Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Treponema pallidum

Treponema pallidum
Englischer Begriff
Treponema pallidum
Definition
Der Name Treponema (griech.: gedrehter Faden) beschreibt die charakteristische Beweglichkeit des dünnen Schraubenbakteriums, das angesichts seiner geringen Färbbarkeit von seinen Entdeckern Fritz Schaudinn und Erich Hoffmann (1905) mit dem Attribut „pallidum“ (lat.: blass) versehen wurde.
Beschreibung des Erregers
Zum Genus Treponema gehören gramnegative, spiralig gewundene Bakterien (6–14 Windungen) aus der Familie der Spirochaetaceae. Endoflagellen ermöglichen die besondere Motilität (Rotation um die Längsachse) der Spirochäten.
Erkrankungen
Als gesichert humanpathogen gelten T. pallidum subspec. pallidum (Syphilis) sowie die Erreger der nicht venerischen Treponematosen T. pallidum subspec. endemicum (endemische Syphilis, Bejel), T. pallidum subspec. pertenue (Frambösie) und T. carateum (Pinta).
Die Syphilis bzw. Lues (lat. für Seuche) ist eine weltweit verbreitete Allgemeininfektion und wird überwiegend durch sexuellen Kontakt übertragen. Es folgen Inkubation, Primäraffekt, Generalisation und Organmanifestation. Der Kliniker unterteilt die Erkrankung in unterschiedliche Stadien. Den Frühstadien primäre Syphilis (Lues I) und sekundäre Syphilis (Lues II) kann eine längere, bis zu mehreren Jahren schlummernde latente Syphilis (Lues latens) folgen. Die unbehandelte Infektion geht in die Spätstadien tertiäre Syphilis (Lues III) und Neurosyphilis (quartäres Stadium, Lues IV) über. Eine diaplazentare Übertragung der Erreger in der Schwangerschaft führt zur Lues connata mit der Unterteilung in die Phasen präcox (Neugeborene und Säuglinge) und tarda (Kinder >3 Jahre).
Therapeutikum der Wahl für alle Krankheitsstadien ist Penicillin. Eine Erregerresistenz ist bisher nicht bekannt, gelegentlich werden Therapieversager beobachtet.
Analytik
Direktnachweis und Kultur: Direktnachweis von Treponema pallidum kann aus dem Primäraffekt (sog. harter Schanker: derb, indolent, Befall regionaler Lymphknoten) mit der wenig sensitiven, aber spezifischen Dunkelfeldmikroskopie versucht werden. Ein alternativer, sensitiverer Erregernachweis ist die direkte Immunfluoreszenz unter Verwendung Fluoreszenz-markierter, monoklonaler Antikörper. Die Diagnostik mittels PCR (Polymerase-Kettenreaktion) bleibt speziellen Fragestellungen vorbehalten. Der kulturelle Nachweis von Treponema pallidum auf künstlichen Nährmedien war bisher nicht erfolgreich.
Serologie: Nachweis erregerspezifischer Antikörper in Serum oder Liquor durch indirekte Immunfluoreszenz (Immunfluoreszenz, indirekte), Enzymimmunoassay, Immunblot-Techniken und Hämagglutinationstest.
Untersuchungsmaterial – Probenstabilität
Direktnachweis: Reizsekret aus Läsionen (Primäraffekt). Das Material sollte möglichst frisch untersucht (Dunkelfeldmikroskopie) oder bis zur Weiterverarbeitung bei +4 bis +8 °C aufbewahrt werden, es ist innerhalb von 4 Stunden zu analysieren.
Serologie: Serum, Plasma oder Liquor für den Nachweis der Antikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg. Zur Tiefkühlkonservierung des IgM kann man den Proben 80 % gepuffertes Glyzerin beifügen.
Diagnostische Wertigkeit
Der Schwerpunkt der Labordiagnostik liegt im Antikörpernachweis. Man folgt einer Stufendiagnostik mit den Schritten Screening (Suchtest), Bestätigung und – bei positivem Ergebnis – Beurteilung der Aktivität. Als Screeningtests kommen der Treponema-pallidum-spezifische Partikelimmuntest (TPPA) oder der Hämagglutinationstest (TPHA) zum Einsatz. Prinzip: Mit Treponema-Antigenen beladene Latexpartikel oder Erythrozyten agglutinieren bei Zugabe positiver Patientenseren. Sie werden jedoch zunehmend vom Enzymimmunoassay (u. a. Enzyme-linked Immunosorbentassay, Chemilumineszenz-Immunoassays) abgelöst, die zusätzlich Auskunft über die Immunglobulinklassen der spezifischen Antikörper geben.
Für die Bestätigung reaktiver Ergebnisse im Suchtest stehen Immunblots (s. Immunblot) zur Verfügung, auf denen die spezifischen Antigene von Treponema pallidum, getrennt voneinander, dargestellt werden. Ebenfalls als Betätigungstest gilt die indirekte Immunfluoreszenz (Immunfluoreszenz, indirekte), bei der das Patientenserum vor dem ersten Inkubationsschritt mit lysiertem Treponema phagedenis-Extrakt versetzt wird, wodurch unspezifische Reaktanden neutralisiert werden („FTA-Abs“). Vor der Bestimmung der spezifischen IgM-Antikörper muss das möglicherweise vorhandene spezifische IgG eliminiert werden, um durch Rheumafaktoren bedingten falsch positiven Reaktionen zu entgehen oder durch konkurrierendes IgG falsch negative IgM-Reaktionen zu vermeiden. Die Abtrennung erfolgt durch Ultrazentrifugation (19S-IgM-FTA-Abs-Test) oder durch Absorption mittels eines IgG-präzipitierenden „RF-Absorbens“. Alternativ kann man die μ-Capture-Technik einsetzen, bei der das IgM der Probe vor der Reaktion mit dem spezifischen Testantigen selektiv an eine Oberfläche gebunden wird.
Bei einem positiven Bestätigungstest ist die Krankheitsaktivität zu beurteilen. Labordiagnostisch kann dies über eine quantitative Lipoid-(Cardiolipin-)Antikörper-Flockungsreaktion erfolgen (vormals „Wassermann-Reaktion“, heute u. a. VDRL[„veneral disease research laboratory“]-Test). Lipoid-Antikörper sind nicht spezifisch für eine Treponema-pallidum-Infektion, dienen aber als Aktivitätsmarker und sind hilfreich für die Verlaufsbeurteilung. Eine Reduktion um den Faktor 10 oder mehr unter Therapie spricht für eine Sanierung der Infektion.
Bei Verdacht auf eine Beteiligung des zentralen Nervensystems werden die spezifischen und die Gesamtantikörper parallel in Liquor und Serum bestimmt und der spezifische Liquor/Serum-Quotient (Liquor/Serum-IgA-Quotient; Liquor/Serum-IgG-Quotient; Liquor/Serum-IgM-Quotient) errechnet. Ein Wert deutlich >1 spricht für eine intrathekale Antikörpersynthese und damit für eine Neurosyphilis.
Literatur
Hagedorn HJ (2001) Qualitätsstandards in der mikrobiologisch-infektiologischen Diagnostik: Syphilis. Urban & Fischer Verlag, München/Jena
Robert-Koch-Institut Berlin. RKI-Ratgeber für Ärzte, 11. Dezember 2007. Syphilis. https://​www.​rki.​de/​DE/​Content/​Infekt/​EpidBull/​Merkblaetter/​Ratgeber_​Syphilis.​html