Pädiatrie
Autoren
Oskar Jenni

Wachstum und Entwicklung in der Pränatal- und Neugeborenenperiode

Differenzierung, Spezifizierung und Wachstum des kindlichen Organismus sind nie größer als in der Pränatalperiode. Nach der Geburt muss sich das Kind an die neuen Lebensbedingungen anpassen. Dieses Kapitel beschreibt das Wachstum, die Entwicklung der Motorik, des Beziehungsverhaltens, des Ernährungs- und Schlafverhaltens sowie der kommunikativen Fähigkeiten vor der Geburt und in den ersten Lebenstagen.

Pränatalperiode

Differenzierung, Spezifizierung und Wachstum des kindlichen Organismus sind nie größer als in der Pränatalperiode. Damit verbunden sind zahlreiche Risiken und eine hohe Mortalität. Mindestens 30 % der Schwangerschaften enden mit einem Spontanabort, zumeist während des 1. Trimesters und oftmals als Folge einer chromosomalen Störung. Der Uterus bietet dem Kind viel Schutz, ist aber dennoch durchlässig für zahlreiche Umwelteinflüsse, wie Infektionen (z. B. Toxoplasmose, Röteln) und chemische Noxen (z. B. Quecksilber, antiepileptische Medikamente, Alkohol oder Drogen). Hohe Temperatur und Bestrahlung können zu körperlichen und geistigen Störungen sowie zu einer Wachstumsverminderung führen. Etwa 5 % der Kinder sind frühgeboren, d. h. sie kommen vor der vollendeten 37. SSW auf die Welt.

Wachstum

Die körperliche Entwicklung zwischen Zeugung und Geburt dauert ca. 40 Wochen und umfasst 3 Perioden (Abb. 1).

Organanlage

In den ersten 8 Lebenswochen werden die Organe angelegt. Nach einer Phase intensiver Zellteilung bilden sich mit 14 Tagen eine Körpersymmetrie sowie ein Kopf- und ein Schwanzende aus. Daraufhin beginnen sich die verschiedenen Gewebe zu differenzieren. Die Neuralplatte erscheint an der ektodermalen Oberfläche des trilaminaren Embryos, faltet sich zum Neuralrohr ein und bildet die neurale Leiste, die zum peripheren Nervensystem wird. Zwischen 21 und 28 Tagen entstehen die Herzkammern, Gefäße sprießen aus und vereinigen sich zu einem Blutkreislauf. Ein einfacher Darm entsteht, aus dem die Leber, die Bauchspeicheldrüse und die Lungen durch Ausstülpungen hervorgehen. Die Somiten, Vorläufer der Skelettmuskeln und Wirbel, erscheinen. Mit 42 Tagen sind die ersten Fingerstrahlen sichtbar. Aus den Schlundbögen entwickeln sich Mandibula, Maxilla und äußeres Ohr. Die Linsenplakoden treten auf, die den Sitz des zukünftigen Auges bestimmen. Anfang des 3. Schwangerschaftsmonats sind alle Organe angelegt. Das Kind ist zu diesem Zeitpunkt etwa 30 g schwer und 6 cm lang.

Organdifferenzierung

Im 3.–6. Schwangerschaftsmonat differenzieren sich die Organe bis zur Funktionstüchtigkeit aus. Lungenbläschen und Bronchien werden gebildet, die Produktion des Surfactantfaktors setzt ein. Das Hör- und Gleichgewichtsorgan sowie die Augen reifen aus. Die Myelinisierung des Nervensystems setzt ein. Ende des 2. Schwangerschaftstrimenons sind die Organsysteme so weit ausgereift, dass die meisten Kinder, die in der 25.–27. SSW auf die Welt kommen, mithilfe der modernen Geburtshilfe und Neonatologie überleben. Das Körpergewicht beträgt in diesem Alter 500–800 g und die Körperlänge etwa 35 cm.

Organwachstum

Im letzten Schwangerschaftstrimenon nehmen die Kinder an Länge und an Gewicht zu. Sie vergrößern ihr Körpergewicht zwischen der 26. und 40. SSW um das 4- bis 7-Fache. Die Gewichtszunahme ist durch eine Vergrößerung aller Organe und die Bildung eines kräftigen Unterhautfettgewebes bedingt, das postnatal als Wärmeschutz und Energiespeicher dient.
Am Termin geborene Jungen sind durchschnittlich 3500 g und Mädchen 3300 g schwer. Sie weisen eine mittlere Körperlänge von 52 bzw. 50 cm auf. Für die meisten Zwillinge wird die plazentare Versorgung in den letzten Schwangerschaftswochen unzureichend. Ihr Geburtsgewicht ist deshalb im Durchschnitt 600 g niedriger als dasjenige von Einzelkindern. Ihr Längenwachstum ist zumeist nicht beeinträchtigt. Drillinge und Vierlinge sind in ihrer Versorgung noch mehr eingeschränkt als Zwillinge. Sie sind daher bei der Geburt wesentlich leichter und auch kleiner als Einzelkinder.

Motorik

Die werdende Mutter verspürt Kindsbewegungen erstmals mit 16–20 SSW. Die Anfänge der motorischen Aktivität des ungeborenen Kindes reichen jedoch weit in die Frühschwangerschaft zurück.
Im Ultraschall sind einfache Bewegungen bereits in der 8. SSW nachweisbar (Abb. 2). Zwischen der 9. und 14. SSW entwickeln sich alle Bewegungsmuster, die am Geburtstermin bei Neugeborenen zu beobachten sind. Die verschiedenen Bewegungen werden kaum durch äußere Reize ausgelöst. Sie sind vor allem Ausdruck einer eigenständigen motorischen Aktivität, die die folgenden 4 Aufgaben erfüllt:
1.
Einüben von Bewegungsmustern: Geradezu lebenswichtig für das Kind ist das Einüben derjenigen Verhalten, die bei der Geburt auf Anhieb funktionieren müssen wie das Atmen, Saugen und Schlucken.
 
2.
Einüben von Organfunktionen: Die Atembewegungen fördern das Wachstum der Lungen. Das Trinken von Fruchtwasser regt den Darm zur Resorption und die Nieren zur Ausscheidung an.
 
3.
Modellierung der Gliedmaßen: Muskeln, Knochen und Gelenke entwickeln sich nur normal, wenn sich das Kind regelmäßig bewegt. Die Bewegungen modellieren die Gliedmaßen.
 
4.
Einstellung in den Geburtskanal: Vor der Geburt stellt das Kind seine Körperlage so ein, dass es mit dem Kopf in den Geburtskanal eintritt und damit auf die schonende Weise auf die Welt kommt.
 

Beziehungsverhalten

Die Beziehung der Eltern zum Kind beginnt weit vor der Geburt. Sie entsteht aus den Erwartungen, welche die Eltern in ihr zukünftiges Kind setzen, aus ihren partnerschaftlichen und familiären Vorstellungen sowie aus den Erfahrungen, die die Eltern während der Schwangerschaft mit dem Kind und dem Partner machen. In der Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung können im Verlauf der Schwangerschaft 3 Erlebnisperioden unterschieden werden:
  • 1. Trimenon: Die Schwangerschaft macht sich bereits in den ersten Wochen für die meisten Frauen körperlich deutlich bemerkbar. Vermehrte Müdigkeit und Übelkeit, Heißhunger auf und Widerwillen gegen bestimmte Speisen können auftreten. Obwohl die schwangere Frau ihr Kind noch nicht wahrnimmt, beschäftigt es sie aber gleichwohl. Die Frau spürt, dass das Kind ihr Leben verändern wird. Sie muss sich mit ihrer zukünftigen Rolle als Mutter und den Veränderungen, die sich in ihrem privaten und beruflichen Leben ergeben werden, auseinandersetzen. Ambivalente Gefühle treten auf, unabhängig davon, ob die Schwangerschaft geplant war oder nicht. Sie gehören zu jeder Schwangerschaft. Auch der angehende Vater macht sich Gedanken, wie sich das Kind auf Partnerschaft und Beruf auswirken wird.
  • 2. Trimenon: Mit den ersten Kindsbewegungen in der 16.–20. SSW nimmt die Mutter das ungeborene Kind erstmals als ein unabhängiges Wesen wahr. Aufgrund seines Musters an Aktivität und Reaktivität beginnt sie, ihm individuelle Persönlichkeitsmerkmale zuzuschreiben.
  • 3. Trimenon: In den letzten Wochen vor der Geburt beginnt sich das innere Bild aufzulösen, das sich die Mutter im Verlauf der Schwangerschaft von ihrem Kind gemacht hat. Sie macht sich bereit für die reale Beziehungsaufnahme mit ihrem Kind.

Ernährung und Schlafverhalten

Während der Schwangerschaft wird das ungeborene Kind über die Plazenta umfassend von der Mutter versorgt. Es bezieht von ihr alle Nährstoffe, die es für seine Entwicklung und sein Wachstum benötigt und kann die Schlacken an sie abgeben. Mutter und Kind bilden eine Symbiose, d. h. Fehl- und Mangelernährung beeinflussen die fetale Entwicklung.
In den ersten Schwangerschaftsmonaten ist das ungeborene Kind in einem Bewusstseinszustand, der elektrophysiologisch weder dem späteren Wachsein noch Schlaf entspricht. Das zirkadiane System scheint allerdings bereits funktionstüchtig zu sein. Herzfrequenz, Körpertemperatur und Hormonausscheidung unterliegen schon intrauterin einem 24-Stunden-Rhythmus, der durch die mütterlichen Zeitgeber synchronisiert wird. Im letzten Trimenon können bei frühgeborenen Kindern die Vorläufer von Schlaf- und Wachzustand beobachtet werden. Mit etwa 36 SSW beginnen sich eigentliche Schlaf- und Wachperioden auszubilden.

Kognition und Kommunikation

Unser Wissen über die Erfahrungen, die ein ungeborenes Kind im Verlauf der Pränatalperiode macht, und deren Bedeutung für seine spätere Entwicklung ist begrenzt. Beispielsweise ist das Kind seit der Frühschwangerschaft motorisch vielseitig aktiv, ohne dass wir wissen, ob und wie sich diese Aktivitäten auf die geistige Entwicklung auswirken.
Allerdings ist die auditive Wahrnehmung des ungeborenen Kindes eingehend untersucht worden. Das Innenohr hat bereits mit 20 SSW Erwachsenengröße erreicht und ist teilweise funktionstüchtig. Mit 36–40 SSW ist das Hörorgan ausgereift, die Hörzellen reagieren elektrophysiologisch wie beim erwachsenen Menschen. Mithilfe von EKG- und EEG-Aufzeichnungen konnte gezeigt werden, dass das ungeborene Kind auf akustische Reize zuverlässig mit einer Änderung von Herzfrequenz und Hirnaktivität reagiert. Während laute Geräusche die Herzfrequenz ansteigen lassen und das ungeborene Kind sich vermehrt bewegt, bewirken die menschliche Stimme und Musik eine Abnahme der Herzfrequenz und eine motorische Beruhigung. Das Kind vermag zwischen der Stimme der Mutter und derjenigen fremder Personen zu unterscheiden.
Das ungeborene Kind ist ebenfalls zur Habituation fähig. Fetale Bewegungen verstärken sich als Antwort auf akustische Reize und vermindern sich nach mehrmaligen Wiederholungen. Ein anderer akustischer Reiz ruft wiederum die ursprüngliche Antwort hervor. Diese frühe Form des Lernens ist bei neurologisch beeinträchtigten oder intrauterin unterversorgten Kindern vermindert.

Neugeborenenperiode

Nach der Geburt muss sich das Kind an die neuen Lebensbedingungen anpassen. Seine Atmung und sein Kreislauf bewältigen diese Umstellung innerhalb weniger Minuten. Verdauung, Stoffwechsel und Ausscheidung kommen nur langsam über Stunden und Tage in Gang. Der Säugling braucht schließlich Wochen und Monate, um seinen Schlaf-Wach-Rhythmus dem Tag-Nacht-Wechsel anzugleichen.

Wachstum

Das Neugeborene verbraucht in den ersten Lebenstagen mehr Kalorien, als ihm zugeführt werden, und scheidet mehr Flüssigkeit aus, als es aufnehmen kann. Der daraus resultierende Gewichtsverlust beträgt bei den meisten Kindern 3–6 % des Geburtsgewichts, kann aber bis zu 10 % ausmachen (Abb. 3). Das Längenwachstum bleibt in den ersten Lebenstagen weitgehend aus. Der Kopfumfang kann je nach Ausmaß des Flüssigkeitsverlusts und der Größe der Geburtsgeschwulst zu- oder abnehmen. Nach 5–10 Tagen ist das Geburtsgewicht wieder erreicht. Danach setzt ein rasches Körperwachstum ein.

Motorik

Das Neugeborene weist zahlreiche Reflexreaktionen auf. Seine Motorik besteht zudem aus einer sehr beschränkten Haltungskontrolle, aus Spontanbewegungen und gelegentlichen koordinierten Bewegungen. Eine entwicklungsneurologische Beurteilung des Neugeborenen und jungen Säuglings umfasst die Einschätzung von generellem Verhalten, Reaktivität, Reflexe, Haltung, Tonus und Bewegungen. Letztere werden im Folgenden genauer beschrieben.

Reflexreaktionen

Darunter sind motorische, gleich ablaufende Verhaltensweisen zu verstehen, die durch einen bestimmten Reiz zuverlässig ausgelöst werden. Einige dieser Reflexverhalten sind geradezu lebenswichtig. Wird der Säugling mit dem Gesicht nach unten abgelegt, dreht er den Kopf zur Seite. Dieser Reflex („schützende Seitwärtsdrehung“) stellt sicher, dass die Nasenatmung erhalten bleibt. Nachfolgend werden besondere Reflexreaktionen beschrieben:
  • Suchreflex: Berühren die Wangen oder die Lippen eines hungrigen Neugeborenen die mütterliche Brust, beginnt es nach der Brustwarze zu suchen und versucht, diese in den Mund zu bekommen. Suchbewegungen können beim hungrigen Kind auch mit einem Schnuller oder einem Finger ausgelöst werden. Es orientiert sich in seinem Suchverhalten auch nach dem mütterlichen Geruch.
  • Saugreflex: Berühren die Lippen die Brustwarze, saugt das Neugeborene die Brustwarze in die Mundhöhle und hält sie mit Ober- und Unterkiefer fest. Die Zunge drückt die Brustwarze gegen den Gaumen und streicht die Milchzisternen der Brustdrüsen von hinten nach vorne aus. Anschließend öffnet sich der Mund etwas, der Druck der Zunge lässt nach, und die Zisternen füllen sich erneut.
  • Schluckreflex: Während Monaten trinkt das ungeborene Kind Fruchtwasser. Der Schluckreflex ist bei der Geburt eingeübt und abgestimmt mit den Saug- und Atembewegungen. Beim Trinken führt der Säugling 10–30 Saugbewegungen während etwa 15 sec aus und schluckt dabei 1- bis 4-mal. Nach 1–2 Schluckbewegungen macht der Säugling einen Atemzug. Er kann saugen und schlucken und dabei gleichzeitig atmen. Da er ausschließlich durch die Nase atmet, kann ihn bereits ein banaler Schnupfen beim Trinken behindern.
  • Moro-Reaktion: Das Kind wird aus einer sitzenden Stellung heraus rasch um etwa 30 % nach hinten bewegt. Es extendiert und abduziert die Arme und evtl. auch die Beine, um die Extremitäten anschließend zu flektieren und zu adduzieren (Abb. 4).
  • Greifreflex: Druck auf die Innenfläche der Hände oder auf die Fußsohle bewirkt eine Beugung der Finger bzw. Zehen (Abb. 5). Am stärksten wird der Reflex hervorgerufen, wenn ein Fell über die Handinnenfläche oder Fußsohle gezogen wird.

Haltung

Wenn der Säugling aufrecht gehalten wird, z. B. an der Schulter der Mutter, vermag er den Kopf kurze Zeit zu halten, insbesondere dann, wenn es etwas Interessantes zu sehen oder zu hören gibt. Ansonsten verfügt das Neugeborene noch über keine Haltungskontrolle.

Unwillkürliche Spontanbewegungen (General Movements)

Das Neugeborene streckt und beugt rhythmisch und alternierend Arme und Beine. Die Qualität dieser unwillkürlichen Spontanbewegungen (die sog. General Movements, GM; Abb. 6) hat eine gute prognostische Aussagekraft für spätere motorische Störungen (z. B. eine Zerebralparese).
Normale GM zeichnen sich durch die folgenden 3 Merkmale aus:
  • Variation (Bewegungsrepertoire über die Zeit)
  • Komplexität (Variabilität im Raum)
  • Glattheit des Bewegungsablaufs (Fluency)
In den ersten Lebenswochen sind die spontanen Bewegungen der GM eher langsam und windend (Writhing Movements), während nach 8 Wochen die Bewegungen mit kleiner Amplitude, moderater Geschwindigkeit und variabler Beschleunigung aller Körperteile in alle Richtungen zunehmen (Fidgety Movements).

Koordinierte (willkürliche) Bewegungen

Mit den Händen führt das Neugeborene gelegentlich koordinierte Bewegungen aus. Es bringt seine Hände zum Mund, hält sie vor die Augen und fixiert sie kurzzeitig. Koordinierte (willkürliche) Bewegungen nehmen im Verlauf der ersten Lebensmonate zu. Bei der Beurteilung der Motorik des Neugeborenen sollte sein aktueller Verhaltenszustand immer mitberücksichtigt werden. Sein motorisches Verhalten fällt je nach Verhaltenszustand, in dem sich das Kind gerade befindet, unterschiedlich aus (Tab. 1). Unerfahrene Untersucher sollten ein Neugeborenes nur dann neurologisch beurteilen, wenn es sich im Verhaltenszustand 3 befindet.
Tab. 1
Reizantwort in Abhängigkeit vom Verhaltenszustand (+++ erhöht; ++ mittel; + erniedrigt; − fehlend; nach Prechtl 1974)
 
Schlaf
Übergangsphase
Wachzustand
Verhaltenszustand
1
2
3–5
Muskeltonus
+++
(+)
++
Propriozeptive Reflexe
   
Sehnenreflexe
+++
(+)
++
Moro
+++
(+)
++
Exterozeptive Hautreflexe
   
Suchreflex
++
Greifreflex
(+)
++
Nozizeptive Reflexe
   
Babinski
+
+++
+++
Auditive Reaktionen
++
+++
Visuelle Folgebewegungen
+++
Vestibulookuläre Reflexe
++
+++

Beziehungs- und Sozialverhalten

Unmittelbar nach der Geburt ist das Neugeborene ausgesprochen wach und aufmerksam. Seine erhöhte Bereitschaft zur Kontaktaufnahme kann durch Analgetika und Anästhetika, die die Mutter während der Entbindung erhalten hat, aber auch durch eine fetale Hypoxie beeinträchtigt werden. Diese initiale Phase der sozialen Interaktion ist gefolgt von einer Periode mit langen Schlafphasen. In den folgenden Tagen treten nur noch kürzere Perioden von Wachsein und Aufmerksamkeit auf. In den Wochen und Monaten danach wendet sich das Kind immer mehr den Personen zu, die seine Bedürfnisse befriedigen, mit ihm zusammen sind und ihm Geborgenheit und Zuwendung geben.
Die Stunden nach der Geburt haben für die Eltern eine außergewöhnliche emotionale Qualität, die wahrscheinlich durch Hormone verstärkt wird. Die Erfahrungen der ersten Lebensstunden spielen aber keine Schlüsselrolle in dem Sinne, dass, wenn dieser Kontakt zwischen Eltern und Kind nach der Geburt ausbleibt, eine bleibende Beeinträchtigung der Eltern-Kind-Beziehung zu befürchten wäre. Dies ist ein Glück für alle Eltern und Kinder, denen ein gegenseitiges Kennenlernen nach der Geburt aus äußeren Gründen verwehrt ist, z. B. weil das Kind durch Kaiserschnitt entbunden oder wegen Frühgeburtlichkeit in ein anderes Spital verlegt werden muss.
Die Geburt und die unmittelbare Zeit danach ist für Eltern und Kind ein bewegendes, aber kein grundlegend prägendes Erlebnis. Die Bindung zwischen Eltern und Kind entwickelt sich aus den unzähligen kleinen und großen Erfahrungen, die sie im Verlauf von Monaten und Jahren miteinander machen werden.
Im ersten Gespräch mit den Eltern sollte der Kinderarzt zu erfahren suchen, welche Bedeutung das Kind für sie hat, welche Erwartungen, Ängste und Sorgen sie haben und wie ihre Lebensbedingungen sind (Tab. 2).
Tab. 2
Faktoren, die das elterliche Verhalten beeinflussen können
Einflussfaktoren
Beispiele
Psychosoziale Faktoren
Partnerbeziehung
Gegenseitiges Verständnis, Rollenverteilung und -akzeptanz, Familienplanung
Eigene Kindheits- und Familienerfahrung
Beziehung zu eigenen Eltern; Scheidung, Tod eines Elternteils
Soziale Integration
Freundes- und Bekanntenkreis, berufliche Situation, Wohnung, Stadt/Land
Ethnische Zugehörigkeit
Religion, kultureller Hintergrund
Schwangerschaft
Frühere Schwangerschaft
Aborte, Totgeburten
Verlauf der Schwangerschaft
Langes Liegen, Tokolyse, Blutungen, Kindsbewegungen
Soziale Umstellung
Aufgabe von Beruf, Mutterrolle
Geburt
Umstände
Frühgeburtlichkeit, Kaiserschnitt, Komplikationen bei Mutter und Kind
Trennung von Mutter und Kind
Dauer der Trennung, Distanz zwischen Gebärklinik und Neonatologie
Neonatalperiode
Komplikationen
Atemnotsyndrom, Infektion, Blutaustausch
Erste Lebensmonate
Trinkverhalten
Ernährungsschwierigkeiten
Schlafverhalten
Fehlender Tag-Nacht-Rhythmus
Schreien
„Bauchkoliken“
Psychomotorische Entwicklung
Entwicklungsverzögerung, zerebrale Bewegungsstörung
Partnerschaft
Mutter
Isolation, Anpassung an Mutterrolle, Verlust beruflicher Tätigkeit und sozialer Kontakte, Unterstützung durch den Ehemann
Vater
Nähe/Distanz zum Kind, Haltung als Ehepartner, Beanspruchung durch Beruf, Rolle des Ernährers

Ernährung

Die orale Nahrungszufuhr ist in den ersten Lebenstagen unzureichend. Um diese Zeit zu überbrücken, kommt das Kind mit einem Energievorrat an Fett und Kohlenhydraten (Glykogen) auf die Welt. Das Neugeborene braucht anfänglich nicht voll ernährt zu werden.
Wenn die Mutter ihr Kind in den ersten Minuten nach der Geburt an die Brust legt, sucht es nach der Brustwarze und macht die ersten Saugversuche. Saugen und Schlucken sind Verhalten, die das Kind vor der Geburt während Monaten eingeübt hat (Abschn. 2.2, Reflexreaktionen). Bis zur 34. SSW sind diese Reflexmechanismen so weit entwickelt, dass ein Kind, das zu diesem Zeitpunkt zur Welt kommt, ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen kann.
Spätestens ab dem 6. Schwangerschaftsmonat sind die Brustdrüsen funktionsbereit. Die Milchbildung wird durch die hormonelle Umstellung bei der Geburt in Gang gesetzt. Der Säugling löst durch sein Saugen die Bildung und Ausscheidung der Milch aus. Wie beim kindlichen Trinkverhalten spielen auch bei der Milchbildung Reflexmechanismen eine wichtige Rolle:
  • Milchbildungsreflex: Der Saugreiz des Kindes setzt bei der Mutter im Vorderlappen der Hirnanhangsdrüse Prolaktin frei, das die Brustdrüse zur Milchbildung anregt. Je häufiger die Mutter das Neugeborene an die Brust legt, desto stärker wird die Brustdrüse stimuliert und desto größer ist die Milchmenge.
  • Milchausscheidungsreflex: Der Saugreiz bewirkt im Hinterlappen der Hirnanhangsdrüse die Ausschüttung von Oxytocin ins mütterliche Blut. Das Hormon bringt die Muskelfasern, die sich um die Milchdrüsen und -gänge winden, zur Kontraktion; dadurch wird die Milch aus den Zisternen gepresst.

Schlafverhalten

Die Schlafstadien sind beim Neugeborenen noch unreif. Weil vor der Geburt und unmittelbar danach EEG, EOG und EMG noch keine stabilen und reproduzierbaren Schlafmuster zeigen und die Stadieneinteilung mittels neurophysiologischer Methoden unzuverlässig ist, hat sich die Verhaltensbeobachtung als geeignete Methode im Neugeborenenalter etabliert. Das Verhalten des Säuglings wird dabei anhand von Atmung, Augen, Motorik, Muskeltonus und Stimmungslage in 5 Stadien eingeteilt (Tab. 3).
Tab. 3
Verhaltenszustände des Neugeborenen (nach Prechtl 1974)
Verhaltenszustand
1 (ruhiger Schlaf)
2 (aktiver Schlaf)
3 (wach, ruhig)
4 (wach, aktiv)
5 (schreiend)
Augen
Geschlossen, ruhig
Geschlossen, rasche Bewegungen
Offen
Offen
Offen/geschlossen
Spontanbewegungen
Selten
Gelegentlich
Keine
Häufig
Häufig
Atmung
Regelmäßig
Unregelmäßig
Regelmäßig
Unregelmäßig
Unregelmäßig
Muskeltonus
Normal
Erniedrigt
Normal
Erhöht
Erhöht
Die Verhaltenszustände nach Prechtl definieren einen aktiven (entspricht dem REM-Schlaf) und ruhigen Schlaf (entspricht dem Non-REM-Schlaf). Im Gegensatz zum REM-Schlaf des Erwachsenen ist der Säugling im aktiven Schlaf unruhiger, bewegt sich mehr und zeigt Zuckungen (twitches) und Grimassen (z. B. Engelslächeln). Bei Neugeborenen folgt auf den Wachzustand häufig unmittelbar aktiver Schlaf, während bei Erwachsenen der Schlaf meist im Non-REM-Schlaf beginnt. Tatsächlich ist der aktive Schlaf beim Neugeborenen und Säugling weit ausgedehnter als beim älteren Kind und Erwachsenen. Neugeborene schlafen meist die Hälfte ihrer Schlafzeit im aktiven Schlaf, während die Erwachsenen nur noch etwa 20 % REM-Schlaf zeigen. Im Verhaltenszustand 3 ist das Kind motorisch ruhig und am aufmerksamsten. Schlafzyklen entstehen durch regelmäßige Wechsel zwischen aktivem und ruhigem Schlaf (Abb. 7). Beim Säugling beträgt die Länge des Schlafzyklus 50–60 min, beim Erwachsenen 90–110 min. Im Verlauf der Nacht treten beim Neugeborenen bis zu 10 Zyklen auf, beim Erwachsenen können meist 4–5 Zyklen unterschieden werden.

Kognition und Kommunikation

Das Neugeborene verfügt bereits über ein differenziertes Wahrnehmungsvermögen. Es kann visuelle Reize unterschiedlich verarbeiten und zeigt eine visuelle Präferenz für Gesichter. Es kann ein Objekt fixieren und horizontal verfolgen. Seine Blickdistanz liegt bei 20–25 cm, was etwa der Distanz zum mütterlichen Gesicht entspricht, wenn es auf dem Arm der Mutter liegt. Es vermag eine menschliche Stimme von Tönen, Klängen und Geräuschen zu unterscheiden. Es wendet sich vorzugsweise weiblichen Stimmen zu und dreht zuverlässig den Kopf, wenn zu ihm auf Ohrhöhe mit einer hohen Stimme gesprochen wird.
Das Neugeborene reagiert darauf, wie es aufgenommen und auf dem Arm gehalten wird. Es kann Mundstellungen nachahmen. Das Neugeborene teilt sich mit seiner Körpersprache (Mimik, Haltung und Bewegungen des Körpers) und durch sein Schreien mit.
Weiterführende Literatur
Birch LL, Johnson SL, Andresen G, Peters JC, Schulte MC (1991) The variability of young children’s energy intake. N Engl J Med 324:232–235CrossRef
Eimas PD, Siqueland ER, Jusczyk P, Vigorito P (1971) Speech perception in infants. Science 171(3968):303–306CrossRef
Fantz RL (1965) Visual perception from birth as shown by pattern selectivity. Ann N Y Acad Sci 118:793–814CrossRef
Hadders-Algra M (2018) Neural substrate and clinical significance of general movements: an update. Dev Med Child Neurol 60(1):39–46CrossRef
Henkel C, Jenni OG, Bindt C, Holtz S (2016) Entwicklung des Essverhaltens von Säuglingen und Kleinkindern aus entwicklungspädiatrischer und kinderpsychiatrischer Sicht ? Monatsschr Kinderheilkd 164(4):294–300CrossRef
Jenni OG, Borbély AA, Achermann P (2004) Development of the nocturnal sleep electroencephalogram in human infants. Am J Physiol 286:R528–538
Jenni OG, Deboer T, Achermann P (2006) Development of the 24-h rest-activity pattern in human infants. Infant Behav Dev 29:143–152CrossRef
Largo RH (2007) Babyjahre. Piper, München
Papousek M (1995) Vom ersten Schrei zum ersten Wort. Huber, Bern
Prechtl HF (1974) The behavioural states of the newborn infant (a review). Brain Res 76(2):185–212CrossRef
Prechtl HFR (1988) Beurteilung fetaler Bewegungsmuster bei Störungen des Nervensystems. Gynakologe 21:130–134PubMed
Prechtl HFR (1990) Qualitative changes of spontaneous movements in fetus and preterm infants are a marker of neurological dysfunction. Early Hum Dev 23:151–158CrossRef
Roffwarg HP, Muzio JN, Dement WC (1966) Ontogenetic development of the human sleep-dream cycle. Science 15:604–661CrossRef
Wehrle FM, Caflisch JA, Eichelberger D, Kakebeeke TH, Latal B, Jenni OG (2020) Health and Development Across the Lifespan – The Zurich Longitudinal Studies. Front. Hum. Neurosci. Research Topic: Longitudinal Aging Research: Cognition, Behavior and Neuroscience. In Preparation