Pädiatrie
Autoren
B. Stier und R. Winter

Jungen – Sexualentwicklung und Sexualität in der Adoleszenz

Unter „Jungen“ verstehen wir Menschen männlichen Geschlechts, die sich in der Kindheit oder Jugendphase befinden (also bis zum Erwachsenenalter). Jungen unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Sexualitäten erheblich, schon allein nach ihrem Alter und ihrem Entwicklungsstand, dann aber auch nach elterlichen und gesellschaftlichen Moralvorstellungen, dem sozialen Milieu, in dem sie aufwachsen, nach ihren Aneignungsmöglichkeiten und ihren sexuellen Erfahrungen. Eine „normal-standardisierte“ oder „natürliche“ sexuelle Entwicklung von Jungen gibt es dementsprechend nicht.

Zur Definition

Unter „Jungen“ verstehen wir Menschen männlichen Geschlechts, die sich in der Kindheit oder Jugendphase befinden (also bis zum Erwachsenenalter). Jungen unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Sexualitäten erheblich, schon allein nach ihrem Alter und ihrem Entwicklungsstand, dann aber a uch nach elterlichen und gesellschaftlichen Moralvorstellungen, dem sozialen Milieu, in dem sie aufwachsen, nach ihren Aneignungsmöglichkeiten und ihren sexuellen Erfahrungen. Eine „normal-standardisierte“ oder „natürliche“ sexuelle Entwicklung von Jungen gibt es dementsprechend nicht.
Wesentliches Ziel der Sexualentwicklung ist es, die sexuelle Identität des Individuums in einem permanenten Prozess lebenslang zu formen. Der Prozess der geschlechtlichen Entwicklung bei Jungen ist immer eng gekoppelt an ihre Geschlechtlichkeit. Mit der Pubertät ist Sexualität bei den meisten Jungen – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, von sexuellen Vorlieben, Praktiken, Sehnsüchten usw. – ein wesentliches Moment ihrer alltäglichen geschlechtlichen Praxis und ihres männlichen Selbstbildes.
Das Geschlechtliche in der Jungensexualität – also das Männliche – wird durch 3 unterschiedliche Dimensionen beschrieben:
1.
Es ist erstens durch den Jungenkörper bestimmt, durch die körperlichen Bedingungen und Erlebnismöglichkeiten,
 
2.
zweitens ist es in Bezug auf die Psyche wirksam, als Facette der Identität, in Selbstbildern und -definitionen, individuellen Bedürfnislagen und ihrer Befriedigungswünsche oder in Emotionen;
 
3.
schließlich wird das Männlich-Geschlechtliche der Jungensexualität als Ausdruck sozialer und kultureller Geschlechtlichkeit geprägt, etwa über Vorstellungen darüber, wie männliche Sexualität ist oder zu sein hat, über Normen oder über kommerzielle, sexualitätsprägende Angebote (Werbung, Pornografie).
 

Daten zu Sexualität, Information und Wissensbedarf

Als Grundlage dienen hier wesentliche Daten der BZgA-Wiederholungsbefragung zur Jugendsexualität 2010 (JmM = Jungen mit Migrationshintergrund; MmM = Mädchen mit Migrationshintergrund).
Sexualität und Sexualentwicklung stehen immer in engem Zusammenhang mit – auch geschlechtsbezogenen – gesellschaftlichen Werte- und Normvorstellungen, die ebenso vielfältigen Einflüssen unterliegen (z. B. Zeitströmungen, Medien, darunter Internet, Globalisierung). Sexualentwicklung von Jungen ist dementsprechend als dynamischer und sozial veränderbarer Prozess anzusehen. Die 2010 erschienene BZgA-Replikationsstudie zu 6 vorhergehenden Untersuchungen (ab 1980) zur Jugendsexualität ist beredtes Beispiel einer sich wandelnden Sexualität im zeitlichen und kulturellen Kontext. Die folgenden Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf Daten und Beobachtungen in Deutschland.
Ansprechpartner
Während 1980 nur 28 % der Jungen in ihrem Elternhaus Ansprechpartner für ihre Fragen zur Sexualität fanden, sind es heute mit 62 % (JmM: 33 %), annähernd so viele wie bei den Mädchen. Dabei haben 67 % der Eltern die Aufklärung selbst in die Hand genommen, meist als entwicklungsbegleitende Information. Allerdings ist immer noch die Mutter die tragende Person (44 %), außerhalb des familiären Kontextes nur übertroffen durch den Lehrer (45 %). Väter folgen mit Abstand (37 %) auf Rang drei. Jungen halten sich heute zum überwiegenden Teil für gut aufgeklärt (83 %) (JmM: 72 %). Sie richten inzwischen das Hauptaugenmerk zur medialen Wissensvermittlung zu sexuellen Themen auf das Internet (36 %, JmM: 46 %).
Einstellung zum eigenen Körper
In den Einstellungen zum eigenen Körper unterscheiden sich beide Geschlechter deutlich. Für Jungen steht dabei der Fitness-Aspekt im Vordergrund. Insgesamt sind 72 % der Jungen (JmM: 71 %) mit ihrem Körper zufrieden. Das mittlere Ejakularchealter der Jungen liegt laut Daten der BZgA bei ca. 13 Jahren (JmM: ca. 0,5–1 Jahr früher).
Erste sexuelle Kontakte und Masturbation
Erste explizit sexuelle Kontakte entwickeln sich meist zwischen 14 und 17 Jahren. Mit 17 Jahren haben über 90 % der Jungen mindestens Kuss- und/oder Pettingerfahrung. Jungen mit Migrationshintergrund sind früher und insgesamt häufiger sexuell aktiv als Jungen mit deutschem Kulturhintergrund. Die Ursache hierfür kann in dem früheren Einsetzen der hormonellen Entwicklung liegen. Die Initiative zum ersten heterosexuellen Geschlechtsverkehr geht in der Regel von beiden Partnern aus. Nur 9 % der Jungen und 2 % der Mädchen berichten, sie selbst hätten den Ausschlag gegeben. Je älter die Jugendlichen bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr sind, desto bewusster ist die partnerschaftliche Übereinstimmung.
Masturbation ist bei den Jungen eine weit verbreitete, in den meisten Lebensphasen vermutlich die häufigste sexuelle Praxis. 76 % der Jungen ohne und 70 % der Jungen mit Migrationshintergrund hatten Erfahrung mit Masturbation in den vorangegangenen 12 Monaten. Gegenüber 1980 (62 %) ist die Tendenz steigend – oder auch die Bereitschaft, diese Frage wahrheitsgemäß zu beantworten.
Wissensbedarf
Durchschnittlich 16,6 % der Jungen deutscher Staatangehörigkeit haben einen zusätzlichen Wissensbedarf zu Themen mit sexuellem Hintergrund (sexuelle Praktiken und sexually transmitted diseases [STD] je 32 %, Empfängnisverhütung 25 %, Schwangerschaftsabbruch 22 %, Zärtlichkeit/Liebe 21 %, vorehelicher Geschlechtsverkehr 13 %, Infos über Körperanatomie [Entwicklung, Jugendliche, Geschlechtsorgane] und tabuisierte Themen (Selbstbefriedigung, Homosexualität, Prostitution, Pornografie, Beschneidung von Männern – jeweils höchsten 12 %). Jungen mit Migrationshintergrund haben in der Regel größeren Wissensbedarf (betrifft durchschnittlich 21,3 % – sexuelle Praktiken 42 %, ca. ~33 % bzgl. STD, Verhütung, Zärtlichkeit und Liebe, Entwicklung 20 %, Pornografie 21 %, Prostitution 18 %, Geschlechtsorgane 15 %). Geringeres Interesse zeigen sie beim Thema Schwangerschaftsabbruch und sexualisierte Gewalt. Jungen geben im Durchschnitt deutlich seltener an, mehr über ein Thema wissen zu wollen als Mädchen (16,6 % zu 20,3 %). Bei Jungen und Mädchen aus Migrantenfamilien ist dies ähnlich (21,3 zu 27,4 %). Insgesamt ist zu berücksichtigen, dass es große Unterschiede je nach Milieu, Bildungsgrad und soziokulturellem Hintergrund bei den Daten zur Sexualität bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt.
Information durch Mediziner
Anders als Mädchen werden Jungen von der medizinischen Sexualinformation und -beratung nur in geringem Umfang erreicht. Ärztinnen und Ärzte sind für Jungen keine bedeutsamen Vertrauenspersonen zu Themen der Sexualität (4 %, JmM 2 %); auch als präferierte Person für die Wissensvermittlung in sexuellen Dingen sind sie nicht wichtig (10 % bzw. 11 %).
Eine gute Möglichkeit, medizinische Sexualinformation zu vermitteln, könnte die J1-Untersuchung sein. Hier könnten Themen wie reproduktive Potenz oder Verhütungsverantwortung, Hygiene oder Selbstsorgekompetenz angesprochen werden (Kap. Jugendmedizin und Jugendgesundheitsuntersuchung). Da Themen der Sexualität – vor allem während der Pubertät der Jungen – nach wie vor schambesetzt sind, kann nicht erwartet werden, dass Jungen sie von sich aus aktiv ansprechen. Es ist unverzichtbar, dass Arzt oder Ärztin sich in diesem Bereich aktiv als Gesprächspartner bzw. -partnerin mit ihrer Kompetenz anbieten.

Somatische Geschlechtsentwicklung

Über die auf dem Y-Chromosom gelegene genetische Information der Sex-determining region (SRY) erfolgt die Aktivierung des testisdeterminierenden Faktors (TDI). Dies bedingt, dass sich aus den undifferenzierten Gonaden die Hoden (Testes) entwickeln. Die von diesen produzierten Androgene, insbesondere das Testosteron, bewirken die weitere Differenzierung des inneren und äußeren männlichen Genitales sowie die geschlechtstypische Gehirnentwicklung.
Diese betreffen die sich in der Folgezeit entwickelnden geschlechtsspezifische Besonderheit u. a. der Lateralisierung mit Verbesserung der Fähigkeiten, die von der rechten Hirnhälfte gesteuert werden. Hier findet eine im Vergleich zur linken Hirnhälfte schnellere Entwicklung statt. Das hat u. a. Einfluss auf besseres Erfassen und Erstellen von Systemen oder Verhaltensweisen, die sich aus der räumlichen Orientierung ergeben (aber eher negativen Einfluss auf die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten). Die geschlechtstypische Gehirnentwicklung, die schon zu einem so frühen Zeitpunkt der Embryogenese ihren Anfang nimmt, erklärt auch, wieso Jungen und Mädchen von Anfang an Verhaltensbesonderheiten aufweisen, die auf die Geschlechtsstereotypen hinweisen, wie sie später für Erwachsene angenommen werden und auch empirisch belegt sind (neonatales Imprinting).

Sexualität und Gender

Zur sexuellen Entwicklung des Jungen tragen neben endogenen in ganz erheblichem Maße exogene Faktoren bei, wie etwa Rollenbilder und erlebte Rollenstereotype, soziale und sexuelle Normen, erlernte Verhaltensmuster, Männlichkeits-, Moral- und Wertevorstellungen. Dies alles führt in dynamischen, wechselwirksamen Prozessen in Kindheit und Jugendphase erst allmählich zu einer stabile(re)n sexuellen Identität des Jungen. Sexualität wird zwar gerne mit Natürlichkeit, Körperlichkeit und Ursprünglichkeit im Geschlechtlichen assoziiert. Gleichwohl gibt es in einer sozial und geschlechtlich durchformten Gesellschaft keine „natürliche“ Sexualität. Jede Sexualität, jede sexuelle Entwicklung und jede sexuelle Identität ist immer auch geschlechtlich eingefärbt und bedingt.
Kindheit
Mit etwa 2 Jahren sind Kinder in der Lage, das eigene und das andere Geschlecht aufgrund von Geschlechtsmerkmalen wahrzunehmen. Die Kennzeichen beider Geschlechter wurden im sozialen Umgang vermittelt und gelernt (Winter 2011, S. 29 ff.). Mit dem Erkennen der Geschlechterstruktur und der eigenen Zuordnung zum männlichen Geschlecht sind Jungen in ihrer weiteren sexuellen Entwicklung auf männliche Skripte orientiert. Gerade weil das Männliche häufig mit Sexualität, sexueller Potenz konnotiert ist, ist die geschlechtliche Entwicklung von Jungen oft stark an Sexuelles gekoppelt: „Männlich“ und „Sexualität“ entfalten bei Jungen in Kindheit und Jugend eine Wechselwirkung und koppeln beide Aspekte aneinander.
Mütter und Väter kommunizieren mit ihren Söhnen schon im Säuglingsalter anders als mit ihren Töchtern. Dazu trägt auch das Verhalten des Jungen bei, bedingt durch das neonatale Imprinting (Kluge 2008). In der Folge lässt dies das Interesse am Sexuellen in der Kindheit und in der Jugendphase auch bezogen auf das soziale Geschlecht (Gender) unterschiedlich akzentuiert erscheinen. Möglicherweise gründet das stärkere Interesse an explizitem Sex, auch ohne Beziehung (und der höhere Prostitutions- und Pornografiekonsum), von Jungen und Männern auch in einem akzentuierteren Umgang mit der Welt und der Welt mit Jungen. Viele Jungen haben in der Jugendphase zwar durchgängig Beziehungswünsche, wenn diese auch als „serielle Monogamie“ verstanden werden. Nicht wenige finden aber erst allmählich über den Sex zur Liebe („bumsen kann ich alleine, aber lieben habe ich von meiner Freundin gelernt“; Gernert 2010, S. 182).
Jungen bevorzugen im Alter ab etwa 3 Jahren primär gleichgeschlechtliche Spielpartner; sie dienen ihnen als Orientierung im Geschlechtlichen. Beide Geschlechter entwickeln bereits als Kleinkinder unterschiedliche Beziehungsstrukturen. Mädchen bevorzugen flache Hierarchien und orientieren sich an sozialen Kompetenzen. Jungen ziehen Stärke, Macht und steile Hierarchien vor. Dabei bestehen allerdings große Überlappungen. Diese Strukturen beeinflussen das Geschlechterverhältnis nachhaltig.
Pubertät
Die Pubertät bringt mit der Entwicklung der Geschlechtsreife einerseits und der damit verbundenen Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale andererseits neue Dimensionen in das Verhältnis beider Geschlechter zueinander. Selbstbefriedigung, homoerotische „Übungskontakte“ und in der Folge homo- oder heterosexuelle Beziehungen bringen über Brust- und Genitalpetting sowie den verschiedenen Spielarten des Geschlechtsverkehrs neue und zumeist in der Zielsetzung tiefere Gefühlsstrukturen.
Die soziale Stellung und Interaktionen haben wesentlichen Einfluss auf die geschlechtsbezogene Entwicklung der männlichen Identität und auch auf die Entdeckung und Aneignung genitaler Sexualität. Nach den ersten expliziten sexuellen Erfahrungen in der Kindheit mit anderen Kindern (zeigen, anschauen, Doktorspiele) treten in der Latenzphase diese Erfahrungen in den Hintergrund. Mit der Pubertät werden andere Menschen als sexuelle Objekte wieder interessanter und damit auch die Verbindung von Sexualität mit Geschlechterbildern. Damit wird die sexuelle Entwicklung aber auch abhängig(er) von anderen, die den Jungen ja ebenfalls als attraktiv identifizieren müssen: Das Imponierverhalten und die Selbstdarstellung sind (wenn auch in Grenzen) durchaus im Sinne eines prosozialen Konzepts der Partnerfindung zu verstehen. Der Junge richtet sich auch danach, wie er sich Chancen bei – je nach seiner sexuellen Orientierung – der erwünschten Partnerin bzw. dem erwünschten Partner ausrechnen kann: Er muss dabei die eigenen sexuellen Wünsche mit dem verknüpfen, wie er denkt, dass er sein muss, um begehrt zu werden.
Als Schnittstelle zwischen Sex und Gender verweisen ethnokulturelle Studien darauf, dass solche reproduktive Sexualität ein zentrales Moment von Männlichkeitsvorstellungen und -ideologien darstellt (Gilmore 1991, S. 245). Durch diese kulturelle Verankerung ist männliche Sexualität auch im Biologisch-Reproduktiven unausweichlich durch Männlichkeitsbilder „besetzt“. Die Aneignung, das Praktizieren und Weiterentwickeln männlicher Sexualität bedeutet für Jungen und Männer immer Aneignung von, Auseinandersetzung mit und Bewältigung dieser Besetzung (Böhnisch/Funk 2002, S. 143 f.). Dazu nutzen sie Medien wie Zeitschriften, Fernsehen, Internet, aber auch Gleichaltrige und die Schule.
Fachlich weiter gefasst, gilt Sexualität heute als eine Form der Lebensenergie. Hier verbindet sich körperliches Streben (Erleben, Empfinden) mit sozialen Aspekten (Begehren, Interaktion). Wenn „Jungensexualität“ dem folgend (Sielert 2005, S. 41) als allgemeine, auf körperliche Lust bezogene Lebensenergie von Jungen definiert wird, öffnet sich ein weites Feld des Verhaltens und Erlebens. Es beinhaltet immer Formen der grundsätzlichen Akzeptanz und des Gelingens männlicher Sexualität, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit dem Gelingen von Beziehung, von Verständigung zwischen den beteiligten Personen. Gleichwohl scheint der Aspekt der Lust zumindest bei Jungen in ihrer reflektierten Perspektive auf heterosexuelle Sexualität zurückzustehen; sie stellen eher die Frage „Was wünscht das Mädchen?“ als „Wie komme ich zu meiner eigenen Lust?“.
Die Forschung zeigt, dass Gendernormen und Ungleichheiten bei der Machtverteilung die sexuellen Einstellungen und Praktiken, aber auch die sexuelle Gesundheit von Jungen und Mädchen negativ beeinflussen. Darüber hinaus sind die Gleichstellung der Geschlechter und die Erfüllung der Rechte junger Menschen wesentliche Voraussetzungen dafür, dass sie fundierte Entscheidungen über Sexualität und Gesundheit treffen – und auch danach handeln. Die mangelnde Gleichstellung der Geschlechter hat direkten Einfluss auf ein riskantes Sexualverhalten bzw. es sind die auf die Gleichstellung der Geschlechter zielenden Einstellungen mit einem verstärkten Gebrauch von Kondomen und Kontrazeptiva verbunden.
Das frühere Ejakularchealter, der frühere Beginn sexueller Aktivität und die geringere Akzeptanz von kontrazeptiven Maßnahmen, bei gleichzeitig gehäuftem Vorkommen wechselnder Partnerschaften und oftmals eingeschränkten Informationsmöglichkeiten bei Jungen mit Migrationshintergrund gibt Anlass zum Nachdenken. Hier sollte in einer pluralistischen Gesellschaft zukünftig in Informations- und Aufklärungskampagnen vermehrt auf Jungen (und Mädchen) mit Migrationshintergrund fokussiert werden.

Sexuelle Orientierung: Heterosexualität, Homosexualität und Bisexualität

Ein Teil der Identitätsfindung in der Jugendphase ist die Klärung der sexuellen Orientierung. Das Spektrum reicht hierbei von ausschließlich homosexuell über bisexuell bis zu ausschließlich heterosexuell. Die meisten Menschen bewegen sich nicht am einen oder anderen Extrempol, sondern sind auch in Richtung Bisexualität orientiert. So macht ein Teil der Jungen die ersten genitalsexuellen Erfahrungen mit anderen Jungen. Problematisch ist dabei die gesellschaftliche Normierung und Fixierung des Sexuellen, so dass nur ein Modell als normal oder zulässig definiert ist: nämlich das heterosexuelle. Gerade diese Engführung produziert allerdings in der Jugendphase unnötige Entscheidungskonflikte, schränkt die grundsätzliche sexuelle Vielfalt ein und führt damit zu (aktuellen oder späteren) Problemen. Genau genommen ist damit nicht die Vielfalt der Möglichkeiten Kern des Problems, sondern die normative Reduktion auf die eine sexuelle Orientierung.
Homosexualität
Mindestens 5 % aller Jungen – d. h. jeder zwanzigste – sind homosexuell veranlagt. Homosexualität ist demnach in hohem Maße „normal“. Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten ein erheblicher Wandel in der Bewertung männlicher Homosexualität stattfand, wird der gleichgeschlechtlichen Orientierung dieser Status der Normalität nicht uneingeschränkt zugestanden. Hintergrund dafür ist die über Jahrhunderte tradierte Abwertung, Tabuisierung, Pathologisierung und Bestrafung von Homosexualität. Mit dieser kulturellen und moralischen Hypothek ist Homosexualität belastet, auch wenn sich mittlerweile viele Männer öffentlich zu dieser sexuellen Orientierung bekennen. Allein darin, dass dies ein Thema ist, liegt ein Beleg für die nicht selbstverständliche Akzeptanz dieser Orientierung. Gleichwohl hat sich der Umgang mit Homosexualität entspannt. „Das Vorhandensein von Homosexualität wird von den Jungen wohl mehr als gegebene oder schicksalshafte Tatsache genommen, wobei es als besseres Los gilt, nicht schwul zu sein.“ (Winter und Neubauer 2004, S. 167).
Abgesehen von seltenen Schwierigkeiten mit sexuellen Praktiken Homosexueller, die aber auch bei Frauen auftreten können (Analverkehr), ist Homosexualität kein medizinisches, sondern in erster Linie eine psychische und soziale Thematik. Weil über der Homosexualität die Wahrnehmung der Abnormalität schwebt, ist es kein Zufall, dass viele Jungen irritiert oder verstört sind, wenn sie ihre homosexuelle Neigung entdecken oder allmählich bestätigt fühlen: Sie befürchten zu Recht Stigmatisierung oder zumindest Abwertung. Ihre Homosexualität kann zu Stress, Depressionen, psychischen Belastungen führen (Suizidzahlen sind bei homosexuellen Jungen deutlich erhöht).
In Medizin, Bildung und sozialer Arbeit bedeutet dies, aufmerksam zu sein und aktiv zu werden. Eine passive, abwartende Haltung kann dabei nicht ausreichen, weil aufgrund der Abwertung der Homosexualität der Schritt, sich dafür zu interessieren oder sich dazu zu bekennen, sehr groß sein kann: Alle Jungen benötigen Informationen darüber, dass und wie Homosexualität normal ist; diejenigen, die selber homosexuell sind oder werden, brauchen ggf. Unterstützung bei der Bewältigung von Ausgrenzungserfahrungen. Jungen benötigen von Erwachsenen klare Positionierungen in der Richtung, dass Homosexualität völlig normal ist und überall vorkommt. Wichtig ist dabei, Heterosexualität nicht versteckt als Norm darzustellen. Der Satz: „Wenn du/ihr einmal eine Frau hast/habt“ zementiert diese Norm, wichtig ist es, immer wieder einfließen zu lassen, dass es auch anders geht: „Wenn ihr später mal eine Partnerin oder einen Partner habt“ klingt zwar etwas umständlicher, öffnet Jungen aber Bandbreiten in der sexuellen Orientierung.
Bisexualität
Noch problematischer als Homosexualität ist eine echte bisexuelle Orientierung. Während vor allem dauerhafte homosexuelle Partnerschaften allmählich zumindest weitgehend akzeptiert werden (gleichgeschlechtliche Verpartnerung), gibt es für Bisexualität bislang keine akzeptierte Lebensform. Der unreflektierte Zwang zur Monogamie verlangt eine Entscheidung für eine sexuelle Orientierung. Wie bei Homosexualität ist es gerade Aufgabe von Jugendärzten und -ärztinnen Jugendliche und ihre Familien in solchen Konfliktsituationen vertrauens- und verständnisvoll zu beraten.

Verhütungsverhalten

Jungen mit deutscher Staatangehörigkeit sind in 58 % von ihren Eltern zur Empfängnisverhütung beraten worden (JmM: 41 %). Das Kondom ist mit deutlichem Abstand bei beiden Geschlechtern das Verhütungsmittel Nummer eins (76 %/75 %, JmM: 59 %, MmM: 75 %). Nur bei Jungen mit Migrationshintergrund ergibt sich, bei einem insgesamt höheren Anteil nicht verhütender Personen, ein deutlich niedrigerer Anteil der Kondomnutzung. Mit zunehmender Geschlechtsverkehrserfahrung tritt der Gebrauch des Kondoms hinter die Pille zur Kontrazeption zurück. Jungen mit Migrationshintergrund achten allerdings seltener auf eine funktionierende Kontrazeption („immer sehr genau“: 63 %, JmM: 49 %). Die „völlig Sorglosen“ sind aber auch hier in der Minderheit (3 %, JmM: 6 %). Insgesamt zeigt der 4-Jahrestrend eine rückläufige Tendenz bei der Nichtverhütung (Jungen: 1980 29 %, 2009 8 %). Der Langzeittrend des generellen Verhütungsverhaltens („achte immer sehr genau auf Verhütung“) hat sich allerdings seit 1984 nicht wesentlich geändert, bzw. ist sogar etwas ungünstiger geworden.
Nach wie vor wird Verhütung primär in der Kompetenz der Mädchen gesehen (sozusagen „direkt Betroffene“). Bei internationalen Kampagnen ist es schon länger deutlich geworden, wie sehr das Verhütungsverhalten der Mädchen und Frauen von der Einstellung des männlichen Partners geprägt ist. Daher ist man dort dazu übergegangen, vor allem die Jungen und Männer in den Fokus der Empfängnisverhütungsplanung zu nehmen. Das nach wie vor gängige Bild von Männlichkeit als Versorger und Beschützer bei gleichzeitiger Sozialisation in Peergruppen mit vorherrschend heterosexuellen Eroberungsvorstellungen und rigiden Gendernormen (z. B. „Mann sein“ definiert sich über sexuelle Potenz und Arbeit/Beruf/Finanzkraft) führt dazu, dass sexuelle Aufklärung sowie Themen rund um Verhütung und reproduktive Gesundheit als „Weiberkram“ angesehen werden. Dies gilt umso mehr, je geringer das Bildungsniveau und je „südlicher“ die männliche Sozialisation angesiedelt ist. Die generelle frühere Geschlechtsverkehrserfahrung der Jungen mit Migrationshintergrund ist Folge des Entwicklungsvorsprungs gegenüber den deutschen Jungen, des vorherrschend traditionellen Bildes von Männlichkeit und des oftmals geringeren Bildungshintergrundes. Dabei treffen sie auf Mädchen ohne Migrationshintergrund, die wesentlich liberalere Einstellungen zur Sexualität haben als Mädchen mit Migrationshintergrund.
Besonders problematisches Verhütungsverhalten findet sich u. a. bei kulturellen Differenzen und traditionellen Geschlechterrollen. Dies und die gerade bei Jungen mit Migrationshintergrund festzustellende schlechtere Verhütungsplanung muss zukünftig bei Beratung zur Kontrazeption stärker fokussiert werden, wobei vorrangig die Jungen angesprochen werden und traditionelle Geschlechterrollen hinterfragt werden sollten (siehe oben).

Pornografie

Zwei Drittel (69 %) aller befragten männlichen Jugendlichen (57 % aller Mädchen) hatten schon Kontakt mit Pornografie: 47 % der 11- bis 13-Jährigen, 84 % der 14- bis 17-Jährigen. Insgesamt nutzen 8 % aller Jungen und 1 % aller Mädchen Pornografie regelmäßig und 35 % der Jungen geben zu, „hin und wieder“ darauf zuzugreifen. Die Hälfte der 11- bis 13-Jährigen und ein Viertel der 14- bis 17-Jährigen wissen, dass diese Bilder und Filme nicht für ihre Augen bestimmt sind.
Während Mädchen Pornografie eher nicht ansehen möchten, finden Jungen sie mehrheitlich erregend. Meist konsumieren Jungen pornografisches Material mit Freunden, hier stehen der „Spaßfaktor“ und die Abgrenzung von solchen als absonderlich beurteilten Darbietungen im Vordergrund, Erregung ist „uncool“. Schauen Jungen alleine Pornografie, geht es jedoch um sexuelle Erregung.
Jungen, die früh Pornografie konsumieren, verfügen über weniger fortschrittliche Geschlechterbilder und haben lockerere Vorstellungen von sexuellen Normen; Skripte steuern den Sex. Je größer die eigene sexuelle Erfahrung wird, desto weniger jedoch greifen die vorgespielten Skripts der Pornowelt. Die Jungen können sehr wohl zwischen virtuellen und realen Sexwelten unterscheiden.
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