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Ethik-Kompetenzmanagement: Eine individuelle und organisationale Aufgabe

  • Open Access
  • 21.11.2025
  • Originalarbeit

Zusammenfassung

Ethikberater*innen im Gesundheitswesen benötigen für ihre Aufgaben spezifische Kompetenzen. In den vergangenen Jahren wurden diese Kompetenzen systematisiert und als Teil der Professionalisierung von Ethikberatung gesehen (z. B. in den „Core Competencies“ der ASBH oder dem „Curriculum Ethikberatung“ der AEM). Während dabei Klarheit und Übereinstimmung hinsichtlich erforderlicher Kompetenzinhalte zu erkennen ist (z. B. Wissen um ethische Begründungsansätze, Fertigkeiten zur Durchführung einer Ethik-Fallberatung), bleibt das konzeptuelle Fundament des dazugehörigen Kompetenzmanagements (als bewusste Steuerung von Kompetenzen) vergleichsweise dünn. Ein solches Management hilft, die persönliche und organisationale Entwicklung von Ethik-Kompetenzen bewusst zu gestalten und damit den Ethiktransfer in der Organisation, die Qualität von Ethikberatung sowie der Versorgungsprozesse insgesamt zu fördern.
Der Beitrag untersucht die Übertragbarkeit etablierter Konzepte des Kompetenzmanagements auf das Feld der Ethikberatung.
Der Beitrag erläutert grundlegende Begriffe, Konzepten und Methoden des Kompetenzmanagements aus dem Feld des Personalmanagements und der Organisationsentwicklung und zeigt aus der Praxiserfahrung der Autor*innen, wie dieses Wissen für die persönliche und organisationale Kompetenzentwicklung in der Ethikberatung im Gesundheitswesen nutzbar gemacht werden kann.
(1.) Grundlagen: Kompetenzmodelle, Kompetenzprofile, Kompetenzmanagement; (2.) Persönliche Kompetenzentwicklung: Instrumente für Ethikberater*innen als Individuen und in Verbindung mit anderen (Team). (3.) Organisationale Kompetenzentwicklung: organisationale Verantwortung für die Entwicklung von Ethik-Kompetenzen.
Der Bezugsrahmen für Ethik-Kompetenzen benötigt eine organisationale Erweiterung. Eine wirksame Kompetenzentwicklung erfordert ein systematisches Kompetenzmanagement. Hierfür sollte auf etablierte Instrumente des Personalmanagements und der Organisationsentwicklung zurückgegriffen und diese in der Qualifizierung für Ethikkoordinator*innen verankert werden.
Dieser Artikel erscheint im Rahmen des Themenheftes: „Kompetenzentwicklung für Ethikberatung im Gesundheitswesen: Herausforderungen und Perspektiven didaktischer Ansätze im deutschsprachigen Raum“.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Einleitung

Ethik-Kompetenz gewinnt in Gesundheitseinrichtungen für die Versorgungsqualität zunehmend an Bedeutung. Versorgungsqualität beinhaltet nämlich einen kompetenten Umgang mit ethischen Herausforderungen. Das gilt für schwierige Therapieentscheidungen ebenso wie für therapeutische oder pflegerische Alltagshandlungen. Ethik-Kompetenz hat dabei einen personalen und einen strukturellen Bezug (North et al. 2018, S. 9): Sie ist Gegenstand individueller Entwicklung und organisationaler Steuerungsprozesse, die zusammen als Kompetenzmanagement bezeichnet werden.
In der Unternehmensführung und Personalentwicklung ist das Kompetenzmanagement ein etabliertes Konzept, welches darauf abzielt, individuelle und organisationale Kompetenzen zu erfassen und ausgerichtet an den strategischen Unternehmenszielen systematisch zu entwickeln (North et al. 2018, S. 2). Grundsätzlich gilt dies auch für Gesundheitseinrichtungen, allerdings bislang kaum für das spezifische Feld der Ethik-Kompetenz. Zwar hat sich das Bewusstsein dafür, dass die berufs-, professions- und aufgabenspezifische Qualifikation von Healthcare Professionals (HCP) auch Ethik-Kompetenz umfasst, in den vergangenen Jahren geschärft (Riedel und Giese 2022; Riedel und Lehmeyer 2022; SAMW 2019). Bezogen auf die Ethikberatung im Gesundheitswesen wurden die dafür notwendigen Einzelkompetenzen in den vergangenen Jahren systematisiert und gelten nunmehr als Voraussetzung für qualifizierte Ethikarbeit (ASBH 2025; AEM 2022). Dadurch ist zunehmend Klarheit und Übereinstimmung hinsichtlich der erforderlichen Kompetenzinhalte zu erkennen (z. B. Wissen um ethische Begründungsansätze, Fertigkeiten zur Durchführung einer Ethik-Fallberatung). Allerdings bleibt das konzeptuelle Fundament des dazugehörigen Kompetenzmanagements vergleichsweise dünn. Ein solches Management ist jedoch hilfreich und letztlich nötig, um die persönliche und organisationale Entwicklung der Ethik-Kompetenz bewusst zu gestalten und damit nicht nur die Qualität von Ethikberatung, sondern die Versorgungsprozesse insgesamt ethisch zu fördern.
Der vorliegende Beitrag untersucht die Frage, wie ein derartiges Kompetenzmanagement in der Ethikberatung aussehen sollte. Diese Frage betrifft verschiedene Akteure der Ethikberatung in unterschiedlicher Weise: Personen, die eine K1-Qualifizierung („Ethikberater*in im Gesundheitswesen“, AEM 2022, S. 4) anstreben oder hier bereits arbeiten, sind primär mit ihrem persönlichen Kompetenzmanagement konfrontiert. Sie benötigen Klarheit und einen Plan, wie sie ihre Kompetenz entwickeln können und müssen, um den Anforderungen der Ethikberatung gerecht zu werden. Personen, die eine K2-Qualifizierung („Koordinator*in für Ethikberatung im Gesundheitswesen“, AEM 2022, S. 11) anstreben oder hier bereits tätig sind, übernehmen mit dieser Rolle zusätzliche Aufgaben des organisationalen Kompetenzmanagements. Hierfür benötigen sie Klarheit und einen Plan, wie sie die für die Ethikberatung nötige Kompetenz institutionalisieren können und müssen, um die Gesundheitsorganisation ethikkompetent zu machen. Personen, die schließlich eine K3-Qualifizierung („Trainer*in für Ethikberatung im Gesundheitswesen“, AEM 2022, S. 3) anstreben oder bereits in der Ausbildung tätig sind, entwickeln didaktische Konzepte für ihre Angebote, die in den größeren Kontext der individuellen und organisationalen Kompetenzentwicklung eingebettet sind. Hierfür benötigen sie Konzepte des Kompetenzmanagements, um die Ausbildung didaktisch zu gestalten und den Auszubildenden je nach Qualifizierungsziel Ansätze des Kompetenzmanagements für ihre eigene Tätigkeit zu vermitteln.
Zu Klärung der Frage geht der Beitrag in drei Schritten vor. In einem ersten Schritt erläutert er etablierte Konzepte des Kompetenzmanagements und ihre Bedeutung für die Ethikberatung. Sie bilden den gemeinsamen Rahmen für alle drei zuvor differenzierten Zielgruppen der Fragestellung. In einem zweiten Schritt wird die persönliche Kompetenzentwicklung von Ethikberater*innen in den Blick genommen. Sie betrifft einerseits die Zielgruppe der K1-Personen, insofern jede von ihnen mit der eigenen Kompetenzentwicklung konfrontiert ist. Sie ist andererseits auch für die Zielgruppe der K3-Personen relevant, insofern diese sich damit auseinandersetzen müssen, wie sie die K1-Auszubildenden in ihrer Kompetenzentwicklung didaktisch unterstützen können. Schritt drei widmet sich der organisationalen Kompetenzentwicklung von Einrichtungen des Gesundheitswesens. Sie ist einerseits (in der praktischen Umsetzung) eine Aufgabe der K2-Personen, andererseits (in der didaktischen Vorbereitung darauf) wiederum ein Thema der K3-Personen.
Insofern der Beitrag auf die Kompetenzprofile „K1“, „K2“ und „K3“ verweist, hat er insbesondere das damit verbundene Zertifizierungssystem der Akademie für Ethik in der Medizin im Blick. Die grundsätzlichen Überlegungen zu Strukturen, Prozessen und Methoden des Kompetenzmanagements lassen sich jedoch auch auf andere Qualifizierungssysteme übertragen.

Grundlagen des Kompetenzmanagements

Wir starten mit der Annahme, dass für den Umgang mit Ethik-Kompetenz die gleichen Grundlagen gelten wie für den Umgang mit Kompetenzen in anderen Handlungsfeldern. Diesen Grundlagen widmet sich der folgende Abschnitt. Er erläutert zunächst den Kompetenzbegriff und bietet für seine inhaltliche Erschließung eine Differenzierung in verschiedene Kompetenzbereiche an. Daran anschließend wird die für eine Kompetenzentwicklung charakteristische Dynamik von Kompetenzen vor Augen geführt, aus der sich Kompetenzstufen bzw. -grade konstruieren lassen. All diese Aspekte spielen sowohl für das individuelle wie das organisationale Kompetenzmanagement eine Rolle. Darüber hinaus sind für Letzteres auch Kompetenzmodelle und Kompetenzprofile nötig, deren Grundgedanken erläutert werden. Zusammengenommen ergeben sich dadurch jene grundlegenden Bausteine, die ein systematisches Kompetenzmanagement – auch ein solches der Ethik-Kompetenz – ausmachen.

Kompetenz/Kompetenzen

Ausgangspunkt des Kompetenzmanagements ist der Kompetenzbegriff. Wenngleich es in der langjährigen Forschung hierzu keine konzertierte, autoritative Definition gibt, so lassen sich doch weitgehende Übereinstimmungen erkennen. Rein sprachlich kann der Singular (z. B. „Ethik-Kompetenz“) als Gattungsname verstanden werden, welcher sich in der Realität stets aus mehreren Einzelkompetenzen zusammensetzt (z. B. ethisch relevante Sachverhalte erkennen, ethische Argumentationen entwickeln, ein Ethik-Fallberatungsgespräch leiten) (vgl. Erpenbeck et al. 2017).
Kompetenzen sind „[…] die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können“ (Weinert 2014, S. 27 f. [Interpunktion wie im Original]). Somit sind Kompetenzen ein Zusammentreffen von kognitiven (Wissen), praktischen (Fertigkeiten) und habituellen (Haltungen) Merkmalen (vgl. Rychen und Salganik 2003; Vitello et al. 2021; Erpenbeck et al. 2017; Kühlmeyer et al. 2022).
Vor dem Hintergrund des allgemeinen Kompetenzbegriffs kann Ethik-Kompetenz als Fähigkeit verstanden werden, moralische Fragestellungen zu erkennen, kritisch zu analysieren und ethisch fundierte Entscheidungen zu treffen, die sowohl individuellen als auch kollektiven Prinzipien und Werten gerecht werden (Marckmann und Schildmann 2022; Kühlmeyer et al. 2022).

Kompetenzbereiche

Einzelne Kompetenzen können zu Kompetenzbereichen zusammengefasst werden. Eine weithin verbreitete Systematisierung arbeitet mit vier Bereichen (vgl. Roth 1971; Dehn und Zech 2020; Wallner 2025), die in Hinblick auf das Kompetenzmanagement der Ethikberatung folgendermaßen beschrieben werden können:
  • Fachkompetenz: Sie umfasst (a) Kenntnisse zu Theorien, Konzepten, Begriffen, Standards, Modellen der Ethikberatung (z. B. eine Prinzipien-basierte Entscheidungsfindung); (b) Fertigkeiten, diese Kenntnisse in der Praxis situationsgerecht einzusetzen (z. B. Klärung ethischer Probleme in einer Ethik-Fallberatung); und (c) Haltungen, die sich aus der Praxis bilden und diese unterstützen (z. B. Zurückhaltung vor Moralisieren).
  • Methodenkompetenz: Sie umfasst (a) Kenntnisse zur Gestaltung von Interventionen der Ethikberatung (z. B. systemische Fragetechnik); (b) Fertigkeiten, diese Kenntnisse in der Praxis situationsgerecht einzusetzen (z. B. eine Werteanamnese durchführen); und (c) Haltungen, die sich aus der Praxis bilden und diese unterstützen (z. B. Situationsagilität, d. h. Gewandtheit, rasch und angemessen auf sich verändernde Kontexte der Ethikberatung zu reagieren).
  • Sozialkompetenz: Sie umfasst (a) Kenntnisse zu Theorien und Techniken der sozialen Interaktion (z. B. zur Gruppendynamik in einer Ethik-Fallberatung); (b) Fertigkeiten, diese Kenntnisse in der Praxis situationsgerecht einzusetzen (z. B. das Joining der an einer Ethik-Fallberatung Beteiligten zu erleichtern); und (c) Haltungen, die sich aus der Praxis bilden und diese unterstützen (z. B. Verantwortungsbewusstsein für die mit der eigenen Rolle verbundenen Anforderungen).
  • Selbstkompetenz: Sie umfasst (a) Kenntnisse zu Theorien und Techniken der Selbstreflexion (z. B. in der Rolle als Ethikberater*in); (b) Fertigkeiten, diese Kenntnisse in der Praxis situationsgerecht einzusetzen (z. B. eigene Wertvorstellungen in einer Ethik-Fallberatung hinterfragen); und (c) Haltungen, die sich aus der Praxis bilden und diese unterstützen (z. B. Reflektiertheit).

Kompetenzentwicklung, Kompetenzstufen-/grade

Ein wichtiger Ansatzpunkt des Kompetenzmanagements ist die Erkenntnis, dass Kompetenzen dynamisch sind. Sie entwickeln sich, verändern sich, passen sich an. Eine Aufgabe des Kompetenzmanagements ist es, diese Dynamik so zu gestalten, dass sich die Kompetenzen entsprechend den Anforderungen entwickeln (vgl. North et al. 2018). Wenn sich eine Gesundheitseinrichtung z. B. um eine psychiatrische Abteilung erweitert, so stellt sich die Frage, inwieweit der Ethikberatungsdienst kompetent genug für die damit verbundenen Fälle ist bzw. welche Schritte unternommen werden müssen, um dies zu gewährleisten (vgl. dazu der Beitrag zur Feldkompetenz in diesem Heft).
Wenn Kompetenzmanagement in diesem Zusammenhang so verstanden würde, dass jede*r Akteur*in die höchstmögliche Kompetenz in allen Bereichen und Anwendungsfeldern haben müsste, sobald sie darin tätig wird, wäre dies nicht nur eine praktische Überforderung, sondern auch hochgradig ineffizient. Deshalb ist es nötig, mit verschiedenen Kompetenzstufen bzw. -graden zu arbeiten. Ein im Gesundheitsbereich weit verbreitetes Modell definiert hierfür fünf Stufen (Dreyfus und Dreyfus 1991; Dreyfus 2004; Benner 2017; Wallner 2025):
1.
Anfänger*in: lernt das Feld kennen, d. h. versteht anfänglich, versucht, macht mit, lässt sich überall anleiten, vermeidet Fehler, reagiert.
 
2.
Fortgeschrittene*r Anfänger*in: durchdringt das Feld, d. h. versteht zusammenhängend, versucht mehr, macht mit, lässt sich punktuell anleiten, genügt gewissen Mindestanforderungen, hat bereits Situationen bewältigt.
 
3.
Kompetente*r Ethikberater*in: bewältigt Standardaufgaben des Felds, d. h. wendet Erlerntes selbstständig an, richtet sein/ihr Handeln an grundsätzlichen, längerfristigen Zielen und Plänen aus, deren Bedeutung ihr/ihm bewusst ist, erreicht Standards, übernimmt Verantwortung.
 
4.
Erfahrene*r Ethikberater*in: bewältigt Nicht-Standardaufgaben, d. h. nimmt Aufgabe in ihrem Kontext wahr, begreift Situationen auf Grundlage früherer Erfahrungen intuitiv, richtet ihr Handeln an Maximen aus, agiert eigenständig und proaktiv, initiiert Kooperationen, ist im Feld involviert.
 
5.
Expert*in: navigiert durch das Feld der Ethikberatung in seiner Komplexität als Ganzes, d. h. kann auch neue Situationen intuitiv einordnen, setzt Standards, begeistert andere, bewegt andere, überträgt Verantwortung, geht Risiken ein, handelt transformativ.
 
Üblicherweise wird mit der Absolvierung einer strukturierten Ausbildung (z. B. in einem Pflegeberuf oder ärztlichen Beruf) Stufe 3 erreicht, mit einigen Jahren Praxiserfahrung Stufe 4 und von manchen Akteur*innen Stufe 5. Jeder Entwicklungsschritt erfordert Bildungsmaßnahmen (z. B. einen Kurs), Zeit für die Praxiserfahrung und begleitende Schritte der Persönlichkeitsentwicklung, um Kompetenzen in ihrem umfassenden Sinn als Kenntnisse, Fertigkeiten und Haltungen ausprägen zu können.
Übertragen auf den Verlauf der K1-Ausbildung könnte dies bedeuten, dass mit dem positiv absolvierten K1-Kurs die Person am Übergang von Stufe 1 zu 2 landen sollte, sie sich mit der anschließend erforderlichen Praxiserfahrung Stufe 3 erarbeiten kann, deren Erreichung dann in der für die Entfristung des Zertifikats vorgesehenen Reflexion festgestellt wird. Analoges könnte für die K2- und K3-Qualifikation gelten. Auch unter Koordinator*innen und Trainer*innen für Ethikberatung gibt es Personen, die sich entlang der Kompetenzstufen bewegen und entsprechende Kompetenzentwicklungsschritte benötigen.

Kompetenzmodell, Kompetenzprofil

Um die allgemeinen Erkenntnisse des Kompetenzmanagements zum Kompetenzbegriff, den Kompetenzbereichen und der Kompetenzentwicklung auf organisationaler Ebene zu operationalisieren, bieten sich Kompetenzmodelle und Kompetenzprofile an.
Das Kompetenzmodell einer Organisation „ist ein systematisches Instrument, um alle in einer Organisation erforderlichen Kompetenzen zu erfassen und abzubilden“ (Dehn und Zech 2020, S. 130). Wenn es um das Ethikprogramm einer Gesundheitseinrichtung geht, so bildet das Kompetenzmodell also all jene Kompetenzen ab, die für die Aufgabenerfüllung der Ethikberatung erforderlich sind. Idealweise geschieht dies zunächst unabhängig davon, welche Rollen und Stellen es im Ethikprogramm gibt (z. B. Ethikberater*in, Ethikkoordinator*in), um erforderliche Kompetenzen nicht an vorhandene Rollen und Stellen anzupassen, sondern umgekehrt Rollen und Stellen anhand erforderlicher Kompetenzen zu gestalten. Gänzlich losgelöst sollte ein Kompetenzmodell von den konkreten Personen (und ihren faktisch vorhandenen Kompetenzen) sein, die derzeit eine Rolle bzw. Stelle im Ethikprogramm ausüben.
Auf Basis des umfassenden Kompetenzmodells lassen sich dann Kompetenzprofile erstellen. Sie definieren, welche Kompetenzen zu einer bestimmten Aufgabe (Rolle, Stelle; z. B. Ethikberater*in, Mitglied des Ethikkomitees) zusammengefasst werden. Mit Hilfe von Kompetenzprofilen lassen sich Personalentwicklungsmaßnahmen ableiten (z. B. welche Aus‑, Fort- und Weiterbildungen eine Person absolvieren müsste, um erforderliche Kompetenzen im Rahmen des mit der Rolle verbundenen Kompetenzprofils zu erreichen).

Kompetenzmanagement

Wo die bisher erläuterten Begriffe und Konzepte systematisch integriert werden, kann von „Kompetenzmanagement“ gesprochen werden. Darunter soll jene Aufgabe des allgemeinen Managements verstanden werden, welche die Definition und Steuerung der für die Auftragserfüllung erforderlichen Kompetenzen umfasst (vgl. Dehn und Zech 2020). Diese Aufgabe wird im betrieblichen Kontext meist im Bereich Human Resources angesiedelt (vgl. North et al. 2018). Das Kompetenzmanagement hat aber auch im Bildungskontext eine genuine Verankerung (vgl. Roth 1971; Löwisch 2000). Im Zusammenhang mit Ethikberatung bedeutet Kompetenzmanagement somit, all jene Kompetenzen zu definieren und zu steuern (d. h. auszubilden, zu entwickeln, einzusetzen, zu koordinieren, zu überprüfen), die insgesamt nötig sind, um den Auftrag der Ethikberatung zu erfüllen (d. h. Fall‑, Bildungs‑, Policyarbeit, gegebenenfalls weitere Aufgaben wie z. B. Forschungsarbeit). Die folgenden Abschnitte konkretisieren und illustrieren, welche Aspekte ein solches Ethik-Kompetenzmanagement auf individueller und organisationaler Ebene umfasst.

Ethik-Kompetenzentwicklung auf individueller Ebene

Im Bereich der Ethik-Kompetenzentwicklung ist weitestgehend Pionierarbeit zu leisten, die auf Vorgaben und Orientierung von organisationaler Seite angewiesen ist und darauf aufbauen sollte. Aktuell gilt es, für Ethikkompetenzen in Gesundheitseinrichtungen beide Perspektiven gleichermaßen zu entwickeln und zu etablieren. Gleichzeitig ist aus den zahlreichen vorhandenen Tools maßvoll auszuwählen und diese behutsam zu adaptieren.

Kontext des Kompetenzmanagements in der Ethikarbeit

Im Gegensatz zu etabliertem Kompetenzmanagement, das routiniert im Rahmen der Personalentwicklung abläuft, startet in vielen Einrichtungen erst die Konkretisierung der notwendigen Einzelkompetenzen für Ethikberatung und Ethikarbeit zwischen Führungsverantwortlichen, Personalentwickler*innen und den Projektverantwortlichen. Hier sind die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen auf organisationaler Ebene als Vorgabe gerade im Entstehen.
Für den Bereich der Ethik-Kompetenzentwicklung wird es nicht ausreichen, mit einem Ist‑/Soll-Abgleich zu starten. Zum einen sind die mit bestimmten Aufgaben (z. B. Ethik-Fallberatung, Ethikkoordination) verbundenen Kompetenzen in den einzelnen Einrichtungen zu unterschiedlich definiert und umgesetzt. Zum anderen sind Aufgaben der Ethikberatung für die handelnden Personen in den Organisationen eher eine Zusatzaufgabe zu den klassischen Rollen und Professionen in den medizinisch-therapeutischen Bereichen. Die Kompetenzentwicklung muss zusätzlich zur Ebene der Einzelpersonen mögliche Teamstrukturen und deren Kompetenzen adressieren und ermöglichen. Vielerorts ist Ethikberatung nämlich noch in Gruppen von Personen unterwegs, die im wahrsten Sinne des Wortes fallweise zusammenkommen, ohne eine darüberhinausgehende Institutionalisierung zu erfahren. Vor diesem Hintergrund wird es entlastend sein, die für die Ethikberatung nötigen Kompetenzen eher teamförmig zu organisieren. Dies geschieht aktuell und ansatzweise, wenn z. B. in der Ethikberatung zwischen der Moderation in der Einzelfallberatung oder in einem Ethikkomitee, der Koordination von Anfragen zur Ethikberatung und der expliziten medizin- und gesundheitsethischen Expertise (z. B. für Leitlinienentwicklung oder Weiterbildung in der Klinischen Ethikarbeit) unterschieden wird. Nicht alle an der Ethikberatung Beteiligten brauchen alle Kompetenzen in ihrem persönlichen Profil. Stattdessen können Ethikberatungsteams so entwickelt werden, dass sie als Team all jene Kompetenzen aufweisen, die für die Ethikarbeit benötigt werden. Mit gutem Grund beschreiben Craig et al. (2008) die Ausdifferenzierung von der Einzelfallberatung zur proaktiven Ethikberatung auf Einrichtungsebene als eine „komplexe Intervention“ (vgl. auch Schildmann et al. 2019).

Ethik-Kompetenzen zwischen Person und Organisation

Aktuell sind die Kompetenzentwicklung und ein Ethik-Kompetenzmanagement vielfach selbstbeauftragt und haben die persönliche, individuelle Entwicklung und Kompetenzerweiterung im Blick. Der Antrag für eine Kostenübernahme für eine Kompetenzentwicklungsmaßnahme ist meist der erste Rückbezug zur Organisation. Die intrinsische Motivation, sich Ethikkompetenzen anzueignen, ist eine gute, aber nicht hinreichende, Grundlage. In den etablierten Systemen der Ethikberatung im Gesundheitswesen ist darüber hinaus eine strategische Steuerung notwendig. Beratungskompetenz, die in einem so komplexen Kontext, wie dem einer Expert*innen-Organisation im Gesundheitssystem, entwickelt werden soll, braucht einen Auftrag und eine institutionelle Einbindung. Eine bloße Selbstbeauftragung reicht nicht.
Kompetenzentwicklung auf individueller Ebene (Person oder Team) erschöpft sich nicht in der Summe der vorhandenen, zu entwickelnden und/oder erwünschten Fähigkeiten einzelner Personen. Sie ist rückgebunden an zentrale Ziele, Aufgaben, zentrale Werte und Priorisierungen der Organisation, zu denen sie in Resonanz steht. Ein individuelles Wollen und Können ist nämlich rückgebunden an ein „soziales Dürfen und Sollen (Normen und Regelungen)“ sowie an eine „situative Ermöglichung“ im Kontext einer konkreten Einrichtung (Link und von Rosenstiel 2012, S. 62). Damit wird eine organisationale Haltung zugunsten von der Ethikberatung und der für sie nötigen Kompetenzentwicklung eine wesentliche Voraussetzung von Ethik-Kompetenzen auf individueller Ebene.

Zur Praxis individueller Kompetenzentwicklung

Unter dem Vorzeichen der organisationalen Rückbindung kann eine Selbsteinschätzung der Ethikberater*in ein erster praktischer Schritt der kontinuierlichen Kompetenzentwicklung sein (ein Beispiel für ein solches Self Assessment finden sich z. B. bei North et al. 2018, S. 74 ff.). Ein nächster Schritt wäre, die Teamkompetenz eines Ethikkomitees oder Ethikberatungsdienstes durch die Beteiligten beurteilen zu lassen (Reeves und Nelson 2023; vgl. North et al. 2018, S. 156 ff.).
In Erweiterung ist hier auch das Instrument der 360 o-Bewertung (z. B. Erpenbeck et al. 2017, S. 136 ff.; S. 318 ff.) einzusetzen: Als erste Ebene wird die persönliche Kompetenzentwicklung, eine kollegiale Perspektive bzw. Bedarfe des Ethikteams, im Lichte der organisationalen Vorgaben, ggf. die Leitungsebene des Ethikteams und Feedbacks aus den Beratungssystemen als zu beteiligenden Perspektiven zusammengebracht.

Ethik-Kompetenzentwicklung auf organisationaler Ebene

Die vorangegangenen Überlegungen machten deutlich, dass die individuelle Ethik-Kompetenzentwicklung eingebettet ist in einen organisationalen Kontext. Er wird bereits dort erkennbar, wo mehrere Personen in der Ethikberatung zusammenwirken (z. B. in einem Ethikkomitee), sodass sich die Frage stellt, in welcher Weise die Ethik-Kompetenz des Teams ausreichend bedacht wird. Im vorliegenden, dritten Abschnitt wird die Komplexität nochmals erhöht, indem die Gesamtorganisation in den Blick genommen wird. Sie ist der Kontext der institutionalisierten Ethikberatung, die nicht nur die dafür unmittelbar definierten Personen und Teams (Ethikberater*in, Koordinator*in für Ethikberatung, Ethikkomitees) umfasst, sondern auch an weiteren Stellen der Gesundheitseinrichtung relevant ist (z. B. in klinischen Versorgungsprozessen, der Personalauswahl, der Führungskräftearbeit). Vor diesem Hintergrund stellt sich daher die Frage, was Ethik-Kompetenzentwicklung auf (gesamt-)organisationaler Ebene bedeutet.
Hier muss ein wirksames Ethik-Kompetenzmanagement mehrdimensional gedacht werden. Zählt die Sicherstellung einer auch nach ethischen Gesichtspunkten professionellen Gesundheitsversorgung zum Selbstverständnis und damit zu den strategischen Zielen einer Gesundheitseinrichtung, dann ist dieses Ziel nur dann erreichbar, wenn die dafür notwendigen Voraussetzungen auf allen organisationalen Ebenen gegeben sind bzw. aufgebaut werden. Im Folgenden werden dazu zwei einander ergänzende Modelle vorgestellt, die einen Rahmen für die organisationale Ethik-Kompetenzentwicklung bilden.

Sicherung der ethischen Versorgungsqualität über das Eisberg-Modell

Der Begriff „ethische Versorgungsqualität“ beschreibt einen Zustand, in dem allgemein anerkannte ethische Normen in den Alltagshandlungen der Patient*innenversorgung zuverlässig umgesetzt werden (Fox et al. 2010). Obwohl dies ein wichtiges Merkmal einer professionellen Gesundheitsversorgung ist (Marckmann und Schildmann 2022), handelt es sich bei dem Begriff nicht im eigentlichen Sinne um einen terminus technicus, der für ein etabliertes Konzept im Rahmen der Führung und Entwicklung von Gesundheitseinrichtungen steht. Nur vereinzelt ist die Bedeutung dieser Konzeption als Grundlage für die normative und strategische Gestaltung von Gesundheitseinrichtungen ausgearbeitet (Fox et al. 2010). Dabei geht es im Wesentlichen um die Umsetzung eines strukturierten Ethik-Kompetenzmanagements auf der Ebene der Gesamtorganisation. Fox et al. (2010, S. 8) zeigten deren Komplexität anhand des Eisberg-Modells auf:
  • Die ethische Qualität einer Gesundheitseinrichtung manifestiert sich in den konkret erfahrbaren Handlungen einzelner Personen (Mikroebene). Im Eisberg-Modell ist dies der Bereich oberhalb der Wasseroberfläche. Also buchstäblich der Teil des Eisberges, der sicht- und wahrnehmbar ist. Auf der Mikroebene ist die erforderliche Ethik-Kompetenz abhängig vom fachlichen und hierarchischen Kontext und der konkreten Fragestellung. Es geht darum, das ethische Wissen und die Reflexionsfähigkeit der Mitarbeitenden zu stärken. Zur grundlegenden Ethik-Kompetenz von Healthcare Professionals (HCP) zählen daher neben Kenntnissen über relevante ethische Normen vor allem die Fähigkeit, deren Bedeutung im Arbeitsalltag zu erkennen und zu verbalisieren. Darüber hinaus müssen HCP in der Lage sein, bei Differenzen oder Konflikten über ethische Sachverhalte in einen sachlichen Dialog zu treten. Dafür sind kommunikative Fähigkeiten besonders im Umgang mit ethischen Konflikten und Dilemmata erforderlich. Das kann über Fortbildungen beispielsweise zu ethischen Prinzipien oder Entscheidungsmodellen (z. B. Prinzipienethik, Tugendethik), über das Training von Kommunikationsfähigkeiten besonders im Umgang mit ethischen Konflikten und Dilemmata oder auch über Supervision und Coaching, also eine Unterstützung bei der Verarbeitung moralischer Belastungen, erfolgen.
  • Entscheidend beeinflusst wird die ethische Versorgungsqualität auf der Mikroebene aber durch die Beschaffenheit der ihr zugrunde liegenden Strukturen und Prozesse, also den Teil des Eisberges direkt unterhalb der Wasserkante. Im Bild bleibend, lässt sich dieser als noch vage wahrnehmbar, aber bereits deutlich schwerer erreichbar beschreiben. Da Gesundheitseinrichtungen hyperkomplexe Gebilde sind, finden in ihnen individuelle Handlungen in einem filigranen Geflecht von organisationalen Strukturen und Prozessen statt (Mesoebene). Deren konkrete Ausgestaltung lässt sich nur durch aufwendige Interventionen beeinflussen. Gleichwohl hat diese Ebene einen erheblichen Einfluss auf den Aktionsrahmen der in ihnen tätigen Einzelpersonen. Wenn beispielsweise eine interprofessionelle und berufsgruppenübergreifende Beratung über ethische Fragestellungen im Zusammenhang mit einer schwierigen Therapieentscheidung in den Arbeitsabläufen nicht vorgesehen ist, dann ist es den beteiligten HCP nur sehr eingeschränkt möglich, sich darüber zu beraten und zu einer ethisch abgewogenen Entscheidung zu gelangen. Das organisationale Ethik-Kompetenzmanagement muss auf dieser Ebene daher andere Ansatzpunkte wählen als auf der Mikroebene. Diese sind beispielsweise die team- und abteilungsübergreifende Etablierung von kollektiven Entscheidungsstrukturen zur Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit und kollektiven Entscheidungsfindung. Oder aber die Implementierung einer Ethik-Fallberatung zur Unterstützung der HCP bei der Lösung komplexer moralischer Fragestellungen.
  • Dieses Zusammenspiel wird wiederum maßgeblich beeinflusst von der jeweiligen Organisationskultur. Wenn beispielsweise zu den Grundüberzeugungen in einem Behandlungsteam gehört, dass bei ethisch herausfordernden Therapieentscheidungen die Perspektive aller Berufsgruppen berücksichtigt werden sollte, dann ist dies zugleich eine förderliche Voraussetzung für einen interprofessionellen Dialog und die regelhafte Durchführung von Visiten, an denen Ärzt*innen und Pflegefachpersonen gleichermaßen beteiligt sind. Im Eisberg-Modell handelt es sich hierbei um den tief im Wasser liegenden Teil, der in der Regel allenfalls verschwommen zu sehen und nur sehr aufwendig zu erreichen ist. Genauso verhält es sich bei der organisationalen Kultur einer Gesundheitseinrichtung, die sich im Rahmen der Organisationsentwicklung nur mittels langfristiger Prozesse ansteuern lässt. Das kann über die Entwicklung und Implementierung von Ethik-Kodizes erfolgen, die den Mitarbeitenden Orientierung darüber geben, welcher Werte innerhalb der Einrichtung als handlungsleitend gelten. Oder aber durch die Einflussnahme auf eine Führungskultur, die die grundlegenden Werte vorlebt (z. B. durch Führungskräfte-Coaching). Eine solche organisationsinterne kulturelle Verankerung zielt auf die Schaffung einer offenen und transparenten Organisationskultur ab, die ethische Reflexion unterstützt und moralischen Mut fördert. Noch fundamentaler ist die Berücksichtigung von ethischen Fragestellungen in der strategischen Ausrichtung und damit die Verknüpfung ethischer Prinzipien mit den langfristigen Zielen einer Gesundheitseinrichtung.
Eine effektive Stärkung der ethischen Versorgungsqualität ist vollumfänglich nur zu erreichen, wenn dabei alle drei Ebenen Berücksichtigung finden. Das Ziel besteht darin, individuelle und organisationale Ethik-Kompetenzen zielgerichtet zu entwickeln und zugleich organisationale Rahmenbedingungen zu schaffen, die deren Einsatz ermöglichen. Es handelt sich dabei um einen komplexen Prozess, in dem die Fähigkeit zu ethischem Denken, Entscheiden und Handeln nicht nur von einzelnen Mitarbeitenden, sondern von der gesamten Organisation strukturell und kulturell verankert werden (Woellert 2022). Ethische Versorgungsqualität als Handlungsfeld organisationaler Entwicklung spannt somit einen weiten Bogen und lässt sich vielfältig operationalisieren. Im Sinne eines systemischen Organisationsverständnisses bedarf es nicht zwangsläufig einer konzeptionellen Umsetzung, die gleichzeitig alle drei Ebenen umfassend anspielt. Bereits einzelne Interventionen können so wirkmächtig sein, um einen positiven Einfluss auf die Entwicklung ethischer Versorgungsqualität zu nehmen.

Ethik-Kompetenzentwicklung über das systemische Dreieck

So verstanden ist das Ethik-Kompetenzmanagement eine Aufgabe der Gesamtorganisation mit ihren jeweiligen Führungsverantwortlichen. Die Ethikberatung (z. B. Stabstelle Ethik, Ethik-Komitee, Ethikbeauftragte etc.) übernimmt dabei die Verantwortung für einen Teilbereich. Wie umfangreich dieser ist und welche Aufgabe im Einzelnen dazu zählen, ist abhängig von der strukturellen Verankerung der Ethikberatung in der jeweiligen Einrichtung und von der Beschaffenheit der ihr übertragenen Aufgabenbereiche (AEM 2023; Woellert 2021). Zählt zu diesen vorrangig die Durchführung von Ethik-Fallberatungen und die Erarbeitung von Ethik-Leitlinien, dann kann beispielweise die Stärkung einer ethischen Organisationskultur nicht Gegenstand der Ethikberatung sein und muss bestenfalls von anderen Akteuren und Geschäftsbereichen übernommen werden.
Entschließt sich eine Einrichtung, einen Ethikberatungsdienst anzubieten, so steht sie vor der Aufgabe, Ethik-Kompetenz in der Organisation zu transferieren, etwa von Ausbildungskursen an Mitglieder des Ethikberatungsdienstes oder des Ethikkomitees, vom Ethikkomitee oder einer Ethikkoordinationsstelle an die Leitung der Einrichtung, von Personen mit spezialisierter an solche mit allgemeiner Ethik-Kompetenz – und schließlich von den Beratenden an die Ratsuchenden.
Die Ethik-Kompetenzentwicklung in einer Organisation ist somit eine komplexe Aufgabe (Baumann-Hölzle und Arn 2009). Sie hat zahlreiche Variablen (Rollen, Stellen, Gremien, Akteure, Strukturen, Abläufe), die sich je nach Situation unterschiedlich verhalten können (z. B. Personen, die heute Interesse an der Ethikberatung zeigen, nächste Woche aufgrund anderweitiger Verpflichtungen nicht). Um in diesem Kontext die Kompetenzentwicklung zu gestalten, hilft ein Konzept der systemischen Organisationsentwicklung. Es arbeitet mit drei Ansatzpunkten (Boos und Mitterer 2019):
  • „Strategie/Programm“ ist die grundlegende Entscheidung, etwas in einer Organisation als wichtig zu deklarieren, zu verstetigen und damit entsprechend bestimmter quantitativer und qualitativer Kriterien verlässlich anzubieten.
  • „Person/Team“ meint die menschliche Komponente einer Organisation, welche hier über die Auswahl, Entwicklung und Führung von einzelnen Personen und ganzen Teams beeinflusst wird (vgl. Eigenstetter et al. 2012).
  • „Aufbau‑/Ablaufstruktur“ sind die Regelungsmechanismen, über die eine Organisation Entscheidungen prozessiert. Sie sind die institutionelle Komponente einer Organisation, indem sie Strukturen (z. B. zuständige Rollen, Gremien) und Abläufe (z. B. Budgetierung, Berichtswesen) definieren und steuern.
Umgelegt auf den Kontext der Ethik-Kompetenzentwicklung in einer Gesundheitseinrichtung bedeutet dies: Je nachdem, ob und wie die Einrichtung (1.) die Ethikberatung als Programm einrichtet, (2.) Initiativen zur Personal- und Teamentwicklung auf diesem Bereich unternimmt und (3.) die Betriebsstrukturen und -abläufe dahingehend gestaltet, dass sie Ethikberatung ermöglichen, wird die Kompetenzentwicklung in einer Organisation ablaufen. Isolierte und inkonsistente Aktionen – die z. B. Personen auf Ethikberatungskurse schicken (oder auf deren Eigeninitiative fahren lassen), ohne einen strategischen Auftrag für die Ethikberatung in der Organisation zu geben oder die gewohnten Aufbau- und Ablaufstrukturen zu ändern (z. B. eine langjährige, aber fachlich weniger kompetente Person im Vorsitz des Ethikkomitees belassen, während eine speziell mit Ethikkoordinationskompetenz ausgestattete Person nur „einfaches Mitglied“ ist) – werden den Ethiktransfer in der Organisation anders verlaufen lassen als eine koordinierte und konsistente Entwicklung, welche alle drei Ansatzpunkte im Blick behält.

Schlussfolgerung

Aus den vorangegangenen Erläuterungen zum Kompetenzmanagement wird deutlich, welchen zentralen Stellenwert es im allgemeinen Management einer Organisation oder einem ihrer Teilbereiche wie der Ethikberatung hat. Mit nicht hinreichenden oder nicht passenden Kompetenzen ihrer Akteur*innen kann eine Organisation ihre Aufgaben nicht erreichen – das gilt auch für die Ethikberatung im Gesundheitswesen. Deshalb kann der Entschluss, ein systematisches Kompetenzmanagement zu betreiben, als strategische bzw. programmatische Entscheidung verstanden werden. Ohne systematisches Kompetenzmanagement erhöht sich das Risiko, dass einzelne Maßnahmen zur Ethik-Kompetenzentwicklung von Individuen und Teams bzw. zur Änderung in Aufbau- und Ablaufstrukturen der Ethikberatung keinen adäquaten Ethiktransfer in der Organisation mit sich bringen.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

J. Wallner ist Mitglied des Beirats der Zeitschrift „Ethik in der Medizin“ und Gastherausgeber des Themenheftes: „Kompetenzentwicklung für Ethikberatung im Gesundheitswesen: Herausforderungen und Perspektiven didaktischer Ansätze im deutschsprachigen Raum“ der Zeitschrift „Ethik in der Medizin“. Er war am Begutachtungsverfahren dieses Artikels nicht beteiligt. K. Woellert und S. Dinges geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Ethische Standards

Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
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Titel
Ethik-Kompetenzmanagement: Eine individuelle und organisationale Aufgabe
Verfasst von
PD Dr. Jürgen Wallner
PD Dr. Katharina Woellert
Dr. Stefan Dinges
Publikationsdatum
21.11.2025
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Erschienen in
Ethik in der Medizin
Print ISSN: 0935-7335
Elektronische ISSN: 1437-1618
DOI
https://doi.org/10.1007/s00481-025-00892-3
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