. bei Struma nodosa, akuter und subakuter Thyreoiditis, können sich genauso wie bei malignen Erkrankungen, wie dem follikulären und papillären Schilddrüsenkarzinom, erhöhte TG-Konzentrationen finden. In der Diagnostik des Schilddrüsenkarzinoms ist die TG-Bestimmung daher unspezifisch. Da TG jedoch nur in der Schilddrüse hergestellt wird, eignet es sich hervorragend als spezifischer Marker zum Nachweis von Schilddrüsengewebe. Dies spielt einerseits in der Diagnostik bei Verdacht auf Athyreose bei Neugeborenen eine Rolle – messbares TG spricht für das Vorhandensein von Schilddrüsengewebe. Andererseits ist das TG ein sensitiver und spezifischer Marker, um bei Patienten mit Schilddrüsenkarzinom nach schilddrüsenablativer Therapie den Therapieerfolg nachzuweisen bzw. ein Rezidiv frühzeitig zu entdecken. Nach erfolgreicher totaler Thyreoidektomie ist TG nicht mehr messbar, während messbare TG-Konzentrationen auf verbliebenes Schilddrüsengewebe verweisen. Im Verlauf sind die TG-Konzentrationen dann bestimmt durch die Masse des malignen Gewebes, abhängig auch vom Grad der Differenzierung der neoplastischen Zellen und von der Stimulation der Zellen durch TSH.
Exogen zugeführte Schilddrüsenhormone supprimieren die TSH-Sekretion und inhibieren damit auch die TG-Synthese. Dies kann bei der Diagnose einer Hyperthyreosis factitia hilfreich sein.
Untersuchungsmaterial
Probenstabilität
Bis 24 Stunden bei Raumtemperatur, eingefroren (−20 °C) ein Jahr.
Analytik
Immunoassays. Neuerdings auch Flüssigkeitschromatographie-Tandemmassenspektrometrie.
Es muss berücksichtigt werden, dass die absoluten Konzentrationen, die mit verschiedenen Messverfahren erhalten werden, sich drastisch unterscheiden. Daher sollte in der postoperativen Verlaufskontrolle idealerweise stets dieselbe Messmethode eingesetzt werden.
Die Präsenz von Autoantikörpern gegen TG ist bei einer Reihe von Schilddrüsenerkrankungen häufig. Diese Autoantikörper können die TG-Bestimmung stören und so zu falsch negativen Befunden führen. Daher sollte regelhaft entweder die Wiederfindung für TG oder aber die Konzentration von Anti-TG-Antikörpern bestimmt werden. Es ist jedoch zu beachten, dass auch diese Messverfahren nicht alle Ursachen falsch negativer TG-Befunde detektieren können.
Konventionelle Einheit
μg/mL.
Referenzbereich
Methodenspezifische Referenzbereiche erforderlich!
Orientierend:
  • Schilddrüsengesunde: <35 μg/L
  • Nach kompletter Thyreoidektomie: <3 μg/L
Indikation
  • Erfolgskontrolle und Verlaufsbeobachtung bei der Therapie des papillären und follikulären und Schilddrüsenkarzinoms, insbesondere nach Thyreoidektomie und Radioiodtherapie.
  • Verdacht auf angeborene Athyreose
  • Verdacht auf Hyperthyreosis factitia
Interpretation
S. Pathophysiologie und Referenzbereich.
Diagnostische Wertigkeit
Die Bestimmung von TG eignet sich nicht zur Diagnose von Schilddrüsenerkrankungen. TG wird im Sinne eines Tumormarkers in der Verlaufskontrolle verwendet. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen existierenden Messmethoden sind bei der Beurteilung ebenso zu berücksichtigen wie die Möglichkeit einer Störung der Messung durch interferierende Anti-TG-Antikörper.
Literatur
Persoon ACM, Links TP, Wilde J, Sluiter WJ, Wolffenbuttel BHR, van den Ouweland JMW (2006) Thyroglobulin (Tg) recovery testing with quantitative Tg antibody measurement for determining interference in serum Tg assays in differentiated thyroid carcinoma. Clin Chem 52(6):1196–1199CrossRefPubMed
Ringel MD, Nabhan F (2013) Approach to follow-up of the patient with differentiated thyroid cancer and positive anti-thyroglobulin antibodies. J Clin Endocrinol Metab 98(8):3104–3110CrossRefPubMedPubMedCentral
Spencer C, Fatemi S (2013) Thyroglobulin antibody (TgAb) methods – strengths, pitfalls and clinical utility for monitoring TgAb-positive patients with differentiated thyroid cancer. Best Pract Res Clin Endocrinol Metab 27(5):701–712CrossRefPubMed