Skip to main content
main-content

18.10.2019 | Forensische Sexualmedizin | Nachrichten

Fall neu aufgerollt

53-Jährige stirbt bei Sex: War Gewalt im Spiel?

Autor:
Dr. Elke Oberhofer

Der Albtraum des Mannes beginnt, als seine Freundin beim Liebesspiel plötzlich kollabiert. Aus der Scheide kommt Blut, die Frau ist tot. Die Ermittler finden ein Metallrohr im Müll und vermuten ein Gewaltdelikt. Wie es sich wirklich zugetragen hat, kommt erst bei der Revision des Verfahrens heraus.

„Das war kein normaler Sex!“ Der Staatsanwalt ist überzeugt: Im Fall der 53-jährigen Frau, deren Leiche mit blutdurchtränktem Slip auf dem Rücksitz ihres Pkw gefunden wurde, musste Gewalt im Spiel gewesen sein. Tatsächlich spricht eine Reihe von Indizien gegen den Beschuldigten, einen 57-jährigen Dönerverkäufer, den die Frau erst kurz vor ihrem Tod kennengelernt hatte. In ihrer Scheide wird bei der Obduktion ein acht Zentimeter langer Riss festgestellt. Im Hausmüll des Mannes findet sich ein kaputtes Metallrohr. 

Aufgrund des rechtsmedizinischen Gutachtens vermutet die Staatsanwaltschaft, dass die Frau von ihrem Bekannten mit dem Rohr malträtiert worden sei, was zu massiven Blutungen geführt habe. Um die Schreie zu unterdrücken, habe er ihr eine Decke aufs Gesicht gedrückt. Letztlich sei sie offenbar verblutet und/oder erstickt. Das Landgericht folgt dieser Version und verurteilt den Mann zu neun Jahren Haft wegen Totschlags.

Dass es sich so wahrscheinlich nicht zugetragen hat, wird Prof. Bernd Brinkmann, ehemals Leiter der Rechtsmedizin der Universität Münster, bald klar, als er vom Anwalt des Beschuldigten anlässlich einer vom BGH veranlassten Revision die Unterlagen erhält. Der Fall wird noch einmal aufgerollt, alle Indizien geprüft, auch Gewebeproben der Verstorbenen lässt sich Brinkmann kommen. Zuerst der Riss in der Vagina: Ein scharfkantiges Rohr würde ganz andere Verletzungen verursachen, meint der Experte. Dann die Decke: Für ein weiches Ersticken typische Fasern in den Atemwegen wurden nicht gefunden. Auch am Verbluten als Todesursache hat der erfahrene Gerichtsmediziner in diesem Fall seine Zweifel.

Die Schilderung des Angeklagten hält Brinkmann dagegen für plausibel: Demnach hatte das Paar einvernehmlich Sex, erst in Missionarsstellung, später noch einmal von hinten. Dann habe die Frau plötzlich aufgeschrien und sei nach vorn gefallen. Blut sei aus Nase und Mund geflossen. Als der Mann sie umdrehte, war sie tot.

Dass es beim Geschlechtsverkehr zu Einrissen in der Scheidenschleimhaut kommt, ist nach Brinkmann vor allem bei Frauen in der Menopause nicht ungewöhnlich. Daraus lässt sich alles Weitere erklären: Durch den Riss war offenbar Luft in die Gefäße gelangt. Die Pumpbewegungen des Penis hatten möglicherweise zu einem vaginalen Überdruck geführt, welcher bewirkte, dass die Luftbläschen immer weiter Richtung Herz wanderten. 

Die Histologie zeigt im Vaginalgewebe multiple intravenöse Luftblasen. In der Lunge und im Herzen finden sich deutliche Hinweise auf eine Luftembolie mit Gefäßzerreißungen und Emphysemhöhlen (Lunge) bzw. Gefäßobstruktionen und ischämisch-hypoxischen Sarkolysen (Herz). Laut Brinkmann bestand in der Luftembolie höchstwahrscheinlich die Todesursache. Auch diesmal folgt das Gericht der Expertise des Sachverständigen; das Urteil lautet jetzt aber: Freispruch.

Basierend auf: 

Alle Inhalte von der DGRM-Jahrestagung 2019

25.09.2019 | Allgemeinanästhesie | Nachrichten

Tod nach Zahnextraktion in Vollnarkose

27.09.2019 | Diagnostik in der Kardiologie | Nachrichten

War die Tote auf der Lichtung ein Opfer häuslicher Gewalt?

30.09.2019 | Leichenschau | Nachrichten

Tod im Ausland: War es Mord?

30.09.2019 | Akute Lungenembolie | Nachrichten

Unterschätzt: Lungenembolien nach Vertebroplastie

10.10.2019 | DGRM-Jahrestagung 2019 | Nachrichten

Analverletzung, aber kein Kindesmissbrauch – wirklich?

10.10.2019 | DGRM-Jahrestagung 2019 | Nachrichten

Plötzlicher Herztod in der Familie: Diese Untersuchungen sind bei Angehörigen Pflicht

17.10.2019 | Gendermedizin | Nachrichten

Gewalt gegen Männer wird unterschätzt

18.10.2019 | Forensische Sexualmedizin | Nachrichten

53-Jährige stirbt bei Sex: War Gewalt im Spiel?

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

17.12.2018 | Forensische Sexualmedizin | Originalien | Ausgabe 1/2019

Sex => Luftembolie => Tod?

01.10.2019 | Briefe an die Herausgeber | Ausgabe 5/2019

Tödliche Luftembolie durch einvernehmlichen Geschlechtsverkehr


 

Neu im Fachgebiet Gynäkologie und Geburtshilfe

Meistgelesene Bücher aus dem Fachgebiet

2014 | Buch

Perikonzeptionelle Frauenheilkunde

Fertilitätserhalt, Prävention und Management von Schwangerschaftsrisiken

Ein Praxisbuch für alle, die in der Beratung und Betreuung von Schwangeren und Paaren mit Kinderwunsch tätig sind. Die Herausgeber und Autoren haben alle wichtigen Informationen zusammengetragen, um Frauen sicher zu beraten, zu betreuen und kompetent Verantwortung zu übernehmen.

Herausgeber:
Christian Gnoth, Peter Mallmann

2019 | Buch

Praxisbuch Gynäkologische Onkologie

Dieses kompakte und praxisrelevante Standardwerk richtet sich alle Ärzte in Klinik und Praxis, die Patientinnen mit bösartigen Tumoren des Genitales und der Mamma behandeln. Die 5. Auflage wurde komplett aktualisiert und auf der Basis …

Herausgeber:
Prof. Dr. Edgar Petru, Dr. Daniel Fink, Prof. Dr. Ossi R. Köchli, Prof. Dr. Sibylle Loibl

Mail Icon II Newsletter

Bestellen Sie unseren kostenlosen Newsletter Update Gynäkologie und bleiben Sie gut informiert – ganz bequem per eMail.

Bildnachweise