Pädiatrie
Autoren
Rainer Blank

Umschriebene Entwicklungsstörungen motorischer Funktionen

Die umschriebenen Entwicklungsstörungen motorischer Funktionen (UEMF) sind mit ca. 5–6 % die häufigsten motorischen Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter. Es bestehen häufige Komorbiditäten, v. a. mit Störungen der Aktivität und Aufmerksamkeit, der Sprache sowie Teilleistungsstörungen (Lese-, Rechtschreibstörungen). Die komplexen neurobiologischen Mechanismen werden zunehmend besser verstanden. Die Diagnose gründet sich auf 4 Kriterien: Beginn der Störung im Kindesalter, Ausschluss anderer Ursachen für die motorischen Störungen, Alltagsrelevanz und objektive Evaluation mittels Testdiagnostik. Als Therapiemethoden kommen v. a. aufgaben- und alltagsorientierte Verfahren infrage. Körperfunktionsorientierte Verfahren, v. a. motorisches Training wie z. B. Fitnesstraining können sinnvoll sein, insbesondere zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit und in psychosozialer Hinsicht. Gerade im Kontext mit anderen Entwicklungsstörungen spielt die UEMF eine wichtige Rolle bei der psychosozialen Prognose.
Epidemiologie
Die umschriebenen Entwicklungsstörungen motorischer Funktionen (UEMF) sind mit einer Prävalenz von 5–6 % (schwere Fälle ca. 2 %) bei einem erhöhten Jungenanteil (2:1 bis 7:1) die häufigsten motorischen Störungen im Kindesalter. Sie haben beträchtliche Konsequenzen für das tägliche Leben und zeigen ein breites Spektrum von Komorbiditäten. Zu nennen sind Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS, ca. 50 %), spezifische Sprachentwicklungsstörungen, Lernbehinderungen, Autismusspektrumstörungen (ASD) und Lese-Rechtschreib-Störungen (Kap. „Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“).
Definition
Die UEMF ist als eine separate, eigens zu betrachtende neurobiologische Entwicklungsstörung anzusehen. Die Störung tritt über kulturelle, ethnische und sozioökonomische Grenzen hinweg auf. Sie ist im Wesentlichen idiopathischer Natur. Bei Frühgeborenen und bei Kindern mit geringem Geburtsgewicht (etwa 2:1) ist eine Überrepräsentanz der UEMF bekannt; diese Kinder machen aber nur einen kleinen Anteil der Patienten aus.
Laut ICD-10 (revidierte Version 2007, WHO) ist die UEMF, angelsächsisch „Developmental Coordination Disorder“ (DCD), definiert als „Störung, deren Hauptmerkmal eine schwerwiegende Entwicklungsbeeinträchtigung der motorischen Koordination, die nicht allein durch eine Intelligenzminderung oder eine spezifische angeborene oder erworbene neurologische Störung erklärbar ist“.
Verschiedene neuro- und psychophysiologische Mechanismen, wie die antizipatorische Bewegungssteuerung, basale Prozesse motorischen Lernens und der kognitiven Steuerung in Abhängigkeit von Aufgabentyp und -schwierigkeit werden beschrieben. In bildgebenden Verfahren wurde eine verminderte kortikale Dicke im Bereich des rechten medialen orbitofrontalen Kortex sowie auffällige Aktivierungsmuster im Bereich der präfrontalen, parietalen und zerebellären Regionen gefunden. Ferner fanden sich ein verminderter Organisationsgrad im Bereich der weißen Substanz seitens der sensomotorischen Strukturen und schließlich eine veränderte strukturelle Konnektivität des Gehirns.
Diagnose
Nach der neuesten derzeit gültigen international konsentierten S3-Leitlinie (2019) gelten folgende Diagnosekriterien:
I.
Der Erwerb und die Ausführung von koordinierten motorischen Fertigkeiten ist erheblich unterhalb des Niveaus liegen, das aufgrund des Alters des Kindes und angemessenen Möglichkeiten zum Erwerb der Fähigkeiten zu erwarten wäre.
 
II.
Motorische Auffälligkeiten können sich manifestieren als:
1.
schlechter Gleichgewichtssinn, Tollpatschigkeit, Fallenlassen von oder Zusammenstoßen mit Gegenständen,
 
2.
fortbestehende Schwierigkeit beim Erwerb grundlegender motorischer Fähigkeiten (z. B. Fangen, Werfen, Treten, Rennen, Springen, Hüpfen, Schneiden, Anmalen, Schreiben).
 
Anamnestisch werden zuweilen merkliche Verzögerungen beim Erreichen von Meilensteinen in der motorischen Entwicklung (z. B. Gehen, Krabbeln, Sitzen) berichtet.
Das Kriterium wird durch Anamnese, Untersuchung und evidenzbasiert durch einen standardisierten motorischen Test untermauert, z. B. Bruininks-Oseretzky-Test-2, Movement-ABC-2.
 
III.
Die Störung in Kriterium I beeinträchtigt Aktivitäten des täglichen Lebens oder schulische Leistungen beträchtlich (z. B. Selbstversorgung, Schreiben, schulische Fertigkeiten, berufsvorbereitende und berufliche Aktivitäten sowie Freizeitaktivitäten und Spielen). Das Kriterium wird durch Anamnese, Untersuchung und einen standardisierten Fragenbogen, z. B. DCD-Questionnaire (Deutsche Version) untermauert.
 
IV.
Die Beeinträchtigung der motorischen Fähigkeiten ist nicht allein durch mentale Retardierung erklärbar. Die Störung kann nicht durch wie auch immer geartete spezifische angeborene oder erworbene neurologische Störungen oder irgendeine schwerwiegende psychosoziale Auffälligkeiten erklärt werden (z. B. schwere Aufmerksamkeitsdefizite oder schwere psychosoziale Probleme, wie z. B. Deprivation). Das Kriterium wird durch Anamnese und Untersuchung untermauert.
 
V.
Beginn der Symptome in der Kindheit (obwohl diese nicht immer bis in die Adoleszenz identifiziert werden).
 
Eine Frühdiagnostik (vor dem 3. Lebensjahr) ist bisher nicht valide bzw. reliabel möglich. Ein populationsbezogenes Screening ist nicht mit hoher Sensitivität möglich, allerdings scheinen bestimmte Fragebogenverfahren für ein Screening in klinischen Stichproben tauglich zu sein.
Die Diagnose ist altersabhängig zu stellen:
  • Unter 3 Jahren kann die Diagnose nicht sinnvoll gestellt werden.
  • Im Alter von 3 bzw. 4 Jahren kann die Diagnose in schweren Fällen gestellt werden. Wenn angemessene Lernmöglichkeiten bestanden haben und andere Ursachen ausgeschlossen wurden (z. B. Deprivation, genetische Syndrome, neurodegenerative Erkrankungen), soll die Diagnose UEMF auf Grundlage der Ergebnisse von zumindest 2 Untersuchungen in ausreichend langen Intervallen (mindestens 3 Monate) erfolgen.
  • Eine sichere Diagnosestellung ist ab dem Alter von 5 Jahren möglich bzw. sinnvoll.
Zeichen minimaler neurologischer Auffälligkeiten („soft signs“, choreatiforme Muster etc.) kommen bei schweren Formen, bei denen auch andere Komorbiditäten oft vorhanden sind, zwar gehäuft vor, eignen sich aber nicht für die Diagnosestellung einer UEMF.
Verlauf
Die UEMF besteht zu 50–70 % bis ins Erwachsenenalter hinein. Kommt eine Störung der Aktivität und Aufmerksamkeit (ADHS) hinzu, so ist bei über 50 % der Erwachsenen mit einem schlechten psychosozialen Outcome wie erhöhter Suchtgefahr, Dissozialität, niedrigerem Bildungsstatus zu rechnen (im Vergleich zu nur 13 % bei ADHS ohne UEMF). Sonstige Störungsfolgen von UEMF können sein: Adipositas (vor allem bei Jungen), verminderte Fitness, weniger Kontakte zu Gleichaltrigen (Einsamkeit), geringere Teilhabe, auffällige Eltern-Kind-Beziehung (höherer Unterstützungsgrad im Alltag erforderlich, erhöhte Frustration, Eltern trauen den Kindern weniger zu). Die Lebenszufriedenheit ist häufiger verringert, auch deshalb weil die Kinder gehäuft Mobbing-Opfer sind und emotionale Störungen (Selbstwertproblematik, soziale Unsicherheit, Trennungsprobleme), depressive Störungen, Angststörungen sowie zuweilen auch somatoforme Störungen (z. B. psychogene Schreibstörung, Gangstörung) entwickeln. Im späteren Lebensalter werden gehäuft auch Auffälligkeiten im Leseverständnis und Rechtschreibprobleme als Komorbidität gefunden.
Therapie und Prognose
Die bisher bekannten Frühinterventionsprogramme im motorischen Bereich scheinen keine Wirksamkeit zu haben.
Da UEMF nicht nur einen Mangel an Bewegungserfahrung, sondern eine Störung darstellt, bedarf es gezielter Therapie, vor allem im Einzelsetting. Zum Einsatz sollten vor allem aufgaben- und zielorientierte Verfahren kommen, die alltagsorientiert ausgerichtet sind, und deren Evidenz durch Studien untermauert ist. Beispiele hierfür sind z. B. die Verfahren Cognitive Orientation to Daily Occupational Performance Approach (CO-OP) und Neuromotor Task Training (NTT). Verfahren, die primär auf das Training von spezifischen motorischen Funktionen ausgerichtet sind, haben möglicherweise geringere Effektivität auf Alltagsfunktionen. Dennoch erscheint z. B. eine verstärkte körperliche Aktivität zur Verbesserung der Fitness und Vorbeugung oben genannter Folgeprobleme durchaus sinnvoll.
Für den nachhaltigen Therapieerfolg ist die Einbeziehung der Eltern bzw. der unmittelbaren Umgebung des Kindes von hoher Bedeutung.
Weiterführende Literatur
Blank R, Barnett AL, Cairney J, et al (2019) International clinical practice recommendations on the definition, diagnosis, assessment, intervention and psycho-social aspects of Developmental Coordination Disorder (DCD), Long version. Dev Med Child Neurol 61(3):242–285. https://​doi.​org/​10.​1111/​dmcn.​14132. Epub 2019 Jan 22CrossRef
Smits-Engelsman BC, Blank R, van der Kaay AC et al (2013) Efficacy of interventions to improve motor performance in children with developmental coordination disorder: a combined systematic review and meta-analysis. Dev Med Child Neurol 55(3):229–237CrossRef
Wilson PH, Ruddock S, Smits-Engelsman B et al (2013) Understanding performance deficits in developmental coordination disorder: a meta-analysis of recent research. Dev Med Child Neurol 55(3):217–228CrossRef