Reproduktionsmedizin
Autoren
Michael Ludwig

Langzeit-Follow-up von Patientinnen nach ovarieller Stimulation und Kinderwunschtherapien

Es wird häufig von Patientinnen und ihren Partnern nach möglichen Langzeitschäden einer Kinderwunschbehandlung bzw. einer Hormonstimulation gefragt. In diesem Kapitel sollen kurzfristige, mittelfristige und langfristige Risiken behandelt werden. Dabei wird neben den somatischen Aspekten auch die familiäre Gesundheit anhand der verfügbaren Literatur dargestellt.
Es wird häufig von Patientinnen und ihren Partnern nach möglichen Langzeitschäden einer Kinderwunschbehandlung bzw. einer Hormonstimulation gefragt. In diesem Kapitel sollen kurzfristige, mittelfristige und langfristige Risiken behandelt werden. Dabei wird neben den somatischen Aspekten auch die familiäre Gesundheit anhand der verfügbaren Literatur dargestellt.

Kurzfristige gesundheitliche Risiken

Auf die gesundheitlichen Risiken der IVF-Therapie bzw. der operativen Intervention wird an anderer Stelle in diesem Buch eingegangen (operative Risiken Kap. „Follikelpunktion und Eizellgewinnung“ und Kap. „Direkte Komplikationen der Behandlungsmethoden in der Reproduktionsmedizin“).
In einer kürzlich publizierten Arbeit wurden Daten aus den Niederlanden für die Jahre 1984–2008 ausgewertet, um die IVF-bezogene Mortalität zu kalkulieren. Die Autoren fanden 6 Todesfälle als direkte Folge der IVF-Therapie. 3 Fälle wurden durch ein schweres ovarielles Überstimulationssyndrom verursacht. Die direkte Todesursache bestand in zwei dieser Fälle in einem ARDS („acute respiratory distress syndrome“) sowie einem Multiorganversagen. Im dritten Fall war eine zerebrovaskuläre Thrombose aufgetreten. Die anderen drei Todesfälle waren auf eine Sepsis (2 Fälle) bzw. eine Fehldosierung der Anästhetika zurückzuführen (Braat et al. 2010). Somit lag die Todesfallwahrscheinlichkeit bei 6 auf 100.000, was in dieser Größenordnung durch eine Arbeit aus Australien für eine andere Kohorte bestätigt werden konnte (Venn et al. 2001).
Zu den weiteren gesundheitlichen Folgen sei auf das Kap. „Ovarielles Überstimulationssyndrom“ zum Thema ovarielles Überstimulationssyndrom (OHSS) verwiesen.
Todesfälle innerhalb eines Jahres nach Abschluss der IVF – also v. a. solche durch die eingetretene Schwangerschaft – konnten in der oben zitierten Arbeit aus den Niederlanden in 17 Fällen berichtet werden, d. h. bei 42,5 von 100.000 Frauen. Auch dies ließ sich in der bereits zitierten australischen Kohorte bestätigen (25,7 von 100.000). Die genauen Ursachen der Todesfälle innerhalb eines Jahres nach der IVF-Therapie sind in Tab. 1 zusammengestellt. Bei der Durchsicht der Tabelle wird schnell deutlich, dass es sich mitnichten nur um die ältere Patientinnen handelt und dass unterschiedlichste Ursachen für die Todesfälle verantwortlich waren.
Tab. 1
Todesfälle innerhalb eines Jahres nach einer IVF-Therapie. Daten aus den Niederlanden von 1984–2008. (Nach Braat et al. 2002, 2010)
Fall
Alter (Jahre)
Schwangerschaft
Zwillinge
Todesursache
1
n. a.
Nein
n. a.
OHSS, ARDS, Multiorganversagen
2
n. a.
Nein
n. a.
OHSS, ARDS, Multiorganversagen
3
n. a.
Nein
n. a.
OHSS, zerebrovaskuläre Thrombose
4
n. a.
Nein
n. a.
Fehldosierung von Anästhetika
5
n. a.
Nein
n. a.
6
n. a.
Nein
n. a.
Sepsis nach Follikelpunktion
7
33
Ja
Ja
Postpartale Sepsis
8
28
Ja
Ja
9
38
Ja
Ja
Eklampsie, Hirnblutung
10
30
Ja
Nein
Präeklampsie, Hirnblutung
11
32
Ja
Ja
12
35
Ja
Ja
„Small vessel disease“
13
30
Ja
Nein
Eklampsie, Hirnblutung
14
41
Ja
Nein
Disseziierendes Aneurysma
15
50
Ja
Ja
Eklampsie, Hirnblutung (Zustand nach Eizellspende)
16
36
Ja
Ja
Lungenembolie
17
44
Ja
Nein
Fruchtwasserembolie (Zustand nach Eizellspende)
18
44
Ja
Ja
Disseziierendes Aneurysma (Zustand nach Eizellspende)
19
35
Ja
Nein
Leberversagen
20
35
Ja
Nein
Sepsis
21
38
Ja
Nein
Portaler Hypertonus, Alkoholabusus
22
31
Ja
Nein
Meningitis tuberculosa
23
38
Ja
Nein
Postpartale Depression, Suizid
n. a. = nicht angegeben
Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass das Risiko, im Rahmen einer IVF-Therapie zu sterben, vergleichsweise gering sei – was darauf zurückzuführen ist, dass es sich um grundsätzlich gesunde Frauen handelt. Die Mortalität in der Schwangerschaft allerdings ist verglichen mit den Vergleichszahlen der beiden Ländern sehr hoch, was sicherlich mit der höheren Wahrscheinlichkeit von Risikoschwangerschaften zusammenhängt (z. B. Mehrlingsstatus; s. auch Kap. „Mehrlingsschwangerschaften“).

Langfristige psychische Gesundheit und Lebensplanung nach IVF

Es ist bekannt, dass die Therapie mit einer IVF zu einem ausgeprägten psychosozialen Stress führen kann.
Dieses extrem hohe Belastungspotenzial zeigt u. a. unsere eigene Daten, in denen wir in über 4102 Behandlungszyklen zur IVF bei über 2130 Patientinnen eine Drop-out-Rate von 36,6 % nach dem 1. und 50 % nach dem 6. Versuch in der Gruppe der Frauen <35 Jahre gesehen haben (Schröder et al. 2004). Bei den mindestens 35-jährigen Patientinnen fanden sich ähnliche Größenordnungen.
Wenn nach einer IVF die gewünschte Schwangerschaft eintritt, gefolgt von der Geburt eines gesunden Kindes, so ist das grundsätzliche Ziel der Therapie erreicht.
Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Paare, die nach einer IVF Eltern werden, sich nicht relevant von solchen Eltern unterscheiden, die spontan konzipiert hatten. Allerdings löst sich die Anspannung, die ein Paar vor und während der Kinderwunschtherapie begleitet, nicht mit dem Eintritt einer Schwangerschaft.
Eine schwedische Studie hatte Mütter und Väter nach spontaner Konzeption und IVF miteinander verglichen (Hjelmstedt et al. 2003a, b). Eingeschlossen wurden 57 Schwangere nach IVF, 43 Schwangere nach spontaner Konzeption sowie 55 bzw. 39 Partner dieser Schwangeren. Die Eltern nach IVF waren in der Schwangerschaft angespannter und hatten größere Sorge, die Schwangerschaft zu verlieren. Je größer die Angst vor der Schwangerschaft war, desto größer war sie auch während der Schwangerschaft. Andererseits gab es in anderen Punkten weniger Sorge bei den IVF-Eltern: So kümmerte sie weniger das Geschlecht des ungeborenen Kindes und der Verlust ihrer persönlichen Freiheit nach der zu erwartenden Geburt.
Für die Zeit nach der Geburt gibt es zahlreiche Theorien und Befürchtungen bezüglich der Eltern-Kind-Beziehung. So wurde angenommen, dass das Kind als außergewöhnlich „wertvoll“ angesehen würde mit einer „Überprotektion“ und überzogenen Erwartungen an die Leistungen des Kindes. Es könnte, so die Vermutung, zu Enttäuschungen auf Seiten der Eltern führen, wenn sie nach vielen Jahren der Erwartung mit dem realen Kind und seinen natürlichen Schwächen konfrontiert würden (van Balen 1998). Wie bereits angemerkt unterscheidet sich aber das Eltern-Kind-Verhältnis nach einer IVF nicht relevant von demjenigen nach spontaner Konzeption (Barnes et al. 2004; Golombok 2000; Golombok et al. 1996).

Unerfüllter Kinderwunsch

Da in durchschnittlich 30 % der Fälle auch nach mehreren IVF-Versuchen keine Schwangerschaft mit konsekutiver Geburt eintritt, muss man sich zwangsläufig fragen, inwieweit sich eine fehlgeschlagene Therapie auf die psychische Gesundheit und die Lebensplanung auswirkt.
Cave
Eine fehlgeschlagene IVF-Therapie führt zu Frustrationen, Hoffnungslosigkeit, Depressionen und Angst (Newton et al. 1990; Wirtberg et al. 2007). Frauen leiden an einer fehlgeschlagenen Kinderwunschbehandlung mehr als Männer (Newton et al. 1990; Slade et al. 1997; Weaver et al. 1997).
Noch über 1 Jahr nach einer fehlgeschlagenen IVF-Therapie ist dieser Unterschied präsent: Frauen neigen zu mehr Depressionen und beschreiben ihre Lebensqualität in weniger positivem Licht (Weaver et al. 1997).
Dennoch bleiben nicht alle Paare langfristig kinderlos, die eine IVF-Therapie erfolglos abgebrochen haben. Die Wahrscheinlichkeit, ein Kind nach fehlgeschlagenen IVF-Zyklen zu adoptieren, schwankt in der Literatur zwischen 10 und 30 % (Bryson et al. 2000; Filetto und Makuch 2005; Litt et al. 1992). Zur Wahrscheinlichkeit, dass es nach fehlgeschlagener Therapie noch zur spontanen Konzeption kommen kann sei auf das Kap. „Spontanschwangerschaften bei Kinderwunschpatientinnen“ verwiesen.
Frauen, die nach einer IVF-Therapie kinderlos geblieben sind (n = 18), fühlen sich weniger zufrieden mit ihrem Leben als solche, die ein eigenes Kind durch IVF bekommen haben (n = 41) oder ein Kind adoptieren konnten (n = 16) (Leiblum et al. 1998). Die Gruppe der kinderlosen Frauen gab häufiger an, dass die fehlgeschlagene Therapie eine negative Wirkung auf ihre Partnerschaft gehabt hätte.
Andere Untersuchungen hingegen beschreiben Frauen, die durchaus auch positive Gefühle nach einer fehlgeschlagenen Therapie äußerten. Unter anderem berichten sie über eine gefestigte Beziehung zu ihrem Partner und die Möglichkeit, ihr Leben auf neue Ziele auszurichten (Hammarberg et al. 2001; Litt et al. 1992).
Owen u. Golombok konnten keinen Unterschied bei Paaren 18 Jahre nach einer IVF in einem Vergleich von 3 Gruppen finden: Paaren mit einem adoptierten Kind, Paaren mit einem Kind nach donogener Insemination und Paare mit einem spontan konzipierten Kind (Owen und Golombo, 2009). Schließlich berichtete eine Studie über die langfristige Paarbeziehung 20 Jahre, nachdem der erste IVF-Zyklus durchgeführt worden war. Die Reaktionsrate in dieser Studie war mit 81 % erstaunlich hoch. Von den beantworteten Fragebögen konnten 206 identifiziert und ausgewertet werden. Die meisten Paare, die zum Zeitpunkt der Studie noch als Paar zusammen waren, lebten eine stabile und zufriedenstellende Partnerschaft, unabhängig davon, ob sie keine Kinder, biologisch eigene oder adoptierte Kinder hatten (Sydsjo et al. 2011).

Wahrscheinlichkeit des Auftretens benigner gynäkologischer und hormonabhängiger Erkrankungen abhängig vom Grad der ovariellen Reaktion

Neben den kurzfristigen Ereignissen befürchten Patientinnen häufig das langfristige Auftreten hormonell abhängiger oder überhaupt gynäkologischer Erkrankungen, wenn sie eher höheren Hormondosen ausgesetzt waren.
Zur Beantwortung dieser Frage ist wiederum eine Arbeit aus den Niederlanden hilfreich, in der ein Follow-up von 8714 Frauen über im Median 4,6 Jahre erfolgte (Klip et al. 2003). Die Autoren unterschieden 3 Gruppen von Frauen:
  • diejenigen, die nur wenig auf die ovarielle Stimulation reagierten (0–3 Eizellen, n = 1119),
  • diejenigen, die normal auf die ovarielle Stimulation reagierten (4–13 Eizellen, n = 6033) und
  • diejenigen, die übermäßig auf die ovarielle Stimulation reagierten (≥14 Eizellen, n = 1562).
Hormonell unterschieden sich die Gruppen v. a. darin, dass in der Gruppe mit niedrigem Ansprechen 23,8 % mit einer prämaturen Ovarialinsuffizienz diagnostiziert wurden, während dies in den anderen beiden Gruppen zusammen in weniger als 1 % auftrat. Die Zahl der IVF-Versuche war vergleichbar mit einem Trend zu weniger Stimulationszyklen bei den Frauen mit übermäßiger ovarieller Antwort. Ausgewertet wurden im Follow-up das Auftreten von Leiomyomen, operativ entfernten Ovarialzysten, Salpingitiden, Endometriose, Schilddrüsenerkrankungen und ein Diabetes mellitus. Insgesamt waren die 3 Gruppen bezüglich dieser Erkrankungen sehr homogen. Man konnte allenfalls einen Trend zu weniger Leiomyomen und operativ entfernten Zysten bei denjenigen Frauen mit vielen (≥14) Eizellen sehen. Selbst ein ovarielles Überstimulationssyndrom führte langfristig nicht zu einer signifikant erhöhten Wahrscheinlichkeit operativ entfernter Ovarialzysten (relatives Risiko 1,7, 95 % KI 0,8–3,4).
Diese Daten zeigen eindrücklich, dass die Wahrscheinlichkeit gynäkologischer und hormonabhängiger Erkrankungen offensichtlich nicht mit der ovariellen Stimulation bzw. der Reaktivität des Eierstocks zusammenhängt (Klip et al. 2003).

Onkologische Erkrankungen infolge der Anwendung von Stimulationsmedikamenten

Einer der etablierten Risikofaktoren für Ovarialkarzinome, Mammakarzinome und Endometriumkarzinome ist die Parität – nach einer Geburt ist das Risiko geringer, als wenn in der Anamnese keine Geburten vorkommen (Cetin et al. 2008). Dies macht die Bewertung einer Kinderwunschtherapie schwierig, da sie naturgemäß bei subfertilen Paaren angewendet wird, die häufig kinderlos sind und in etwa 30 % auch kinderlos bleiben. Dennoch wurde natürlich der Frage in zahlreiche Studien nachgegangen.
Allgemein gesehen war das onkologische Risiko in einer Untersuchung von 113.226 Frauen in New York, Texas und Illinois nach einer assistierten Reproduktion innerhalb von 5 Jahren Beobachtungszeit nicht erhöht (Luke et al. 2015).

Ovarialkarzinome

In der Mitte der 1990er-Jahre wurde durch die Publikation von epidemiologischen Daten die Unsicherheit geschürt, dass möglicherweise die Anwendung von Stimulationsmedikamenten, insbesondere Clomifen, das Risiko für Ovarialkarzinome erhöhen könnte (Rossing et al. 1994; Shushan et al. 1996; Whittemore 1993). 2005 kam eine Arbeitsgruppe zu dem Schluss, dass die bisherigen Studien – zu dem Zeitpunkt über 15 publizierte Arbeiten – nur bedingt hinsichtlich des erhöhten Ovarialkarzinomrisikos überzeugten (Brinton et al. 2005). Grund für den Zweifel waren die teilweise kleine Kohortengröße, die mangelhafte Vollständigkeit in der Berücksichtigung der eingesetzten Medikamente und die kurze Follow-up-Zeit.
Eine Metaanalyse zog 2004 den Schluss aus den vorliegenden Daten, dass das Risiko für Ovarialkarzinome nicht erhöht sei (Kashyap et al. 2004). Eine weitere Arbeit, durchgeführt in Dänemark, konnte konsekutiv ebenfalls kein erhöhtes Risiko für Ovarialkarzinome zeigen, weder bei Anwendung von Clomifen noch bei Anwendung von Gonadotropinen oder GnRH-Pumpen (Jensen et al. 2009). Eine andere Publikation, die als retrospektive Kohortenstudie 9825 Frauen einschloss, die zwischen 1965 und 1988 eine Kinderwunschbehandlung erhalten haben und bis 2010 nachverfolgt werden konnten, zeigte prinzipiell kein erhöhtes Ovarialkarzinomrisiko (Trabert et al. 2013). Allerdings war das Risiko signifikant erhöht (RR 3,63, 95 % KI 1,36–9,72) wenn man Frauen, die nulligravid blieben, mit Nicht-Anwenderinnen verglich. Das Risiko war nicht erhöht, wenn Frauen unter Clomifen schwanger geworden waren (RR 0,88, 95 % KI 0,47–1,63). Diese letzte Studie sollte als Bestätigung des bereits ursprünglich beobachteten Bias in den Daten gewertet werden.
Borderline-Tumore waren Gegenstand einer Publikation aus Dänemark. Ein Zusammenhang mit Clomifen oder Gonadotropinen konnte nicht gezeigt werden (Bjornholt et al. 2015).

Endometriumkarzinome

Akzeptierte Risikofaktoren für Endometriumkarzinome sind
  • Nulliparität,
  • ein PCO-Syndrom mit unregelmäßigen Zyklen und
Diese Faktoren finden sich in Kohorten von subfertilen Frauen naturgemäß häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Verschiedene Studien haben sich der Frage angenommen, inwieweit die Anwendung von Stimulationsmedikamenten das Endometriumkarzinomrisiko erhöhen könnte. Teilweise war das Follow-up mit <10 Jahren relativ kurz (Althuis et al. 2005a; Modan et al. 1998; Venn et al. 1999). Aber auch in umfangreichen Kohortenstudien mit fast 30.000 Frauen ergab sich kein erhöhtes Risiko für Endometriumkarzinome nach ovarieller Stimulationsbehandlung zur IVF (Venn et al. 1999).
Hinsichtlich der Anwendung von Clomifen finden zwei Studien ein erhöhtes Risiko für Endometriumkarzinome bei Anwendung von Clomifen (Althuis et al. 2005a; Modan et al. 1998). Dies mag allerdings wiederum an der höheren Wahrscheinlichkeit anovulatorischer Zyklen und einer höheren Prävalenz einer Adipositas bei diesen Anwenderinnen liegen.
Werden wie in einer großen retrospektiven Kohortenstudie mit 12.193 Frauen bekannte Risikofaktoren für Endometriumkarzinome bei der Auswertung berücksichtigt, findet man keinen Hinweis auf einen Zusammenhang der Kinderwunschbehandlung per se und dem Auftreten eines Endometriumkarzinoms (Brinton et al. 2013).
Insgesamt ergeben die vorliegenden Daten keinen überzeugenden Beweis dafür, dass die Anwendung von Stimulationsmedikamenten bei einer ansonsten gesunden Frau) mit ovulatorischem Zyklus und auch sonst ohne Risikofaktoren) die Wahrscheinlichkeit eines Endometriumkarzinoms erhöhen könnte.

Mammakarzinome

Bisher gibt es keine Daten, die ein erhöhte Risiko von Mammakarzinomen bei Anwendung der ovariellen Stimulation mit unterschiedlichen Medikamenten zeigen könnten. Dies wurde durch eine umfangreiche Metaanalyse der publizierten Daten eindeutig gezeigt (Sergentanis et al. 2014; Modan et al. 1998).

Andere Malignome

Melanom
Melanome scheinen durchaus im Zusammenhang mit der ovariellen Aktivität zu stehen (Kvaskoff et al. 2011): Ein kürzeres reproduktives Leben mit geringerer ovarieller Aktivität ist mit einem niedrigeren Melanomrisiko assoziiert. Allerdings führte die Anwendung von Stimulationsmedikamenten in zwei Kohortenstudien nicht zu einem erhöhten Melanomrisiko (Klip 2002; Spaan et al. 2015). Eine andere Follow-up-Studie allerdings mit einem medianen Follow-up von 30 Jahren sah eine signifikante Assoziation zwischen Clomifen und Melanomen (HR 1,95, 95 % KI 1,18–3,22), wobei die niedrigste Dosis von Clomifen mit dem höchsten Risiko assoziiert war – was einen kausalen Zusammenhang wiederum unplausibel werden lässt (Brinton et al. 2015).
Grundsätzlich sollte man das Thema weiter beobachten.
Schilddrüsenkarzinom
Schilddrüsenkarzinome sind bei Frauen häufiger zu beobachten als bei Männern. Aber auch diese Entität wird in den meisten Studien nach Anwendung einer ovariellen Stimulation nicht häufiger beobachtet (Althuis et al. 2005b; Kolonel et al. 1990; La Vecchia et al. 1999). In einer Follow-up-Studie von 54.362 Frauen allerdings wurde eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Schilddrüsenkarzinomen nach Anwendung von Clomifen beobachtet (relatives Risiko 2,8, 95 % KI 1,08–4,82; Hannibal et al. 2008), ein Ergebnis, zu dem auch eine US-amerikanische Beobachtungsstudie mit 12.193 Frauen vorliegt, von denen 38,1 % Clomifen anwandten (Brinton et al. 2015). Das Risiko von Schilddrüsenkarzinomen war bei den Frauen mit der höchsten Clomifen-Dosis am höchsten, allerdings nicht signifikant (HR 1,96, 95 % KI 0,92–4,17), wobei das Risiko bei der Betrachtung der Gesamtgruppe der Clomifen-Anwenderinnen keinen Zusammenhang erkennen ließ (HR 1,57, 95 % KI 0,89–2,75). Zur endgültigen Beantwortung dieser Frage wären weitere Studien wünschenswert, die diese Daten widerlegen oder bestätigen.

Malignome nach Geburt nach IVF

Um der Frage nachzugehen, inwieweit eine stattgehabte Geburt das Risiko von Malignomen verändert, führte eine schwedische Arbeitsgruppe eine Registerstudie durch (Kristiansson et al. 2007). Das Follow-up war – bei einem prinzipiell guten Studienansatz – mit 6,2 Jahren in der IVF- und 7,8 Jahren in der Kontrollgruppe leider sehr kurz. Der Vorteil lag in der hohen Zahl von eingeschlossenen Frauen nach IVF (n = 8716) und Kontrollen (n = 640.059). Ein erhöhtes Risiko für Malignome fand sich nicht.

Beeinflussung der langfristigen Ovarfunktion durch die ovarielle Stimulation

Ovarreserve

Es ist eine v. a. bei Laien verbreitete Meinung, dass durch die ovarielle Stimulation und die Gewinnung mehrerer Eizellen die Ovarfunktion frühzeitiger erschöpft wird, als dies unter natürlichen Bedingungen der Fall sein könnte. Dies konnte in den letzten Jahren widerlegt werden (Elder et al. 2008).
Völlig unabhängig von diesen Daten wäre es auch physiologisch nicht nachvollziehbar, wenn Follikel durch die Stimulation frühzeitig verbraucht würden: Tatsächlich werden durch die ovarielle Stimulation nur diejenigen Follikel zur Reifung gebracht, die sich ohnehin weiterentwickelt hätten, d. h. es handelt sich um diejenigen Follikel, die bereits für diesen Zyklus rekrutiert worden waren – aus dieser Kohorte heraus wächst durch die normale endogene FSH-Stimulation normalerweise nur ein Leitfollikel.
Bisweilen hat man bei wiederholten Stimulationen den Eindruck, dass die ovarielle Antwort schlechter würde. In der bis dato größten Untersuchung zu dieser Frage konnte allerdings klar gezeigt werden, dass dem nicht so ist. Bei Patientinnen mit mindestens 7 IVF-Zyklen (n = 330) kam es tatsächlich zu einer Abnahme der gewinnbaren Eizellen um 5,8 % von Zyklus 1–6. Dieser Unterschied war nicht signifikant. Wurden die Daten allerdings in Hinblick auf das verwendete Stimulationsprotokoll und die eingesetzte Menge FSH hin adjustiert, wurde der Unterschied signifikant. Sobald man aber den wohl wichtigsten Faktor mit einfließen ließ – das Alter der Patientin –, verschwand dieser signifikante Unterschied wieder. Das bedeutet:
Es kommt über mehrere Stimulationszyklen hinweg tatsächlich zu einer Abnahme der gewinnbaren Eizellen – dies ist jedoch Folge des Alterns der Patientin und nicht Folge des Verbrauchs gereifter Follikel (de Boer et al. 2004).

Zyklusstörung und Menopause

Weitere Arbeiten beschäftigten sich dann mit der Frage, inwieweit es frühzeitiger zum Auftreten von Zyklusstörungen bzw. zu einer Menopause kam, wenn in der Vergangenheit eine ovarielle Stimulation zur IVF stattgefunden hatte. Dies kann heute ebenfalls definitiv verneint werden.
Allerdings verhält es sich so, dass eine niedrige ovarielle Antwort („low response“, <4 Eizellen gewonnen) oder Stimulationszyklen, die aufgrund einer drohenden „low response“ abgebrochen wurden, mit eine höheren Wahrscheinlichkeit früherer perimenopausaler Zyklusstörungen bzw. einer Menopause assoziiert sind (de Boer et al. 2002, 2003). Die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb einer medianen Follow-up-Dauer von 5,5 Jahren Zeichen des perimenopausalen Übergangs auftraten, war auf das 3,1-Fache erhöht (95 % KI 2,4–3,8), wenn eine „low response“ vorlag. Anders ausgedrückt: Diese Veränderungen fanden sich in dieser Situation 6–7 Jahre früher als bei einer normalen ovariellen Antwort (de Boer et al. 2003).
Die altersspezifischen Veränderungen sind in Abb. 1 dargestellt. Eine Menopause war innerhalb des medianen Follow-up 14,6-fach (95 % KI 4,6–46,7) bzw. 17,5-fach (95 % KI 4,8–64,6) wahrscheinlicher zu erwarten, wenn das Ovar nur gering reagierte oder Zyklen wegen drohender „low response“ abgebrochen worden waren (de Boer et al. 2003). Weiterhin war die Menopause mit einer 11,6-fach (95 % KI 3,9–34,7) höheren Wahrscheinlichkeit bereits ≤46 Jahre zu erwarten, wenn eine „low response“ vorgelegen hatte (de Boer et al. 2002).
All diese früheren Veränderungen der ovariellen Erschöpfung waren darauf zurückzuführen, dass eine niedrige ovarielle Antwort mit einer bereits zum Zeitpunkt der IVF schlechteren Ovarreserve korrelierte und nicht auf eine zusätzliche Erschöpfung durch die ovarielle Stimulation.

Fazit

Bei der Kinderwunschtherapie mit ovarieller Stimulation und insbesondere bei der IVF handelt es sich um einen invasiven Eingriff in die Gesundheit der Frau. Dieser Eingriff bringt kurzfristige Risiken mit sich, die an anderer Stelle in diesem Buch ausführlich behandelt werden. Langfristige Risiken können in unterschiedliche Bereiche unterteilt und bewertet werden (Tab. 2).
Tab. 2
Zusammenfassung zu den langfristigen Risiken einer ovariellen Stimulation bzw. einer IVF-Therapie
Kategorie
Zeitraum
Bewertung
Sehr kurzfristige Risiken
Bis 12 Wochen nach IVF
Vor allem operative Risiken (z. B. Sepsis), aber auch Folgen der ovariellen Stimulation (kardiovaskuläre Komplikationen des OHSS)
Kurzfristige Risiken
Bis 12 Monate nach IVF
Vor allem Komplikationen der Schwangerschaft und Geburt
Bei fehlgeschlagener und konsekutiv abgebrochener IVF-Therapie Neigung zu mehr Depressionen und Empfinden einer weniger positiven Lebensqualität (Frauen > Männer)
Mittelfristige Risiken
12–48 Monate nach IVF
Geringere Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und negative Auswirkung auf die Partnerschaft, wenn eine IVF-Therapie mit mindestens 3 Zyklen erfolglos abgebrochen wurde
Langfristige Risiken
>48 Monate nach IVF
Keine relevanten psychischen Auffälligkeiten oder auffällige Familienstrukturen bei erfolgreicher IVF
Keine erhöhte Wahrscheinlichkeit benigner gynäkologischer Erkrankungen in Abhängigkeit von der ovariellen Antwort auf die Hormonstimulation
Keine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Ovarialkarzinome, Mammakarzinome, Endometriumkarzinome oder Melanome nach IVF
Unklare Datenlage bezüglich eines potenziell erhöhten Risikos von Schilddrüsenkarzinomen
Keine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer früheren Menopause oder von Zyklusstörungen durch die hormonelle Stimulation
Somit ist prinzipiell – unabhängig davon, ob eine IVF-Behandlung am Ende erfolgreich war oder nicht – kaum mit langfristigen gesundheitlichen Problemen zu rechnen.
Für einige wenige Fragen bedarf es weiterer Daten, um eine valide Aussage machen zu können.
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