Skip to main content
main-content

05.05.2017 | Gesundheitspolitik | Nachrichten

Ohne Blaulicht

Qualifizierte Krankenfahrt entlastet Rettungsdienst und Ärzte

Autor:
Thomas Hommel


Zu oft werden Rettungswagen für Krankentransporte oder für den Ärztlichen Notfall-Dienst missbraucht und stehen somit nicht für Notfalleinsätze bereit. Ein neues Modell der AOK Baden-Württemberg schafft Abhilfe. Nutznießer sind neben den Patienten auch Haus- und Fachärzte.


STUTTGART. Egal, ob Unfall, Herzinfarkt oder Schlaganfall: Im Rettungsdienst zählt jede Minute. Denn: Trifft der Rettungswagen zu spät ein, kann das fatale Folgen haben. Als wichtiger Teil der Rettungskette definiert deshalb die sogenannte Hilfsfrist, wie viel Zeit zwischen einem Notruf und dem Eintreffen der Rettungskräfte am Unglücksort verstreichen darf.

Das Problem: In Deutschland sind diese Hilfsfristen bislang nicht grundsätzlich gesetzlich geregelt. Eine Ausnahme bildet Baden-Württemberg. Dort ist festgelegt, dass der Rettungswagen in 95 Prozent aller Fälle 15 Minuten nach der Alarmierung am Unglücksort sein soll.

Doch nicht immer klappt das. So kommen auch in Baden-Württemberg, gemessen an der Hilfsfrist von maximal 15 Minuten, noch immer zu viele Rettungswagen bei Notfällen zu spät zum Unglücksort – und das, obwohl die Krankenkassen im Land in den vergangenen Jahren massiv in den Rettungsdienst investiert haben. Allein in den Jahren 2015 und 2016 finanzierten sie 20 zusätzliche Rettungswagen im Wert von rund 14 Millionen Euro. Auch die Flotte der Notarztwagen wurde aufgestockt.

Notarzt als "schneller Hausarzt"

Neben der wachsenden Zahl von Einsätzen der Rettungskräfte vermuten Fachleute einen der Gründe für das Reißen der Hilfsfrist im System: "Zu oft werden Rettungswagen für andere Zwecke wie etwa Krankentransporte, Hausnotruf oder den Ärztlichen Notfall-Dienst eingesetzt und stehen somit nicht mehr für wichtige Notfalleinsätze zur Verfügung", erläutert Enrique-Dietrich Vetter, Rettungsdienst-Experte bei der AOK Baden-Württemberg.

In Baden-Württemberg, rechnet AOK-Experte Vetter vor, würden jedes Jahr rund 800.000 Mal Patienten, die nicht mehr selbstständig mobil sind, per Krankentransport von Klinik zu Klinik oder auch von zuhause zu einem Termin beim Haus- oder Facharzt gefahren. Zu oft würden für diese Transporte Rettungswagen eingesetzt. Eine Ursache dafür sei auch der Wunsch der Bevölkerung nach möglichst schneller Gesundheitsversorgung, so Vetter. "Der Notarzt wird dann häufig als schneller Hausarzt und der Rettungswagen als Türöffner zur schnellen Krankenhausbehandlung verstanden." Dabei seien etwa 50 Prozent der Krankentransporte unkritische Entlassfahrten, für die selbst ein Krankenwagen eigentlich viel zu umfangreich ausgestattet ist. Dies nehme der Notfallrettung die gebotene Flexibilität, denn die verbleibenden Rettungswagen müssten oftmals längere Wege zu den Notfallpatienten zurücklegen als nötig.

Gemeinsam mit verschiedenen Anbietern in Baden-Württemberg hat die Südwest-AOK deshalb eine neue Fahrzeugklasse entwickelt, die beispielsweise bei Klinikentlassungen oder bei Arztbesuchen Transporte mit übernehmen kann: "Die qualifizierte Krankenfahrt gewährleistet den Patienten die notwendige medizinische Sicherheit und die Trageunterstützung, benötigt allerdings weniger medizinische Ausstattung als ein Kranken- und Rettungswagen", beschreibt Vetter das Modell.

Das Fahrzeug für die qualifizierte Krankenfahrt ist mit zwei medizinisch geschulten Personen besetzt, von denen eine mindestens ein ausgebildeter Sanitätshelfer oder eine ausgebildete Sanitätshelferin ist. An Bord finden die beiden alles, was sie für den Transport des Patienten benötigen. Dazu gehören eine Krankenfahrtrage und ein Tragestuhl ebenso wie ein automatisierter externer Defibrillator für den Notfall. Denn: "Patientensicherheit besitzt für uns oberste Priorität", so AOK-Experte Vetter.

Nachfrage steigt kontinuierlich

Jedes Fahrzeug für die qualifizierte Krankenfahrt wird, bevor es zum Einsatz kommt, vom TÜV überprüft und abgenommen. Im Unterschied zu Kranken- und Rettungswagen fällt die qualifizierte Krankenfahrt nicht unter das Rettungsdienstgesetz – sie wird auf Basis des Personenbeförderungsgesetzes erbracht. Das Fahrzeug besitzt kein Blaulicht und ist auch nicht über Funk mit der Leitstelle verbunden.

Um die qualifizierten Krankenfahrten flächendeckend ins Rollen zu bringen, schließt die AOK Baden-Württemberg derzeit mit Hilfsorganisationen, Krankentransport- und verschiedenen Mietwagenunternehmen Versorgungsverträge ab, die die sachlichen und personellen Voraussetzungen für die entsprechenden Fahrten erfüllen. "Wir gehen davon aus, dass in diesem Jahr bereits über 100.000 qualifizierte Krankenfahrten erfolgen", betont Vetter. Schon jetzt würden in ganz Baden-Württemberg etwa 400 qualifizierte Krankenfahrten pro Tag gezählt. Die Nachfrage sei immens und steige ständig, so Vetter. Angeboten würden die Fahrten auch in der Nacht und am Wochenende. Der Vorteil: "Die Wartezeit der Patienten zu nachfrageintensiven Zeiten wie zu Randzeiten lassen sich deutlich reduzieren."

Haus- und Fachärzte können ebenfalls von der neuen Fahrzeugklasse und der Entlastung, die sie für den Rettungsdienst bedeuten, profitieren, ist Vetter überzeugt. "Die Fahrzeuge, die der Arzt für seinen Patienten benötigt, stehen auch tatsächlich zeitnah zur Verfügung." Brauche der Arzt also einen Rettungswagen für seinen Patienten, "weil es medizinisch sehr dringend ist", müsse er nicht eine halbe Stunde auf das Fahrzeug warten, weil dieses gerade durch eine unkritische Entlassfahrt gebunden sei.

Gut fürs Praxismanagement

Stehe wiederum ein einfacher Patiententransport nach Hause an, bei der sich ein Taxi aber nicht anbiete, habe der Arzt mit der qualifizierten Krankenfahrt eine weitere Option. "Damit besteht für den Arzt eine relativ große Palette an Möglichkeiten, mit der er Wartezeiten reduzieren, Termintreue der Patienten erhöhen und das Praxismanagement verbessern kann", erklärt Vetter.

Höhere Anforderung

» Bei den in Baden-Württemberg neu angebotenen qualifizierten Krankenfahrten handelt es sich um zumeist unkritische Entlassfahrten von Patienten aus der Klinik oder der Arztpraxis nach Hause.

» Die sachlichen und personellen Anforderungen an das neue Beförderungsangebot sind jedoch deutlich höher als vergleichbare Angebote anderer Bundesländer im sogenannten Liegendfahrtenbereich.