Pädiatrie
Autoren
Oskar Jenni

Wachstum und Entwicklung im Schulalter und in der Adoleszenz

Zwischen 6 und 12 Jahren eignet sich das Kind die grundlegenden Kulturtechniken an. Akademische Fähigkeiten und ein vielfältiges Wissen werden ihm besonders durch die Schule und andere Institutionen vermittelt. Die Beziehungen zu den Gleichaltrigen bekommen für das Schulkind eine immer größere Bedeutung, während es sich langsam von seinen Eltern abzulösen beginnt. In der Adoleszenz werden Entwicklung und Wachstum abgeschlossen. Zuvor macht der Organismus einen letzten Entwicklungsschub durch. Ein hormonell ausgelöster Reifungsprozess bewirkt einen Wachstumsspurt, einen Gestaltwandel und das Auftreten der sekundären Geschlechtsmerkmale. Die kognitiven Fähigkeiten erweitern sich um neue Denkkategorien. Im Bindungs- und Sozialverhalten findet ein tiefgreifender Umbruch statt. Dieses Kapitel beschreibt die wichtigsten Entwicklungsschritte und Wachstumsprozesse zwischen 6 und 18 Jahren.

Schulalter

Zwischen 6 und 12 Jahren eignet sich das Kind die grundlegenden Kulturtechniken an. Akademische Fähigkeiten und ein vielfältiges Wissen werden ihm besonders durch die Schule und andere Institutionen vermittelt. Die Beziehungen zu den Gleichaltrigen bekommen für das Schulkind eine immer größere Bedeutung, während es sich langsam von seinen Eltern abzulösen beginnt.

Wachstum

Die körperliche Entwicklung verläuft im Schulalter kontinuierlich weiter, aber mit etwas geringerer Intensität als in den ersten Lebensjahren. Die erste Streckung (mid-growth spurt) mit 7 Jahren fällt bei den meisten Kindern so schwach aus, dass sie nicht wahrgenommen wird. Die Körpergestalt bleibt während der mittleren Kindheitsperiode recht stabil. Die zweiten Zähne brechen ab dem 5.–7. Jahr bis ins Erwachsenenalter durch. Das lymphoide Gewebe kann im frühen Schulalter hypertroph sein; vergrößerte Tonsillen und Adenoide machen aber nur ausnahmsweise eine chirurgische Intervention erforderlich. Die Sexualorgane bleiben unreif.

Motorik

Im Verlaufe des Schulalters wird die Bewegungskoordination des Kindes immer besser und das Leistungsvermögen (z. B. das Tempo in einer motorischen Aufgabe) und die Kraft nehmen kontinuierlich zu (Abb. 1). Der unterschiedliche Kompetenzgrad, der dabei erreicht wird, ist von der familiären Disposition, der Reifungsgeschwindigkeit und der Trainingsintensität abhängig und äußert sich in einer großen interindividuellen Variabilität motorischer Funktionen.

Beziehungs- und Sozialverhalten

Im Schulalter wird das Kind fähig, selbstständig Kontakt zu Erwachsenen und Gleichaltrigen aufzunehmen (Abb. 2). Diese Beziehungen werden für das Kind in dieser Altersperiode so wichtig, dass sich ein Mangel nachteilig auf sein Wohlbefinden und Selbstwertgefühl auswirkt. Das Schulkind hat eine innere Bereitschaft, sich auf fremde Erwachsene auszurichten und von ihnen zu lernen. Es braucht – im Gegensatz zum Kleinkind – seine Eltern oder andere Hauptbezugspersonen immer seltener als Vermittler.
Das Schulkind ist nicht mehr auf die unmittelbare Nähe vertrauter Erwachsener angewiesen. Es braucht aber die Gewissheit, dass es jederzeit an eine Bezugsperson gelangen kann. Die Beziehung zu den Eltern bleibt die sichere Basis, von der aus das Kind außerfamiliäre Erfahrungen macht. Meilensteine der zunehmenden Unabhängigkeit sind Erfahrungen wie das erste Nächtigen im Hause eines Freundes oder die Teilnahme an einem Feriencamp.
Das Schulkind braucht nicht nur die Zuwendung und Anerkennung von Eltern und Bezugspersonen wie Lehrern, sondern immer mehr auch von seinen Kameraden. Es ist darauf angewiesen, dass es mit seinen Fähigkeiten und Leistungen von ihnen akzeptiert wird und sich so die Zugehörigkeit zu einer Gruppe sichern kann. Organisationen wie eine Sportgruppe bieten Gelegenheiten, Beziehungen zu Gleichaltrigen außerhalb der Familie aufzubauen. Kinder können sich gegenseitig ein Gefühl von Nähe und Sicherheit geben. Tiefe und tragfähige Freundschaften sind nun möglich, Freundschaften, die über Monate und Jahre andauern können. Aber auch Gegnerschaften und konflikthafte Beziehungen mit Gleichaltrigen gestalten das Beziehungsverhalten.
Die neuen Medien haben in den letzten Jahren zu großen Veränderungen im Beziehungs- und Sozialverhalten von Kindern geführt. So lernen sie heute schon im Schulalter, mit Kameraden über das Smartphone zu kommunizieren, sich medial und online im Internet zu informieren, zu spielen und sich zu beschäftigen. Schulkinder verfügen heute über eine große Vielzahl neuer Möglichkeiten der Kommunikation und Beziehungsgestaltung, die sie gleichzeitig aber auch neuen „Gefahren“ aussetzen.

Ernährungsverhalten

Das Ernährungsverhalten im Schulalter wird durch die Vorbildfunktion der Familie und durch das Verhalten von Gleichaltrigen wesentlich bestimmt. Fehlernährung von Schulkindern ist weit verbreitet. So bevorzugen Kinder oft Lebensmittel mit einer hohen Energiedichte (Junk Food und gesüßte Getränke).

Schlafverhalten

Einschlafstörungen sind in dieser Altersperiode recht häufig, weil sich der Einschlafzeitpunkt im Schulalter immer mehr in den Abend und in die Nacht verschiebt. Außerdem können Schulschwierigkeiten und Beziehungsprobleme mit Gleichaltrigen Einschlafschwierigkeiten begünstigen. Ab dem Schulalter können die Merkmale der inneren Uhr zuverlässig mit Fragebogen erfasst werden. Als Chronotypus wird diejenige Eigenschaft bezeichnet, die uns zum Morgentyp („Lerche“) oder Abendtyp („Eule“) macht. Der Morgentyp wacht in der Regel frühzeitig auf, erreicht sein Leistungsmaximum bereits am frühen Morgen und legt sich in der Regel abends relativ frühzeitig schlafen. Der Abendtyp hingegen wacht morgens tendenziell später auf, ist erst am Nachmittag und Abend voll leistungsfähig und geht entsprechend spät ins Bett.

Kognition

In den ersten Schuljahren eignen sich die Kinder die grundlegenden akademischen Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen an. Im Verlauf benutzen sie diese Grundkenntnisse, um Wissen zu erwerben, Zusammenhänge zu verstehen und Probleme zu lösen.
Im frühen Schulalter vollzieht sich der Wandel vom präoperationalen zum konkret logischen Denken. Das magische, egozentrische und wahrnehmungsgebundene Denken des Kleinkindes wird abgelöst durch ein erweitertes kognitives Verständnis. Das Schulkind versteht die Bedeutung von Regeln, vermag verschiedene Aspekte gleichzeitig zu berücksichtigen und seine Wahrnehmung durch logische Einsichten zu relativieren. Letzteres zeigt sich beispielsweise darin, dass für ein Schulkind, nicht aber für ein Kleinkind das Volumen einer Flüssigkeit konstant bleibt, wenn es von einem breiten und flachen Gefäß in ein hohes und schmales Gefäß umgegossen wird (Abb. 3).
Neben diesen mehr qualitativen Entwicklungsschritten im Denken der Kinder verändern sich auch andere grundlegende kognitive Leistungen. So nimmt beispielsweise die Zeit, die für die Verarbeitung von Informationen bei kognitiven Aufgaben nötig ist stark ab (z. B. die Zählgeschwindigkeit). Das führt unter anderem auch dazu, dass das Schulkind zunehmend mehr Gedächtnisinhalte (z. B. eine längere Zählspanne) behalten kann (Abb. 4). Auch die exekutiven Funktionen werden immer besser, die Aufmerksamkeitsleistung nimmt zu und ebenso die Fähigkeit ablenkende Reize zu kontrollieren.
Die interindividuelle und intraindividuelle Variabilität von Körpergröße, kognitiven Fähigkeiten, schulischen Fertigkeiten, Bewegungsverhalten und sprachlichen Kompetenzen ist im Schulalter sehr groß. Leistungsversagen und -verweigerung sowie sekundäre Verhaltensauffälligkeiten, wie motorische Unruhe, vermehrte Aggressivität und gestörtes Beziehungsverhalten, treten darum gehäuft auf. Kinder, die an solchen Störungen leiden, müssen diesbezüglich umfassend abgeklärt werden. Dazu gehört eine sorgfältige Beurteilung der intellektuellen Leistungsfähigkeit und die Erfassung von Teilleistungsschwächen, wie einer Leserechtschreibstörung (Legasthenie) oder einer Rechenstörung (Dyskalkulie), sowie die Untersuchung der motorischen, sprachlichen und sozialen Kompetenzen. Insbesondere müssen die Erwartungen und Erziehungsvorstellungen der Eltern und Lehrer in Erfahrung gebracht werden.
Interventionen sollten neben therapeutischen und pädagogischen Maßnahmen besonders darin bestehen, die schulischen Anforderungen den individuellen Fähigkeiten des Kindes anzupassen und das Umfeld so zu gestalten, dass das Kind seine Stärken einsetzen und positive Lernerfahrungen machen kann (Kap. „Grundlagen der kindlichen Entwicklung“).

Sprache

Die formale Sprachentwicklung ist im frühen Schulalter weitgehend abgeschlossen. Geringfügige Auffälligkeiten in Artikulation und Syntax kommen aber bei 5–10 % der Kinder noch vor. In der Grundschule geht es besonders darum, die Kompetenzen der gesprochenen Sprache weiter auszuweiten und auf die geschriebene Sprache zu übertragen (Lesen und Schreiben).

Adoleszenz

In der Adoleszenz werden Entwicklung und Wachstum abgeschlossen. Zuvor macht der Organismus einen letzten Entwicklungsschub durch. Ein hormonell ausgelöster Reifungsprozess bewirkt einen Wachstumsspurt, einen Gestaltwandel und das Auftreten der sekundären Geschlechtsmerkmale. Die kognitiven Fähigkeiten erweitern sich um neue Denkkategorien. Im Bindungs- und Sozialverhalten findet ein tiefgreifender Umbruch statt.

Wachstum

Die Pubertätsentwicklung kann anhand der Tanner-Stadien festgehalten werden (Tab. 1).
Tab. 1
Definition der Pubertätsmerkmale. Abkürzungen wie B2 oder P3 bezeichnen das Alter, bei dem eine Weiterentwicklung von einem bestimmten Pubertätsstadium zum nächsten stattfindet (nach Tanner 1962)
Stadium
Merkmale
Pubesbehaarung (P)
(beider Geschlechter)
PH1
Pubes nicht weiter entwickelt als Behaarung der Bauchhaut. Eigentliche Schamhaare fehlen
PH2
Spärliches Wachstum einzelner langer, pigmentierter Haare
PH3
Behaarung beträchtlich dunkler, gröber und stärker gelockt. Spärliche Ausbreitung über das Schamdreieck
PH4
Behaarung ähnelt dem Erwachsenen-Typ, jedoch erheblich geringere Ausbreitung und kein Übergreifen auf Oberschenkel
PH5
Erwachsenenbehaarung mit horizontaler oberer Begrenzung und Ausbreitung auf die Oberschenkel
PH6
Wie PH5, jedoch mit zusätzlicher Ausbreitung entlang der Linie alba (männlicher Behaarungstyp)
Brustentwicklung (B)
Mädchen
B1
Ausschließliches Hervortreten der Mamille
B2
Brustknospe, halbkugelige Vorwölbung im Bereich des Warzenhofs, der sich im Durchmesser vergrößert
B3
Weitere Vergrößerung über den Warzenhof hinaus, ohne Trennung ihrer Konturen
B4
Weitere Vergrößerung mit gesonderter Vorwölbung im Bereiche des Warzenhofs
B5
Reife Brust, Zurückweichen der Warzenhofvorwölbung in die allgemeine Brustkontur
Genitalentwicklung (G)
Jungen
G1
Testes, Skrotum und Penis haben die gleiche Größe wie in der früheren Kindheit
G2
Vergrößerung von Skrotum und Testes. Strukturveränderung und Rötung der Skrotalhaut. Penis unverändert
G3
Vergrößerung des Penis, zunächst hauptsächlich in der Länge. Weiteres Wachstum von Skrotum und Testes
G4
Dickerwerden des Penis und Entwicklung der Glans. Dunkelfärbung der Skrotalhaut
G5
Erwachsenengröße und -form des Genitales
Axillarbehaarung (AH)
AH1
Keine
AH2
Spärlich
AH3
Mäßig
AH4
Ausgedehnt
Das Hodenvolumen kann mit dem Orchidometer durch vergleichende Palpation geschätzt (Abb. 5) oder durch eine Sonografie exakt bestimmt werden.

Wachstum und Pubertät bei Mädchen

Der pubertäre Wachstumsschub setzt bei den Mädchen im Mittel mit 9,6 Jahren ein, erreicht seinen Gipfel mit 12,2 Jahren und findet seinen Abschluss zwischen 15 und 16 Jahren (Abb. 6). Die Mädchen erreichen 99 % der Erwachsenengröße im Mittel mit 15,3 Jahren.
Die Entwicklung der Pubesbehaarung setzt bei einem mittleren Alter von 10,4 Jahren ein (P2). Sie wird gefolgt von der Brustentwicklung (B2: 10,9 Jahre) und der Axillarbehaarung (A1: 12 Jahre). Während sich das Auftreten dieser 3 Pubertätsmerkmale über mehrere Jahre hinzieht, finden alle 3 Merkmale etwa gleichzeitig ihren Abschluss, nämlich bei einem mittleren Alter von 13,9–14 Jahren.
Die Pubesbehaarung tritt bei den meisten Mädchen zuerst auf, gefolgt von der Brustentwicklung und der Axillarbehaarung; Axillarbehaarung und Menarche treten nie als 1. Merkmal auf (Tab. 2). Selten wird als Entwicklungsvariante eine isolierte Schambehaarung/Achselbehaarung oder Brustentwicklung im vorpubertären Alter beobachtet (prämature Pubarche/Axillarche oder Thelarche).
Tab. 2
Zuerst auftretende Pubertätsmerkmale bei Mädchen und Jungen (nach Largo und Prader 1983a, b)
Mädchen
%
Jungen
%
Pubesbehaarung
53
Genitalentwicklung
41
Pubesbehaarung und Brustentwicklung
29
Hodenvolumen ≥3 ml
20
Brustentwicklung
18
Genitalentwicklung und Pubesbehaarung
17
Menarche
0
Genitalentwicklung und Hodenentwicklung ≥3 ml
9
 
0
Pubesbehaarung
8
  
Genitalentwicklung, Pubesbehaarung und Hodenvolumen ≥3 ml
5
Das durchschnittliche chronologische Alter der Menarche beträgt derzeit 12,8 Jahre. Alle Mädchen haben zum Zeitpunkt der Menarche den Gipfel des pubertären Wachstumsschubs überschritten. Mit der Menarche ist die Phase der größten Längenzunahme abgeschlossen.
Ein männlicher Behaarungstyp (P6) wird bei etwa 20 % der Mädchen bis zum 18. Lebensjahr beobachtet. In diesem Alter ist bei allen Mädchen die Axillarbehaarung voll entwickelt (A3). Gesichtsakne tritt frühestens mit 11,5 Jahren auf, kommt in den folgenden Jahren bei 50 % der Mädchen vor und ist nach dem 16. Lebensjahr rückläufig. 81 % aller Mädchen weisen zwischen 11 und 18 Jahren Akne unterschiedlichen Schweregrades und Dauer auf. Striae an den Hüften werden frühestens bei 12-jährigen Mädchen beobachtet. Bis zum 18. Lebensjahr treten sie bei insgesamt 41 % der Mädchen auf.
Die verschiedenen Pubertätsstadien können außerordentlich variabel eintreten (Tab. 3). Die Standardabweichungen reichen von 0,9–1,3 Jahre und die Streubereiche von 5–6,5 Jahre. So können die Pubesbehaarung und die Brustentwicklung bei einigen Mädchen bereits im Alter von 8–9 Jahren auftreten, bei anderen ist dies erst im Alter von 13–15 Jahren der Fall. Die Menarche kann frühestens zwischen 9 und 10 Jahren, spätestens zwischen 16 und 17 Jahren beobachtet werden.
Tab. 3
Normalwerte der Pubertätsentwicklung (nach Largo und Prader 1983a, b)
 
Mädchen
Jungen
Mittleres Auftreten
(Jahre)
Standardabweichung
(Jahre)
Streubereich
(Jahre)
Mittleres Auftreten
(Jahre)
Standardabweichung
(Jahre)
Streubereich
(Jahre)
Gipfel des pubertären Wachstumsschub
12,2
0,8
9,5–15,0
13,9
1,0
11,5–16,0
Pubesbehaarung
PH2
10,4
1,2
8,0–14,0
12,2
1,5
9,0–15,5
PH3
12,2
1,2
9,5–15,0
13,2
1,2
10,0–16,0
PH4
13,0
1,1
10,0–16,0
14,1
1,0
11,0–16,5
PH5
14,0
1,3
11,5–17,5
14,9
1,1
12,5–17,5
Brustentwicklung
B2
10,9
1,2
8,0–14,5
   
B3
12,2
1,2
9,0–15,5
   
B4
13,2
0,9
10,0–15,5
   
B5
14,0
1,2
12,0–18,0
   
Genitalentwicklung
G2
   
11,2
1,5
8,5–15,5
 
G3
   
12,9
1,2
10,0–16,0
 
G4
   
13,8
1,1
11,5–16,5
 
G5
   
14,7
1,1
12,5–7,5
Menarche
12,8
1,1
10,0–17,0
   
Stimmbruch
   
14,6
1,1
12,0–17,0
Hodenwachstum
Beginn
(≥3 ml)
  
11,8
0,9
9,5–15,5
  
Ende
  
15,3
1,2
12,5–18,5
B Brustentwicklung, G Genitalentwicklung, P Pubesbehaarung
Die Entwicklung der Pubesbehaarung dauert im Mittel 3,6 Jahre, die Dauer der Brustentwicklung beträgt im Mittel 3,2 Jahre. Im Einzelfall kann die Entwicklungsdauer weniger als 1 Jahr oder aber auch mehr als 6 Jahre betragen (Tab. 4).
Tab. 4
Dauer der Entwicklung von Pubesbehaarung und Brustentwicklung sowie zeitliche Beziehung zur Menarche (nach Largo und Prader 1983a, b)
Merkmal
Mittlere Abweichung
(Jahre)
Standardabweichung
(Jahre)
Streubereich
(Jahre)
Pubesbehaarung
P2–5
3,6
1,1
1,0–6,5
 
P2–M
2,7
1,1
0,5–4,9
Brustentwicklung
B2–5
3,2
1,4
0,5–6,5
 
B–M
2,2
1,1
0,2–6,5
B Brustentwicklung, M Menarche, P Pubesbehaarung
Die Entwicklung der Pubesbehaarung und der Brustentwicklung sind signifikant miteinander korreliert. Zwischen dem Auftreten der Pubesbehaarung bzw. der Brustentwicklung und dem Erscheinen der Menarche verstreichen im Mittel 2,7 bzw. 2,2 Jahre. Dieses Intervall kann weniger als 1 Jahr oder aber bis zu 6,5 Jahre betragen.
Die außerordentlich große Streuung im zeitlichen Auftreten der Pubertätsmerkmale wie auch in der Dauer der Pubertätsentwicklung führt dazu, dass zwischen 12 und 15 Jahren die meisten Mädchen sich in einem intermediären Stadium der Pubertätsentwicklung befinden; einige Mädchen sind körperlich bereits voll ausgereift und andere noch nicht in die Pubertätsentwicklung eingetreten. Diese großen interindividuellen Unterschiede in der somatischen Entwicklung können erhebliche psychosoziale Auswirkungen haben.
Zwischen den Pubertätsmerkmalen, dem Längenwachstum und der Knochenreifung bestehen signifikante Beziehungen. Für ein bestimmtes Stadium der Pubesbehaarung befinden sich 80–90 % der Kinder in 2 benachbarten Bruststadien. So weisen beispielsweise 87 % der Mädchen, die ins Stadium P3 eintreten, ein Stadium B2 oder B3 auf. Die Gesichtsakne setzt bei der Mehrheit der Mädchen im Stadium 4 und 5 der Brustentwicklung ein.
Zum Zeitpunkt des Auftretens der Schambehaarung und der Brustentwicklung haben die Mädchen im Durchschnitt 85,1 bzw. 87,2 % der Erwachsenengröße erreicht (Tab. 5). Dies entspricht einem verbleibenden Längenwachstum von durchschnittlich 24,5 bzw. 21,1 cm. Zu berücksichtigen sind wiederum die großen Standardabweichungen.
Tab. 5
Verbleibendes Wachstum bei Auftreten von Pubesbehaarung und Brustentwicklung (nach Largo und Prader 1983b)
Größe/Wachstum
P2
B2
Mittelwert
Standardabweichung
Mittelwert
Standardabweichung
Erreichte Erwachsenengröße (%)
85,1
3,0
87,2
2,9
Verbleibendes Wachstum (cm)
24,5
5,1
21,1
5,0
B Brustentwicklung; P Pubesbehaarung
Der Gipfel des pubertären Wachstumsschubs wird von den meisten Mädchen im Stadium 2 und 3 der Pubesbehaarung und Brustentwicklung erreicht (Tab. 6). Beim Eintreten der Menarche befinden sich 20–30 % der Mädchen im Stadium 3 der Pubesbehaarung und Brustentwicklung, etwa 40 % im Stadium 4 und wiederum 20–30 % im Stadium 5 (Tab. 7).
Tab. 6
Prozentuale Verteilung der Pubesbehaarung und Brustentwicklung zum Zeitpunkt des pubertären Wachstumsgipfels (nach Largo und Prader 1983b)
Merkmal
Stadium 1
Stadium 2
Stadium 3
Stadium 4
Stadium 5
Pubesbehaarung (%)
4
37
49
10
 
Brustentwicklung (%)
5
43
47
2
3
Tab. 7
Prozentuale Verteilung der Pubesbehaarung und Brustentwicklung zum Zeitpunkt der Menarche (nach Largo und Prader 1983b)
Merkmal
Stadium 1
Stadium 2
Stadium 3
Stadium 4
Stadium 5
Pubesbehaarung
(%)
0
3
20
46
31
Brustentwicklung
(%)
0
5
31
40
24
Zwischen Menarche und Knochenalter besteht eine engere Korrelation als zwischen Menarche und chronologischem Alter. Die Menarche tritt bei einem mittleren Knochenalter von 13,2 Jahren auf; die Standardabweichung ist deutlich kleiner als zwischen Menarche und chronologischem Alter (0,7–1,1 Jahre). Die Menarche setzt bei 90 % der Mädchen bei einem Knochenalter von 12,5–14,5 Jahren ein.
Die pubertäre Gewichtszunahme beträgt etwa 40 % des Erwachsenengewichts. Sie hinkt um einige Monate hinter dem Längenwachstum her. Der Adoleszente streckt sich zuerst und legt erst dann an Fülle zu. Bei den Mädchen nimmt vor allem das Fettgewebe und bei den Jungen das Muskelgewebe zu. Nach Frisch und Revelle setzt die Menarche bei einem mittleren Körpergewicht von 48 kg ein (Streuung: 33,3–72,5 kg).
Die mittlere Größe bei der Menarche beträgt 156,9 cm, was einer erreichten Erwachsenengröße von 95,3 % entspricht oder einem verbleibenden Größenwachstum von durchschnittlich 7,8 cm. Im Einzelfall können diese Werte wiederum außerordentlich variieren. So gibt es Mädchen, die zum Zeitpunkt der Menarche weniger als 90 % ihrer Erwachsenengröße erreicht haben; sie werden nach der Menarche noch bis zu 18 cm wachsen. Andere Mädchen weisen bereits 99,2 % ihrer Erwachsenengröße auf; das verbleibende Größenwachstum beträgt lediglich noch 1,4 cm.
Im ersten Jahr nach der Menarche beträgt die Zykluslänge bei 70 % der Mädchen 21–35 Tage, bei 7 % der Mädchen weniger als 21 Tage und bei 23 % mehr als 35 Tage (Tab. 8). Mit zunehmendem gynäkologischem Alter nimmt die Zahl der kurzen wie auch der sehr langen Zyklen ab. Diese Regulierung der Menstruationszyklen geht mit einer Zunahme der ovulatorischen Zyklen einher. Im 1. Jahr nach der Menarche weisen lediglich 14 % der Mädchen ovulatorische Zyklen auf. Bis zum Ende des 2. Jahres sind es bereits 50 % und im 5. Jahr 87 % der Mädchen. Damit hat sich bei den meisten Mädchen die Geschlechtsreife eingestellt.
Tab. 8
Zyklusdauer und Auftreten ovulatorischer Zyklen in Abhängigkeit vom gynäkologischen Alter (nach Apter und Vihko 1977)
Zykluslänge
Gynäkologische Alter (Jahre)
0
1
2
3
4
5
<21 Tage (%)
7
4
4
3
3
3
21–35 Tage (%)
70
76
77
81
81
88
>35 Tage (%)
23
19
19
15
16
9
Ovulatorische Zyklena (%)
14
38
50
48
64
87
aSerumprogesteron <2 ng/ml (20–23 Tage)

Wachstum und Pubertät bei Jungen

Bei den Jungen setzt die Pubertätsentwicklung mit einer Vergrößerung der Hoden von einem präpubertären Volumen von 1–2 auf mindestens 3 ml ein (Abb. 6 und 7 sowie Tab. 3). Der Hodenvergrößerung folgt die Entwicklung des Genitales sowie der Pubes- und Axillarbehaarung. Ejakulationen treten erstmals im letzten Drittel der Pubertätsentwicklung auf. Der Gipfel des pubertären Wachstumsschubs stellt sich mit etwa 14 Jahren ein. Der Stimmbruch tritt immer nach dem Gipfel auf. Die Erwachsenengröße wird im Mittel mit 17 Jahren erreicht. Akne wird bei 30 % der Jungen bis zum 18. Lebensjahr beobachtet. Die Entwicklung des Bartwuchses und der Körperbehaarung setzt sich bis ins 3. Dezennium fort.
Die Pubertätsentwicklung der Jungen ist wie bei den Mädchen durch eine große Variabilität bezüglich Zeitpunkt und Dauer gekennzeichnet (Tab. 3 und 4). Im Alter von 12–15 Jahren sind gleichaltrige Jungen sehr unterschiedlich weit entwickelt. Die Mehrheit steht mitten in der Pubertätsentwicklung, einige Jungen sind bereits geschlechtsreif und andere weisen noch keine sekundären Geschlechtsmerkmale auf. Eine erhebliche körperliche Entwicklungsverzögerung bei einem Jungen kann zu sozioemotionalen Auffälligkeiten führen.
Ein relativer Östrogenüberschuss zu Beginn der Pubertät führt bei 60 % der Jungen zu einer, oft nur einseitigen, Vergrößerung der Brustdrüsen. Eine solche Gynäkomastie verschwindet bei mehr als 90 % der betroffenen Jungen im Verlauf von 1–2 Jahren. Sie kann, wenn sie ausgeprägt ist, allerdings zu einer psychosozialen Belastung werden. Eine chirurgische Behandlung ist nur sehr selten und immer erst nach Abschluss der Pubertätsentwicklung angezeigt.
Bei beiden Geschlechtern stimulieren die Androgene die Talgdrüsen, was den Körpergeruch verändert und Akne auslösen kann. Die Ausweitung des Augapfels kann zur Entwicklung einer Kurzsichtigkeit führen. Die Vergrößerung und Verlagerung des Larynx geht, beim männlichen Geschlecht weit ausgeprägter als beim weiblichen, mit einer Absenkung der Stimmhöhe einher. Im Verlauf der Pubertät verdoppelt sich die Herzgröße. Damit nehmen Blutdruck und Blutvolumen, aber auch andere klinische Parameter wie Lungenkapazität und Hämatokrit deutlich zu.

Motorik

Jungen und Mädchen beginnen sich bereits im Schulalter, noch mehr aber in der Adoleszenz in Bezug auf Muskelmasse und Körperbau zu unterscheiden, was sich in einer unterschiedlichen motorischen Leistungsfähigkeit widerspiegelt (z. B. im Weitsprung aus dem Stand, Abb. 8).
Die Ausreifung des motorischen Systems wird im Verlauf der Adoleszenz abgeschlossen. Geschicklichkeit, Bewegungsgeschwindigkeit und Gleichgewicht nehmen nicht mehr weiter zu. Motorische Fertigkeiten können aber auch im Erwachsenenalter durch Einüben erworben und durch Training verbessert werden.

Beziehungs- und Sozialverhalten

Das Beziehungsverhalten erfährt in der Adoleszenz einen Bruch, der in seinem Ausmaß der Tiefe der bedingungslosen Bindung in den ersten Lebensjahren entspricht. Die Bindung zu den Eltern und anderen Bezugspersonen schwächt sich so weit ab, dass der junge Mensch frei wird, um neue Beziehungen einzugehen und nach einigen Jahren selbst eine Familie zu gründen. Die innerliche Neuorientierung der Jugendlichen wirkt sich auf ihr Beziehungsverhalten aus. Die körperliche Distanz zu den Eltern wird größer. An einem Meinungsaustausch mit den Eltern sind sie nur noch wenig oder überhaupt nicht mehr interessiert. Mit der emotionalen Ablösung von den Eltern haben sie kaum mehr Angst vor einem Liebesentzug, wenn sie sich den Eltern entgegenstellen. Sie sind immer weniger bereit, ihr Verhalten nach ihnen auszurichten. Sie lassen sich von den Eltern emotional kaum mehr kontrollieren.
Jugendliche stellen sich in ihrem Bindungsverhalten auf Gleichaltrige ein, die ihnen die Geborgenheit und Zuwendung geben sollen, die sie bisher von den Eltern erhalten haben (Abb. 9). Die Erwartungen, die sie dabei an Gleichaltrige stellen, sind kaum kleiner als diejenigen, die sie bisher an die Eltern richteten: bedingungslose Treue und unzerstörbare Beziehungen.
Jugendliche wollen als Person mit ihrer Erscheinung, ihren Fähigkeiten und Leistungen von anderen Jugendlichen akzeptiert werden. Sie reagieren überaus empfindsam auf ihre Einschätzung von Stärken und Schwächen. Um von ihnen angenommen zu werden, sind sie bereit, Risiken einzugehen (z. B. in einem durch Imponiergehabe ausgelösten, aggressiven Autofahren). Die meisten Jugendlichen sind ständig bemüht zu gefallen und reagieren überempfindlich auf Ablehnung und Verlust. Das Schlimmste, was Jugendlichen zustoßen kann, ist, von den Gleichaltrigen nicht akzeptiert zu werden. Das Ausmaß ihrer Verzweiflung ist durchaus mit dem Verlassenheitsgefühl eines Kindes vergleichbar, das sich von den Eltern abgelehnt fühlt. Wie schwerwiegend der Beziehungsnotstand vieler Jugendlicher ist, zeigt der sprunghafte Anstieg psychosomatischer Störungen wie Anorexie sowie der Suizidrate in der Adoleszenz.
Die Bedrohungen, denen Jugendliche ausgesetzt sind, sollten Eltern und Fachleute bei aller Ablehnung, die sie immer wieder von ihnen erfahren, bedenken. Jugendliche sind in ihrem Streben nach Unabhängigkeit auf die Unterstützung der Eltern und anderer Bezugspersonen angewiesen. Sie brauchen das Gespräch mit und den Rückhalt bei vertrauten Erwachsenen, die aber nicht versuchen sollten, sie in ihrem Denken und in ihren Gefühlen zu beeinflussen. Anfänglich sozialisieren sich die Jugendlichen in gleichgeschlechtlichen Gruppen. Abwertende Sprüche, Neckereien gegenüber dem anderen Geschlecht und Gerüchte darüber, wer wen mag, spiegeln das unterschwellige sexuelle Interesse wider. Weibliche Freundschaften basieren auf gegenseitigem Vertrauen, während sich die männlichen besonders auf gemeinsame Aktivitäten und Wettbewerb stützen.
Das Interesse am anderen Geschlecht wächst allgemein mit dem Einsetzen der Pubertät. Die sexuelle Entwicklung (Küssen, Petting, Geschlechtsverkehr) weist jedoch eine sehr große interindividuelle Variabilität auf. Sie hängt wesentlich vom individuellen Reifungstempo ab, aber auch von sozialen und kulturellen Faktoren. Wissen über das Risiko einer Schwangerschaft, die Gefahr von AIDS und anderen sexuell übertragbarer Krankheiten vermag das Verhalten nur begrenzt zu beeinflussen.
Im Verlauf der Adoleszenz nimmt die Partnersuche zu und das Bedürfnis nach der gleichgeschlechtlichen Gruppe ab. Das sexuelle Experimentieren vermindert sich und intime Beziehungen bestimmen zunehmend das Beziehungsverhalten. Werte wie Liebe, Zugehörigkeit und gegenseitige Verantwortung werden immer bedeutungsvoller.

Ernährungsverhalten

Jugendliche wollen über ihren Körper und seine Bedürfnisse selbst bestimmen. Sie lehnen die Fürsorge der Eltern geradezu ab. Was sie essen und trinken, wollen sie selbst entscheiden. Ob ihr Verhalten sinnvoll und ihrem Körper zuträglich ist, kümmert sie oft wenig. Mit dieser Haltung ist eine Risikobereitschaft (z. B. Alkoholexzesse, Drogen etc.) verbunden, die unterschiedlich lang andauern und individuell verschieden ausgeprägt sein kann.

Schlafverhalten

Jugendliche verschieben im Verlauf der Pubertät den Einschlafzeitpunkt immer mehr in den Abend und die Nacht hinein. Tatsächlich verschiebt sich die innere Uhr und der zirkadiane Rhythmus mit der Pubertät zeitlich nach hinten und der homöostatische Schlafdruck baut sich zunehmend tagsüber langsamer auf. Diese biologischen Prozesse erklären, warum Jugendliche später ins Bett gehen und später aufstehen möchten. Zudem nimmt der elterliche Einfluss auf den Einschlafzeitpunkt der Jugendlichen immer mehr ab. Roenneberg hat den Umkehrzeitpunkt (dann, wenn die Jugendlichen wieder früher zu Bett gehen) als „Ende der Adoleszenz“ bezeichnet (Abb. 10).

Kognitive Entwicklung

Nach der Theorie von Piaget aus dem Jahre 1975 markiert die Adoleszenz den Übergang vom konkret operationalen zum formal logischen Denken. Letzteres ermöglicht den Umgang mit abstrakten Begriffen, z. B. in Algebra, befähigt das Argumentieren aufgrund bestimmter Prinzipien sowie das Entscheiden unter Zuhilfenahme von Kriterien. Zu den formal logischen Fähigkeiten gehört auch die Möglichkeit, über das Denken selbst nachdenken zu können. Gewisse Adoleszenten zeigen bereits im späten Schulalter formales Denken, andere verfügen über diese Fähigkeit erst gegen Ende der Pubertät, und wieder andere erwerben sie nie.
Eine starke emotionale Beteiligung vermag formal logisches Denken immer wieder zu dominieren. So kann beim Autofahren die Überzeugung, gegen Unfälle gefeit zu sein, zu einem irrationalen Verhalten verleiten. Dieser Umstand wurde kürzlich mit einem neurobiologischen Modell erklärt (Abb. 11). Während subkortikale, limbische Hirnareale, welche Handlungen emotional bewerten und belohnen, bereits früh reif sind, so entwickeln sich die frontalen Hirnregionen langsamer. Eine Konsequenz dieser Prozesse ist, dass bei aufregenden Situationen die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass Emotionen die Handlungen der Jugendlichen stärker beeinflussen als rationale Entscheidungen. Das in der Adoleszenz häufig auftretende risikoreiche Verhalten kann in diesem Modell als Ungleichgewicht zwischen der Suche nach Abwechslung und aufregenden Erfahrungen und der unreifen Selbstregulation und kognitiven Kontrolle betrachtet werden.

Selbstwahrnehmung

Zu Beginn der Adoleszenz wird die Selbstwahrnehmung geprägt durch die körperlichen Veränderungen. Junge Adoleszenten gehen sehr kritisch mit ihrer äußeren Erscheinung um und haben oft das Gefühl, jedermann starre sie an. Geringfügige Verzerrungen der Körperwahrnehmung scheinen universal zu sein. Eine schwerwiegende gestörte Eigenwahrnehmung, wie sie bei der Anorexie auftritt, kommt besonders in der Frühphase der Pubertät vor. Die körperlichen Veränderungen können das Selbstwertgefühl verbessern, besonders bei Jungen, aber auch vermindern, eher bei Mädchen. Im Verlauf der Adoleszenz nimmt der Einfluss, den die Peergroup auf die Bekleidung, Aktivitäten und Verhalten des Jugendlichen ausübt, immer mehr ab. Körperliche Attraktivität und Ansehen bleiben aber kritische Faktoren, sowohl in der Beziehung zu Gleichaltrigen wie auch für das eigene Selbstwertgefühl. Mädchen neigen dazu, sich selbst und ihre Kameradinnen aufgrund der zwischenmenschlichen Beziehungen einzuschätzen, während sich die jungen Männer eher auf bestimmte Fähigkeiten ausrichten.
Manche Adoleszenten philosophieren gerne über die Bedeutung des Lebens. Intensive Gefühle, Aufgewühltsein und tiefste Traurigkeit begleiten seine Gedanken und sind gelegentlich schwierig von Symptomen psychiatrischer Krankheiten abzugrenzen. Existenzielle Fragen beschäftigen ihn: Wer bin ich? Weshalb bin ich hier? Mögliche Antworten auf diese Fragen beinhalten eine Selbstbeurteilung und eine Einschätzung der eigenen Möglichkeiten. Ein zunehmend realistisches Rollenmodell löst das idealisierte der Vergangenheit langsam ab. Gegen Ende der Adoleszenz wird die Selbstwahrnehmung immer mehr durch die Stellung bestimmt, die der junge Erwachsene in der Gesellschaft künftig einnehmen wird.

Moralische Entwicklung

Im präadoleszenten Alter sind für ein Kind „richtig“ und „falsch“ absolute und nicht diskutierbare Werte. Einem Menschen ein Stück Brot zu geben, der hungert, ist für ein Kind nicht erlaubt, wenn es dafür das Brot stehlen muss. Adoleszente versuchen, diese Art von Moralität zu überwinden und sich an übergeordneten ethischen Vorstellungen zu orientieren. Sie hinterfragen die Verhaltensstandards der Eltern und der Gesellschaft. Sie beginnen sich für soziale Zusammenhänge, die über ihren Verwandten- und Bekanntenkreis hinausgehen, zu interessieren und beschäftigt sich mit politischen und ökologischen Fragen.
Das erweiterte Denken erleben Jugendliche als eine innere und äußere Befreiung. Sie wollen in die Welt hinausgehen und sich ihr stellen. Sie neigen anfänglich zu realitätsfernen Erwartungen, vorschnellen Urteilen und Selbstüberschätzung. Jugendliche sind oft idealistisch bis absolutistisch und intolerant gegenüber andersartigen Vorstellungen. Religiöse und politische Gruppierungen, die einfache Antworten auf komplexe Fragen versprechen, weisen für manche Jugendliche eine große Attraktivität auf.

Sprache

Die Ausreifung der morphologischen und funktionellen Sprachstrukturen wird in der Adoleszenz abgeschlossen. Während sich die Kinder im vorpubertären Alter eine Sprache durch Anhören und Erleben erwerben können, ist ein solch ganzheitliches Erlernen nach der Adoleszenz nur noch ausnahmsweise möglich. Die meisten Erwachsenen müssen sich eine Sprache analytisch aneignen, indem sie sich intensiv mit dem Vokabular und den und syntaktischen Regeln auseinandersetzen.
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