Pädiatrie
Autoren
Uwe Büsching und Fred Zepp

Jugendmedizin und Jugendgesundheitsuntersuchung

Der Begriff Jugendmedizin beschreibt eine pädiatrische Querschnittsdisziplin, die sich mit entwicklungsbedingten Gesundheitsstörungen von Heranwachsenden, üblicherweise im Alter zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr, befasst. Während in angelsächsischen Ländern die besonderen medizinischen Herausforderungen von Adoleszenten schon früh erkannt und spezialisierte Ausbildungswege und entsprechende klinische Einrichtungen etabliert wurden, spielte die Jugendmedizin in der deutschsprachigen Pädiatrie bis vor wenigen Jahren nur eine nachgeordnete Rolle.

Bedeutung der Jugendmedizin

Der Begriff Jugendmedizin beschreibt eine pädiatrische Querschnittsdisziplin, die sich mit entwicklungsbedingten Gesundheitsproblemen von Heranwachsenden, üblicherweise im Alter zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr, befasst. Während in angelsächsischen Ländern die besonderen medizinischen Herausforderungen von Adoleszenten schon früh erkannt und spezialisierte Ausbildungswege und entsprechende klinische Einrichtungen etabliert wurden, spielte die Jugendmedizin in der deutschsprachigen Pädiatrie bis vor wenigen Jahren nur eine nachgeordnete Rolle.

Aufgaben der Jugendmedizin

Neben den charakteristischen Problemen der Pubertät befasst Jugendmedizin sich mit Themen aus den Bereichen Endokrinologie und Andrologie, Gynäkologie, Ernährungs- und Sportmedizin, Dermatologie, Psychologie und Psychiatrie. Der Wechsel vom Kindes- zum Jugendalter geht mit einschneidenden Veränderungen der individuellen Lebensführung einher. Junge Menschen gewinnen ein größeres Maß an Selbstbestimmung und damit auch ein höheres Maß an Selbstverantwortung, u. a. für gesundheitsrelevante Fragestellungen und Entscheidungen. Jugendmedizin kann diesen komplexen Entwicklungsprozess nur in einem interdisziplinären Ansatz erfolgreich begleiten. Themen wie Schwangerschaft, Schwangerschaftsverhütung, sexuell übertragbare Krankheiten, stoffgebundene und stoffungebundene Abhängigkeit, psychosomatische Erkrankungen, chronische Krankheiten und andere erfordern die Zusammenarbeit nahezu aller pädiatrischen Teilgebiete einschließlich der angrenzenden Fachdisziplinen der Erwachsenmedizin. Ein besonderer Schwerpunkt der Jugendmedizin betrifft psychologische/psychiatrische Erkrankungen. Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Bulimie, Persönlichkeitsstörungen, Angsterkrankungen, Depressionen, bipolare Störungen und bestimmte Formen der Schizophrenie manifestieren sich bevorzugt in der Adoleszenz.

Anforderung an die betreuenden Ärzte

Ein weiteres wichtiges Aufgabenfeld der Jugendmedizin ist die strukturierte Überleitung von Jugendlichen mit chronischen, häufig angeborenen Krankheiten in das Erwachsenenalter. Die enormen Erfolge der modernen Kinder- und Jugendmedizin haben dazu geführt, dass heute eine Vielzahl von Menschen mit seltenen, angeborenen oder auch erworbenen komplexen Krankheiten (Stoffwechselkrankheiten, operierte komplexe angeborene Herzfehler, Diabetes mellitus, Mukoviszidose u.  v. m.) das Erwachsenenalter erreichen und aus der pädiatrischen Betreuung in die Versorgung durch die Erwachsenendisziplinen überführt werden sollen. Bei der Transition bedarf es sorgfältiger Planung. Die Therapeuten in den Versorgungsstrukturen stehen vor neuen großen Herausforderungen, um den betroffenen Menschen auch im Erwachsenenalter eine gute medizinische Betreuung und eine positive Lebensqualität zu gewährleisten. Verschlechterte Lebensqualität bedingt Verschlechterung der Adhärenz und damit des Krankheitsmanagements. Die positive Lebensqualität ist keine Verpflichtung für alle Versorgungsstrukturen, es sind Aufgaben des Staates im Sinne von „public health“.

Jugendgesundheitsuntersuchungen

Die Früherkennung von Krankheiten und Fehlentwicklungen im Jugendalter war Absicht bei der Einführung der Jugenduntersuchung J1 (12–14 Jahre) im Jahr 1997. Im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen wurde schon nach wenigen Jahren offensichtlich, dass eine Überarbeitung (z. B. Medienberatung, Unfallprävention und Gewaltprävention), die auch das Konzept der bisher nicht als Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKVn) etablierten J2 (im 15. und 16. Lebensjahr) umfasst, dringend erforderlich war.
Die beiden Jugendgesundheitsberatungen J1 und J2 beinhalten im Wesentlichen die Beratung von Adoleszenten. Die Gefahren für die Gesundheit im Jugendalter sind vielfältig. Nur eine gute und strukturierte Anamnese gewährleistet, dass diese auch erkannt werden Dies umfasst Fragen zu Ernährung (Zusammensetzung der Nahrung, Essstörung) und Bewegung, Allergien, Schlafstörungen, körperliche und schulische Leistungsfähigkeit, funktionelle Beschwerden, Hinweise auf beginnende psychiatrische Erkrankungen, Substanzmittelgebrauch, dysregulierter Mediengebrauch, Impfungen, Akzeptanz des eigenen Körpers, Freunde und Freizeitgestaltung, Familiensituation (getrennt, Patchwork u. a.), Misshandlung (häusliche Gewalt, Gewalterfahrungen u. a. direkt und über Medien). Belastende Lebensumstände oder gar Unzufriedenheit in der Adoleszenz sind der Anfang vieler psychiatrischer Erkrankungen. Die Hälfte aller psychiatrischen Erkrankungen beginnt im Jugendalter, die Zunahme der Diagnosen in den letzten Jahrzehnten ist immens.
Die J1 ist am Beginn der Pubertät terminiert, deshalb stehen die körperlichen Veränderungen und die beginnende Ablösung im Vordergrund. Dies betrifft u. a. Stimmbruch, Menarche, Gewalterfahrungen, spezielle Förderung. Die J2 ist im fortgeschrittenen Stadium des Ablösungsprozesses und der körperlichen Veränderungen terminiert, entsprechend ist von großem Interesse, ob Jugendliche mit den Verläufen zufrieden sind.
Im Zentrum der klinisch-körperlichen Untersuchungen stehen bei J1 und J2 die Körpermaße, Pubertätsentwicklung, Störungen des Wachstums, Organerkrankungen (insbesondere der Schilddrüse, Erkrankungen des Skelettsystems).
Das ärztliche Gespräch mit Jugendlichen stellt eine besondere Herausforderung an die Kommunikationsfähigkeit von Kinder- und Jugendärzten und -ärztinnen. Viele Adoleszente entwickeln in diesem Lebensabschnitt Widerstände gegen etablierte Betreuungskonzepte und Helfersysteme (z. B. der Kinder- und Jugendmedizin). Dies fordert den Kinder- und Jugendarzt in besonderem Maße: Ohne Kenntnisse der Entwicklungspsychologie sowie der Belastungs- und Bewältigungsformen im Jugendalter wird er den Erwartungen Jugendlicher nicht gerecht.
Besonders die J1 stellt für viele Jugendliche den Einstieg in die selbstkontrollierte Arzt-Patient-Beziehung dar. Daher ist jede Jugendgesundheitsberatung für den beteiligten Jugendlichen etwas Einmaliges und von weitreichender präventiver Bedeutung – es gibt keine zweite Chance für den ersten Auftritt.
Weiterführende Literatur
KiGGS- Basiserhebung (2007) Schwerpunktheft der Zeitschrift „Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz“ 50(5–6)
Stier B, Weissenrieder N, Schwab KO (Hrsg) (2018) Jugendmedizin. Springer, Heidelberg