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1. Grundlagen

  • 2023
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Zusammenfassung

Schmerzen beim Wasserlassen, plötzlicher Harndrang und Schmerzen im Unterleib, dazu das Gefühl ständig auf die Toilette gehen zu müssen – welche Frau kennt das nicht? Dies sind untrügliche Zeichen für eine Blasenentzündung. Manchmal ist auch Blut im Urin sichtbar. Dies resultiert aus der durch die Entzündung angegriffene oberste Schleimhautschicht, in der nun kleinste Blutgefäße entzündungsbedingt freiliegen. Mediziner nennen diese Erkrankung Zystitis, Harnwegsinfekt bzw. Harnwegsinfektion; alle Begriffe bedeuten dasselbe. Im weiteren Text des Buches möchte ich bei dem Wort Blasenentzündung bleiben.

1.1 Was sind die Zeichen für eine Blasenentzündung und wie oft kommt sie vor?

Schmerzen beim Wasserlassen, plötzlicher Harndrang und Schmerzen im Unterleib, dazu das Gefühl ständig auf die Toilette gehen zu müssen – welche Frau kennt das nicht? Dies sind untrügliche Zeichen für eine Blasenentzündung. Manchmal ist auch Blut im Urin sichtbar. Dies resultiert aus der durch die Entzündung angegriffene oberste Schleimhautschicht, in der nun kleinste Blutgefäße entzündungsbedingt freiliegen. Mediziner nennen diese Erkrankung Zystitis, Harnwegsinfekt bzw. Harnwegsinfektion; alle Begriffe bedeuten dasselbe. Im weiteren Text des Buches möchte ich bei dem Wort Blasenentzündung bleiben.
Bis zum 24. Lebensjahr erleidet eine von drei Frauen bereits mindestens eine Blasenentzündung, die antibiotisch behandelt werden muss. Die Hälfte aller Frauen bekommt einmal im Leben eine Blasenentzündung; fast 20 % dieser Frauen erleiden allerdings eine zweite Blasenentzündung; wiederum 30 % aus dieser Gruppe bekommen eine dritte Blasenentzündung und wiederum 80 % dieser Gruppe entwickeln eine chronische Blasenentzündung; die Mediziner nennen dies rezidivierende Zystitiden bzw. Harnwegsinfekte. Dies trifft für etwa 3 % aller Frauen zu.
Von rezidivierenden Harnwegsinfekten, also chronischen Blasenentzündungen, spricht man wenn zwei und mehr Blasenentzündungen innerhalb von 6 Monaten oder drei und mehr Episoden innerhalb von 12 Monaten auftreten.

1.2 Grundsätzliche Fakten zu Blasenentzündungen

Vielleicht wissen Sie es schon: Männer haben viel seltener Blasenentzündungen als Frauen. Warum ist das so? Die Antwort ist in der weiblichen Anatomie zu sehen. Die weibliche Harnröhre ist etwa nur 2,5 bis 3 cm lang oder besser gesagt kurz und damit sehr leicht zugänglich für eine Bakterieninvasion von außerhalb der Blase. Zudem ist der Weg vom Analbereich zur Scheide auch nicht weit.
Bakterien
Nicht von ungefähr ist der häufigste Erreger von Blasenentzündungen der Darmkeim Escherichia coli, auch kurz E. coli genannt. Aber auch weitere Darmbewohner wie Proteus mirabilis, Klebsiella pneumoniae und Enterokokken, um nur einige der Erreger von Blasenentzündungen zu nennen, können eine Blasenentzündung auslösen; man nennt diese Erreger uropathogene Keime, also im Urogenitaltrakt krankheitsverursachende Keime. Aber auch Scheiden- oder Hautbakterien wie zum Beispiel Staphylokokkenarten können sich in die Harnröhre und Blase verirren und eine Entzündung nach sich ziehen.
Besiedelt ein Keim die Harnröhre oder Blase, der dort nicht hingehört, ist letztendlich das Immunsystem gefordert, was dazu führt, dass eine Gruppe von Frauen nie Blasenentzündungen bekommt und die andere ganz oft.
Die gute Nachricht ist, dass Blasenentzündungen, die ohne Zweifel für die Betroffenen sehr schmerzhaft und lästig sind, ohne Folgeschäden für die Blase abheilen. Früher sprach man erst von einer behandlungsbedürftigen Blasenentzündung, wenn mindestens 100.000 sogenannte koloniebildende Einheiten (KBE) pro Milliliter Urin auf dem Nährboden nachweisbar waren. Dies wird in den Laborbefunden als 105 KBE bezeichnet. Koloniebildende Einheiten werden die rundlichen Bakterienkolonien genannt, die auf einem Nährboden wachsen und die letztendlich die Keimzahl bestimmen. Bei Nachweis von unter 10.000 KBE (also KBE <104) pro Milliliter Urin wird von einer Verunreinigung durch Haut- oder Scheidenbakterien ausgegangen. Mittlerweile ist aber bekannt, dass auch bereits geringe Bakterienmengen, insbesondere, wenn es sich um nur einen Keim handelt, Blasenentzündungssymptome auslösen können.
Falls im Urin drei oder noch mehr Erreger wachsen, liegt eindeutig eine Urinverunreinigung durch Scheiden- oder Hautbakterien vor. Man spricht von einer Mischkultur oder Kontamination. In diesem Fall wird von den Laboren keine Austestung der passenden Antibiotika, das sogenannte Antibiogramm, vorgenommen, sondern eine Urinneueinsendung empfohlen. Finden sich in der Urinkultur zwei verschiedene Keime wird oft ein Antibiogramm für beide Keime bestimmt, aber auch hier ist bereits zu bedenken, dass eine Verunreinigung vorliegen könnte, denn Blasenentzündungen werden in der Regel nur von einem Keim ausgelöst. Meist ist einer der beiden Erreger in geringerer Keimzahl vorhanden oder es handelt sich um einen unbedeutenden Keim der Standortbesiedelung der Haut oder Scheide. Hier sollte von ärztlicher Seite vor allem nicht in der Absicht ein passendes Antibiotikum für beide Keime zu finden, der Fehler gemacht werden ein hochwirksames Breitbandantibiotikum auszuwählen. Vielmehr sollte versucht werden, nur den Keim mit der höheren Keimanzahl zu behandeln oder alternativ eine neue Urinprobe eingeschickt werden.
Urinentnahme
Für eine optimale Urinprobe ist genau genommen Spontanurin nicht geeignet. Wünschenswert wäre die Gewinnung von Mittelstrahlurin, bei dem die erste Urinportion verworfen wird. Idealerweise sollten Sie außerdem bei der Probenabgabe die zuvor gereinigten Schamlippen spreizen. Dies alles wird im normalen Praxisalltag meist nicht beachtet bzw. ist nicht umsetzbar. Aber auch hier gibt es eine gute Nachricht: Es gibt die erste Studie, die unterschiedliche Arten der Uringewinnung zum Teil mit zuvor erfolgter mündlicher oder schriftlicher Information der Patientinnen über die Technik der Uringewinnung untersuchte; zwar fanden sich in den Urinproben Unterschiede in der Keimzahl, aber diese waren nach Meinung der Autoren eher zu vernachlässigen. Als Ergebnis der Studie muss festgestellt werden, dass der Erststrahlurin keine besonders aussagekräftige Methode zur Urinprobengewinnung darstellt und der Mittelstrahl immer noch trotz der erwähnten Kontaminationsgefahr besser ist.
Um eine Verunreinigung komplett auszuschließen, wäre die Analyse des mittels eines Katheters gewonnenen Urins ideal. Die Gewinnung von Katheterurin, früher ein Muß in urologischen Praxen, unterbleibt heutzutage selbst in den meisten urologischen Praxen aus Zeitgründen.
Bei der Befundung von mittels eines Katheters gewonnenem Urin gilt jede noch so geringe Keimzahl – vor allem wenn es sich nur um einen einzelnen Keim handelt- als Beleg für eine Entzündung.
Viele Frauen empfinden die Vorstellung dieser Art von Uringewinnung als abschreckend und lehnen sie ab, obwohl eine Katheterisierung nicht schmerzhaft sein muss, wenn ein Gleitmittel verwendet wird. Allerdings ist nie hundertprozentig ausgeschlossen, dass auf diesem Wege Bakterien, die am Harnröhreneingang sitzen, mit in die Blase hineintransportiert werden, was jedoch sehr selten vorkommt.
Problem bei der Diagnostik von Blasenentzündungen
Ein Hauptproblem bei der Diagnostik von Blasenentzündungen ist meines Erachtens, dass in hausärztlichen oder gynäkologischen Praxen, die meist die erste Anlaufadresse von Frauen mit Blasenentzündungen sind, oft nur ein Urinteststreifentest erfolgt. Dieses Vorgehen wird auch in der derzeit geltenden interdisziplinären Leitlinie1, dies ist eine Art Handlungsanweisung für in der Medizin Tätige, empfohlen. Der Grund für die Empfehlung liegt auf der Hand: In Anbetracht der Häufigkeit von Blasenentzündungen sollen die Kosten für Laborleistungen minimiert werden. Ein derartiger Urintest, kurz Urinstix genannt, lässt sich jederzeit schnell vor Ort in jeder Praxis durchführen; dabei wird jedoch nicht erwähnt, dass diese Teststreifen in ihrer Aussagefähigkeit sehr limitiert sind. Sie können, wie alle Schnelltests, sowohl falsch positiv als auch falsch negativ sein. Ich habe selbst dazu vor einigen Jahren eine Urinuntersuchung bei 1754 Patientinnen gemacht, wo trotz unauffälligen Urinteststreifens bei 20,1 % der Patientinnen in der Urinkultur Bakterien nachweisbar waren.
Zur Erklärung: Bei einer Urinkultur wird eine kleine Menge Urin (in der Regel 10 µl Urin) auf verschiedene Nährböden, sogenannte Agarplatten oder Petrischalen, aufgetragen und für mindestens 24 h in den Brutschrank bei 37 °C gestellt, die Keime werden bebrütet. Es werden in der Regel zwei bis drei verschiedene Agarplatten verwendet. Denn selektive Agarplatten können bereits durch dem Nährboden zugefügte Antibiotika das Wachstum bestimmter Bakterien unterdrücken. So kann zum Beispiel zwischen Gram-positiven und Gram-negativen Bakterien, zu letzteren gehört unter anderem der E. coli-Keim, differenziert werden.
Im nächsten Schritt wird ein Antibiogramm von dem auf dem Nährboden gewachsenen Keim erstellt. Das Antibiogramm ist ein Labortest zur Bestimmung der Empfindlichkeit des Keims gegenüber einer Vielzahl von getesteten Antibiotika. Hierfür gibt es mehrere Labortestmethoden, wobei diese Austestung in der Regel 24 h dauert. Ein Antibiotikum ist sensibel, wenn es den betreffenden Keim bekämpfen kann, oder resistent, wenn es wirkungslos ist. Daneben gibt es noch eine dritte Kategorie, die man als intermediär bezeichnet; in diesem Fall wirkt das betreffende Antibiotikum meist nur, wenn es höher als normal dosiert wird.
Für Praxen, die kein eigenes Urinlabor haben, gibt es, statt den Urin für eine Urinkultur direkt ins Labor zu schicken, die Möglichkeit einen Eintauchnährboden zu verwenden. Dieses Verfahren wird aber kaum mehr angewendet. Aber auch hier gibt es einen Nachteil: bei niedriger Anzahl von Keimen unter 10.000 Kolonien (<104) zeigt der Eintauchnährboden kein Wachstum.
Noch „ein Wort“ zu den bereits erwähnten Urinteststreifen: Bei einer akuten Blasenentzündung, die erstmals auftritt, kann sicher auf eine Urinkultur verzichtet werden; aber bei chronischen Blasenentzündungen oder Symptomen einer Blasenentzündung trotz Behandlung und unauffälligem Urinteststreifen sollte meiner Meinung nach ein Antibiogramm erfolgen, statt das zweite oder dritte Antibiotikum „blind,“ auf „gut Glück“ zu verordnen. Denn Breitbandantibiotika wirken nicht nur auf den krankheitsverursachenden Keim in der Blase, sondern auch auf unsere nützlichen Bakterien im Darm wie bereits im Vorwort ausgeführt. Ganz bekannt und gefürchtet sind Durchfälle durch Zunahme des Bakteriums Clostridium difficile, aber selbst wenn keine Symptome auftreten bedeutet dies nicht, dass das Antibiotikum keine Flurschäden, man nennt dies Kollateralschäden, im Darm hinterlassen hat. Die Folgen so einer antibiotikaverursachten Darmfehlbesiedlung, Darmdysbiose genannt, sind weitreichend. Dazu mehr in Kap. 3.
Von Urinteststreifen als Selbsttest rate ich ab. Denn wie ausgeführt können Teststreifen falsch negativ sein, aber auch falsch positiv. Falsch positiv bedeutet, dass der Test etwas nachweist, das so nicht vorhanden ist. Das gilt besonders für die Anzeige von Blut oder Leukozyten. Letztere sind weiße Blutkörperchen, die als Zeichen einer Entzündung gelten. Es ist nie ausgeschlossen, dass in der Urinprobe auch Scheidenbakterien sind, die die Teststreifen positiv reagieren lassen.
Außerdem sind die Teststreifen so empfindlich, dass sie oft bereits Blut anzeigen, wenn nur ein bis zwei rote Blutkörperchen pro Gesichtsfeld im Urin nachweisbar sind, was völlig normal ist. Nicht selten rezeptieren Ärzte allein bei Blut im Stix schon – völlig unnötig – ein Antibiotikum.
Das untrüglichste Zeichen für eine Blasenentzündung ist, wenn der Teststreifen Nitrit anzeigt, was allerdings nicht bei allen Bakterienarten der Fall ist. Aber grundsätzlich gilt, auch wenn der Teststreifen unauffällig ist, Sie jedoch Symptome wie Brennen beim Wasserlassen, plötzlichen und häufigen Harndrang und Schmerzen im Unterleib haben, dass es sich sehr wahrscheinlich um eine Blasenentzündung handelt.
Nicht unerwähnt möchte ich das Urinsediment als Urindiagnostik lassen; dies ist im Gegensatz zum Urinteststreifen eine mikroskopische Untersuchung des Urins, nachdem dieser zentrifugiert wurde. Nach dem Zentrifugieren wird ein Tropfen des Bodensatzes unter dem Mikroskop betrachtet. Die Analyse eines Urinsediments ist ein Routineverfahren in urologischen Praxen; grundsätzlich kann aber diese Untersuchung von jedem Labor angefordert werden; auch hier ist aber das Problem der Verunreinigung durch Scheidenbakterien gegeben, so dass der Nachweis von Bakterien und Leukozyten (weiße Blutkörperchen) auch zu falschen Rückschlüssen führen kann.

1.3 Welches sind die Risikofaktoren für Blasenentzündungen?

Risikofaktoren für das Auftreten von Blasenentzündungen sind bei den jungen Frauen vor allem Geschlechtsverkehr, Verhütung mit Scheidendiaphragmen und Spermiziden. Man spricht bei jungen Frauen auch von Honeymoon-Zystitis. „Honeymoon“ ist das englische Wort für „Flitterwochen“. Hintergrund ist, dass viele Frauen früher ihren ersten Sex nach der Hochzeit hatten. Beim Geschlechtsverkehr können durch mechanische Beanspruchung Bakterien aus der Scheide in die Harnröhre einmassiert werden oder die Frauen kommen mit Bakterien des Partners in Kontakt, an die sich ihr Immunsystem erst gewöhnen muss.
Bei den Frauen nach den Wechseljahren ist hauptsächlich der Rückgang der Östrogenproduktion schuld an den Blasenentzündungen. In einer großen niederländischen Studie fanden sich chronische Blasenentzündungen bei jeder sechsten Frau nach den Wechseljahren. Die in der Vagina bei Frauen vor der Menopause vorhandenen Milchsäurebakterien, Laktobazillen genannt, verhungern, da ihnen das Glykogen aus dem Östrogenabbau fehlt. Die Folge ist eine pH-Erhöhung der Scheide und dies ist ein idealer Nährboden für die vermehrte Besiedelung mit Darmbakterien. Heimtückisch ist, dass dies zunächst keine Beschwerden, also weder Ausfluss noch Juckreiz oder Geruch, verursacht. Ein derartiger Laktobazillenmangel kann aber auch bereits bei jungen Frauen auftreten, die die „Pille“ nehmen, die auch einen Östrogenmangel verursachen kann. Die immer präsenten Darmbakterien haben aufgrund der Nähe zur Blase und der kurzen Harnröhre ein leichtes Spiel vom Damm über die Scheide und Harnröhre in die Blase zu gelangen und dort eine Entzündung auszulösen.
Kälte ist ein weiterer Risikofaktor für Blasenentzündungen. Das gilt für kalte Füße oder generell im Winter, wo es häufiger zu Blasenentzündungen kommt. Kälte führt zu einer Verengung der Blutgefäße und dies bedeutet, dass weniger Immunzellen im Falle eines Eindringens von Bakterien in die Blasenschleimhaut für eine Abwehr vor Ort sind. Vaginaler Sex ist – wie bereits erwähnt – ein bekannter und häufiger Grund für Blasenentzündungen. Viele Frauen berichten, dass kondomgeschützter Geschlechtsverkehr weniger häufig zu Blasenentzündungen führt. Sperma ist alkalisch und somit ein Risikofaktor für das saure Scheidenmilieu.
Auch Petting oder Sex unter Frauen kann allein durch die mechanische Beanspruchung dafür sorgen, dass Bakterien aus dem Damm- und Scheidenbereich in die Blase gerieben werden können.
Vaginaler Sex nach dem Analsex ist ein weiterer Risikofaktor für Blasenentzündungen, denn die meisten Erreger sind ja Darmbakterien, die dann leicht in die Blase kommen können.
Eine aktuelle Studie fand heraus, dass Blasenentzündungen nicht selten im Rahmen einer Reisediarrhöe in den Tropen oder Subtropen auftreten. Als Reisediarrhöe wird eine Infektion des Gastrointestinaltrakts bezeichnet, die im Rahmen einer Reise, zumeist in die Tropen oder Subtropen, auftritt und mit Durchfall einhergeht und durch toxinbildende Darmbakterien verursacht wird. Diese Bakterien nutzen dann „die Gunst der Stunde“, um in Richtung Scheide über die Harnröhre in die Blase einzudringen. Grundsätzlich können aber auch Diarrhöen beispielsweise im Rahmen entzündlicher Darmerkrankungen zu chronischen Blasenentzündungen führen. Hier ist Hygiene das oberste Gebot.
Besondere Gruppen von Menschen haben ein höheres Risiko für das Auftreten von Blasenentzündungen. Hierzu gehören Schwangere, Menschen mit anatomischen Veränderungen oder Erkrankungen des Harntrakts wie vor allem Blasenentleerungsstörungen mit Restharnbildung, Menschen die sich selbst katheterisieren müssen, um ihre Blase zu entleeren oder Dauerkatheterträger, genauso wie Menschen mit einem schlecht eingestellten Diabetes mellitus.
Haben die Betroffenen von Blasenentzündungen darüberhinaus Begleiterkrankungen im Harntrakt, die in Verbindung mit Blasenentzündungen stehen, werden diese als komplizierte Blasenentzündungen bezeichnet.
Nicht selten finden sich bei komplizierten Blasenentzündungen auch andere Erreger und oft auch resistente Keime. Eine Kurzzeittherapie wie bei unkomplizierten Blasenentzündungen reicht in diesem Fall oft nicht aus.

1.4 Muss bei einer Blasenentzündung immer ein Antibiotikum genommen werden?

Grundsätzlich gibt es keinen Unterschied in der Behandlung zwischen einer einmaligen Blasenentzündung und chronischen Blasenentzündungen.
Bis vor wenigen Jahren war die Frage nach dem Muss eines Antibiotikums immer mit einem klaren „Ja“ zu beantworten. Inzwischen gibt es aber Studien mit Ibuprofen (3-mal täglich 400 mg für fünf Tage) oder der bereits im Vorwort erwähnten pflanzlichen Dreierkombination aus Rosmarin, Tausendgüldenkraut und Liebstöckel (Canephron® N 3-mal täglich 2 Dragees bzw. Canephron® Uno 3-mal täglich 1 Dragee für zehn Tage), die im Vergleich gegen das Antibiotikum Fosfomycin-Trometamol ein vergleichbar gutes Ergebnis zeigen. Der Vorteil einer Ibuprofen- oder Kombinationstherapie aus Rosmarin, Tausendgüldenkraut und Liebstöckel besteht darin, dass es nicht zu einer zusätzlichen Schädigung der Darmbakterien kommt. Allerdings möchte ich anmerken, dass sich grundsätzlich Schmerzmittel wie Ibuprofen, wenn über einen längeren Zeitraum genommen, durch Schädigung der Darmschleimhautbarriere (dazu mehr in Kap. 3.3) negativ auf das Immunsystem auswirken können. Zudem kann Ibuprofen, über einen längeren Zeitraum oder häufig eingenommen, zu Nierenschäden führen.
Frei verkäufliche Blasentherapeutika
Frei verkäufliche Blasentherapeutika überschwemmen den Markt und viele Frauen probieren diverse Mittel, bevor sie eine Arztpraxis aufsuchen. Selbst die Leitlinie zur Behandlung von Blasenentzündungen erwähnt seit 2017 erstmals Alternativen zu Antibiotika, obwohl die Studienlage für die meisten Substanzen nicht überzeugend ist. Die meisten Heilpflanzen sind bei akuten Blasenentzündungen untersucht worden und weniger bei chronischen Blasenentzündungen. Daten für letztere gibt es bei dem bereits erwähnten Kombinationsprodukt aus Rosmarin, Tausendgüldenkraut und Liebstöckel, das im Anschluss an eine akute Blasenentzündung über drei Monate gegeben dazu führte, dass in dieser Patientengruppe um 73 % weniger Blasenentzündungen erneut aufgetreten sind als im Vergleich zur Kontrollgruppe.
Es gibt unzählige weitere Heilpflanzen, die bei Blasenentzündungen -vor allem akuten Blasenentzündungen – besonders wirksam sein können. Ich möchte hier nur die wichtigsten Vertreter nennen:
Mit den in Kapuzinerkresse und Meerrettich enthaltenen Isothiocyanaten (Senfölen) wird bereits in geringen Mengen eine antibakterielle Wirkung erreicht, wie verschiedene Studien belegen. Es liegen außerdem Hinweise vor, dass die Senföle auch bei chronischen Blasenentzündungen eine Therapieoption sein können.
Bärentraubenblätter werden überwiegend in der Leber zu Hydrochinon umgewandelt und mit dem Urin ausgeschieden. Erst durch eine enzymatische Spaltung in den die Blasenentzündung verursachenden Bakterien entsteht das antibakteriell wirkende freie Hydrochinon; dieses ist allerdings in hohen Dosen in Tierversuchen leberkrebsauslösend, weswegen Bärentraubenblätter nicht länger als eine Woche und höchstens fünfmal im Jahr eingesetzt werden sollten.
Goldrute, Brennessel, Hauhechelwurzel, Birkenblätter und Orthosiphonblätter haben einen krampflösenden und durchspülenden Effekt. Diese Pflanzen gibt es als Einzelprodukte oder Kombinationspräparate. Grundsätzlich kann ich Ihnen nur den Tipp geben das ein oder andere Produkt auszuprobieren, da die Ansprechrate sehr individuell unterschiedlich ist.
Von den beliebten Tees würde ich eher abraten, da pflanzliche Arzneimittel strikteren Chargenkontrollen als Tees unterliegen; denn jede Pflanze hat je nach Witterungsbedingungen, die im Anbau vorherrschten, wie zum Beispiel viel oder wenig Regen oder Sonne, Schwankungen in ihrem Wirkstoffgehalt; bei Tees gibt es derartige Qualitätskontrollen nicht; außerdem entscheidet allein schon die Wassertemperatur darüber, wie der Inhaltsstoff wirkt.
Nachteil aller Phytotherapeutika: Sie belasten den eigenen Geldbeutel, da nur ganz wenige Krankenkassen die Kosten erstatten.
Natürlich ist eine ausreichende Trinkmenge von 1,5 bis 2 Litern grundsätzlich allen Frauen mit chronischen Blasenentzündungen zu empfehlen, um möglichst viele Keime auszuscheiden. Wenn Sie Antibiotika wie Fosfomycin-Trometamol oder Nitrofurantoin einnehmen, müssen Sie wissen, dass diese eine lokale Wirkung im Urin haben und durch eine zu hohe Trinkmenge wieder schneller aus der Blase herausgespült werden, was ihre Effizienz deutlich mindert. Exzessive Trinkmengen von 3 Litern und mehr sind grundsätzlich nicht sinnvoll.
Zu den marktdominierenden Substanzen gehören auch D-Mannose und Cranberryprodukte. D-Mannose ist ein Einfachzucker, der von unserem Körper nicht verstoffwechselt wird und ausgeschieden wird. Er bindet aber nur  an den Darmkeim E. coli, was oft gar nicht bedacht wird, und führt dazu, dass sich die Bakterien nicht mehr an der Blasenwand festsetzen können. In einer placebokontrollierten Studie schnitt D-Mannose (2 g) genauso gut ab wie eine niedrigdosierte Gabe (50 mg) des Antibiotikums Nitrofurantoin.
Die Datenlage zur Vorbeugung von Blasenentzündungen mit Cranberryprodukten, die den Markt nahezu überschwemmen, ist nachwievor widersprüchlich. Nach der aktuellsten Auswertung aller vorhandenen Studien zeigt die Hälfte der Studien einen Effekt, die andere Hälfte nicht. Kein Effekt fand sich bei betagten Menschen in Pflegeeinrichtungen, bei Erwachsenen mit neurogenen Blasenentleerungsstörungen und Schwangeren. Cranberries bzw. deren Inhaltsstoff Proanthocyanidin soll das Andocken von Keimen an der Blasenschleimhaut verhindern. Grundsätzlich gilt, dass Proanthocyanidine als sekundäre Pflanzenstoffe in allen Beeren vorkommen und auch Futter für bestimmte Darmbakterien (mehr dazu in Kap. 4.3) sind, was indirekt auch zu einer Verbesserung des Immunsystems führen kann. Aber möglicherweise sind die auf dem Markt verfügbaren Cranberryprodukte zu niedrig dosiert und deswegen so wenig effektiv.
Vor einigen Jahren versprachen erste Studien mit Forskolin Erfolg bei Blasenentzündungen, was sich aber leider nicht weiter bestätigen ließ. Forskolin ist ein Terpen und kommt in Harfensträuchern wie beispielsweise der indischen Buntnessel vor.
Alternativen zu einer Antibiotikatherapie haben Sie soeben kennengelernt. Welches Antibiotika in dem Fall, wo es wirklich vonnöten ist, am besten hilft, erfahren Sie im folgenden Abschnitt.

1.5 Welches Antibiotikum hilft am besten gegen Blasenentzündungen?

Welches ist das ideale Antibiotikum, wenn alle Maßnahmen erfolglos waren oder der Schmerz so heftig ist, dass eine schnelle Abhilfe hermuss, was zweifelsohne meist nur mit einem Antibiotikum erzielt werden kann? Grundsätzlich muss zunächst immer „blind“ therapiert werden, da zum Zeitpunkt, wenn Sie mit Ihren akuten Beschwerden zum Arzt gehen der Keim ja nicht bekannt ist. Als Erleichterung und Orientierungshilfe gibt es die schon erwähnte Leitlinie zur Therapie von unkomplizierten Harnwegsinfektionen (www.awmf.org), die alle paar Jahre aktualisiert wird, und in einer Kurz- bzw. Langfassung vorliegt. Diese empfiehlt derzeit bei einer Blasenentzündung in alphabetischer Reihenfolge: Fosfomycin-Trometamol, Nitrofurantoin, Nitroxolin, Pivmecillinam und Trimethoprim, wobei Trimethoprim nur bei einer Resistenzrate für E. coli unter 20 % empfohlen wird. Deutschlandweit liegt laut der Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS) des Robert-Koch-Instituts die Resistenzrate für E. coli im Jahre 2021 (dies sind die derzeit aktuellsten verfügbaren Daten) bei 23,9 %. Dies hieße, dass jede 4. Frau mit dem falschen Antibiotikum behandelt werden würde, wenn kein Antibiogramm angefertigt wird. Was ja – Sie erinnern sich – meist der Fall ist.
Die Allgemeinmediziner argumentieren allerdings, dass in diese Statistik nur Daten von Laboren oder urologischen Arztpraxen einfließen, die meist Patienten mit komplizierten Blasenentzündungen behandeln, und keine Daten über Blasenentzündungen aus dem hausärztlichen Bereich. Durch die Fokussierung auf kompliziertere Verläufe würden andere und resistentere Erreger eine Rolle spielen und die Statistik entsprechend beeinflussen. Eine Untersuchung aus dem hausärztlichen Bereich fand vor einigen Jahren eine Resistenzrate von Trimethoprim gegenüber E. coli von 17 %. Für mich persönlich ist diese Argumentation allerdings nicht nachvollziehbar, da es viel wirkungsvollere Substanzen als Trimethoprim gibt; so liegt die Resistenzrate von Fosfomycin-Trometamol für das Beispiel des häufigen E. coli bei 1,3 % und die für Nitrofurantoin bei 1,8 %.
Die derzeitigen Dosierungsempfehlungen finden Sie in folgender Tabelle, die kein Ranking der einzelnen Substanzen darstellt, sondern die alphabetische Reihenfolge widerspiegelt:
Name des Antibiotikums
Tagesdosierung
Dauer
Fosfomycin-Trometamol
1 × 3000 mg
1 Tag
Nitrofurantoin
4 × 50 mg tgl.
7 Tage
Nitrofurantoin Retardform
2 × 100 mg tgl.
5 Tage
Nitroxolin
3 × 250 mg tgl.
5 Tage
Pivmecillinam
2–3 × 400 mg tgl.
3 Tage
Trimethoprim, falls Resistenzrate für E. coli <20 %
2 × 200 mg tgl.
3 Tage
Die Substanz Nitroxolin, die erst wieder in der letzten Version der Leitlinie mit aufgenommen wurde, wird von den meisten Laboren nicht im Antibiogramm miterfasst, was durchaus von Nachteil ist.
Folgende Antibiotika sollen bei der Therapie der Blasenentzündung nicht als Mittel der ersten Wahl eingesetzt werden; dies sind in alphabetischer Reihenfolge: Cefpodoxim, Ciprofloxacin, Cotrimoxazol, Levofloxacin, Norfloxacin, Ofloxacin.
Die Leitlinie, die übrigens im Einklang mit weiteren internationalen Leitlinien zur Therapie von Blasenentzündungen steht, orientiert sich nur an den aktuellen Antibiotikaresistenzen. Unerwähnt bleibt, dass bis auf Nitroxolin und Nitrofurantoin, die Schmalbandantibiotika sind, alle gelisteten Antibiotika Breitbandantibiotika mit negativen Auswirkungen auf die Darmbakterien sind, was inzwischen in tierexperimentellen Untersuchungen und zunehmend auch in Untersuchungen beim Menschen dokumentiert ist.
Bisher gibt es allerdings widersprüchliche Daten wie lange so eine Schädigung der Darmbakterienzusammensetzung anhält. Untersuchungen, die seit Beginn der Mikrobiomforschung 2008 durchgeführt wurden, kommen abhängig von den einzelnen Stoffklassen der Antibiotika zu recht unterschiedlichen Aussagen: Die Schädigung kann Wochen bis Jahre andauern, teilweise bleiben manche Bakterienklassen völlig verschwunden.
Selbst Nitrofurantoin, welches über die Nieren ausgeschieden wird und lokal im Urin wirkt, verdrängt kurzzeitig einige Darmbakterien. Das resultiert daraus, dass auch Nitrofurantoin über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen wird. Die Verdrängung einiger Darmbakterien hat bei Nitrofurantoin den positiven Nebeneffekt, dass die Substanz gleichzeitig zu einer Zunahme wünschenswerter darmschleimhauternährender Bakterien führt. Das Positive bei Nitrofurantoin ist, dass diese Verschiebungen im Bereich der Darmmikrobiota nach wenigen Wochen wieder reversibel sind.
Zu Nitroxolin gibt es keine Daten hinsichtlich Darmmikrobiomverschiebung.
Die neueste Studie einer amerikanischen Arbeitsgruppe lässt ein wenig hoffen: Fünfzehn Frauen mit chronischen Blasenentzündungen wurden ein Jahr lang untersucht, unter anderem erfolgte alle vier Wochen eine Stuhlanalyse. In dieser Studie wurde bei zwei Drittel Nitrofurantoin und bei einem Drittel Ciprofloxacin, was an für sich inzwischen bei Blasenentzündungen nicht mehr empfohlen wird, als Antibiotikum gegeben. Die Stuhlanalysen ergaben erwartungsgemäß eine Veränderung der Darmbakterienzusammensetzung, die aber nach bereits 2 Wochen wieder zur Ausgangssituation vor der Antibiose zurückkehrte.
Vergleich Nitrofurantoin und Fosfomycin-Trometamol
Eine unlängst publizierte systematische Literatursuche fand in vier Studien keinen Wirksamkeitsunterschied zwischen Nitrofurantoin und Fosfomycin-Trometamol. In einer anderen Studie waren von 513 Frauen an drei Zentren in der Schweiz, Polen und Israel unter Nitrofurantoin am Tag 14 nach Ende der Antibiotikagabe 75 % der Nitrofurantoinpatientinnen beschwerdefrei, in der Fosfomycingruppe nur 66 %; diese Zahl nahm im Verlauf weiter ab; so waren am Tag 28 nach Nitrofurantoin nur noch 70 % und nach Fosfomycin nur 58 % ohne Beschwerden. Das bedeutet aber auch im Umkehrschluss, dass kein Mittel es schafft die Beschwerden zu 100 % zum Verschwinden zu bringen. Auf mögliche Gründe gehe ich in Kap. 1.9 ein.
Außer den bereits beschriebenen negativen Auswirkungen der Antibiotika auf das Darmmikrobiom, gibt es weitere zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Diese sind grundsätzlich bei jedem Antibiotikum möglich, die Inhalte der Beipackzettel sind für Laien meist abschreckend. Für Nitrofurantoin gilt, dass es nicht bei Leber- oder schwerwiegender Nierenerkrankung genommen werden sollte.
Wichtig
Ein Tipp: Da Blasenentzündungen meist zur unpassenden Zeit, wo kein Arzt verfügbar ist, auftreten, sollten Sie Ihren Arzt bitten, Ihnen schon ein Rezept zu verordnen, sodass Sie jederzeit selbst entscheiden können, wann Sie mit der Antibiotikatherapie starten. Sie können zusätzlich noch eine Urinprobe vor Einnahme des Antibiotikums abnehmen, im Kühlschrank aufbewahren und später in der Arztpraxis zur weiteren Untersuchung abgeben.
Denn nicht immer ist der Erreger E. coli und dann ist schon eine Urinkultur sinnvoll um rechtzeitig erkennen zu können ob das Antibiotikum aktuell überhaupt das Richtige ist. 50 ml Mittelstrahlurin reichen vollkommen aus. Am besten besorgen Sie sich einen Urinbecher aus der Apotheke, um Verunreinigungen der Urinprobe auszuschließen.

1.6 Langzeitprophylaxe

Sollten alle vorbeugenden Maßnahmen und nichtantibiotischen Therapien versagt haben und Sie weiter eine chronische Blasenentzündung haben, wird gerne eine niedrig dosierte antibiotische Langzeitgabe, Langzeitprophylaxe genannt, über 3–6 Monate zum Abend empfohlen. Auch eine Antibiotikaeinmalgabe direkt nach dem Geschlechtsverkehr ist wirkungsvoll. Bei der Langzeitgabe gilt wie bei der Akuttherapie von Blasenentzündungen möglichst ein „mildes Mittel“, das eine nicht zu vehemente Schädigung des Darmmikrobioms mit sich bringt, zu wählen. Gleichzeitig sollte das Antibiotikum nicht zu schnell Resistenzgene entwickeln. Auch hier ist wieder Nitrofurantoin zu favorisieren, was auch bei längerer Anwendung wenig Potenzial hat, derartige Resistenzgene in den Bakterien zu erzeugen.
Die deutsche Harnwegsinfektionsleitlinie empfiehlt als Langzeitgabe auch alle Antibiotika, die zur Therapie der akuten Blasenentzündung eigentlich nicht eingesetzt werden sollten, was ich für bedenklich halte. Dies widerspricht auch der Leitlinie der Europäischen Urologenvereinigung EAU, die zur Langzeitprophylaxe ganz klar Nitrofurantoin 50 mg oder 100 mg 1-mal täglich, Fosfomycin-Trometamol 3000 mg alle 10 Tage, Trimethoprim 100 mg 1-mal täglich und in der Schwangerschaft Cefalexin 125 mg oder 250 mg oder Cefaclor 250 mg jeweils 1-mal täglich empfiehlt. Eine Langzeitantibiose sollte idealerweise immer abends vor dem Schlafengehen erfolgen, um eine möglichst lange Einwirkzeit über Nacht im Urin zu garantieren.

1.7 Besondere Blasenentzündungen

1.7.1 Blasenentzündungen in der Schwangerschaft

Grundsätzlich gibt es hier weder das ideale pflanzliche Mittel noch das ideale Antibiotikum. In der Regel liegt dies nicht daran, dass die Substanzen wirklich Schaden verursachen, sondern dass es keine ausreichenden Studiendaten hinsichtlich der Unbedenklichkeit für den Embryo gibt. Meist wird eine Antibiotikatherapie bis zu 7 Tagen empfohlen, da es zu wenig Daten zur Kurzzeittherapie bei Schwangeren gibt. Für die Therapie kommen Fosfomycin-Trometamol (Einmaltherapie), Penicilline oder Cephalosporine in Frage. Nitrofurantoin ist nicht im letzten Trimenon erlaubt, Trimethoprim nicht im 1.Trimenon und Cotrimoxazol nicht im 3. Trimenon.
Das Pharmakovigilanz – und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin (www.embryotox.de) stuft hingegen Trimethoprim, Cotrimoxazol und Nitrofurantoin grundsätzlich als Mittel der 2. Wahl ein. Die Therapie sollte jeweils mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden.

1.7.2 Sonderfall Nierenbeckenentzündung

Eine Nierenbeckenentzündung, Pyelonephritis genannt, ist eine aus der Blase aufsteigende Entzündung in die Niere(n), die mit Fieber >38°, Schüttelfrost, Flankenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen mit oder ohne zuvor vorhandene Zeichen einer Blasenentzündung einhergeht. Sie kann einseitig oder auch beidseitig auftreten. Schweißausbrüche, Schüttelfrost, Flanken- oder auch nur Rückenschmerzen im Kreuzbein- oder LWS-Bereich verbunden mit einem großen Krankheitsgefühl sind oft die ersten Symptome. Zur Unterscheidung zwischen „nur“ Blasen- oder doch schon Nierenbeckenentzündung ist der Entzündungswert „C-reaktives Protein (CRP)“ hilfreich, der bei einer Blasenentzündung nie erhöht ist. Viele Praxen haben inzwischen Messgeräte für CRP und müssen das Blut nicht in ein Labor schicken. Eine Analyse vor Ort dauert nur etwa fünfzehn Minuten bis zum Ergebnis.
Im Gegensatz zu einer Blasenentzündung sollte bei einer Nierenbeckenentzündung unbedingt eine Urinkultur erfolgen, die gelegentlich aber auch unauffällig sein kann, da die Keime bereits in der Niere und nicht mehr in der Blase sind. Warum ist es so entscheidend zu wissen, ob eine beginnende Nierenbeckenentzündung vorliegt? Es ist für den Arzt entscheidend für die Wahl des Antibiotikum und die Therapiedauer. Nierenbeckenentzündungen werden immer mit Breitbandantibiotika über – je nach gewähltem Medikament – 5–10 Tage behandelt. Die Mittel, die hier zum Einsatz kommen sind vor allem Ciprofloxacin, Levofloxacin (zählen beide zur Gruppe der Fluorchinolone) und Cefpodoxim. Bei schweren Verläufen muss eine intravenöse Antibiotikagabe erfolgen. Fluorchinolone sind in den letzten Jahren wegen ihrer wenngleich auch seltenen Nebenwirkungen wie beispielsweise Sehnenscheidenentzündungen, Sehnenrissen, psychotischen Veränderungen und Aortenaneurysmaeinrissen in Verruf geraten. Sie sind auch nicht in der Schwangerschaft erlaubt.
Im Gegensatz zu Blasenentzündungen hinterlassen Nierenbeckenentzündungen Narben in den Nieren. Die gute Nachricht: Nierenbeckenentzündungen sind selten, die Häufigkeit wird in der Literatur mit 1 bis 4 % aller Blasenentzündungen angegeben.

1.7.3 Blasenentzündungen bei Männern

Blasenentzündungen bei jüngeren Männern werden mit Pivmecillinam oder Nitrofurantoin behandelt. Nitrofurantoin sollte allerdings nur verwendet werden, wenn keine Beteiligung der Prostata vorliegt. Für Fosfomycin-Trometamol und Nitroxolin gibt es keine Daten bei Männern.
Bei älteren Männern wird immer eine Prostatabeteiligung angenommen, man spricht in diesem Fall von einer komplizierten Blasenentzündung. Hier sind Mittel der ersten Wahl mit gutem Wirkspiegel in der Prostata trotz der potentiellen Nebenwirkungen Fluorchinolone wie Ciprofloxacin oder Levofloxacin, aber auch Cotrimoxazol. Allerdings ist die aktuelle Resistenzrate von Cotrimoxazol laut Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS) des Robert-Koch-Instituts gegenüber E. coli mit 20,9 % höher als die der Fluorchinolone (15,3 % für Ciprofloxacin und 15,1 % für Levofloxacin), so daß Fluorchinolone die Mittel der ersten Wahl sind.

1.8 Grundsätzliche Tipps

Als ersten Schritt empfehle ich Ihnen einfache, aber durchaus wirkungsvolle, Verhaltenstipps, sofern Sie diese nicht ohnehin schon beachten, umzusetzen:
Übersicht
Grundsätzliche Verhaltenstipps
  • Trinken Sie 1,5 bis 2 L am Tag, um möglichst viele Keime auszuspülen.
  • Halten Sie sich warm und setzen Sie sich nicht auf kalte Steine oder Treppen. Schützen Sie sich vor Unterkühlung und Nässe.
  • Das Abwischen auf der Toilette sollte immer von vorne nach hinten erfolgen, um keine Darmbakterien in die Scheide zu befördern.
  • Rasierschaumanwendung im Intimbereich ist bei Anfälligkeit für Blasenentzündungen am besten zu unterlassen.
  • Vom Tragen von Stringtangas, die durchaus Darmbakterien aus dem Analbereich in Richtung Scheide verteilen können, ist abzuraten.
  • Sie sollten nach dem Sex immer die Blase entleeren, um Bakterien aus der Harnröhre herauszuspülen.
  • Haben Sie keinen Sex, solange Sie Symptome einer Blasenentzündung haben. Dafür muss der Partner einfach Verständnis haben.
  • Wenn Sie trotz Neigung zu Blasenentzündungen schwimmen möchten, rate ich dazu, die nassen Badesachen rasch gegen trockene zu wechseln. Chlorwasser zerstört das Scheidenmilieu; daher ist es sinnvoll spezielle Badetampons (Symbiofem® protect-Badetampons), die in Apotheken erhältlich sind, zu benutzen. Diese sind mit Vaseline-Öl getränkt, das eine wasserabweisende Wirkung hat und dadurch das Eindringen von Wasser während des Badens in die Scheide erschwert. So wird der natürliche Säureschutz der Scheidenschleimhaut aufrechterhalten und unerwünschte Bakterien und Pilze können sich so wesentlich schlechter vermehren.
  • Meiden Sie Whirlpools.
  • In der Sauna sollten Sie immer ein eigenes Handtuch auf die Bank legen.
  • Verwenden Sie luftdurchlässige Slipeinlagen.
  • Wechseln Sie Slipeinlagen, Binden und Tampons, sobald sie feucht sind.
  • Im Intimbereich keine übertriebene Hygiene betreiben: eine einmal tägliche Reinigung mit warmem Wasser ist ausreichend; wenn Sie unbedingt eine Intimwaschlotion verwenden wollen, sollte der pH sauer sein und Sie sollten Informationen zu den Inhaltsstoffen sorgfältig über Apps wie ToxFox oder CodeCheck prüfen.
  • Den Intimbereich nach der Reinigung gut abtrocknen, jedoch nicht trockenreiben, sondern sanft trockentupfen.
  • Bei gereizter oder trockener Haut schützende Cremes oder Öle auftragen, die auf den Intimbereich abgestimmt sind. Auch hier bitte die Inhaltsstoffe über Apps wie CodeCheck oder ToxFox prüfen.
  • Verzichten Sie auf Intimdeos und Scheidenspülungen,
  • Eine Intimrasur stets nass und mit frischer Klinge durchführen, auf Trockenrasur und Enthaarungscremes im Intimbereich verzichten.

1.9 Unauffälliger Urin und dennoch Blasenbeschwerden – ist das die Psyche?

Haben Sie dies auch schon erlebt? Sie haben alle Symptome einer Blasenentzündung, aber der Arzt teilt Ihnen mit: alles sei ok. Schnell wird in der Schulmedizin, wenn es keine Antworten für Beschwerden gibt, der Stempel psychisch oder psychosomatisch aufgedrückt.
Die erste Frage, die sich stellt, ist was eigentlich mit dem Urin gemacht wurde. Wenn Sie den Anfang dieses Kapitels gelesen haben (Kap. 1.2), wissen Sie jetzt schon, dass ein Urinteststreifen, der unauffällig ist, sicher zur Beurteilung, ob Bakterien im Urin vorhanden sind, nicht ausreicht. Sinnvoll wäre eine Urinkultur. Aber was passiert, wenn diese unauffällig ist und Sie dennoch Beschwerden haben? Bessern sich die Beschwerden, wenn ein Antibiotikum gegeben wird?
In der schon erwähnten Untersuchung bei 513 Frauen in drei Zentren in der Schweiz, Polen und Israel, bei der es darum ging die Wirksamkeit der beiden Antibiotika Nitrofurantoin und Fosfomycin zu untersuchen fand sich bei 10 % der Studienteilnehmerinnen eine negative Urinkultur, obwohl sie alle Einschlusskriterien für eine Blasenentzündung erfüllten und eine Urinkultur bereits ab einer Keimzahl von 103, also 1000 KBE2 pro Milliliter Urin, als positiv gewertet wurde. Wenig verwunderlich war, dass die Gruppe mit der positiven Urinkultur zu Studienbeginn auch am Tag 14 und 28 nach Ende der Antibiose eine höhere Beschwerdefreiheitsrate hatte: am Tag 14 waren 82 % in der Nitrofurantoingruppe bzw. 73 % in der Fosfomycingruppe beschwerdefrei, am Tag 28 74 % bzw. 63 %. In der gesamten Gruppe lag dagegen die Beschwerdefreiheit am Tag 14 bei 75 % bzw. 66 % und am Tag 28 bei 70 % bzw. 58 %. Warum die Erfolgsrate in dieser Studie insgesamt auch bei den Frauen mit positiver Urinkultur so niedrig war, ist nicht klar, spiegelt aber den Alltag durchaus wider. Ein Grund kann sein, dass es auch noch andere Erreger gibt, die zwar mehr mit Harnröhrenbeschwerden in Verbindung gebracht werden und nicht so sehr mit den typischen Blasenbeschwerden. Dabei handelt es sich um sogenannte STI-Erreger; STI ist die Abkürzung für „sexually transmitted infections“, also durch Geschlechtsverkehr übertragene Krankheiten; diese spielen nicht selten eine Rolle bei jungen, sexuell aktiven Frauen, wo Chlamydien, Mykoplasmen (dazu gehören Mycoplasma hominis und Mycoplasma genitalium), Ureaplasmen (hier unterscheidet man Ureaplasma urealyticum und Ureaplasma parvum), Trichomonaden und Neisseria gonorrhoe, der Erreger der Gonorrhoe, im Volksmund Tripper genannt, eine Rolle spielen. Diese Bakterien wachsen nicht in einer Urinkultur und können nur molekulargenetisch in einer Polymerasekettenreaktion (PCR) nachgewiesen werden; gelegentlich gelingt es Mykoplasmen und Ureaplasmen in speziellen Nährlösungen doch auch kulturell nachzuweisen ebenso wie Neisseria gonorrhoe, aber der Gennachweis ist eine zuverlässigere Methode. Untersuchungsmaterial kann entweder die erste Portion des Morgenurins, ein Vaginalabstrich oder ein Harnröhrenabstrich sein, wobei letzteres in Anbetracht der damit verbundenen Schmerzen eigentlich unterbleiben sollte. Inzwischen gibt es auch sogenannte Multiplex-PCR-Geräte, die kostengünstig in einem Untersuchungsschritt mehrere Erreger gleichzeitig bestimmen können.
Bei einem positiven Ergebnis sollte auch der Sexualpartner getestet oder im Falle von Chlamydien oder Tripper sofort mitbehandelt werden. MultiplexPCR-Testkits kann man inzwischen auch über das Internet ordern. Je nach Erreger kommen andere Antibiotikagruppen (meist Doxycyclin oder Azithromycin bzw. Erythromycin) als bei einer Blasenentzündung zum Einsatz. Nicht selten findet man bei Vorliegen einer Infektion durch STI-Erreger im Urinsediment Leukozyten, also weiße Blutkörperchen, als Ausdruck einer Entzündung. Nicht verschweigen möchte ich, dass derzeit unklar ist, ob Ureaplasma parvum und Mycoplasma hominis nicht doch zur normalen Besiedlung der Harnröhre und Scheide gehören und gar nicht zu den Krankheitserregern zählen. Ob man hier Antibiotika gibt hängt von den jeweiligen Symptomen ab.
Sollten Sie über Monate Symptome einer Blasenentzündung haben, sich keine Besserung mit Antibiotika einstellen und keine Erreger gefunden werden, ist durchaus an das Krankheitsbild einer interstitiellen Cystitis bzw. eines Blasenschmerzsyndroms (IC/BPS) zu denken, auf das ich aber in diesem Ratgeber nicht näher eingehen werde. Dazu verweise ich auf die AWMF-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Interstitiellen Cystitis (IC/BPS), die auch als für Laien verständliche Patientenversion3 vorliegt.

1.10 Neueste Mikrobiomerkenntnisse zur Blase

Die Diagnostik von Bakterien beruhte jahrzehntelang ausschließlich auf der Kultivierung von Bakterien auf Nährböden. 2008 startete eine neue Ära der Gensequenzierung. Das sog. Humane Mikrobiomprojekt war das erste Projekt seiner Art. Mit dieser neuen Hochdurchsatzsequenzierung der 16 S-rRNA-Gene (Next Generation Sequencing genannt) konnten erstmals nichtkultivierbare Bakterien nachgewiesen werden. Damit begann ein vollkommen neuer Forschungszweig über die Bedeutung der Bakterien, die wir im und am Körper haben, für unsere Gesundheit. Dies beschäftigt die derzeitige Forschung: Das Pilotprojekt startete zunächst nur mit der Untersuchung von Haut, Haaren, Nase, Darm, Scheide, Mundhöhle, Speiseröhre und Magen. Dazu Ausführliches in Kap. 3.
Erst 2012 kam man auf die Idee auch sterilen Urin mit diesem Gensequenzierungsverfahren zu untersuchen. Dabei kam Verblüffendes heraus: Steriler Urin, also Urin, der in der Kultur auf dem Nährboden keinen Keimnachweis ergibt, ist gar nicht steril. Seither ist die Forschung dabei herauszufinden, welche „guten“ Bakterien im Urin sein müssen, damit jemand keine Blasenprobleme hat. Diese neue Entdeckung bedeutet aber auch, dass jedes Breitbandantibiotikum nicht nur Darmbakterien dezimiert, sondern auch die normale Bakteriengemeinschaft der Blase durcheinanderbringen kann, was die nächste Blasenentzündung vorprogrammiert. Eine weitere neue Erkenntnis: Selbst nach Breitbandantibiotikagabe sind in Stuhlanalysen immer noch dieselben Erreger, die die Blasenentzündung ausgelöst haben, nachweisbar; das heisst, diese können dann wieder aufs Neue vom Darm in die Blase gelangen und die Blasenentzündung beginnt erneut.
Sie werden sich fragen, wie das trotz Antibiotikagabe sein kann. Bakterien sind schlaue Überlebenskünstler und haben Schutzmechanismen entwickelt, wie sie sich dem Zugriff von Antibiotika entziehen können; sie bilden sogenannte Biofilme, die sie unangreifbar gegenüber Antibiotika machen. Antibiotika können die Biofilme zwar durchdringen, sind dort aber nicht wirksam. Solche Biofilme bilden die Bakterien nicht nur im Darm, sondern auch in der Blase, Scheide, aber auch in weiteren Organen wie beispielsweise der Lunge.
Eine andere Erkenntnis mit weitgehend ungeklärter Ursache ist, dass sich auch im Urin blasengesunder Frauen dieselben uropathogenen Keime, wie beispielsweise der Keim E. coli, finden, wie bei den Frauen mit den chronischen Blasenentzündungen, obwohl diese Frauen beschwerdefrei sind.
Was sollten uns diese neuen Forschungsdaten sagen? Das Ziel der Therapie von Blasenentzündungen sollte nicht das Vernichten aller Bakterien in der Blase sein, sondern eine Verbesserung des eigenen Immunsystems, das vor allem im Darm sitzt (Kap. 3). Durch Vergleiche der Gensequenzierungsmuster von unterschiedlich gewonnenem Urin – Mittelstrahlurin, der durchaus Bakterien von der Haut und aus der Scheide beinhalten kann, Katheterurin und Punktionsurin über die Bauchdecke – gelang es, in den letzten Jahren mehr und mehr neue Erkenntnisse zu gewinnen; man spricht inzwischen nicht mehr von Urinmikrobiom und Vaginalmikrobiom, sondern von einem Urobiom, da es viele Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Bakterienzusammensetzung von Urin und Scheide gibt.
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Titel
Grundlagen
Verfasst von
DR. MED. Elke E. Heßdörfer
Copyright-Jahr
2023
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-662-64521-5_1
1
Interdisziplinäre S3 Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. 2017 AWMF Registernummer: 043/044, https://register.awmf.org/assets/guidelines/043-044l_S3_Harnwegsinfektionen_2017-05.pdf.
 
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Koloniebildende Einheiten.