Pädiatrie
Autoren
W. von Sucholdoletz

Sprachentwicklungsstörungen

Sprachentwicklungsstörungen sind Störungen beim Erwerb des sprachlichen Regelsystems. Die Symptomatik ist heterogen, da bei den Kindern die einzelnen Sprachebenen unterschiedlich stark betroffen sind: Lautrepertoire (Phonetik und Phonologie), Wortschatz (Lexikon und Semantik), Grammatik (Morphologie und Syntax), - Sprechmelodie (Prosodie), Sprachgebrauch (Pragmatik). Verbreitet ist eine Einteilung nach der Ätiologie in umschriebene (spezifische) und sekundäre Sprachentwicklungsstörungen.
Definition und Klassifikation
Sprachentwicklungsstörungen sind Störungen beim Erwerb des sprachlichen Regelsystems. Die Symptomatik ist heterogen, da bei den Kindern die einzelnen Sprachebenen unterschiedlich stark betroffen sind:
  • Lautrepertoire (Phonetik und Phonologie),
  • Wortschatz (Lexikon und Semantik),
  • Grammatik (Morphologie und Syntax),
  • Sprechmelodie (Prosodie),
  • Sprachgebrauch (Pragmatik).
Verbreitet ist eine Einteilung nach der Ätiologie in umschriebene (spezifische) und sekundäre Sprachentwicklungsstörungen (Übersicht).
Klassifikation von Sprachentwicklungsstörungen
Wegen der hohen Variabilität des frühen Spracherwerbs kann die Diagnose erst nach dem 3. Lebensjahr gestellt werden. Zuvor wird weniger spezifisch von Sprachentwicklungsverzögerung anstelle von -störung gesprochen und die Kinder werden als Spätsprecher (Late Talkers) bezeichnet (Tab. 1).
Tab. 1
Leitsymptome von Sprachentwicklungsverzögerungen und -störungen
Sprachentwicklungsverzögerung
1. Lebensjahr
Verspätetes und vermindertes Lallen
2. Lebensjahr
Verminderter Wortschatz
3. Lebensjahr
Verminderte Äußerungslänge
Sprachentwicklungsstörung
4.–6. Lebensjahr
Fehler bei Syntax und Morphologie
Schulalter
Kurze, einfache Sätze; Probleme beim Erzählen
Jugend- und Erwachsenenalter
Probleme bei komplexen grammatischen Strukturen, idiomatischen Wendungen, Doppeldeutigkeiten und Ironie
Epidemiologie
Die Grenze zwischen der normalen Variationsbreite sprachlicher Fähigkeiten und einer Sprachstörung ist fließend. Je nachdem wo der Cut-off gesetzt wird und wie die Untersuchung erfolgt (Elternrating, Screening, Sprachtest), werden Häufigkeiten zwischen 5 und 20 % gefunden. Werden die Kriterien der ICD-10 herangezogen, wird die Häufigkeit für umschriebene Sprachentwicklungsstörungen mit 5–8 % angegeben, insgesamt werden 10–12 % der Kinder als sprachgestört klassifiziert. Jungen sind im Vergleich zu Mädchen etwa doppelt so häufig betroffen. Die Prävalenz hat sich nicht verändert, auch wenn Medienberichte und eine Zunahme der Zahl der Kinder in Sprachtherapie anderes vermuten lassen.
Ätiologie und Pathogenese
Sekundäre Sprachentwicklungsstörungen sind Folge einer sensorischen, neurologischen oder psychiatrischen Grunderkrankung. Bei umschriebenen Sprachentwicklungsstörungen lässt sich keine offensichtliche Erklärung für die Sprachauffälligkeiten finden (normale Intelligenz, keine Hörstörung oder sonstige Erkrankung, ausreichende Sprachanregung). Als ätiologischer Hauptfaktor gilt eine genetische Disposition (polygene, multifaktorielle Vererbung unter Beteiligung eines Hauptgens mit geschlechtsspezifischer Penetranz). Eine unzureichende Förderung erhöht das Risiko für die Manifestation einer genetisch bedingten Veranlagung, ist aber nur in Ausnahmefällen alleinige Ursache (Kaspar-Hauser-Syndrom). Ähnlich moderierend wirken hirnorganische Faktoren. Frühkindliche Hirnschädigungen führen bei Kindern ohne genetische Vorbelastung nicht zu umschriebenen, sondern zu sekundären Sprachentwicklungsstörungen im Rahmen einer allgemeinen kognitiven Beeinträchtigung.
Hinsichtlich der Pathogenese werden Funktionsstörungen in spezifischen Sprachregionen vermutet, die zu Fehlverarbeitung und einer unzureichenden Repräsentation von Sprache führen. Hypothesen, die eine der Sprachstörung zugrunde liegende neuropsychologische Basisstörung (auditive Wahrnehmungsstörung u. a.) als pathogenetischen Hintergrund annehmen, konnten nicht bestätigt werden.
Klinische Symptome und Verlauf
Umschriebene Artikulationsstörungen (F80.0) werden auch als Dyslalie bzw. phonologische, Lautbildungs- oder Aussprachestörung bezeichnet. Sie sind durch ein Auslassen, Ersetzen und fehlerhaftes Bilden von Lauten und durch Lautdifferenzierungsschwächen gekennzeichnet. Wortschatz- und Grammatikerwerb verlaufen altersentsprechend.
Leitsymptom expressiver Sprachentwicklungsstörungen ist ein Dysgrammatismus oft verbunden mit einem geringen Wortschatz und Lautbildungsstörungen. Bei rezeptiven Sprachentwicklungsstörungen ist zusätzlich das Sprachverständnis beeinträchtigt. Die Symptomatik besteht primär und ist altersabhängig (Tab. 1).
Diagnose und Differenzialdiagnose
Die Diagnostik bei einem Verdacht auf eine Sprachentwicklungsstörung hat zum Ziel, die Art und Schwere der sprachlichen Auffälligkeiten zu klären, Begleitstörungen zu erfassen, ursächliche Faktoren zu identifizieren und hemmende sowie fördernde Umwelteinflüsse zu erkennen. Sie beinhaltet folgende Schritte:
  • problemzentrierte Anamnese,
  • Beurteilung der Spontansprache in einer Spiel- oder Gesprächssituation,
  • differenzierte Beurteilung sprachlicher Fähigkeiten mit standardisierten und informellen Sprachtests,
  • Untersuchung auf häufig vorkommende Komorbiditäten (insbesondere Lese-Rechtschreib-Störung, emotionale und Verhaltensauffälligkeiten, motorische Koordinationsstörungen),
  • Abklärung möglicher Ursachen (insbesondere Hörstörung, Fehlbildungen der Sprechorgane, Intelligenzminderung, psychiatrische oder neurologische Erkrankungen),
  • Abgrenzung anderer Sprachstörungen (insbesondere Aphasie, Dysarthrie, Sprechapraxie, Dysglossie),
  • Beurteilung der Umweltbedingungen.
Bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern ist differenzialdiagnostisch eine Sprachentwicklungsstörung von Sprachauffälligkeiten durch einen unzureichenden Kontakt zur deutschen Sprache abzugrenzen. Nur wenn Spracherwerbsprobleme auch in der Muttersprache bestehen, ist von einer Entwicklungsstörung auszugehen und eine Sprachtherapie indiziert. Ansonsten sollte eine spezifische pädagogische Förderung in Deutsch erfolgen.
Therapie
Bei der Behandlung sprachgestörter Kinder steht eine Sprachtherapie im Vordergrund. Häufig sind jedoch weitere Interventionen erforderlich (Übersicht). Eine intensive Beratung und Einbeziehung der Eltern sollte in jedem Fall erfolgen. In den ersten Lebensjahren hat sich eine Anleitung der Eltern zu sprachförderndem Verhalten in Elterngruppen als besonders effektiv erwiesen.
Multimodale Therapie bei Sprachentwicklungsstörungen
  • Sprachtherapie
  • Beratung und Anleitung der Eltern
  • Gegebenenfalls Therapie von Begleitstörungen
  • Unterstützung der Integration in Kindergruppen
In der Sprachtherapie wird der Spracherwerbsprozess durch eine quantitative Erhöhung und qualitative Verbesserung des Sprachangebots und durch Anregung der Kinder zum aktiven Sprachgebrauch gefördert. Die zahlreichen sprachtherapeutischen Methoden beruhen auf zwei Grundkonzepten: einer Sprachförderung nach lerntheoretischen Prinzipien (strukturiert, übende Verfahren) und einer Sprachförderung in einer alltagsnahen Situation vergleichbar dem natürlichen Erstspracherwerb (naturalistische Methoden).
Häufig erfolgt zusätzlich ein Training von Basisfunktionen (Training der auditiven Wahrnehmung, der phonologischen Merkfähigkeit, des Rhythmusempfindens, der Motorik, der taktilen Wahrnehmung, der gerichteten Aufmerksamkeit u. a.). Die Effektivität solcher Trainings ist nicht belegt.
Die Wirksamkeit alternativer Methoden geht nicht über Placebo- und Kontexteffekte hinaus. Zu nennen sind: Tomatis-Therapie, anthroposophische Sprachgestaltung, Training der Seitigkeit, Training der Hemisphärenkoordination mit Lateraltrainer oder Audio-Video-Trainer, Osteopathie, Therapie eines KISS/KIDD-Syndroms, Therapie nach Doman und Delakato, neurofunktionelle Reorganisation nach Padovan, HANDLE-Therapie und neurophysiologische Entwicklungsförderung.
Prognose
Kinder mit einer umschriebenen Artikulationsstörung haben eine insgesamt gute Prognose. Die Langzeitprognose bei expressiven und insbesondere bei rezeptiven Sprachstörungen ist, wenn Sprachauffälligkeiten auch noch im Einschulungsalter nachweisbar sind, deutlich beeinträchtigt. Dann ist in einem hohen Prozentsatz mit einem Persistieren von Sprachauffälligkeiten, dem Auftreten einer Lese-Rechtschreib-Störung, emotionalen und Verhaltensstörungen und mit einer deutlichen Beeinträchtigung der schulischen und sozialen Entwicklungschancen zu rechnen.
Literatur
AWMF-Leitlinie (2011) Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen (SES), unter Berücksichtigung umschriebener Sprachentwicklungsstörungen (USES). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Interdisziplinäre S2k-Leitlinie, Registernr: 049/006. http://​www.​awmf.​org/​leitlinien/​detail/​ll/​049-006.​html. Zugegriffen am 02.10 2013
Keilmann A, Büttner C, Böhme G (2009) Sprachentwicklungsstörungen. Huber, Bern
von Suchodoletz W (2010) Therapie von Sprech- und Sprachentwicklungsstörungen. In: von Suchodoletz W (Hrsg) Therapie von Entwicklungsstörungen. Was wirkt wirklich? Hogrefe, Göttingen, S 57–87
von Suchodoletz W (2012) Sprech- und Sprachstörungen. Hogrefe, Göttingen
von Suchodoletz W (2013a) Sprech- und Sprachstörungen, Bd 18, Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie. Hogrefe, Göttingen
von Suchodoletz W (2013b) Ratgeber Sprech- und Sprachstörungen, Bd 18, Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Hogrefe, Göttingen