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Über dieses Buch

Als Folge der Überalterung unserer Gesellschaft sind Gedächtnisstörungen in den vergangenen Jahren exponentiell gestiegen und werden weiter ansteigen. Sie treten nicht nur in Form von Demenzen auf, sondern auch im Rahmen von normalen Altersvorgängen. Doch wann liegt eine Gedächtnisstörung vor? Wie kann eine Diagnose gestellt werden? Wie sind Gedächtnisstörungen zu behandeln?

Diese und andere Fragen beantworten Neurologen und Psychiater in diesem Werk. Das Praxisbuch bildet das komplexe Themenspektrum Gedächtnisstörungen strukturiert und interdisziplinär ab. Es unterstützt Neurologen und Psychiater bei der differenzialdiagnostischen Abgrenzung bis hin zum speziellen Management von Gedächtnisstörungen unterschiedlicher Ätiologie.

Nach den neurophysiologischen Grundlagen werden zunächst diagnostische und differentialdiagnostische Aspekte, Gedächtnisfehler und das Lernen im Alter in den Fokus genommen. Die speziellen Störungsbilder stehen im Zentrum des Buches und werden hinsichtlich Klinik, Pathophysiologie und spezieller therapeutischer Aspekte herausgestellt. Die Spannweite reicht von entwicklungsbedingten, transienten und akuten Gedächtnisstörungen über solche, die neurologische Erkrankungen begleiten, bis hin zu psychogenen Gedächtnisstörungen und Demenzen. Therapeutische und rehabilitative Aspekte beinhalten u.a. die Pharmakotherapie und den Aufbau einer interdisziplinären Gedächtnisambulanz.

Ein integratives, klinisch orientiertes Buch, nützlich für Mitarbeiter an Gedächtnisambulanzen – von Neurologen und Psychiatern bis hin zu Rehabilitationsmedizinern, Geriatern und Neuropsychologen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Grundlagen

Frontmatter

1. Gedächtnisstörungen im Kontext neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen

Unser Gedächtnis ist ein Erinnerungsspeicher von Gelerntem und früher Erlebtem und ist als eine der komplexesten und wichtigsten kognitiven Fähigkeiten ein integraler Bestandteil des Menschen. „Gedächtnis“ ist hierbei ein Oberbegriff für eine Vielzahl zeitlich und inhaltlich unterschiedlicher Lern- und Erinnerungsleistungen mit dem Ziel, Informationen, sensorische Eindrücke und Emotionen innerhalb eines Verhaltenskontextes zu speichern und wieder abrufbar zu machen. Gedächtnisstörungen sind eine Störung der Fähigkeit, Informationen zu lernen, zu behalten oder abzurufen. Gedächtnisstörungen werden zumeist als Störungen des episodischen Gedächtnisses aufgefasst, welches besonders häufig bei neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen betroffen ist. Gedächtnisstörungen und kognitive Beeinträchtigungen bestimmen in besonderer Weise die funktionelle Leistungsfähigkeit im Rahmen neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen.
T. Bartsch, P. Falkai

2. Gedächtnissysteme und Taxonomie von Gedächtnisstörungen

Unterschiedliche Formen von Gedächtnisleistungen basieren auf unterschiedlichen kognitiven und emotionalen Prozessen, denen eine differenzielle Anatomie und differenzielle Transmittersysteme zugrunde liegen. Gemein ist den unterschiedlichen Gedächtnisformen, dass sie auf komplexen und dynamischen Prozessen beruhen, die uns das Speichern und den Abruf von Information erlauben, die nicht mehr in der Umwelt präsent ist. Basierend auf diesen Gedächtnisinhalten verändert sich unser Verhalten. Hinsichtlich der Dimensionen Zeit und Inhalt können verschiedene Gedächtnissysteme definiert werden. In Bezug auf die zeitliche Dimension werden das Arbeitsgedächtnis (früher: Kurzzeitgedächtnis) und das Langzeitgedächtnis unterschieden. Innerhalb des Langzeitgedächtnisses werden deklarative (explizite, d. h. dem Bewusstsein zugängliche) und non-deklarative (implizite, d. h. dem bewussten Zugriff nicht zugängliche) Formen des Gedächtnisses voneinander abgegrenzt.
M. Piefke, G. Fink

3. Lernen und Gedächtnis im Alter

Lernen und Gedächtnis sind zentrale Voraussetzungen für menschliches Erleben, Verhalten, Identität und Persönlichkeit. Wir sind somit das Produkt aus unseren Lernerfahrungen und unseren Erinnerungen. Aus diesem Grund ist für viele Menschen der Erhalt der Lernfähigkeit und des Gedächtnisses bis ins hohe Alter von großer Relevanz. Um Lernen und Gedächtnis im Alter besser verstehen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie sie sich über die Lebensspanne verändern und wie stark sie miteinander zusammenhängen. Deshalb werden im Folgenden zuerst diese zwei Konzepte in Bezug zueinander gesetzt und danach unabhängig voneinander genauer erläutert. Abschließend werden aus den Befunden resultierende Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt und die wichtigsten Erkenntnisse kurz zusammengefasst.
V. Schumacher, M. Martin

4. Gedächtnisfehler – die Grenzen des intakten Gedächtnisses

Unser Gedächtnis ist ein hoch-effizientes und funktionales System, das dem gesunden Menschen unersetzliche Dienste leistet. Neben praktischen Aspekten, die es uns erlauben unser tägliches Leben zu organisieren, leistet unser Gedächtnis eine wichtige weitere Funktion: Durch den Zugriff auf autobiographische Gedächtnisinhalte ermöglicht es uns zu wissen, wer wir sind, woher wir kommen, was wir getan haben, und somit eine stabile Repräsentation des Selbst. Das Gedächtnis stellt folglich eine der wichtigsten kognitiven Leistungen des Menschen dar.
J. Komes, H. Wiese

Diagnostik

Frontmatter

5. Diagnostik von Gedächtnisstörungen

Mnestische Defizite gehören, neben solchen der Konzentration und Aufmerksamkeit, zu den häufigsten neurokognitiven Beeinträchtigungen überhaupt. Sie sind bei Patienten mit ganz unterschiedlichen Krankheitsdiagnosen anzutreffen, nicht nur bei neurodegenerativ oder vaskulär bedingten Demenzen, nach Hirnläsionen und bei Epilepsie, sondern auch bei Schizophrenien, Depressionen und Suchterkrankungen. Sie können sogar als unerwünschte Behandlungsnebenwirkungen auftreten, beispielsweise bei Gabe von stark anticholinerg wirksamen Medikamenten, im Verlauf von Elektrokonvulsionstherapien oder in der Strahlenbehandlung von Tumoren. Da Störungen des Lernens und Behaltens zu besonders nachhaltigen Beeinträchtigungen der schulischen oder beruflichen Leistungsfähigkeit sowie allgemein der Alltagskompetenz führen, kommt ihnen eine Schlüsselrolle in der ärztlichen und neuropsychologischen Diagnostik und Therapie zu. Die zunehmend ausgefeilten Methoden, die zur Behandlung mnestischer Defizite zur Verfügung stehen, verlangen, dass ihrem Einsatz eine differenzierte Funktionsdiagnostik vorausgeht, die im Hinblick auf den weiteren Behandlungsverlauf zugleich auch die Grundlage dafür legt, Therapiefortschritte überprüfen zu können.
T. Jahn

6. Differenzialdiagnostische Probleme und Labordiagnostik

Akute und chronische Gedächtnisstörungen haben eine hohe Relevanz für Betroffene und Angehörige, da sie die Funktionalität im Alltag erheblich beeinträchtigen. Die Differenzialdiagnostik wirft jedoch häufig Probleme auf, da Störungen des Gedächtnisses bei zahlreichen Erkrankungen vorkommen können. Eine rasche und korrekte ätiologische Zuordnung einer akuten Gedächtnisstörung kann überlebenswichtig sein wie im Falle der Herpesenzephalitis; bei den viel häufigeren chronischen Gedächtnisstörungen ist der diagnostische Zeitdruck geringer; aber auch hier ist die möglichst frühe Diagnosefindung entscheidend, damit eine spezifische Therapie begonnen werden kann. Insbesondere müssen symptomatische und behandelbare Erkrankungen ausgeschlossen werden. Die Diagnose stützt sich daher auf eine genaue Exploration, die Erfassung von Nebensymptomen und auf testpsychologische, laborchemische, bildgebende und apparative Zusatzdiagnostik. Dieses Kapitel soll einen Überblick über die wichtigsten differenzialdiagnostischen Aspekte zur Abgrenzung einzelner Erkrankungen verschaffen, welche zu akuten bzw. chronischen Störungen des episodischen Gedächtnisses führen. Insbesondere wird hier systematisch auf die apparative und laborchemische Zusatzdiagnostik eingegangen.
J. Kukolja, Gereon. R. Fink

Störungsbilder

Frontmatter

7. Entwicklungsbedingte Gedächtnisstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Gedächtnisstörungen bei Kindern und Jugendlichen treten häufig im Kontext von anderen kognitiven Störungen und in Kombination mit psychischen, sozialen und Verhaltensauffälligkeiten auf. Ursachen für diese kognitiven Defizite können erworbene oder genetisch bedingte Entwicklungsstörungen sein, wie beispielsweise Entwicklungsverzögerungen im Rahmen von Frühgeburtlichkeit, durch ungünstige Umweltfaktoren (Stress, Unterversorgung, Traumata) oder multifaktorielle verhaltensrelevante Erkrankungen der kindlichen Entwicklung (z. B. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Autismus). Da sich viele dieser Störungen in das Erwachsenenalter fortsetzen, ist das Verständnis dieser entwicklungsbedingten Störungen wichtig für die Diagnostik und Behandlung in der Adoleszenz oder im Erwachsenenalter.
A. Prehn-Kristensen

8. Akute und transiente Gedächtnisstörungen

Akute Gedächtnisstörungen stellen bei vielen Patienten in der Notaufnahme eine differenzialdiagnostische Herausforderung dar. Zumeist stellt sich die Frage, ob die Gedächtnisstörungen isoliert vorliegen, Begleitsymptome einer umfassenderen akuten neurologischen Schädigung sind oder innerhalb fluktuierender chronischer Syndrome (z. B. M. Alzheimer, Korsakow-Syndrom) auftreten. Mit einem neuropsychologischen Screening lassen sich häufig subjektive von objektivierbaren Gedächtnisstörungen trennen, das Ausmaß und die Art der Amnesie (anterograd, retrograd, kombiniert) einschätzen.
T. Bartsch

9. Gedächtnisstörungen bei subakuten und rasch progredienten ZNS-Prozessen

Subakute neurologische Krankheitsbilder mit Störungen des Gedächtnisses und der Kognition sowie rasch progrediente oder früh beginnende demenzielle Prozesse werfen häufig differenzialdiagnostische Probleme auf. Symptomatische und potenziell reversible Demenzformen müssen rechtzeitig erkannt werden. Bei der Abgrenzung der verschiedenen Formen helfen neben dem klinischen Bild und dem neuropsychologischen Status insbesondere die MR-Bildgebung und Labordiagnostik. Am häufigsten entstehen Demenzen im höheren Lebensalter im Rahmen neurodegenerativer Erkrankungen, können aber im Rahmen metabolischer, immunologischer und infektiöser Prozesse auch im jüngeren Alter auftreten. In diesem Kapitel soll auf subakut verlaufende neurologische Erkrankungen mit Störung des Gedächtnisses und symptomatische Demenzformen mit rasch progredientem Verlauf eingegangen werden.
S. Reuter, T. Bartsch

10. Gedächtnisstörungen bei zerebrovaskulären Erkrankungen

Schwere amnestische Syndrome sind Folge bilateraler mittelliniennaher Läsionen des limbischen Systems und damit verbundener Strukturen. Leichte kognitive Beeinträchtigungen, so auch des Gedächtnisses, finden sich bei vielen zerebrovaskulären Erkrankungen. Klinische Bedeutung haben Gedächtnisstörungen vor allem nach zerebraler Hypoxie, nach Subarachnoidalblutungen mit Ischämie frontobasaler kortikaler Areale oder Einblutung dort sowie nach bilateralen Thalamusinfarkten.
C.W. Wallesch

11. Gedächtnisstörungen bei Epilepsien

Epilepsien gehören zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Sie manifestieren sich als Kernsymptom in Form epileptischer Anfälle, die ein weites Spektrum subjektiv wahrgenommener und äußerlich sichtbarer Symptome umfassen können. Während solcher Anfälle, aber auch unabhängig von Anfallsereignissen, können bei Patienten mit Epilepsien Beeinträchtigungen der kognitiven Leistungsfähigkeit und des psychischen Befindens auftreten. Hierbei gehören Gedächtnisstörungen zu den am häufigsten beklagten kognitiven Problemen und können im Zusammenhang mit Epilepsien auf unterschiedlichen Ursachen beruhen. Im Folgenden werden nach einer kurzen Einführung in das Krankheitsbild und seine Therapieoptionen die unterschiedlichen pathogenetischen Faktoren und relevante diagnostische Verfahren zur Erfassung mnestischer Beeinträchtigungen bei Epilepsiepatienten erläutert sowie rehabilitative Ansätze vorgestellt.
K. Wagner, A. Schulze-Bonhage

12. Kognitiv-mnestische Störungen bei multipler Sklerose

Die multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen des frühen und mittleren Erwachsenenalters. Ätiopathogenetisch wird die MS nach derzeitigem Kenntnisstand als autoimmunvermittelte Erkrankung des Zentralnervensystems angesehen, die zu multiplen, zeitlich und örtlich disseminierten Demyelinisierungen innerhalb des Zentralnervensystems führt. Pathoanatomisch findet sich neben der inflammatorischen Komponente auch ein neurodegenerativer Anteil. Der bei den meisten Erkrankungsfällen anfänglich schubförmige Krankheitsverlauf (schubförmige MS) kann in der weiteren Krankheitsevolution in einen chronisch-progredienten Verlauf übergehen. Neben einer Vielzahl von neurologischen Dysfunktionen können bereits im Frühstadium oder im Verlauf der MS verschiedene, neuropsychiatrische Störungen auftreten. Letztere sind entscheidend für den Arbeitsplatzerhalt und die Lebensqualität. Im Folgenden wird auf kognitive, insbesondere im Zusammenhang mit der Gedächtnisverarbeitung stehende Defizite eingegangen.
P. Calabrese

13. Gedächtnisstörungen nach Schädel-Hirn-Trauma

In Deutschland werden jährlich mehr als 200.000 Menschen nach einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) stationär im Krankenhaus behandelt. Häufigste Ursache sind Verkehrsunfälle, gefolgt von Stürzen. Anhaltende Gedächtnisstörungen gehören zu den häufigsten Spätfolgen nach SHT. Gedeckte Schädel-Hirntraumen führen zu vorübergehenden – anterograden und retrograden – Amnesien.
Bei Patienten nach schwererem SHT stellt die Gedächtnisstörung nur eine Facette eines multidimensionalen Beschwerdebildes dar, hinzu treten Störungen von Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen, emotionale und Wesensänderungen sowie somatische Symptome wie Dysarthrie, Ataxie und Spastik. Es konnte gezeigt werden, dass die Kombination von kognitiven und psychotherapeutischen Interventionen das Ausmaß der psychosozialen Integration verbessert.
C.W. Wallesch

14. Morbus Parkinson und verwandte Demenzen

Das Parkinson-Syndrom besteht aus Akinese, Rigor, Tremor und einer Störung posturaler Reflexe. Häufig sind kognitiven Störungen, welche klinische Merkmale einer subkortikalen bzw. Frontalhirn-bezogenen Symptomatik besitzen. Das Parkinson-Syndrom findet sich bei unterschiedlichen neurodegenerativen Erkrankungen, wie z. B. beim Morbus Parkinson, der Lewy-Körper-Demenz (LBD) und der progressiven supranukleären Blickparese (PSP). Alle diese Erkrankungen führen zu kognitiven Störungen. Gedächtnisstörungen sind testpsychologisch häufig als Abrufstörung detektierbar. Bei allen dieser Erkrankungen stehen im frühen Krankheitsstadium Defizite der Aufmerksamkeit und der exekutiven Leistungen im Vordergrund des kognitiven Störungsbildes. Im fortgeschrittenen Stadium münden diese kognitiven Defizite in eine Frontalhirn-bezogene subkortikale Demenz. Die Huntington-Erkrankung geht zwar selten mit einem Parkinson-Syndrom her, ist jedoch ein Prototyp einer Basalganglienerkrankung mit kognitiven Störungen, welche in eine Demenz mündet.
K. Witt, G. Deuschl

15. Frontotemporale Demenz Demenz frontotemporale en

Obwohl die frontotemporalen Demenzen (FTD) nur einen Anteil von 5–7% aller Demenzformen ausmachen, sind sie aufgrund des präsenilen Beginnes eine der häufigsten Demenzformen in der Altergruppe der 45- bis 65-Jährigen. Neben den seltenen genetischen Varianten werden die FTD in die klinischen Entitäten der Verhaltensvariante einer FTD, die primär progredienten Aphasien und eine FTD-Variante, welche mit den Symptomen einer Motorneuronerkrankung (FTD-ALS) einhergeht, untergliedert. Die pathobiochemische Klassifikation hat sich in den letzten Jahren durch die Charakterisierung des pathologisch vermehrten TAR-DNA-bindendes Protein 43 als gemeinsames Merkmal vieler FTD-Varianten gewandelt. Neue klinische Diagnosekriterien für die Verhaltensvariante der FTD fordern die Anwesenheit von mindestens drei von sechs klinischen Merkmalen (Disinhibition, Apathie, gestörte Empathie, perseverative/stereotype Verhaltensmuster, Veränderungen des Essverhaltens und typische neuropsychologische Veränderungen). Die primär progressiven Aphasien werden nach klinischen und radiologischen Merkmalen in eine nicht-flüssige Variante, eine logopenische Variante und in eine semantische primär progressive Aphasie gegliedert, wobei die logopenische Variante histopathologisch vermutlich eine Form der Alzheimer-Demenz darstellt. Obwohl mnestische Störungen beklagt werden und leichtere Störung im episodischen Gedächtnis auch in der Frühphase bei diesen Patienten testpsychologisch gefunden werden können, sind Gedächtnisstörungen nicht klinisch führend und fallen gemessen an den Verhaltensstörungen und Symptomen einer Sprachstörung weniger prominent auf.
K. Witt

16. Funktionelle Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen

Kognitive Störungen, vor allem des Gedächtnisses und der Konzentration, ohne fassbare organische Ursache sind ein wichtiges und häufiges Beschwerdebild in Gedächtnissprechstunden und Nervenarztpraxen. Bei Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen sind ausgeprägte kognitive Defizite die Regel, z. B. bei Depression, Psychosen, dissoziativen Störungen, Zwangserkrankungen, Aufmerksamkeits-Defizit-Störung, posttraumatischer Belastungsstörung, Asperger-Syndrom etc. Feldstudien haben jedoch gezeigt, dass glaubhafte kognitive Störungen auch ohne psychiatrische Erkrankung häufig vorkommen. Nicht-organische kognitive Störungen sollten nach Möglichkeit nicht nur per Ausschluss, sondern anhand positiver Kriterien diagnostiziert werden. Sie stellen eine wichtige und nicht immer einfache Differenzialdiagnose zu organisch bedingten kognitiven Störungen dar.
K. Schmidtke

17. Mildes kognitives Defizit

„Mildes kognitives Defizit“ oder „mild cognitive impairment” (MCI) bezeichnet eine neuropsychologisch objektivierte, bezogen auf die Alters- und Bildungsnorm verminderte Performanz in einer oder mehreren kognitiven Domänen, wobei die Relevanz der Störung für die Alltagsaktivitäten als so gering eingestuft wird, dass nicht von einem demenziellen Syndrom gesprochen werden kann. MCI wurde als klinisch-neuropsychologisches Konzept zur Abschätzung von klinischen Risikozuständen für eine Demenzentwicklung oder zur klinischen Beschreibung prädemenzieller neurodegenerativer Verläufe etabliert. Im Fokus stand hierbei das amnestische MCI mit im Vordergrund stehenden episodischen Gedächtnisstörungen, das ein häufiges Übergangsstadium vom normalen Nachlassen der kognitiven Leistungsfähigkeit im Alter zur Alzheimer-Demenz darstellt.
A. Fellgiebel

18. Alzheimer-Krankheit

Die Alzheimer-Erkrankung ist eine neurodegenerative Erkrankung, deren klinisches Bild durch den fortschreitenden Verlust der Gedächtnisfunktion und anderen kognitiven Fähigkeiten wie Denken, Orientierung, Auffassung, Sprache und Urteilsvermögen im Sinne der Fähigkeit zur Entscheidung gekennzeichnet ist. Früh- und Leitsymptom ist eine Störung der Gedächtnisfunktion. Führen die kognitiven Einschränkungen zu einer Beeinträchtigung der Alltagsfertigkeiten des Patienten und bestehen die Symptome mindestens 6 Monate, so ist die Diagnose einer Demenz zu stellen. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache für Demenzen. Im Verlauf der Erkrankung kommt es zusätzlich zu einer Beeinträchtigung weiterer alltagsrelevanter kognitiver Funktionen, sodass auch Verhaltensveränderungen, psychiatrische oder motorische Symptome hinzutreten.
I. Kilimann, S. Teipel

19. Gedächtnisstörungen bei Depressionen

Depressive Störungen gehen unter anderem mit kognitiven Defiziten einher, vor allem Störungen des Gedächtnisses. Diese können teilweise so ausgeprägt sein, dass die differenzialdiagnostische Abklärung einer demenziellen Erkrankung erforderlich ist. Die Abgrenzung depressionsbedingter versus demenziell bedingter Gedächtnisstörungen ist jedoch während einer depressiven Episode äußerst schwierig. Umgekehrt ist es in der Differenzialdiagnose von demenziellen Gedächtnisstörungen ebenfalls schwierig, eine zugrundeliegende oder komorbide depressive Störung zu identifizieren. Im folgenden Kapitel werden depressionsbedingte Gedächtnisstörungen in Abgrenzung zu demenziellen Erkrankungen vorgestellt.
C. Konrad, S. Losekam, T. Kircher

20. Gedächtnisstörungen und andere kognitive Störungen bei der Schizophrenie

Unter einer Schizophrenie wird eine Gruppe schwerer psychischer Störungen mit Wahnsymptomen, Wahrnehmungs- und Denkstörungen, Störungen der Intention, des Affekts und des logischen Gedankengangs verstanden. Die Erkrankung ist in vielen Fällen durch häufige Rezidive und einen chronischen Krankheitsverlauf gekennzeichnet. Kognitive Störungen gehören zu den Kernsymptomen der Schizophrenie und verschiedene Arbeiten weisen darauf hin, dass diese Störungen auch als primäre Symptome der Erkrankung verstanden werden können. Besondere Bedeutung erlangen die kognitiven Symptome durch die Beobachtung, dass diese ein wichtiger Prädiktor für ein schlechtes soziales und funktionelles Leistungsniveau sind und wesentlich für die Entstehung langfristiger Behinderung und einer Reduktion der Lebensqualität bei schizophrenen Patienten darstellen.
S. Karch, P. Falkai, A. Hasan

21. Posttraumatische Belastungsstörung

In diesem Kapitel werden nach einer Einführung in die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) Veränderungen der Gedächtnisfunktionen bei dieser Störung beschrieben. Zu den Veränderungen des deklarativen Gedächtnisses gehören Defizite im verbalen und visuellen Arbeitsgedächtnis, erhöhte retroaktive Interferenz, Probleme im autobiographischen Gedächtnis und eine fragmentierte und statische Erinnerung an das Trauma, in extremen Fällen auch eine Amnesie. Als nichtdeklarative Veränderungen im Gedächtnis wurden eine verstärkte Akquisition und verzögerte Extinktion bei der hinweisreizbezogenen Furchtkonditionierung, die besonders bei traumarelevanten unkonditionierten Reizen auftritt, sowie eine defizitäre Kontextkonditonierung und erhöhtes Priming beschrieben. Veränderungen im Hippokampusvolumen, die der Störung vorausgehen, aber auch eine Folge der Traumatisierung sein können, sowie präfrontale Veränderungen dürften das neurobiologische Korrelat der Gedächtnisprobleme bei der PTBS sein. Konsequenzen dieser Befunde für die Diagnostik und Therapie sind eine genaue Erfassung der gedächtnisbezogenen Probleme der Patienten und eine besondere Betonung der Integration deklarativer und nichtdeklarativer traumabezogener Gedächtnisinhalte mit einem Fokus auf der korrekten Einordnung des traumatischen Ereignisses in den räumlich-zeitlichen Kontext.
H. Flor

22. Gedächtnisstörungen nach Strahlen- und Chemotherapie

Gedächtnisbeeinträchtigungen nach onkologischen Therapien werden auf gezielte Nachfrage von bis zu 50% der Patienten berichtet. Sie können mit weiteren neuro-kognitiven Beschwerden wie Lern- und Aufmerksamkeitsstörungen oder Beeinträchtigungen der Informationsverarbeitung assoziiert sein und sind eine wichtige Determinante der Lebensqualität der betroffenen Patienten. Im onkologischen Setting sind zwei Arten von Gedächtnisstörungen zu unterscheiden: Gedächtnisbeeinträchtigungen, die durch direkte therapieinduzierte Veränderungen der neuronalen Aktivität hervorgerufen werden, und Gedächtnisbeeinträchtigungen, die durch den Einfluss der Tumorerkrankung und/oder -therapie auf psychoaffektive Zustände ausgelöst werden. Während neurokognitive Defizite nach kranieller Strahlentherapie seit langem bekannt sind, werden neurokognitive Defizite nach Chemotherapie seit Mitte der 1990er Jahre intensiver untersucht.
G. Welzel, F. Wenz, K. Hermelink

23. Gedächtnisstörungen bei Schlafstörungen

Etwa ein Viertel der Bevölkerung klagt über Schlafstörungen und mehr als 10% nehmen ihren Schlaf als „häufig nicht erholsam“ wahr. Insofern zählen Schlafstörungen zu den häufigsten Gesundheitsbeschwerden überhaupt. Eine wichtige Funktion des Schlafes liegt sehr wahrscheinlich in der Verfestigung von Gedächtnisinhalten. Daher führen Schlafstörungen nicht nur zu einer subjektiven Beeinträchtigung, sondern können auch mit verminderten kognitiven Leistungen und Defiziten in der Gedächtnisbildung einhergehen.
R. Göder, P. C. Baier

Therapeutische Aspekte

Frontmatter

24. Pharmakotherapie von Gedächtnisstörungen

Die Pharmakotherapie von Gedächtnisstörungen kann prinzipiell nicht isoliert von einer umfassenderen Therapie von kognitiven Störungen betrachtet werden. Vor diesem Hintergrund werden in diesem Kapitel Arzneimittel besprochen, die für die Behandlung von Erkrankungen zugelassen sind, bei denen Gedächtnisstörungen einen zentralen Bestandteil der Pathologie repräsentieren (z. B. Acetylcholinesterase-Inhibitoren bei Demenz vom Alzheimer-Typ), oder für die aus klinischen Studien eine gewisse Evidenz für eine Wirksamkeit gegen kognitive Störungen besteht, die aber in dieser Indikation nicht – wohl aber für die Behandlung anderer Erkrankungen – zugelassen sind (z. B. Modafinil bei kognitiven Störungen im Rahmen schizophrener Störungen). Eine dritte Gruppe umfasst experimentelle Substanzen, denen bisher eine Zulassung in jeglicher Indikation fehlt, die sich also noch in der klinischen Prüfung befinden.
G. Gründer

25. Neuropsychologische Therapie bei Gedächtnisstörungen

Die Behandlung von hirngeschädigten Patienten mit episodischen Gedächtnisstörungen stellen eine komplexe Herausforderung dar. Es wird ein differenziertes Behandlungsmodell benötigt, das den Bedürfnissen des Patienten und dessen Angehörigen und der Chronizität der Störung Rechnung trägt. Die unterschiedlichen therapeutischen Interventionen zielen nicht nur auf eine Wiederherstellung des episodischen Gedächtnisses (Neugedächtnis) ab, sondern auch unter Umgehung des episodischen Gedächtnisses durch Nutzung noch vorhandener anderer Gedächtnisleistungen und von Hilfsmitteln und Strategien auf eine Verbesserung der Selbständigkeit. Interventionen sind aber auch auf metakognitive Prozesses (z. B. Wahrnehmung der Stärken und Schwächen) und eine realistische Zielsetzung mit der teilweise notwendigen Anpassung von Zielen, das Selbstmanagement, eine Verbesserung der Stimmung, eine Veränderung von dysfunktionalen Kognitionen und Emotionen, die Stressbewältigung und auf die Bedürfnisse von Angehörigen gerichtet.
S. Gauggel

26. Kognitive Interventionen bei Patienten mit leichten kognitiven Störungen und Morbus Alzheimer

Einer Erkrankung, deren wesentliches Merkmal der fortschreitende Verlust der kognitiven Leistungsfähigkeit und der Gedächtnisfunktion ist, mit kognitiven Interventionen begegnen zu wollen, erscheint auf den ersten Blick als Sisyphos-Aufgabe. Hinzu kommt, dass die Gedächtnisstörungen bei den Patienten zwar im Zentrum der Beschwerden stehen, die Veränderung der geistigen Leistungsfähigkeit jedoch sehr viel weitreichendere Konsequenzen hat. Daher stellt sich vor Auswahl der geeigneten Trainings- oder Therapiemaßnahmen die Frage, ob überhaupt in erster Linie die kognitive Leistungsfähigkeit beeinflusst werden soll, oder ob andere Zielgrößen im Vordergrund stehen, wie z. B. die Bewältigung von Alltagsanforderungen, Stimmung und Depressivität, Lebensqualität, Verhaltensauffälligkeiten oder die Belastung der Angehörigen.
A. Thöne-Otto

27. Aufbau einer interdisziplinären Gedächtnisambulanz

Vorrangiges Ziel einer interdisziplinären Gedächtnisambulanz ist es, Gedächtnisstörungen in einem möglichst frühen Stadium zu diagnostizieren. Hier ist insbesondere in Betracht zu ziehen, dass sich zahlreiche Ursachen von Gedächtnisdefiziten im Bereich der sekundären Demenzen kausal therapieren lassen. Dazu zählen Stoffwechselstörungen, Entzündungen, Depressionen, Liquorzirkulationsstörungen oder auch Hirntumoren. Zudem können bestimmte primäre Demenzen medikamentös behandelt werden, so dass die Abbauprozesse im Gehirn langsamer fortschreiten. Die Diagnosestellung im frühen Erkrankungsstadium insbesondere der Demenz vom Alzheimer-Typ bedarf einer medizinischen Expertise, da eine Abgrenzung zu anderen neurodegenerativen Erkrankungen, verschiedenen sekundären Demenzformen und depressiven Syndromen klinisch bedacht werden muss. Dies kann in einer Gedächtnisambulanz optimal durchgeführt werden.
E. Meisenzahl, T. Bartsch

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