Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
T. Arndt

Tramadol

Tramadol
Englischer Begriff
tramadol
Definition
Opioidanalgetikum mit einer zum Codein vergleichbaren und zum Morphin deutlich geringeren analgetischen Potenz.
Tramadol und sein analgetisch wirksamer Metabolit O-Desmethyltramadol:
Molmasse
263,381 g.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Bioverfügbarkeit ca. 68 % bei einmaliger Gabe, höher bei wiederholter Gabe. Plasmaproteinbindung 20 %. Plasmaspitzenkonzentrationen nach 1,5–2 Stunden, Metabolisierung in der Leber zum analgetisch wirksamen O-Desmethyltramadol und zu weiteren, pharmakologisch inaktiven Metaboliten und deren Glukuroniden. Ausscheidung einer Einzeldosis innerhalb von 3 Tagen zu 90 % über die Niere und 10 % über den Stuhl. Im 3-Tage-Urin lagen u. a. vor (frei+glukuronidiert): 29 % Tramadol, 20 % O-Desmethyltramadol, 17 % N-Desmethyltramadol, 20 % O-Desmethyl-N-Desmethyltramadol.
Halbwertszeit
Eliminationshalbwertszeit nach Einzeldosis ca. 5–6 Stunden (Blaschek et al. 2007), 5–10 Stunden (Schulz et al. 2012).
Funktion – Pathophysiologie
Die analgetische Wirkung von Tramadol ist stärker als die Affinität zu den Opioidrezeptoren erwarten lässt. Dies wird als Hinweis gesehen, dass neben der opioiden Wirkkomponente eine nicht opioide existiert, die sich in einer Verstärkung des adrenergen Systems mit Hemmung der präsynaptischen Wiederaufnahme von Noradrenalin (und Serotinin) im Zentralnervensystem und mit einer verstärkten Noradrenalinausschüttung äußert. Tatsächlich sind insbesondere für eine α2-adrenerge Stimulation eine analgetische Wirkung und ein Synergismus mit Opioidwirkungen bekannt. O-Desmethyltramadol soll nach Baselt (2014) eine 2- bis 4-fach stärkere analgetische Wirkung als Tramadol besitzen.
Intoxikationen zeigen sich mit Erbrechen, Schläfrigkeit, Benommenheit, Kopfschmerzen, Atemdepression (auf Naloxon ansprechend). Letztere wurde auch unter analgetischer Dosis intra- und postoperativ beobachtet.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Serum (S), Plasma (P), Urin.
Analytik
HPLC (Hochleistungs-Flüssigkeitschromatographie), GC-MS. LC-MS/MS; Opiat-Immunassays (Immunoassay) erfassen Tramadol und O-Desmethyltramadol nicht.
Indikation
Interpretation
Therapeutischer Bereich (S, P): 0,1–1,0 mg/L; toxisch: >1,0 mg/L; komatös-letal: ≥2,0 mg/L (Schulz et al. 2012).
Tramadol hat ein geringes Abhängigkeitspotenzial. Es ist derzeit nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. Vor diesem Hintergrund ist die Verwendung von O-Desmethyltramadol als synthetischer Zusatz zu einer laut Produktbeschreibung harmlosen, zum Räuchern empfohlenen Kräutermischung mehrfach interessant. Es belegt nicht nur eine genaue Kenntnis des jeweils aktuellen Betäubungsmittelgesetzes, sondern auch eine pharmakologische und analytische Expertise der „Drogenmischer“, indem ein hochwirksamer Metabolit eines nicht sanktionierten Opioids zugesetzt wurde, der im Routinedrogenscreening gewöhnlich nicht erfasst wird (Arndt et al. 2011). Siehe hierzu auch Neue Psychoaktive Substanzen (NPS).
Carbamazepin induziert den hepatischen Tramadolabbau.
Literatur
Arndt T, Claussen U, Güssregen B, Schröfel S, Stürzer B, Werle A, Wolf G (2011) Kratom alkaloids and O-desmethyltramadol in urine of a „Krypton“ herbal mixture consumer. Forensic Sci Int 208:47–52CrossRefPubMed
Baselt RC (2014) Disposition of toxic drugs and chemicals in man, 10. Aufl. Biomedical Publications, Seal Beach, S 2021–2024
Blaschek W, Ebel S, Hackenthal E, Holzgrabe U, Keller K, Reichling J, Schulz V (Hrsg) (2007) Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen, Bd 15 Sul-Tre, 6. Aufl. Wiss Verlagsges Springer, Stuttgart/Heidelberg, S 986–991
Schulz M, Iwersen-Bergmann S, Andresen H, Schmoldt A (2012) Therapeutic and toxic concentrations of nearly 1000 drugs and other xenobiotics. Crit Care 16:R136CrossRefPubMedPubMedCentral