Pädiatrie
Autoren
Rainer König

Arthrogryposen

Der Begriff Arthrogryposis (multiplex congenita) beschreibt multiple, nichtprogressive, kongenitale Kontrakturen in verschiedenen Körperregionen. Arthrogrypose ist keine spezifische Diagnose, sondern ein Symptomenbild, das bei mehr als 300 Krankheitsbildern gefunden wird. Die Häufigkeit beträgt etwa 1:3000.
Definition und Epidemiologie
Der Begriff Arthrogryposis (multiplex congenita) beschreibt multiple, nichtprogressive, kongenitale Kontrakturen in verschiedenen Körperregionen. Arthrogrypose ist keine spezifische Diagnose, sondern ein Symptomenbild, das bei mehr als 300 Krankheitsbildern gefunden wird (Tab. 1). Die Häufigkeit beträgt etwa 1:3000.
Tab. 1
Ausgewählte Krankheitsbilder und Syndrome mit Kontrakturen
Krankheit
Symptome
Vererbung/Gen/Lokus
Ohne wesentliche neurologische Störungen
Amyoplasie
Rundes Gesicht, symmetrische Kontrakturen, Schultern innenrotiert, gestreckte Ellenbogen, gebeugtes Handgelenk, Finger flektiert, Klumpfüße, mental normal
Sporadisch
Distale Arthrogrypose Typ 1 (DA1)
Flexionskontraktur der Finger, überschlagene Finger (ähnlich Trisomie 18), ulnare Deviation (Kamptodaktylie), Klumpfüße, mental normal
AD
TPM2, 9p13.3
Distale Arthrogrypose Typ 2 (DA2),
Freeman-Sheldon-Syndrom (DA2A, whistling-face syndrome),
Sheldon-Hall-Syndrom (DA2B)
Bewegungsarmes Gesicht, Epikanthus, hypoplastische Nasenflügel, gespitzter kleiner Mund, H-förmige Furche am Kinn, Flexionskontrakturen der Finger mit ulnarer Deviation, Daumen plantarflektiert, Klumpfüße, Skoliose
AD
MYH3, 17p13.1
seltener: TNNI2, 11p15.5; TNNT3, 11p15.5; TPM2, 9p13.3
Distale Arthrogrypose Typ 3 (DA3, Gordon-Syndrom)
Kamptodaktylie, Klumpfüße, Hüftgelenkdysplasie, Gaumenspalte, Kleinwuchs
AD
PIEZO2, 18p11
Distale Arthrogrypose Typ 5 (DA5)
Kamptodaktylie, Klumpfüße, okuläre Anomalien (Ptose, Strabismus, externe Ophthalmoplegie), restriktive Lungenerkrankung
AD
MYH2, 17p13.1; MYH13, 17p13.1; PIEZO2, 18p11
Trismus-Pseudokamptodaktylie-Syndrom (DA7)
Verminderte Mundöffnung (Trismus), Beugung der Finger bei gestrecktem Handgelenk, leichter Kleinwuchs
AD
MYH8, 17p13.1
Kontrakturelle Arachnodaktylie (Beals-Hecht-Syndrom, DA9)
Marfanoider Habitus, Arachnodaktylie mit Kontrakturen, dysplastische Helix (crumpled ears), Kyphoskoliose, Mitralklappenprolaps
AD
FBN2, 5q23.3
Popliteales Pterygium-Syndrom (Knie-Pterygium-Syndrom)
Unterlippenfisteln, Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte, orale Frenulae, Pterygien der Kniekehlen, Hypogenitalismus, Syndaktylie der Zehen, dreieckiges Hautbürzel über dem Großzehennagel
AD
IRF6, 1q32
Mit ZNS-Fehlbildungen
Marden-Walker-Syndrom
Kleinwuchs, Mikrozephalie, Blepharophimose, Gaumenspalte, Kamptodaktylie, Klumpfüße, Kyphose, psychomotorische Retardierung
AR
AD, PIEZO2, 18p11.22
Zerebro-okulofazioskelettales Syndrom (COFS)
Mikrozephalie, Mikrophthalmus, Katarakt, prominente Nasenwurzel, Mikrogenie, Kamptodaktylie, Kontrakturen der großen Gelenke, Wiegenkufenfüße, Osteoporose, schwerste Retardierung
AR
ERCC6, 10q11.23
X-gekoppelter Hydrozephalus mit eingeschlagenen Daumen (MASA-Syndrom)
Mentale Retardierung (M), Aphasie oder Sprachentwicklungsverzögerung (A), spastische Paraparese (S), adduzierte (A), palmarflektierte Daumen, Hydrozephalus mit Aquäduktstenose, spastische Paraparese, mentale Retardierung
XR
L1CAM, Xq28
Mit neuromuskulären Störungen
Nichtletales multiples Pterygium-Syndrom (Escobar-Syndrom)
Kleinwuchs, Kamptodaktylie, Klumpfüße, Gaumenspalte, Wirbelfehlbildungen, Hörstörungen; Pterygien entwickeln sich während der ersten Lebensjahre; myopathisches Gesicht
AR
CHRNG, 2q37.1
Letales multiples Pterygium-Syndrom
Polyhydramnion, Totgeburt mit Hypotrophie, multiple Pterygien und Flexionskontrakturen, Hypertelorismus, flaches Gesicht, Gaumenspalte, kleine, tief angesetzte Ohren, Lungenhypoplasie, Hydronephrose
AR
CHRNG, 2q37.1; CHRND, 2q37.1
XR
Pena-Shokeir-Phänotyp (fetale Akinesie-Sequenz, FADS)
Intrauterine Wachstumsretardierung, Hypertelorismus, Glabellahämangiom, hohe Nasenwurzel, abgeplattete Nasenspitze, Mikrogenie, Kontrakturen der großen Gelenke, Kamptodaktylie, Lungenhypoplasie, kurze Nabelschnur, Polyhydramnion, ZNS-Fehlbildungen
Heterogen
zumeist AR, zumeist letal
RAPSN, 11p11.2; DOK7, 4p16.3; MUSK, 9q31.3
X-gebundene distale Arthrogrypose (XLSMA)
Kamptodaktylie, Flexionskontrakturen der Knie und Ellenbogen, Skoliose, Thoraxdeformitäten mit respiratorischer Insuffizienz, früh letal
XR
UBA1, Xp11.23
AR autosomal-rezessiv, AD autosomal-dominant, XR X-chromosomal-rezessiv
Ätiologie und Pathogenese
Multiple kongenitale Kontrakturen können auftreten, wenn intrauterin eine Bewegungsarmut des Feten (fetal akinesia) vorliegt. Dafür können drei Hauptursachen verantwortlich gemacht werden, die auch eine pathogenetische Einteilung der Arthrogryposen ermöglichen:
1.
Primäre Muskelfehlbildungen oder Bindegewebsstörungen, intrauterine Enge, maternale Erkrankungen,
 
2.
ZNS-Fehlbildungen, -Disruptionen,
 
3.
neuromuskuläre Erkrankungen.
 
Klinische Symptome
Die Kontrakturen betreffen die großen und kleinen Gelenke und sind zumeist symmetrisch. Flexions- und Extensionskontrakturen finden sich nebeneinander. Die Beuge- und Streckfalten, insbesondere an den Fingern, können fehlen, das Muskelprofil an den Extremitäten ist verstrichen, an den Streckseiten der großen Gelenke sind manchmal Hauteinziehungen zu sehen.
Therapie
Frühzeitige, intensive physikalische Therapie, um einer weiteren Muskelatrophie und sekundärer Kontrakturbildung entgegenzuwirken. (Nacht-)Schienen und Lagerung sollen die physikalische Therapie ergänzen und operativ erzielte Bewegungsverbesserungen halten.
Genetische Beratung
Das Wiederholungsrisiko hängt von der jeweiligen Ätiologie ab. Für Einzelfälle, für die keine Zuordnung möglich ist, besteht ein empirisches Wiederholungsrisiko von 3–5 %, und zwar sowohl für den Patienten selbst als auch für die Geschwister eines betroffenen Kindes. Frühe pränatale Ultraschalldiagnosen sind beschrieben, es besteht aber auch die Möglichkeit, dass sich Arthrogryposen erst im 3. Trimenon entwickeln.
Weiterführende Literatur
Bamshad M, Van Heest AE, Pleasure D (2009) Arthrogryposis: a review and update. J Bone Joint Surg Am 91(Suppl 4):40–46CrossRef
Hall JG (1997) Arthrogryposis multiplex congenita: etiology, genetics, classification, diagnostic approach, and general aspects. J Pediatr Orthop B 6:159–166CrossRef