Revision der ILAE(International League Against Epilepsy)-Anfallsklassifikation 2025
Ein internationales multisprachliches Unterfangen
- Open Access
- 15.10.2025
- Epilepsie
- Übersichten
Wie wurde die Revision der Klassifikation durchgeführt?
-
Aufgrund der Probleme, die erst nach der Publikation 2017 erkannt wurden, wurde v. a. in den nicht anglophonen Ländern und bei epilepsiechirurgisch orientierten Zentren ein gewisses Unbehagen geäußert [18, 19], was dazu führte, dass parallel dazu eine semiologische Klassifikation [13] verwendet wurde oder gewisse Begriffe (z. B. „awareness“) gar nicht übersetzt wurden. Das Executive Committee der ILAE hat daher eine Arbeitsgruppe einberufen, die aufgrund der Diversität in Herkunft, Geschlecht, Kultur und Sprache alle Regionen der Welt vertreten konnte. Dabei waren auch Mitglieder der Kommission von 2017 und Anhängerinnen und Anhänger der semiologischen Anfallsklassifikation [13].
-
Als erster Schritt wurde eine systematische Übersicht publizierter Artikel erstellt, die Stärken und Schwächen der 2017er-Klassifikation formuliert hatten. Dabei wurden Studien zur praktischen Anwendung und Übersichtsarbeiten unterschieden, und der Grad der Zustimmung oder Ablehnung wurde systematisch aufgenommen. Aus der Analyse der Daten wurden die Hauptkritikpunkte erfasst und Alternativen formuliert. Es folgte ein iterativer Konsensusprozess, der diskursiv im Rahmen von mehreren persönlichen Sitzungen der Gruppe geführt wurde. Ergänzend wurde bei elementaren Fragen der Begrifflichkeit ein Delphi-Prozess geführt. Der resultierende Entwurf einer revidierten Klassifikation wurde entsprechend den ILAE-internen Regeln für öffentliche Kommentare auf der Homepage der ILAE publiziert und um Rückmeldungen gebeten. Alle eingegangenen Kommentare sowie die des Peer Reviews bei Epilepsia wurden gesichtet, nach Kategorien geordnet und implementiert. Für diesen extensiven Reviewprozess wurde eine weitere Arbeitsgruppe eingerichtet, die dafür Sorge getragen hat, dass relevante Kommentare nicht übergangen werden.
Was waren die Änderungen im Detail?
-
Die Anfallsklassen wurden vereinfacht: Fokale Anfälle und generalisierte Anfälle stellen die beiden Hauptklassen dar. Die Spezifikation „fokaler Beginn“ oder „generalisierter Beginn“ wurde fallengelassen, da ausreichende Evidenz besteht, dass auch generalisierte Anfälle an einem Punkt im Netzwerk beginnen [20]. Wenn die Anfälle nicht zugeordnet werden können, so gibt es die Kategorie „Unbekannt, ob fokal oder generalisiert“. In der 2017er-Klassifikation wurden 63 (!) verschiedene Anfallstypen spezifiziert [21]. Diese wurde jetzt auf 21 reduziert, wobei die genaue Anfallsbeschreibung ähnlich wie in der semiologischen Anfallsklassifikation durch Deskriptoren erfolgt [22, 23].
-
Gibt es keine verwertbaren Informationen, so bleibt – wie bei der 2017er-Klassifikation – die Kategorie „unklassifiziert“ erhalten, bis ausreichend Daten zu Verfügung stehen, um den Anfall einer der Klassen zuordnen zu können.
-
Negativer Myoklonus wurde als Anfallstyp neu in die Klassifikation aufgenommen.
-
Der Begriff generalisierter „nicht-motorischer Anfall“ anstelle von „Absence“ wurde nicht mehr weitergeführt. – zum einen, da er nicht angewendet wurde, sondern Absence weiterhin im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet wurde. Zum andern wurde auch anerkannt, dass Absencen eine Vielzahl an motorischen Phänomenen aufweisen [24].
-
Die einzelnen Anfallstypen der fokalen Anfälle in der 2017er-Klassifikation sind keine Klassen nach biologischen Kriterien, sondern lediglich durch die anatomische Lokalisation der Anfallsursprungszone bzw. der symptomatogenen Zone [25] unterschiedlich in ihrer Gestalt. Es wurde daher entschieden, diese als Deskriptoren zu verwenden und die Gesamtheit der Phänomene klinisch unter Verwendung des Glossars [22, 23] zu beschreiben. Dadurch wurde die semiologische Anfallsklassifikation [13] in die revidierte Fassung 2025 integriert.
-
Eine der wesentlichen Probleme in der 2017er-Klassifikation war die Einführung des Begriffes „awareness“ als Surrogatmarker für Bewusstsein [2]. Dieser Begriff lässt sich nicht oder nur unter Zuhilfenahme von umständlichen Sprachkonstrukten in andere Sprachen übersetzen. In der spanischen Übersetzung hat man den Begriff des Bewusstseins einfach beibehalten („consciencia“, „conciencia“), während wir im Deutschen „awareness“ mit „bewusst erlebt“ nicht ganz treffend übersetzt haben. Bewusstseinsstörungen und die klinisch-neurologische Untersuchung des qualitativen und quantitativen Bewusstseins sind in der medizinischen Ausbildung und Praxis fest verankert. Dass die Epileptologie eine andere Begrifflichkeit für Bewusstseinsstörungen bei epileptischen Anfällen schafft, ist nur sehr schwer zu begründen. Der Grundirrtum, das πρῶτον ψεῦδος [26], liegt in der Annahme, dass sich das Bewusstsein als Erfahrungstatsache durch eine einzige Dimension, nämlich die Erinnerung an das, was während des Anfalls stattgefunden hat, gänzlich erfassen lässt. In Anerkennung der philosophischen und neurobiologischen Unzulänglichkeiten, das Bewusstsein hinreichend zu definieren, müssen wir in der Klinik ein pragmatisches Vorgehen wählen und Bewusstsein durch Reagibilität und Erinnerung operationalisieren. Dies wurde in der Revision der Klassifikation anerkannt und umgesetzt. Der klinische Begriff der Bewusstseinsstörung findet sich nun wieder und hilft in der Kommunikation der Ärztinnen und Ärzte, aber auch der Patientinnen und Patienten. So wird eine kontraintuitive Verneinung eines vorhandenen Bewusstseins bei erhaltener Reaktivität, jedoch beeinträchtigter Enkodierung der iktalen Phase vermieden. Die Bewusstseinsstörung ist ein taxonomisches Kriterium zur Unterscheidung von fokalen und generalisierten Anfällen. In Bezug auf Fahrtauglichkeit und zur Erfassung von Gefahren am Arbeitsplatz [27] kommt der Erfassung von Bewusstseinsstörungen in der Epileptologie große Bedeutung zu.
-
Epileptische Spasmen finden in der Revision einen gebührenden Platz. Phänomenologisch (semiologisch) können fokale Spasmen nicht sicher von generalisierten Spasmen unterschieden werden. Therapeutisch hat dies aber enorme Konsequenzen. Fokale epileptische Spasmen müssen frühzeitig prächirurgisch evaluiert werden, während generalisierte Spasmen ausschließlich einer medikamentösen Therapie zugänglich sind. Ein Flussdiagramm in der Klassifikation stellt diese Unterscheidung klar dar und hilft in der Therapieentscheidung.
-
Beobachtbare Anfälle vs. motorische Anfälle: Der Begriff „beobachtbar“ wurde eingeführt, um auch nicht motorische Phänomene in objektive Anfallsphänomene aufzunehmen, etwa Manifestationen autonomer Symptome, Aphasie oder Bewusstseinsstörungen. In der neuen Klassifikation wird nicht spezifiziert, in welcher Form die Methodik der Observation in eine Beurteilung als „beobachtbar“ oder „nicht beobachtbar“ einfließt; „beobachtbar“ ist offenbar umfassender als „beobachtet“, sodass auch Symptome einzubeziehen sind, die etwa in einer Videoanalyse erkennbar werden. Gerade autonome Symptome werden hingegen nur durch zusätzliche Messverfahren erkennbar, etwa durch ein EKG (Elektrokardiogramm) oder eine Messung der Hautleitfähigkeit. Mit aktuell verfügbar werdenden Methoden einer multimodalen Diagnostik wird diese Frage zunehmend bedeutsam.
-
Weitere terminologische Änderungen bei den Deskriptoren epileptischer Anfälle umfassen etwa die Aufgabe des Anfallstyps „emotionale Anfälle“, die 2017 sowohl als gelastische sowie auch dakrystische Anfälle als eigene Klasse geführt worden waren, was schwierig zu rechtfertigen ist. Nunmehr sind diese Anfallstypen Deskriptoren fokaler Anfälle (s. Glossar [21, 22]). Hintergrund ist, dass gelastische und dakrystische Anfälle zwar mit entsprechenden Emotionen einer freudigen Erregung oder Traurigkeit verbunden sein können, jedoch nicht notwendigerweise sind, während eine automatische, ungewollte Manifestation in allen Fällen vorlag. Der Begriff mimischer Automatismus soll dem gerecht werden, kann jedoch darüber hinaus weitere Manifestationen wie mimische Ausdrucksformen etwa von Wut oder Ekel ebenfalls umfassen.
Fazit für die Praxis
-
Die neue systemorientierte Anfallsklassifikation muss sich in der klinischen Praxis bewähren. Kommentare und Erfahrungen mit der überarbeiteten Klassifikation nimmt die ILAE gerne entgegen.
-
Beim Aufrteten neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse muss die Klassifikation wieder überdacht und gegebenenfalls angepasst werden.
-
Die Anwendung der neuen Klassifikation wird durch das Vorliegen einer kritisch kommentierten deutschsprachigen Übersetzung erleichtert.
-
Die Implementierung der neuen Klassifikation erfordert – wie alle neuen Klassifikationen in der klinischen Medizin – auch edukative Maßnahmen wie zum Beispiel praxisnahe Kurse, e-learning, und fallbasierte Besprechungen.