Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

West-Nil-Fieberviren

West-Nil-Fieberviren
Englischer Begriff
West Nile virus
Beschreibung des Erregers
Familie: Flaviviridae, Gattung: Flavivirus; Art: West-Nil-Virus (WNV). Plusstrang-RNA-Genom, behüllt, 50 nm Durchmesser. Wird zu den „emerging viruses“ gezählt.
Erkrankung
West-Nil-Fieber.
Verbreitung: Afrika, Naher und Mittlerer Osten, Zentralasien, Europa, Nord- und Südamerika, Subtyp Kunjin-Virus in Australien und Ozeanien.
Vektoren: Stechmücken (Culex-, Aedes- und Mansonia-Arten).
Wirte: Vögel, Säugetiere (vor allem Pferde), Mensch (Risikogruppen: Kinder, ältere und immunsupprimierte Personen).
Übertragung auch durch Bluttransfusion oder Organtransplantation sowie transplazentar oder durch Muttermilch möglich.
Klinik: Die Infektion kann ohne Symptome verlaufen (70–80 % der Fälle). Bei symptomatischen Infektionen plötzlich auftretendes hohes Fieber und grippeähnliche Symptomatik, Exanthem, bei etwa 1 % der Fälle, vor allem bei älteren Menschen, Enzephalitis oder Meningoenzephalitis mit neurologischen Symptomen wie generalisierten Paresen, häufig mit Spätfolgen, Letalität bei Enzephalitis etwa 10 %; selten: Myokarditis, Hepatitis, Pankreatitis, Hämorrhagie.
Therapie und Prophylaxe: Es gibt noch keine spezifischen Therapeutika, nur eine symptomatische Behandlung ist möglich. Ein Impfstoff für Menschen ist noch in Entwicklung (Pferde können bereits gegen West-Nil-Viren geimpft werden). Prävention: Schutz vor Mückenstichen, Bekämpfung der Vektoren.
Analytik
Das Arbeiten mit dem Erreger erfordert ein Laboratorium der Sicherheitsklasse 3. Direktnachweis: RT-PCR (PCR (Polymerase-Kettenreaktion)) oder immunchromatografischer Antigenschnelltest, Virusanzucht in Zellkultur.
Serologie: Nachweis der spezifischen Antikörper (IgG, IgM) in Serum oder Liquor durch indirekte Immunfluoreszenz (IIFT, Immunfluoreszenz, indirekte), Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA), Neutralisationstest und Hämagglutinationshemmtest.
Untersuchungsmaterial – Probenstabilität
Direktnachweis und Kultur: Untersucht werden Blutbestandteile, Liquor oder Biopsien. Das Material sollte bis zur Weiterverarbeitung bei +4 bis +8 °C aufbewahrt werden. Direktnachweise sind innerhalb von 24 Stunden durchzuführen, Kulturen innerhalb von 6 Stunden anzulegen. Bei längerer Transportzeit ist das Material einzufrieren.
Serologie: Serum oder Plasma für den Nachweis der Antikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig (Liquor eine Woche), bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg. Zur Tiefkühlkonservierung des IgM kann man den Proben 80 % gepuffertes Glyzerin beifügen.
Diagnostische Wertigkeit
Zur vollständigen Diagnostik gehört der Nachweis sowohl von Virusbestandteilen als auch spezifischer Antikörper – in bestimmten Krankheitsphasen lässt sich nur mit einem der beiden diagnostischen Prinzipien das Vorliegen einer spezifischen Infektion beweisen. Die Vermehrung in der Zellkultur und die sich anschließende positive spezifische Immunreaktion ebenso wie eine positive PCR beweisen die Anwesenheit der Viren. Im negativen Fall kann die Infektion aber nicht ausgeschlossen werden, insbesondere, da der Organismus bereits innerhalb weniger Tage nach Infektion spezifische Antikörper bildet, die das Virus neutralisieren.
Der Direktnachweis ist nur während der akuten Krankheitsphase möglich und oft negativ, da kurze Virämie und geringe Virustiter.
Antikörper der IgM-Klasse sind ab dem 2. Tag nach Beginn der Erkrankung im Serum nachweisbar. Fällt der IgM-Test negativ aus, obwohl die Symptome auf West-Nil-Fieber hindeuten, sollte nach 2 Wochen eine 2. Serumprobe erneut auf spezifische IgG-Antikörper getestet werden, wobei eine Kombination von ELISA und IIFT eine nahezu 100 %ige Sicherheit gewährleistet. Anti-WNV-IgM-Antikörper persistieren 2–3 Monate, oft aber auch mehr als ein Jahr.
Antikörper der Klasse IgG folgen dem IgM in einem Abstand von etwa 2 Tagen. Ein Anstieg der jeweiligen Antikörperklasse um den Faktor 10 gilt als beweisend für eine Infektion. Eine zusätzliche Unterscheidung frischer von länger zurückliegenden Infektionen gewährleistet die Darstellung niedrig avider Antikörper der Klasse IgG: Findet man in der Probe hoch avide Antikörper, bedeutet das eine abgelaufene oder reaktivierte Infektion. Die IgG-Avidität kann sowohl durch ELISA als auch durch indirekte Immunfluoreszenz bestimmt werden.
Zu beachten sind Kreuzreaktionen mit anderen Flaviviren (FSME-Viren, Dengue-Viren, Zika-Viren, Japanische Enzephalitis-Viren, St.-Louis-Enzephalitis-Viren (SLEV), Gelbfieber-Viren etc.). Daher wird bei einem positiven Befund empfohlen, Proben zu titrieren und diese mit den anderen relevanten Flavivirus-Substraten parallel auf Kreuzreaktionen zu untersuchen. Durch einen Vergleich der Titerhöhen kann der Erstbefund durch einen zweiten Nachweis bestätigt bzw. widerlegt und so eine andere Flavivirus-Infektion als Krankheitsursache identifiziert werden.
Zum Screening von Bluttransfusionen auf virale RNA oder auf spezifische Antikörper werden PCR-Tests oder serologische Methoden verwendet.
Differenzialdiagnosen: Dengue-Fieber, Zika-Infektion und andere Arbovirus-Erkrankungen, Malaria, bei Enzephalitis andere virale und bakterielle Meningoenzephalitis-Erreger.
Durch die Verordnung zur Anpassung der Meldepflichten nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) an die epidemische Lage (IfSG-Meldepflicht-Anpassungsverordnung), die am 01.05.2016 in Kraft getreten ist, wurde die Meldepflicht für Labore nach § 7 Abs. 1 Satz 1 IfSG auf den direkten oder indirekten Nachweis von Chikungunya-Viren, Dengue-Viren, West-Nil-Fieberviren, Zika-Viren und sonstige Arboviren ausgedehnt, soweit der Nachweis eine akute Infektion anzeigt. Darüber hinaus können allgemeine nicht erreger- oder krankheitsspezifische Meldepflichten bestehen.
Literatur
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