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Erschienen in: Zeitschrift für Allgemeinmedizin 7/2023

Open Access 16.10.2023 | Lehre und Didaktik

Erfahrungen mit wechselseitigen Untersuchungen (Peer-to-Peer): eine Querschnittsstudie unter Studierenden nach dem Untersuchungskurs

verfasst von: Hanna Scheins, Gracia Braun, Yelda Krumpholtz, Prof. Dr. Birgitta Weltermann

Erschienen in: Zeitschrift für Allgemeinmedizin | Ausgabe 7/2023

Zusammenfassung

Hintergrund

Die körperliche Untersuchung ist eine medizinische Kernkompetenz. Die wechselseitigen Untersuchungen (Peer-to-Peer-Untersuchung [PPE]) in Kleingruppen mit teilweisem Entkleiden sind eine bewährte didaktische Methode. Studien deuten jedoch auf eine Beeinträchtigung der Lernprozesse durch PPE hin. In dieser Studie wurden Studierende nach ihren Erfahrungen mit PPE und Präferenzen für die Kurzentwicklung befragt.

Methoden

Diese webbasierte Querschnittsstudie befragte Medizinstudierende, die den Untersuchungskurs vor 2–4 Semestern absolviert hatten. Der Fragebogen erfasste soziodemografische Merkmale der Studierenden, ihre Erfahrungen mit wechselseitiger Untersuchung und ihre Präferenzen für die Verbesserung des Kursformats. Ein logistisches Regressionsmodell analysierte den Zusammenhang zwischen der Bereitschaft der Studierenden zu PPE und den Präferenzen für eine Weiterentwicklung des Lernformats.

Ergebnisse

Die Rücklaufquote betrug 39,5 % (n = 156), 73,4 % waren weiblich. Die Mehrheit stimmte PPE zu: Untersucht zu werden, ist eine wichtige Erfahrung für zukünftige Ärzte (96,5 %, n = 138), wechselseitiges Untersuchen ist eine geeignete Lehrmethode (89,5 %, n = 128) und das Wohlbefinden nahm im Kursverlauf zu (75,2 %, n = 107). Allerdings waren 13,3 % (n = 19) der Studierenden nicht bereit, sich untersuchen zu lassen, und 22,4 % (n = 32) waren nicht bereit, sich an ≥ 1 Körperteil untersuchen zu lassen. Über ≥ 1 Lernbeeinträchtigung durch PPE berichteten 31,5 % (n = 45) und 12,2 % (n = 17) fühlten sich zur Teilnahme gezwungen. Die Studierenden wählten durchschnittlich 5,8 von 14 (SD 1,9) der Vorschläge zur Anpassung des Kursformats. Studierende, die nicht bereit waren, an der wechselseitigen Untersuchung von ≥ 1 Körperregion teilzunehmen (23,8 %, n = 34), wünschten signifikant häufiger Kursmodifikationen: Training zuerst an Dummys (35,3 % vs. 12 %, p = 0,005) oder Schauspielpatienten (23,5 % vs. 5,6 %, p = 0,005), Raumtrennung durch Vorhänge (54,8 % vs. 17,9 %, p < 0,001) und gleichgeschlechtliche Tutoren (24,2 % vs. 1,9 %, p < 0,001).

Zusammenfassung

Die meisten Studierenden bewerten die wechselseitige Untersuchung positiv, doch waren etwa 30 % unzufrieden mit PPE. Optionen zur Weiterentwicklung des Lehrformats wurden insbesondere von den Studierenden bevorzugt, die sich mit einer wechselseitigen Untersuchung eher unwohl fühlten.
Hinweise
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Einleitung

Die körperliche Untersuchung gehört zu den Kernkompetenzen eines jeden Arztes und ist daher von zentraler Bedeutung für die klinische Ausbildung von Medizinstudierenden. Weltweit sind wechselseitige Untersuchungen (auch Peer-to-Peer-Untersuchungen genannt) eine gut etablierte Methode, um Studierenden das Untersuchen beizubringen. Dieser didaktische Ansatz beinhaltet das teilweise Entkleiden der Studierenden und engen Körperkontakt in kleinen Gruppen mit Tutoren. Trotz dieser standardisierten Untersuchungskurse und des Trainings in den Famulaturen wurde bei 36,7–63 % der Medizinstudenten im letzten Studienjahr eine unzureichende Beherrschung der Untersuchungstechniken festgestellt [1]. Dafür werden verschiedene Gründe diskutiert, z. B. die Fokussierung auf theoretisches Wissen und klinische Diskussionen statt auf Untersuchungstechniken, unzureichende Zeit der Tutoren für individuelles Feedback und beeinträchtigte Lernprozesse aufgrund der didaktischen Methode der wechselseitigen Untersuchungen im klinischen Untersuchungskurs.
Internationale Studien weisen darauf hin, dass persönliche Glaubensüberzeugungen (z. B. nach religiösen und kulturellen Ansichten unangemessene Nähe-Distanz), Geschlecht (z. B. Angst vor sexueller Belästigung bei Studentinnen) und emotionale Aspekte (z. B. Scham wegen eigener spezieller Körpermerkmale) den Lernerfolg beeinträchtigen [25]. Im Jahr 2011 berichtete Chen, dass 87 % der Medizinstudierenden eine Bereitschaft zu wechselseitigen Untersuchungen signalisierte, jedoch dies im Rahmen des Untersuchungskurses bei mindestens einer Körperregion nicht durchführten. 63 % von ihnen untersuchten 3 oder mehr Körperregionen nicht, wobei es vor allem in den sog. sensiblen Körperregionen (z. B. Leisten) Defizite gab [3].
Die aufgeführten Studien umreißen das Ausmaß des Problems, gehen aber nur bedingt auf mögliche Lösungen ein. Insbesondere fehlen Studien, in denen die Studierenden nach ihren Präferenzen und Vorschlägen für die Weiterentwicklung des Formats des Untersuchungskurses gefragt werden. In Anbetracht der laufenden bundesweiten Optimierung des Curriculums im Medizinstudium gibt es einen starken Ansporn, eine effektive und unterstützende Lernumgebung zu gewährleisten. In dieser Studie wurden Medizinstudierende standardisiert zu ihren Lernerfahrungen sowie ihren Präferenzen für die Verbesserung des Lernformats befragt.

Methoden

Design, Setting, Teilnehmer

Die webbasierte Querschnittsbefragung wurde unter Medizinstudierenden der Universität Bonn im November/Dezember 2020 durchgeführt. Es wurden Studierende befragt, die den 2‑semestrigen GKU-Kurs erfolgreich (2–4 Semester zuvor) absolviert hatten. Während den Erfahrungen im Untersuchungskurs haben die Studierenden somit keine Einschränkungen durch Corona erfahren. Die Studierenden erhielten eine Einladungs-E-Mail mit einem Link zum Fragebogen und nach einer Woche wurden Erinnerungs-E-Mails verschickt. Die Teilnahme war freiwillig. Ein Gewinnspiel mit Buchgutscheinen bot einen Anreiz zur Teilnahme an der Umfrage, die im Herbst 2020 durchgeführt wurde. Die Studie wurde von der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn genehmigt (Nr. 413/20 am 2020/10/01).

Studieninstrument

Der Fragebogen bestand aus 54 Fragen, die folgende Aspekte beinhalteten:
1.
soziodemografische Merkmale der Studierenden: Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, bisheriger medizinischer Beruf (Krankenpflege, Rettungssanitäter, Physiotherapeut), Selbsteinschätzung des eigenen Körpergewichts (Untergewicht, Normalgewicht, Übergewicht, Adipositas); Wahrnehmungen und Überzeugungen der Studierenden, die den Lernprozess beeinträchtigen können: Nähe-Distanz-Problem, eigene Körpermerkmale (z. B. Trichterbrust, Tätowierungen, Narben), kultureller und/oder religiöser Hintergrund, Selbstwertgefühl, Körpergefühl, Angst vor sexuellen Gefühlen, Schamgefühle (5-stufige Likert-Skala);
 
2.
Bereitschaft der Studierenden, an der wechselseitigen Untersuchung teilzunehmen: Bereitschaft der Studierenden, folgende Körperregionen an anderen Studierenden zu untersuchen: Kopf und Nacken, Arme und Schultern, Hände, Oberkörper (ohne Mammae), Bauch, Rücken, Hüften, Leisten (ohne Genitalien), Beine, Füße; Bereitschaft der Studierenden, diese Körperregionen von Studierenden des gleichen und/oder anderen Geschlechts untersuchen zu lassen;
 
3.
Erfahrungen der Studierenden mit der wechselseitigen Untersuchung und Gründe für beeinträchtigte Lernprozesse: Wahrnehmung des Kurses; Veränderungen der Einstellung zum wechselseitigen Untersuchen während des Kurses (5-stufige Likert-Skala); die dargestellten Kategorien waren identisch mit denen in Frage 2.
 
4.
Präferenzen der Studierenden für die zukünftige Kursentwicklung: Es wurden 14 Optionen zur Weiterentwicklung des Untersuchungskurses und der wechselseitigen Untersuchung angeboten (5-stufige Likert-Skala).
 
Der Fragebogen orientierte sich teilweise an publizierten Instrumenten (O’Neill et al. „examining fellow students questionnaire“; Chang et al. „peer physical exam questionnaire“). Um einen Vergleich zu ermöglichen, enthielt der Fragebogen Fragen aus früheren Veröffentlichungen auf diesem Gebiet [2, 3, 68]. Die Optionen zur Verbesserung des Untersuchungskurses wurden aus Veröffentlichungen und Diskussionen mit Tutoren in unserem Institut abgeleitet.

Statistische Auswertung

Der Datensatz umfasste die Teilnehmer*innen, die alle Fragen der Umfrage beantwortet hatten. Es wurden deskriptive Statistiken angewandt, um Häufigkeiten, Prozentsätze und Mittelwerte (mit Standardabweichung) in Abhängigkeit von der jeweiligen Variablen zu berechnen. Für bivariate Analysen wurden χ2-Tests und der exakte Fisher-Test für kategoriale Variablen verwendet; der Mann-Whitney-U-Test wurde für den Vergleich von Mittelwerten eingesetzt. Studierende, die nicht bereit waren, an der wechselseitigen Untersuchung von ≥ 1 Körperregionen teilzunehmen (untersucht zu werden und/oder zu untersuchen), wurden mit denjenigen verglichen, die sich vollständig an den Untersuchungen beteiligten. Zur Bewertung der Merkmale der Studierenden, die mit der Bereitschaft zur Teilnahme an wechselseitigen Untersuchungen assoziiert sind, wurde ein multiples binäres logistisches Regressionsmodell verwendet, nachdem die Eignung des Modells mit dem Hosmer-Lemeshow-Test auf Anpassungsfähigkeit geprüft worden war. Um die Stärke der beobachteten Zusammenhänge zu bewerten, wurden rohe Odds-Ratios (OR) mit den entsprechenden 95 %-Konfidenzintervallen berechnet. Fehlende Angaben sind in Klammern hinter dem jeweiligen Item angegeben. Alle prozentualen Angaben werden als gültige Prozentwerte dargestellt. Ein 2‑seitiger p-Wert unter 0,05 wurde als statistisch signifikant definiert. Die Daten wurden mit IBM SPSS (IBM® SPSS® Statistics Version 27, IBM Corp., Armonk, NY, USA) ausgewertet.

Ergebnisse

Teilnehmer*innen der Studie

Insgesamt nahmen 156 von 395 Studierenden an der Umfrage teil (Rücklaufquote: 39,5 %). Der Datensatz für die Analysen umfasste 143 Teilnehmer*innen, die alle Fragen der Umfrage beantwortet haben. Etwa die Hälfte von ihnen (50,3 %) war 18–23 Jahre alt, 38,5 % waren 24–29 Jahre alt und 11,2 % älter als 30 Jahre. Fast drei Viertel waren weiblich (73,4 %), 37,3 % hatten einen Migrationshintergrund und 87,4 % schätzten sich als normalgewichtig ein. Von den Studierenden hatten 17,9 % eine Vorbildung im medizinischen Bereich (Krankenpflege, Rettungssanitäter, Physiotherapie). Bei diesen Merkmalen gab es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Einzelheiten siehe Tab. 1.
Tab. 1
Merkmale der Teilnehmer: Gesamtstichprobe und stratifiziert nach Geschlecht (n = 143)a
 
Gesamt
Weiblich
Männlich
p-Wert
 
n
%
n
%
n
%
 
Teilnehmer*innen
143
100
105
73,4
38
26,6
Altersgruppe (Jahre)
18–23
72
50,3
56
53,3
16
42,1
0,409
24–29
55
38,5
37
35,2
18
47,4
≥ 30
16
11,2
12
11,4
4
10,5
Migrationshintergrund [1|0]
Ja
53
37,3
40
38,5
13
34,2
0,643
Nein
89
62,7
64
61,5
25
65,8
Selbstbeurteilung Körpergewicht
Untergewichtig
3
2,1
1
1,0
2
5,3
0,373
Normalgewichtig
125
87,4
92
87,6
33
86,8
Übergewichtig
13
9,1
10
9,5
3
7,9
Adipös
2
1,4
2
1,9
0
0
Vorerfahrungen im medizinischen Bereich [5|1]
Krankenpflegeausbildung
12
8,8
8
8,0
4
10,8
0,243
Ausbildung im Rettungsdienst
10
7,3
5
5,0
5
13,5
Physiotherapieausbildung
3
2,2
2
2,0
1
2,7
Keine Vorerfahrung
112
81,8
85
85,0
27
73,0
aFehlende Werte [N]

Bereitschaft der Studierenden zur Teilnahme an der wechselseitigen Untersuchung

Alle Medizinstudierenden waren bereit, andere Studierende zu untersuchen und sich von ihnen untersuchen zu lassen, wobei dies je nach Körperteil, Rolle (untersuchen oder untersucht werden) und Geschlecht variierte. Im Allgemeinen waren die Studierenden bei allen Körperteilen eher bereit aktiv zu untersuchen, als sich untersuchen zu lassen (86,7 % gegenüber 77,6 %). Neunzehn Studierende (13,3 %) waren nicht bereit, einen Kommilitonen in ≥ 1 Körperregion zu untersuchen. Bis zu 12,3 % der Studierenden waren nicht bereit, andere Studierende an verschiedenen Körperregionen zu untersuchen: Leisten (12,3 %), Füße (2,8 %), Hüften (0,7 %), Oberkörper (0,7 %), Kopf und Hals (0,7 %). Die Bereitschaft, sich untersuchen zu lassen, war etwas geringer: 22,4 % der Studierenden waren nicht bereit, sich an ≥ 1 Körperteilen untersuchen zu lassen, wobei auch hier Unterschiede zwischen den einzelnen Körperregionen bestanden: Leisten (19,4 %), Hüften (6,9 %), Oberkörper (5,6 %), Bauch (2,1 %), Rücken (1,4 %), Kopf und Hals (1,4 %), Beine (1,4 %). Einzelheiten siehe Tab. 2.
Tab. 2
Selbst angegebene Bereitschaft der Studierenden, bestimmte Körperregionen zu untersuchen/untersuchen zu lassen (n = 143)a
 
Bereitschaft zu untersuchen
Bereitschaft, untersucht zu werden
 
n
%
n
%
Kopf und Nacken
Gleichgeschlechtliche*r Kommilitone*in
3
2,1
2
1,4
Andersgeschlechtliche*r Kommilitone*in
2
1,4
2
1,4
Beide Geschlechter
137
95,8
137
95,8
Gar nicht
1
0,7
2
1,4
Arme und Schultern
Gleichgeschlechtliche*r Kommilitone*in
3
2,1
2
1,4
Andersgeschlechtliche*r Kommilitone*in
1
0,7
2
1,4
Beide Geschlechter
139
97,2
139
97,2
Gar nicht
0
0,0
0
0,0
Hände
Gleichgeschlechtliche*r Kommilitone*in
3
2,1
2
1,4
Andersgeschlechtliche*r Kommilitone*in
1
0,7
2
1,4
Beide Geschlechter
139
97,2
139
97,2
Gar nicht
0
0,0
0
0,0
Oberkörper (ohne Mammae)
Gleichgeschlechtliche*r Kommilitone*in
12
8,4
16
11,2
Andersgeschlechtliche*r Kommilitone*in
3
2,1
2
1,4
Beide Geschlechter
127
88,8
117
81,8
Gar nicht
1
0,7
8
5,6
Abdomen
Gleichgeschlechtliche*r Kommilitone*in
7
4,9
10
6,9
Andersgeschlechtliche*r Kommilitone*in
1
0,7
2
1,4
Beide Geschlechter
135
94,4
128
89,5
Gar nicht
0
0,0
3
2,1
Rücken
Gleichgeschlechtliche*r Kommilitone*in
6
4,2
8
5,6
Andersgeschlechtliche*r Kommilitone*in
1
0,7
2
1,4
Beide Geschlechter
136
95,1
131
91,6
Gar nicht
0
0,0
2
1,4
Hüften [1|1]
Gleichgeschlechtliche*r Kommilitone*in
15
10,6
18
12,7
Andersgeschlechtliche*r Kommilitone*in
1
0,7
1
0,7
Beide Geschlechter
124
87,3
113
79,6
Gar nicht
2
1,4
10
7,0
Leistenregion (ohne Genital; [5|3])
Gleichgeschlechtliche*r Kommilitone*in
38
27,5
36
25,7
Andersgeschlechtliche*r Kommilitone*in
1
0,7
1
0,7
Beide Geschlechter
82
59,4
75
53,6
Gar nicht
17
12,3
28
20,0
Beine
Gleichgeschlechtliche*r Kommilitone*in
5
3,5
7
4,9
Andersgeschlechtliche*r Kommilitone*in
1
0,7
2
1,4
Beide Geschlechter
137
95,8
132
92,3
Gar nicht
0
0,0
2
1,4
Füße
Gleichgeschlechtliche*r Kommilitone*in
5
3,5
4
2,8
Andersgeschlechtliche*r Kommilitone*in
1
0,7
2
1,4
Beide Geschlechter
133
93,0
128
89,5
Gar nicht
4
2,8
9
6,3
Anzahl der Körperteile, die Studierende nicht untersuchen/an denen Studierende nicht untersucht werden wollten
0
124
86,7
111
77,6
1
14
9,8
18
12,6
2
4
2,8
5
3,5
≥ 3
1
0,7
9
6,3
aFehlende Werte [N]
Männliche und weibliche Studierende unterschieden sich nicht in ihrer Untersuchungsbereitschaft (p = 0,747), während signifikant mehr weibliche Studierende nicht bereit waren, sich an ≥ 1 Körperteil untersuchen zu lassen: Frauen (n = 25; 23,9 %) vs. Männer (n = 7; 18,4 %; p = 0,011). Insgesamt 13,3 % der Studierenden (n = 19) waren nicht bereit, ≥ 1 Körperteil zu untersuchen und 22,4 % (n = 32) waren nicht bereit, sich an ≥ 1 Körperteil untersuchen zu lassen. Die Merkmale der Studierenden, die bereit waren, sich vollständig an der wechselseitigen Untersuchung zu beteiligen, zeigten im Vergleich zu denen, die dies nicht taten, keine signifikanten Unterschiede; außer dass Studierende mit Migrationshintergrund signifikant häufiger bereit waren, sich an der wechselseitigen Untersuchung zu beteiligen (42,4 % vs. 21,2 %, p = 0,029).
Im multivariaten Modell war die mangelnde Bereitschaft der Studierenden, alle Körperregionen zu untersuchen oder untersuchen zu lassen, signifikant mit dem Alter, der Körperwahrnehmung und dem Migrationshintergrund assoziiert. Im Gegensatz zu jüngeren Studierenden (18–24 Jahre) lehnten ältere Studierende (≥ 30 Jahre) die Teilnahme an der wechselseitigen Untersuchung an mindestens einer Körperregion 10,6-mal häufiger ab (95 %-KI: 1,62–69,06; p = 0,014). Studienteilnehmer*innen, die nach eigenen Angaben über- oder untergewichtig waren, lehnten die Teilnahme an der wechselseitigen Untersuchung für alle Untersuchungsarten 3,8-mal häufiger ab als Teilnehmer*innen mit angegebenem Normalgewicht (95 %-KI: 1,02–13,7; p = 0,046). In unserer Studie war ein Migrationshintergrund (im Kontrast zu anderen Studien) mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit der Ablehnung der wechselseitigen Untersuchung assoziiert (OR: 0,17; 95 %-KI: 0,05–0,54; p = 0,003), während das Geschlecht und eine medizinische Vorbildung keinen Einfluss hatten. Nach dem Hosmer-Lemeshow-Test war die Anpassung des Modells akzeptabel (χ2 (6): 3,62; p = 0,728). Das Ergebnis der multivariablen binären Regression ist in Tab. 3 dargestellt.
Tab. 3
Statistisches Modell zu den Charakteristika der Studierenden, die mit der Ablehnung mindestens eine Körperregion zu untersuchen/an mindestens einer Körperregion untersucht zu werden in Zusammenhang stehen
Charakteristika
Odds-Ratio (OR)
95 %-Konfidenzintervall
p-Wert
Oben
Unten
Altersgruppe (Jahre)
≥ 30
10,574
1,619
69,064
0,014
24–29
0,683
0,253
1,844
0,451
18–23
(Ref)
(Ref)
(Ref)
(Ref)
Geschlecht
Weiblich
1,358
0,480
3,841
0,564
Männlich
(Ref)
(Ref)
(Ref)
(Ref)
Migrationshintergrund
Ja
0,170
0,054
0,542
0,003
Nein
(Ref)
(Ref)
(Ref)
(Ref)
Selbstbeurteilung Körpergewicht
Unter-/übergewichtig/adipös
3,739
1,023
13,673
0,046
Normalgewichtig
(Ref)
(Ref)
(Ref)
(Ref)
Vorerfahrungen im medizinischen Bereich
Krankenpflegeausbildung
0,377
0,055
2,569
0,319
Ausbildung im Rettungsdienst
0,125
0,013
1,237
0,075
Physiotherapieausbildung
0,000
0,000
NE
0,999
Keine Vorerfahrung
(Ref)
(Ref)
(Ref)
(Ref)
n = 136, Nagelkerkes R2 = 0,234; Hosmer-Lemeshow-Test: X2 (6) = (3,618), p > 0,05
NE nicht evaluierbar, Ref Referenzgruppe

Erfahrungen während des Untersuchungskurses und Gründe für einen beeinträchtigten Lernprozess

Die überwiegende Mehrheit stimmte der wechselseitigen Untersuchung zu: Untersucht zu werden, ist eine wichtige Erfahrung für angehende Ärzte (96,5 %), die wechselseitige Untersuchung ist eine geeignete Lehrmethode (89,5 %) und die Studierenden fühlten sich während des Kurses zunehmend wohler (75,2 %). Jedoch gaben 17 Studierende (12,2 %) an, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlten, an der wechselseitige Untersuchung teilzunehmen, und 5 Studierende (3,8 %) lehnten die Untersuchung bestimmter Körperregionen ab. Stratifiziert nach der Bereitschaft, sich an der wechselseitigen Untersuchung zu beteiligen, fühlten sich die Studierenden mit geringerer Bereitschaft im Verlauf des Kurses nicht wohler (p = 0,003), hielten die gegenseitige Untersuchung seltener für eine geeignete Methode für die medizinische Ausbildung (p = 0,002), fühlten sich stärker unter Druck gesetzt, an der wechselseitigen Untersuchung teilzunehmen (p < 0,001), und berichteten über einen geringeren Lerneffekt im Vergleich zu denjenigen mit hoher Bereitschaft, eine wechselseitige Untersuchung durchzuführen (p = 0,010). Für Einzelheiten siehe Tab. 4.
Tab. 4
Die Erfahrungen der Studierenden im Untersuchungskurs (n = 143)a
 
Gesamt
0b
≥ 1c
p-Wertd
n
%
n
%
n
%
Teilnehmer*innen
143
100
109
76,2
34
23,8
Anfangs war die Nähe ungewohnt, aber dies war schnell überwunden
Trifft zu/trifft eher zu
96
67,1
77
70,6
19
55,9
0,222
Teils/teils
22
15,4
14
12,8
8
23,5
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
25
17,5
18
16,5
7
20,6
Im Lauf des Kurses habe ich mich zunehmend wohler gefühlt. [3|3]
Trifft zu/trifft eher zu
103
75,2
85
80,2
18
58,1
0,003
Teils/teils
16
11,7
13
12,3
3
9,7
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
18
13,1
8
7,5
10
32,3
Gegenseitiges Untersuchen ist eine geeignete Methode für die ärztliche Ausbildung
Trifft zu/trifft eher zu
128
89,5
103
94,5
25
73,5
0,002
Teils/teils
11
7,7
4
3,7
7
20,6
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
4
2,8
2
1,8
2
5,9
Ich habe mich unter Druck gesetzt gefühlt, am gegenseitigen Untersuchen teilzunehmen [4|0]
Trifft zu/trifft eher zu
17
12,2
8
7,6
9
26,5
<0,001
Teils/teils
21
15,1
11
10,5
10
29,4
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
101
72,7
86
81,9
15
44,1
Wie ein Patient untersucht zu werden, ist eine wichtige Erfahrung für angehende Ärzte*innen
Trifft zu/trifft eher zu
138
96,5
107
98,2
31
91,2
0,087
Teils/teils
4
2,8
2
1,8
2
5,9
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
1
0,7
0
0,0
1
2,9
Die Untersuchung einiger Körperregionen (z.B. Thorax) habe ich verweigert [9|1]
Trifft zu/trifft eher zu
5
3,8
2
2,0
3
9,1
0,143
Teils/teils
3
2,3
2
2,0
1
3,0
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
125
94,0
96
96,0
29
87,9
Durch das gegenseitige Untersuchen habe ich viel gelernt
Trifft zu/trifft eher zu
117
81,8
95
87,2
22
64,7
0,010
Teils/teils
20
14,0
10
9,2
10
29,4
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
6
4,2
4
3,7
2
5,9
aFehlende Werte [N]
bStudierende, die bereit waren, sich an allen 10 Körperregionen untersuchen zu lassen/alle 10 Körperregionen zu untersuchen
cStudierende, die nicht bereit waren, sich an mindestens einer bestimmten Körperregion untersuchen zu lassen/mindestens eine bestimmte Körperregion zu untersuchen
dSignifikante Unterschiede werden durch Kursivdruck hervorgehoben
Insgesamt 45 Studierende (31,5 %) stimmten einem oder mehreren der 8 angegebenen Gründe für die Lernbeeinträchtigung zu, die sich nicht aufgrund des Geschlechts unterschieden. Zwei oder mehr Gründe wurden von 28 Studierenden (19,6 %) angegeben. In abnehmender Reihenfolge waren die 5 Hauptgründe: Scham (17,6 %, n = 25), subjektive Körperwahrnehmung (14,1 %, n = 20), Nähe-Distanz-Problem (13,5 %, n = 19), Selbstwertgefühl (13,4 %, n = 19) und eigene körperliche Merkmale (9,2 %, n = 13), während ein kultureller oder religiöser Hintergrund (1,4 %, n = 2) und sexuelle Gefühle (2,8 %, n = 4) selten genannt wurden.

Präferenzen für die zukünftige Kursentwicklung

Alle Studierenden wählten mindestens eine der 14 angebotenen Optionen zur Verbesserung der zukünftigen Kursgestaltung. Mindestens die Hälfte der Studierenden stimmte mindestens einer der folgenden Änderungen zu: Gruppengröße unter 5 Personen (88,7 %), Videos vor dem Kurs über Prüfungstechniken (85,2 %), Diskussion über wechselseitige Untersuchung bei Kursbeginn (81,1 %), Verhaltenskodex für die Teilnehmer*innen (73,4 %), Gelegenheit zur Selbstreflexion der eigenen Körperlichkeit (51,1 %), Gruppenzuweisung nach den Präferenzen der Studierenden (45,9 %). Studierende mit geringerer Bereitschaft, sich auf die wechselseitige Untersuchung einzulassen, wählten signifikant häufiger Änderungsoptionen: Im Durchschnitt wählten sie 6,8 (1,8) Optionen im Vergleich zu 5,5 (1,8). Im Einzelnen wünschten sie zuerst ein Training an Dummys (35,3 % vs. 23 %, p = 0,005), an Schauspielpatient*innen (23,5 % vs. 5,6 %, p = 0,005), Tutoren gleichen Geschlechts wie die Gruppe (24,2 %. vs. 1,9 %, < 0,001) und Vorhänge zur Raumtrennung innerhalb kleiner Gruppen (54,8 % vs. 17,9 %, p < 0,001). Insgesamt befürworteten 2,9 % aller Studierenden (n = 4), den Untersuchungskurs abzuschaffen. Von den 34 Studierenden, die weniger Bereitschaft für die wechselseitige Untersuchung zeigten, gaben dies 8,8 % (n = 3 von 24) an im Vergleich zu 1 % der weniger beeinträchtigen Studierenden (n = 1 von 109; p < 0,001). Insgesamt stimmten 79,4 % der Studierenden mit geringerem Engagement bezüglich der wechselseitigen Untersuchung nicht zu, dass der Kurs abgeschafft werden sollte, ebenso wie 99 % der restlichen Studierenden. Für Einzelheiten siehe Tab. 5.
Tab. 5
Präferenzen für das zukünftige Kurskonzept: gesamte Studienpopulation und stratifiziert nach der mangelnden Bereitschaft der Studierenden, am Untersuchungskurs teilzunehmen (n = 143)a
 
Gesamt
0b
≥ 1c
p-Wertd
n
%
n
%
n
%
Teilnehmer*innen
143
100
109
76,2
34
23,8
Eine Gruppengröße der Untersuchungsgruppe unter 5 Personen ist sinnvoll [0|2]
Trifft zu/trifft eher zu
125
88,7
95
87,2
30
93,8
0,707
Teils/teils
8
5,7
7
6,4
1
3,1
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
8
5,7
7
6,4
1
3,1
Das Zeigen von Lehrvideos zu Untersuchungstechniken sind zur Kursvorbereitung sinnvoll [1|0]
Trifft zu/trifft eher zu
121
85,2
93
86,1
28
82,4
0,768
Teils/teils
13
9,2
9
8,3
4
11,8
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
8
5,6
6
5,6
2
5,9
Zu Beginn des Kurses soll das gegenseitige Untersuchen thematisiert werden
Trifft zu/trifft eher zu
116
81,1
90
82,6
26
76,5
0,647
Teils/teils
10
7,0
7
6,4
3
8,8
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
17
11,9
12
11,0
5
14,7
Das Besprechen eines „Verhaltenskodexes“ vor dem Beginn des Kurses mit allen Teilnehmern ist sinnvoll
Trifft zu/trifft eher zu
105
73,4
79
72,5
26
76,5
0,948
Teils/teils
17
11,9
13
11,9
4
11,8
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
21
14,7
17
15,6
4
11,8
Die Studierenden sollen den Untersuchungspartner*in selbst wählen können [2|1]
Trifft zu/trifft eher zu
95
67,9
71
66,4
24
72,7
0,549
Teils/teils
26
18,6
22
20,6
4
12,1
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
19
13,6
14
13,1
5
15,2
Eine Möglichkeit zur Selbstreflektion zum Thema Körperlichkeit im Kurs ist sinnvoll [3|1]
Trifft zu/trifft eher zu
71
51,1
54
50,9
17
51,5
0,620
Teils/teils
31
22,3
22
20,8
9
27,3
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
37
26,6
30
28,3
7
21,2
Die Gruppenzusammensetzung sollen die Studierenden selbst wählen können [4|4]
Trifft zu/trifft eher zu
62
45,9
45
42,9
17
56,7
0,394
Teils/teils
25
18,5
21
20,0
4
13,3
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
48
35,6
39
37,1
9
30,0
Eine Gruppeneinteilung durch Los ist sinnvoll [9|3]
Trifft zu/trifft eher zu
35
26,7
26
26,0
9
29,0
0,147
Teils/teils
24
18,3
22
22,0
2
6,5
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
72
55,0
52
52,0
20
64,5
Eine Trennung der Untersuchungspaare durch Vorhänge ist sinnvoll [3|3]
Trifft zu/trifft eher zu
36
26,3
19
17,9
17
54,8
<0,001
Teils/teils
21
15,3
19
17,9
2
6,5
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
80
58,4
68
64,2
12
38,7
Körperliches Untersuchen soll erst an Untersuchungspuppen geübt werden [1|0]
Trifft zu/trifft eher zu
25
17,6
13
12,0
12
35,3
0,005
Teils/teils
27
19,0
20
18,5
7
20,6
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
90
63,4
75
69,4
15
44,1
Die Gruppenzusammensetzung soll gleichgeschlechtlich sein [3|0]
Trifft zu/trifft eher zu
14
10,0
9
8,5
5
14,7
0,100
Teils/teils
20
14,3
12
11,3
8
23,5
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
106
75,7
85
80,2
21
61,8
Körperliches Untersuchen soll erst an Schauspielpatienten*innen geübt werden [1|0]
Trifft zu/trifft eher zu
14
9,9
6
5,6
8
23,5
0,005
Teils/teils
19
13,4
13
12,0
6
17,6
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
109
76,8
89
82,4
20
58,8
Tutoren*innen/Dozenten*innen sollen gleichgeschlechtlich entsprechend der Gruppe sein [3|1]
Trifft zu/trifft eher zu
10
7,2
2
1,9
8
24,2
<0,001
Teils/teils
12
8,6
7
6,6
5
15,2
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
117
84,2
97
91,5
20
60,6
Das gegenseitige Untersuchen ist nicht sinnvoll und soll wegfallen [5|0]
Trifft zu/trifft eher zu
4
2,9
1
1,0
3
8,8
<0,001
Teils/teils
4
2,9
0
0,0
4
11,8
Trifft nicht zu/trifft eher nicht zu
130
94,2
103
99,0
27
79,4
Anzahl der Items mit trifft zu/trifft eher zu
0
0
0,0
0
0,0
0
0,0
0,494
1
1
0,7
1
0,9
0
0,0
2
6
4,2
6
5,5
0
0,0
≥ 3
136
95,1
102
93,6
34
100,0
Mittelwert (SD)
5,8 (1,99)
5,5 (1,89)
6,8 (1,8)
0,002
aFehlende Werte [N]
bStudierende, die bereit waren, sich an allen 10 Körperregionen untersuchen zu lassen/alle 10 Körperregionen zu untersuchen
cStudierende, die nicht bereit waren, sich an mindestens einer bestimmten Körperregion untersuchen zu lassen/mindestens einer bestimmte Körperregion zu untersuchen
dSignifikante Unterschiede werden durch Kursivdruck hervorgehoben

Diskussion

Unsere Studie ergab eine breite Akzeptanz des Untersuchungskurses unter den Studierenden, wies aber gleichzeitig auf Lernbeeinträchtigungen bei etwa 20 % der Studierenden hin, die vor allem auf Scham, die eigene Körperwahrnehmung und ein Nähe-Distanz-Problem zurückzuführen waren. Neu ist, dass unsere Studie auf verschiedene Optionen für die Weiterentwicklung des Kursformats hinweist, die signifikant häufiger von denjenigen mit weniger Bereitschaft zur wechselseitigen Untersuchung gewählt wurden. Dieser Zusammenhang ist wichtig, da er darauf hindeutet, dass zukünftige Kursanpassungen vor allem denjenigen zugutekommen könnten, die aufgrund von wechselseitiger Untersuchung Barrieren im Untersuchungskurs wahrnehmen.
Insgesamt decken sich unsere Resultate mit den Ergebnissen aus anderen Studien: etwa ein Fünftel der Studierenden hatte im Format des Untersuchungskurses Lernschwierigkeiten in dem Kursformat, auch wenn der Prozentsatz der betroffenen Studierenden in den einzelnen Studien variiert. Bei der Befragung von 124 US-amerikanischen Studierenden stellte Chang fest, dass 3 % der Studierenden über Unbehagen berichteten [2]. In anderen Populationen (wie auch in unserer) war die Bereitschaft zur aktiven Untersuchung höher als die Bereitschaft, sich untersuchen zu lassen [6, 8]. Auch das weibliche Geschlecht verringerte in vergleichbaren Studien die Bereitschaft, sich untersuchen zu lassen [3, 4, 6, 7].
Dies war sogar noch ausgeprägter, wenn sensible Körperteile untersucht wurden. In einer Studie mit 296 britischen Medizinstudierenden zeigte Rees, dass die Untersuchung der Brustregion durch ein gleiches Geschlecht von 93,7 % der männlichen Studierenden, aber nur von 64,1 % der weiblichen Studierenden akzeptiert wurde, während die Untersuchung durch ein anderes Geschlecht von 91,6 % der männlichen und nur von 56,9 % der weiblichen Studierenden akzeptiert wurde [4]. In einer deutschen Studie, durchgeführt von Burggraf mit 142 Studenten, bevorzugten männliche und weibliche Studierenden die körperliche Untersuchung durch gleichgeschlechtliche Kommilitonen (Männer 90 %, Frauen 86 %; [6]). Ähnliche Ergebnisse wurden in anderen Studierendenpopulationen dargelegt [2, 8].
In unserer multivariaten Analyse wurden 2 Risikogruppen ermittelt, die weniger bereit waren, sich untersuchen zu lassen: ältere Studierende (≥ 30 Jahre) und solche mit selbst angegebenem Über- oder Untergewicht. In anderen Studien zeigte sich das Alter ebenfalls als ein hemmender Faktor [3, 4]. Chang beobachtete in seiner Studie Zusammenhänge zwischen dem Alter und dem Geschlecht, wobei jüngere Männer und ältere Frauen ein höheres Risiko für Lernbeeinträchtigungen im Untersuchungskurs aufwiesen [2]. Burggraf konnte anhand von Selbstauskünften zum Body-Mass-Index (BMI) keinen Zusammenhang mit der Untersuchungsbereitschaft feststellen (Normalgewicht 80 % vs. Unter‑/Übergewicht 77 %; [6]), während wir Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang mit der subjektiven Körperwahrnehmung der Studierenden zeigen konnten. Interessanterweise und im Gegensatz zu anderen Studien war der Migrationshintergrund in unserer Studie ein protektiver Faktor, was z. B. auf psychologisch reifere Studenten hinweisen könnte. In anderen Studien wurden Gefühle der Unsicherheit und Scham als Barrieren für die Teilnahme am Untersuchungskurs beschrieben, was auch in unserer Studie der Fall war [2, 5, 79]. Während in anderen Studien religiöse und kulturelle Hintergründe als hemmende Faktoren genannt wurden [36, 8], konnte dies in unserer Studienpopulation nicht bestätigt werden, was möglicherweise mit Selektionsphänomenen bei unserer Studierendenpopulation zusammenhängt. O’Neill wies darauf hin, dass sich zwar nur eine Minderheit der Studierenden bei der gegenseitigen Untersuchung unwohl fühlt, dass diese Einstellungen jedoch berücksichtigt werden müssen, um Diskriminierung in der klinischen Ausbildung zu vermeiden [8].
Neu ist, dass in unserer Studie die Präferenzen der Studierenden zur Verbesserung des Lehrformats systematisch abgefragt wurden, indem 14 spezifische Vorschläge zur Kursanpassung und ein Freitextfeld zur Verfügung gestellt wurden, während andere Studien nur letzteres verwendeten. Die Vorschläge in unserer und in anderen Studien betrafen verschiedene Aspekte des Lehrformats: Zusammensetzung der Studierendengruppe (gleiches Geschlecht, selbst gewählte Untersuchungspartner, Kleingruppe), Geschlecht des Tutors (gleiches vs. anderes Geschlecht), Einführung in das Konzept des Untersuchungskurses und Möglichkeiten zur Reflexion von Erfahrungen (sich wie ein Patient fühlen, andere emotionale Reaktionen), Verhaltenskodex, Einrichtung des Untersuchungsraums (Vorhänge, …) sowie Lehrvideos, Training an Dummys und Schauspielpatienten.
Wie auch in anderen Studien bevorzugen Studierende aus unserer Befragung, ihren Untersuchungspartner selbst auszuwählen [6, 8] und den Unterricht in kleinen Gruppen mit weniger als fünf Studierenden durchzuführen [3, 6]. In der Literatur ist es umstritten, ob das Erlernen der körperlichen Untersuchung an Schauspielpatient*innen oder Dummys der wechselseitigen Untersuchung unter Studierenden vorzuziehen ist. Ein starkes positives Argument für das wechselseitige Untersuchen ist, dass die Erfahrung den Studierenden vermittelt, wie es sich anfühlt, als Patient*in untersucht zu werden. Außerdem können sie sich gegenseitig instruieren, während sie Untersuchungstechniken erlernen [8]. In Übereinstimmung mit früheren Ergebnissen bevorzugen Studierende aus unserer Studie die Untersuchung im Format der wechselseitigen Untersuchung mehr als das Üben an Schauspielpatient*innen oder Dummys [2]; dies gaben sogar die Studierenden an, die eher zögerlich waren, im Untersuchungskurs untereinander zu üben. Vorschläge aus früheren Veröffentlichungen, z. B. eine kurze Demonstration der Untersuchungstechniken vor dem Kurs und gut geschulte Tutoren [36], ein „Verhaltenskodex“ zur Erleichterung der Grenzsetzung [2] und Vorhänge zur Wahrung der Privatsphäre [3], wurden von unserer Studierendenpopulation ebenfalls befürwortet. Eine Stratifizierung nach der Bereitschaft zur Teilnahme an der wechselseitigen Untersuchung ergab, dass Studierende mit geringerer Bereitschaft signifikant mehr Vorschläge zur Änderung des Kursformats wählten (6,8 vs. 5,5; p = 0,002). Sie stimmten eher für die Schulung an Dummys oder an Schauspielpatient*innen, für Vorhänge zur Trennung in Kleingruppen sowie für Tutoren und Studierende desselben Geschlechts innerhalb der Gruppe. Seitens der Dozierenden könnte auch überlegt werden, die Lernziele im Untersuchungskurs dahingehend zu erweitern, dass Studierende erleben und reflektieren sollen, wie Patient*innen sich bei körperlichen Untersuchungen fühlen. Unabhängig von der Bereitschaft, an der wechselseitigen Untersuchung teilzunehmen, wünschten sich viele Studierende jedoch Kursänderungen, von denen die meisten leicht umgesetzt werden können, um die Lernatmosphäre zu verbessern und Barrieren für den Lernerfolg zu verringern.

Stärken und Limitierungen

Unsere Studie wies eine hohe Rücklaufquote auf und war die erste, die systematisch Möglichkeiten zur Verbesserung der Erfahrungen während der wechselseitigen Untersuchung von Studierenden untersuchte. Die Studie wurde von einer Forschungsgruppe durchgeführt, an der junge und erfahrene Ärzte beteiligt waren, welches bekanntermaßen die Lehre und die Lehrforschung beeinflusst [6, 10]. Die statistischen Analysen wurden aufgrund des explorativen Designs nicht für Mehrfachtestungen korrigiert. Ein Selektionsbias kann nicht vollständig ausgeschlossen werden, da Studierende mit Problemen während des Untersuchungskurses möglicherweise häufiger teilgenommen haben. Aufgrund der vorgegebenen Antwortoptionen für Verbesserungsmöglichkeiten wurden möglicherweise mehr Änderungswünsche angegeben als bei alleinigen Freitextantworten. Die Befragung richtete sich an Studierende bis zu 2 Jahre nach Abschluss des Untersuchungskurses, sodass eine Befragung von Studierenden unmittelbar nach Abschluss des Kurses andere Ergebnisse ergeben kann. Die Studie berührt komplexe Persönlichkeitsthemen, wie Scham, Körperlichkeit, Umgang mit Fremden, doch wurde dies nicht separat adressiert. Es kann außerdem nicht ausgeschlossen werden, dass unter den Studierenden mit Lernbeeinträchtigungen auch solche mit psychischen Belastungen sind, dies wurde nicht separat erfasst.

Zusammenfassung

Die überwiegende Mehrheit der befragten Medizinstudierenden wertete das wechselseitige Untersuchen als eine adäquate und wertvolle Lehrmethode. 30 % gaben jedoch den Lernerfolg beeinträchtigende Aspekte an. Um die Lernatmosphäre zu verbessern, kann das Format des Kleingruppenunterrichts mit relativ einfach umzusetzenden Strategien modifiziert werden: Lehrvideos vor dem Kurs, Verhaltenskodex, Vorhänge zwischen den Untersuchungsteams, Selbstauswahl von Untersuchungspartnern für die wechselseitige Untersuchung und eine angeleitete Reflexion darüber, wie es sich anfühlt, als Patient*in untersucht zu werden. Künftige Studien müssen die Wirksamkeit solcher Kursänderungen auf die Wahrnehmung der wechselseitigen Untersuchung durch die Studierenden und den Lernerfolg bewerten.

Fazit für die Praxis

  • Körperliche Untersuchung ist eine medizinische Kernkompetenz.
  • Wechselseitige Untersuchungen in Kleingruppen sind ein etabliertes Lehrformat (sog. Peer-to-Peer-Untersuchungen).
  • Diese erfordern ein teilweises Entkleiden der Studierenden und engen Körperkontakt.
  • Lernbeeinträchtigungen durch das Peer-to-Peer-Format berichteten 30 %, zugleich wurde es als wichtige Lernerfahrung anerkannt.
  • Befragte Studierende waren eher bereit, aktiv zu untersuchen als untersucht zu werden.
  • Migrationshintergrund erhöhte die Bereitschaft zur Teilnahme, während Alter ≥ 30 Jahre und subjektiv empfundenes Über‑/Untergewicht diese reduzierte.
  • Studierende mit Lernbeeinträchtigungen wünschten signifikant häufiger Kursmodifikationen: Üben an Dummys und/oder Schauspielpatienten, Raumtrennung durch Vorhänge, gleichgeschlechtliche Tutoren, freie Wahl der Peers, persönliche Gespräche über die Erfahrungen.

Danksagung

Die Autorinnen danken den Vertreter*innen des Studiendekanats der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn und ehemaligen Wissenschaftler*innen unseres Instituts für die Unterstützung unserer Studie. Außerdem bedanken sich die Autorinnen bei den teilnehmenden Studierenden der Universität Bonn für das Ausfüllen des Fragebogens.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

H. Scheins, G. Braun, Y. Krumpholtz und B. Weltermann geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Alle beschriebenen Untersuchungen am Menschen oder an menschlichem Gewebe wurden mit Zustimmung der zuständigen Ethikkommission, im Einklang mit nationalem Recht sowie gemäß der Deklaration von Helsinki von 1975 (in der aktuellen, überarbeiteten Fassung) durchgeführt. Von allen beteiligten Patient/-innen liegt eine Einverständniserklärung vor.
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Metadaten
Titel
Erfahrungen mit wechselseitigen Untersuchungen (Peer-to-Peer): eine Querschnittsstudie unter Studierenden nach dem Untersuchungskurs
verfasst von
Hanna Scheins
Gracia Braun
Yelda Krumpholtz
Prof. Dr. Birgitta Weltermann
Publikationsdatum
16.10.2023
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Zeitschrift für Allgemeinmedizin / Ausgabe 7/2023
Print ISSN: 1433-6251
Elektronische ISSN: 1439-9229
DOI
https://doi.org/10.1007/s44266-023-00123-2

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