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23.09.2020 | Herzrhythmusstörungen | Schwerpunkt | Ausgabe 4/2020 Zur Zeit gratis

Herzschrittmachertherapie + Elektrophysiologie 4/2020

Karrierewege in der Rhythmologie

Zeitschrift:
Herzschrittmachertherapie + Elektrophysiologie > Ausgabe 4/2020
Autoren:
Dr. Victoria Johnson, Sabine Ernst, Paulus Kirchhof, Patrick Lugenbiel, Armin Luik, Boris Schmidt, PD Dr. David Duncker

Hinführung zum Thema

Im Jahr 2019 wurden in Deutschland insgesamt 13.742 Facharztanerkennungen beantragt, davon 415 im Fach Innere Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie [ 1].
Im Juni 2020 hatten über 1300 Kardiologinnen und Kardiologen in Deutschland die Zusatzqualifikation „Spezielle Rhythmologie“ der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.
Welche Möglichkeiten erschließen sich jungen Kardiologinnen und Kardiologen, wenn sie sich für diese zeitintensive Ausbildung entscheiden?

Manuskripttext

Die Rhythmologie hat sich zu einer breiten, spannenden und herausfordernden Subdisziplin der modernen Kardiologie entwickelt. Die beruflichen Möglichkeiten, die sich als Rhythmologin oder Rhythmologe auftun, sind vielfältig und bieten verschiedenste Karriereziele. Der vorliegende Artikel soll jungen Kardiologinnen und Kardiologen zum einen anschaulich zeigen, wie ein solcher Weg aussehen kann, als auch, wohin der eingeschlagene Weg sie führen kann, wenn sie sich heute für die Rhythmologie entscheiden. Anhand persönlicher Berichte zum eigenen Karriereweg von fünf erfahrenen Rhythmologinnen und Rhythmologen soll exemplarisch gezeigt werden, welche Entscheidungen, Unterstützungen und Hürden es auf diesen Wegen mit dem Ziel der Niederlassung bis zur Universitätsprofessur gab.
Dieser Artikel soll jungen Kardiologinnen und Kardiologen, die den Weg in die Rhythmologie ins Auge fassen, Hilfestellungen bei der Planung ihrer Karriere bieten.

Professorin für Rhythmologie im Ausland – Prof. Dr. Sabine Ernst

Wenn man gebeten wird, über die eigenen Karriereentscheidungen zu schreiben, dann ist das zunächst einmal eine große Ehre. Andererseits zwingt es einen, den eigenen Weg nochmals kritisch in Gedanken abzuschreiten und ihn zu analysieren. Ich werde versuchen, die wichtigsten Stationen hier zu schildern, um vielleicht einigen Kollegen Mut zuzusprechen ruhig mal unkonventionelle Wege zu gehen und das Unbekannte zu wagen.

Welche Fachrichtung ist die richtige?

Seit meiner Praxisfamulatur bei einem niedergelassenen Kardiologen (Dr. Henning Nissen, Ulm) und einem begeisternden EKG-Intensivkurs (Prof. Heil, Tübingen) war ich von der Kardiologie fasziniert. Die endgültige Wahl fiel schließlich auf das Allgemeine Krankenhaus St. Georg, da meine Unterlagen dem dortigen Chefarzt bei seinem Umzug vom Universitätskrankenhaus Eppendorf einfach hinterhergeschickt worden waren.

Und warum Elektrophysiologie?

Bei meinem Bewerbungsgespräch mit Prof. Kuck hatte ich mich gut vorbereitet. Auf die Frage, ob ich auch weiterhin wissenschaftlich tätig sein wollte, antwortete ich natürlich mit ja, entschied mich aber gegen die experimentelle und für die klinische Forschungsgruppe.
Im Elektrophysiologischen Labor unter der Leitung von Dr. Joachim Hebe wurde ich zunächst „Mädchen für alles“ vom Schleusenziehen bis zum Datenbankeintrag. Glücklicherweise gelang es mir schnell, meine durchweg männlichen Kollegen dadurch zu überzeugen, indem ich Geschick mit dem Troubleshooting von Computersystemen und sonstigen technischem Equipment bewies. Zeitgleich mit meinem Start in der Elektrophysiologie wurde das erste elektroanatomische Mappingsystem CARTO eingeführt. Mit diesem noch sehr rudimentären dreidimensionalen (3D-)System, das auf einem Silicon Graphics Computer (ein damaliger Supercomputer, auf dem auch Toy Story I programmiert wurde) lief, verbrachte ich in meinem ersten Sommer in Hamburg. Schnell stieg ich zum „CARTO Girl“ auf.

Klinische Forschung: Katheterablation von Vorhofflimmern

Nachdem fast alle Kollegen des EP-Labors bereits im Projekt der Katheterablation von Kammertachykardien eingeteilt waren, bekam ich zusammen mit einem chinesischen Kollegen (Dr. Feifan Ouyang) den Auftrag, mich um das Projekt Vorhofflimmerablation zu kümmern. Die ersten Anfänge waren qualvoll und wir mussten erkennen, dass es nicht so einfach war, die euphorischen chirurgischen Daten zu duplizieren. Schritt für Schritt entwickelten wir reproduzierbare Ablationsstrategien, die nach vielen Rückschritten in der Entwicklung der „double lasso strategy“ zur ipsilateralen Pulmonalvenenisolation führte. Im Jahre 2000 eröffnete ich eine Ambulanz für Vorhofflimmern, die zunächst nur einmal pro Woche und dann aber schnell arbeitstäglich Patienten zu Indikationsstellung und Nachbeobachtung einbestellte.

Magnetische Navigation

Ende 2001 hatte ich mich entschlossen, bei Prof. Benjamin Scherlag in Oklahoma ein Forschungsprojekt zur Rolle des autonomen Nervensystems bei Arrhythmien zu machen. Im Rahmen von Tierversuchen mit dem Laserballonkatheter zur Pulmonalvenenisolation hatte ich dort bereits mit den Professoren Jackman und Nakagawa Kontakt aufgenommen. Anstelle dieses Fellowships bekam ich jedoch die Aufgabe übertragen, die Installation eines dritten EPU-Labors am AK St. Georg mit magnetischer Navigation zu leiten. Schließlich konnten wir 2003 die ersten Prozeduren mit dieser Technik beginnen. Als viertes Labor weltweit und erstes in Europa gab es nicht viele Möglichkeit bei anderen Kollegen zu lernen. Die ersten Prozeduren waren auf rechtsatriale Eingriffe beschränkt, aber Schritt für Schritt erweiterten wir die Indikationen. Die Erfahrung mit „First-in-man-Herausforderungen“ wurde zur arbeitstäglichen Erfahrung. Die damit verbundene Verantwortung war entsprechend groß, was durch das an der Laborwand positionierte Motto „Das Prinzip Verantwortung“ von Hans Jonas nur verstärkt wurde.

Externe Habilitation aus einem akademischen Lehrkrankenhaus

Meine Habilitation an der Universität Eppendorf beschrieb als kumulative Arbeit die Entwicklungsstufen der Katheterablation von Vorhofflimmern, die schließlich in der heute etablierten Technik der Pulmonalvenenisolation mittels zweier vollständig angelegter Ablationslinien gipfelte.

Wechsel zum Royal Brompton Hospital, Imperial College, London

Ich konnte eine Reihe von Angeboten im In- und Ausland (USA und UK) abwägen und entschied mich schließlich aus familiären Gründen für London. Die Chance an einer der renommiertesten Universitäten Europas meine Arbeit mit der magnetischen Navigation auszubauen war Ansporn genug, insbesondere wegen der kulturellen Unterschiede und der britischen Eigenheit, (fast) alles anders anzugehen. Der klinische Durchbruch bei der Arrhythmiebehandlung bei angeborenen Herzfehlern folgte aus der speziellen Eignung der magnetischen Navigation, diese Patienten zu behandeln. Gemeinsame Entwicklungen von 3D-Bildintegrationstechniken (magnetische Resonanztomographie und Nuklearmedizin) und die enge Zusammenarbeit mit dem Hamlyn Centre for Robotics, Imperial College sind Höhepunkte meiner Forschungstätigkeit der letzten Jahre gewesen. Trotz meiner deutschen Habilitation musste ich am Imperial College London den gesamten akademischen Track erneut durchlaufen, konnte diesen Weg aber schließlich erfolgreich mit der Professur abschließen.

Fazit

Mein Weg war bis jetzt nie geradlinig und ich habe auf alle Herausforderungen eigenständig Lösungen finden müssen. Veränderungen geben einem die Möglichkeit des Neubeginns, und dieser birgt auch immer das Potenzial der persönlichen Weiterentwicklung. Als ein eher ausdauernder Typ, der den einmal eingeschlagenen Weg ungern schnell verlässt, hätte ich manche Entscheidungen im Rückblick auch schneller treffen können.
Allen jungen Kollegen empfehle ich, für ihre Belange und Rechte einzustehen und die Unabänderlichkeit der Arbeitsbedingungen nicht kritiklos zu akzeptieren. Allen Kollegen in Leitungsfunktionen empfehle ich, die Talente ihrer jungen Mitarbeiter aktiv zu fördern und sie auf ihrem Weg unterstützend und beratend zu begleiten, auch wenn damit vielleicht der Wechsel aus der eigenen Klinik verbunden ist. Langfristig profitieren aus diesem Mentorenverhältnis beide Seiten und es resultiert eine „Win-win-Situation“.

Rhythmologie an einer renommierten Universitätsklinik – Prof. Dr. Paulus Kirchhof

Neugier, Freude am Arbeiten und das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Mein Weg zur Universitätsprofessur

Neugier auf die Medizin und die Welt.
Zum Medizinstudium hat mich der Wunsch gebracht, Menschen zu helfen und die Neugier auf das Funktionieren des menschlichen Körpers. Wie Zellen und Organe zusammen funktionieren, lernte ich in exzellenter Weise an der Universität Heidelberg im vorklinischen Studium. An der WWU Münster konnte ich dann dieses Wissen lernend auf das Verständnis von Krankheiten anwenden. Ich habe eine Doktorarbeit im Ausland gesucht und bin hierfür nach dem Physikum für ein Jahr an die Georgetown University nach Washington DC gegangen. Diese Zeit war im Nachhinein der Einstieg in die Forschung zu Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz. In den USA habe ich auch erlebt, dass sich klinische Tätigkeiten und Forschungsarbeit gut kombinieren lassen und gegenseitig ergänzen. Das Studieren, Leben und Arbeiten im Ausland hat meinen Lebensweg neben der Wissenschaft und breiter klinischer Erfahrung auf vielen Ebenen bereichert.
Ich empfehle Ihnen: Nutzen Sie die Gelegenheit zu einem Auslandsaufenthalt, wenn sie sich bietet.
Freude am Arbeiten.
Ich hatte das Glück, nach dem Studium am Universitätsklinikum Münster in einer sehr guten kardiologischen Klinik, die damals schon Teil eines Herzzentrums war, klinische Elektrophysiologie und Kardiologie auf hohem Niveau zu lernen. Daneben wurde ich in ein akademisches Umfeld mit offenen Diskussionen, Interdisziplinarität und Patientenorientierung integriert, organisiert in Sonderforschungsbereichen, dem Münsteraner IZKF sowie dem Kompetenznetz Vorhofflimmern. Ein rationaler Umgang mit Fakten und das transparente, ehrliche Umgehen mit Fehlern hat mich wie viele Kolleginnen und Kollegen in Münster geprägt. Auch mit Gelassenheit setzt man sich allerdings einer dauerhaften Mehrfachbelastung im Beruf aus. Gute Kolleginnen und Kollegen und v. a. Freunde und Familie haben mir geholfen, diese Belastung dauerhaft auszuhalten. In Münster wurde ich Kardiologe, später Oberarzt, Projekt- und Arbeitsgruppenleiter und machte die ersten Erfahrungen in Universitätsgremien. Durch das parallele Lernen und Arbeiten in mehreren „Welten“ konnte ich viel von Vollzeitklinikerinnen und Vollzeitforschern lernen, die in dem jeweiligen Gebiet tief verankert waren.
Ich empfehle Ihnen: Suchen Sie sich für den Start ins Berufsleben eine gute Klinik in einem Zentrum, das auch wissenschaftlich erfolgreich ist.
Zur rechten Zeit der rechte Ort.
„Das goldene Schiff fährt nur einmal vorbei“ hat mir ein Kollege in den Jahren des Umschauens und Bewerbens gesagt; oft weiß man bis nach der Entscheidung nicht, ob eine Gelegenheit golden ist oder nicht so gut. Im Jahr 2011 habe einen Ruf als Professor of Cardiovascular Medicine an der Universität Birmingham angenommen. Dieses Schiff führte mich und meine Familie auf eine Insel, wenn auch eine große und weltoffene. Daher war die Entscheidung für das „Abenteuer Birmingham“ nicht einfach. Ausschlaggebend war zwar auch das Entwicklungspotenzial der neuen Position, v. a. aber die Bereitschaft meiner Familie zu einem neuen Lebensabschnitt in Birmingham. Dort konnte ich gemeinsam mit kooperationsfreudigen, innovativen und freundlichen Kolleginnen und Kollegen interdisziplinäre Forschung gestalten, Strukturen aufbauen sowie die klinische Versorgung von Herzpatienten im NHS fortentwickeln.
Ich empfehle Ihnen: Pflegen und leben Sie klinische Zusammenarbeit in interdisziplinären Heart Teams und Team Science.
Neuanfang in der Karrieremitte.
Am meisten Freude macht mir im Rückblick auf die 9 Jahre in Birmingham, dass Mitarbeiter und Kolleginnen zu eigenständigen, teamfähigen Kardiologinnen und Forschern werden. Wir hätten uns in Birmingham noch lange sehr wohl gefühlt, aber das goldene Schiff hat mich kürzlich aus Birmingham in den Hamburger Hafen zurückgebracht. Seit einigen Monaten bin ich als Direktor der Klinik für Kardiologie am Universitären Herz- und Gefäßzentrum UKE Hamburg tätig. Dort sind die Perspektiven für Team Science und interdisziplinäre klinische Exzellenz sehr gut: Das Herzzentrum lebt eine vorbildlich interdisziplinäre Versorgung seiner Patientinnen und Patienten auf hohem Niveau. Im UHZ und im UKE sind bereits sehr gute Forschungsstrukturen vorhanden und neue im Entstehen, die relevante mechanistische, translationale und klinische Forschung für eine innovative, bessere Herz- und Gefäßmedizin der Zukunft ermöglichen. Wie in Birmingham ist die Arbeit in Hamburg geprägt von ehrlicher, freundschaftlicher Zusammenarbeit.
Was braucht man auf dem Weg vom Medizinstudium zur Universitätsprofessur? Zum einen das Glück und die Beweglichkeit, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Ohne ein privates Umfeld, das die Freude am Arbeiten teilt, wäre es mir schwergefallen, Gelegenheiten wahrzunehmen. Man muss eine gewisse Zeit darauf vertrauen, dass die eigenen Ideen, Qualifikationen und Fähigkeiten ihren Platz finden werden. Dazu braucht es Freude am Lehren und Lernen, Begeisterung für die Forschung, Leidenschaft für die Herzmedizin.
Wenn Sie auf diesem Weg sein sollten, erhalten Sie sich im manchmal hektischen klinischen und wissenschaftlichen Alltag innere Gelassenheit und nutzen Sie jeden Tag, um zuzuhören und von anderen zu lernen.

Rhythmologe mit translationalem Schwerpunkt – PD Dr. Patrick Lugenbiel

Die Ursachen von kardialen Arrhythmien sind vielfältig und basieren auf unterschiedlichen pathophysiologischen Mechanismen. Die Charakterisierung dieser Mechanismen ist für das Verständnis der elektrophysiologischen Veränderungen und für die Entwicklung neuer Therapieoptionen von großem Wert.
Aus dieser Überlegung heraus ist bei mir vor über 10 Jahren der Entschluss gereift, eine duale Karriere als Grundlagenwissenschaftler mit klinisch elektrophysiologischem Schwerpunkt anzustreben. Diese Kombination erlaubt die Möglichkeit, klinisch relevante Probleme mit Hilfe molekularbiologischer Methoden wissenschaftlich zu bearbeiten und neue therapeutische Optionen zu entwickeln, die dann im Rahmen von klinischen Studien direkt am Patienten evaluiert werden können.
Nach dem Beginn der Facharztweiterbildung im Jahr 2009 an der Uniklinik Heidelberg und einer anfänglichen Eingewöhnung in den klinischen Alltag konnte ich in der Arbeitsgruppe um Professor Alexander Bauer einen Einblick in elektrophysiologische Grundlagenforschung erlangen. Der Schwerpunkt lag hier zunächst auf gentherapeutischen Ansätzen im Großtiermodell. Nach Schrittmacherimplantation mittels atrialem Tachypacing wurden Schweine in ein Vorhofflimmern überführt. Durch einen adenoviralen Gentransfer konnten wir hier eine Frequenzkontrolle durch die verzögerte Überleitung am AV-Knoten erreichen. Im Rahmen dieser Arbeiten war es möglich, neben der wissenschaftlichen Weiterentwicklung auch grundlegende invasive Techniken, wie beispielsweise die Schrittmacherimplantation oder elektrophysiologische Untersuchungen, zu erlernen. Diese Doppelbelastung, bestehend aus klinischer Arbeit als Assistenzarzt, tierexperimentellen Arbeiten und Grundlagenforschung im Labor, erschien mir nicht dauerhaft mit einer qualitativ hochwertigen Forschung vereinbar zu sein, weshalb ich mich nach Annahme der ersten Publikationen dazu entschieden habe, mich für ein Postdoc-Fellowship an der Universität Heidelberg zu bewerben. Mit Hilfe dieses Programms konnte ich nun für 2 Jahre Forschung in Vollzeit betreiben. Nur so war es möglich, die Grundlage für neue Projekte zu schaffen, von denen ich bis zum heutigen Tag profitieren kann. Zum damaligen Zeitpunkt war es eine bewusste Entscheidung, diese Zeit nicht im Ausland, sondern am Standort Heidelberg zu absolvieren. Neben privaten Gründen gab es hier für mich den großen Vorteil, dass ich die aufgebauten Strukturen und Kooperationen weiter nutzen konnte und v. a. nach Beendigung des Postdoc-Programms nahtlos die wissenschaftlichen Tätigkeiten mit Doktoranden und Biologielaboranten neben der klinischen Tätigkeit fortführen konnte.
In dieser Zeit entstand auch das Projekt der nicht-invasiven Ablation kardialer Arrhythmien mittels Schwerionenbestrahlung, das ich zusammen mit Kollegen des Schwerionenforschungszentrums Darmstadt (GSI) und der Gruppe um Douglas Packer aus der Mayo Clinic begleiten durfte. Wir konnten hier erstmals eine in vivo Ablation von AV-Knoten, Pulmonalvenen und Ventrikel am Großtiermodell durchführen und somit wichtige Pionierarbeit für das Konzept der Radiotherapie in der Elektrophysiologie leisten.
Prägend für die weitere wissenschaftliche Tätigkeit war die Entwicklung neuer remodeling-basierter Therapieansätze bei Vorhofflimmern und hier insbesondere die Weiterentwicklung gentherapeutischer Verfahren. Nach dem Weggang von Prof. Bauer konnte ich mich erfreulicherweise 2010 der Arbeitsgruppe von Prof. Thomas anschließen und die begonnenen Projekte weiterführen. Bereits zu Beginn der wissenschaftlichen Tätigkeit war ein großes Ziel die Habilitation zu dem Thema der remodeling-basierten Therapieoptionen bei Vorhofflimmern, die ich dann 2019 mit Ernennung zum Oberarzt erfolgreich abschließen konnte. Durch viele Interaktionen mit Kooperationspartnern, aber auch durch die aktive Teilnahme an wissenschaftlichen Kongressen und der langjährigen Arbeit als Nukleusmitglied und Sprecher in der Sektion Young DGK, konnte ich mein Profil weiter schärfen und durch viele Kontakte neue Themenbereiche in der Elektrophysiologie bearbeiten. Seit einigen Jahren zählt hier die epigenetische Regulation von Ionenkanälen, als ein neues Schlüsselelement in der Regulation des elektrischen Remodelingprozesses, zu den Schwerpunkten meiner Arbeit.
Grundlagenwissenschaftliches Arbeiten neben einer klinischen Tätigkeit mit invasivem Schwerpunkt ist ein anspruchsvoller und zuweilen auch arbeitsintensiver Weg, bei dem man viel Zeit in die Auswertung von Daten, Bearbeitung von Manuskripten und Schreiben von Anträgen verwendet. Trotz alledem ist dieser Weg lohnenswert, da nur so klinisch relevante Fragestellungen mit grundlagenwissenschaftlichen Methoden bearbeitet werden können, um komplexe Arrhythmiemechanismen besser zu verstehen. Dieses Konzept, bestehend aus Grundlagenforschung und klinischer Tätigkeit, will ich auch in der Zukunft im Rahmen meiner weiteren universitären Laufbahn fortführen.

Rhythmologe am nicht-universitären Haus der Maximalversorgung – PD Dr. Armin Luik

Nach dem Abschluss des Medizinstudiums 2003 an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz zog es mich nach München. Der Arbeitsmarkt war damals stark umkämpft und ich musste feststellen, dass in meinem Wunschfach Pädiatrie keine zeitnahe Stelle frei war. Mein zweiter Wunsch, Innere Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie, ging dann in Erfüllung, und so konnte ich meine erste Arbeitsstelle in der Medizinischen Klinik I des Klinikums Rechts der Isar der TU München unter der Leitung von Prof. Dr. A. Schömig antreten.
Während der Grundausbildung und den üblichen Rotationen faszinierte mich bereits von Beginn an das EKG und die Rhythmologie, was durch viele interessante Diskussionen mit meinen Oberärzten Prof. Dr. G. Schmid und PD Dr. M. Karch verstärkt wurde. Bis zur ersehnten Rotation in die Rhythmologie am Deutschen Herzzentrum in München musste ich mich jedoch noch gedulden. Der erste Einstieg war der Einsatz in der Rhythmus- und Herzschrittmacher-Ambulanz am Deutschen Herzzentrum. Zu diesem Zeitpunkt schloss ich mich auch der Forschungsgruppe Rhythmologie an und hatte so die Möglichkeit, bei invasiven elektrophysiologischen Untersuchungen zuzuschauen und mitzuwirken. Im Team von Prof. Dr. C. Schmitt, Prof. Dr. B. Zrenner, Prof. Dr. I. Deisenhofer, PD Dr. J. Schreieck und Prof. Dr. C. Kolb erlernte ich die grundlegenden Techniken der Elektrophysiologie und die Durchführung einfacher Ablationen. Der Wechsel eines Kollegen und die Inbetriebnahme eines zusätzlichen EPU-Labors (elektrophysiologische Untersuchung) ermöglichte es mir dann, ein fester Bestandteil des Teams zu werden und Vorhofflimmerablationen sowie die Ablation von ventrikulären Tachykardien im Weiteren nahezu eigenständig durchzuführen. Auch erste Erfahrungen in der Implantation von Herzschrittmachern und Defibrillatoren konnte ich zu dieser Zeit sammeln. Wissenschaftlich beschäftigte sich die Arbeitsgruppe hauptsächlich mit der Entstehung und Aufrechterhaltung von Vorhofflimmern, der Ablation von komplex fraktionierten Elektrogrammen (CFAE) und der Linienführung bei der Ablation von atypischem Vorhofflattern.
Ende 2006 übernahm Prof. Dr. C. Schmitt als ärztlicher Direktor die Medizinische Klinik IV am Städtischen Klinikum Karlsruhe. Kurz vor dem Facharzt stehend, nahm ich sein Angebot ihm nachzufolgen, um im Städtischen Klinikum Karlsruhe die EPU aufzubauen, gerne an. Vor Ort erwartete mich eine sehr große, ausschließlich klinisch ausgerichtete Abteilung. Neben dem Aufbau der Elektrophysiologie mussten nun auch Koronarintervention und PTCA-Dienst (perkutane transluminale koronare Angioplastie) mitabgedeckt werden. Gleichzeitig vertiefte ich meine Kenntnisse der Herzschrittmacher- und ICD-Implantation (implantierbarem Kardioverter/Defibrillator) und unterstütze die Etablierung der Implantation von Mitralklappen-Clips. Die zusätzliche Bürde der Wissenschaft – wie ich es damals empfand – war ich erst einmal los. Mit dem Facharzt für Kardiologie 2009 folgte dann die Oberarztstelle mit Leitung der Elektrophysiologie.
Der wissenschaftliche Aspekt erlangte erst im Rahmen der Initiierung der FreezeAF-Studie 2007, die als erste randomisierte Studie die Nichtunterlegenheit der Cryo-Energie gegen RF-Energie bei der Ablation des paroxysmalen Vorhofflimmerns zeigen konnte, wieder neue Bedeutung. Die Durchführung war eine sehr große Herausforderung, da jegliche Struktur für eine wissenschaftliche Arbeit zuerst etabliert werden musste. Die Bestätigung unserer Ergebnisse im nachfolgenden Jahr durch die multizentrische Fire-and-ice-Studie war ein großer Erfolg. Ein weiter Meilenstein war 2008 der Beginn der Zusammenarbeit mit Herrn Prof. O. Dössel, welcher das international renommierte Institut für Biomedizinische Technik am Karlsruher Institut für Technologie leitet. Mit seinem Team aus Ingenieuren entwickelte er eines der führenden Computersimulationsmodelle für kardiale Arrhythmien. Es war der Beginn einer intensiven grundlagenwissenschaftlichen Kooperation auf dem Gebiet der Signalanalyse. Es folgten die Entwicklung von Algorithmen für persistierendes Vorhofflimmern und atypisches Vorhofflattern, die u. a. von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurden und in gemeinsame Projekte mit dem Institut für experimentelle kardiovaskuläre Medizin des Universitäts-Herzzentrums Freiburg/Bad Krozingen und der Universität Essen führten. Hierüber entstand auch der Kontakt zu Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. C. Bode, der mich maßgeblich unterstütze, als ich ihn mit dem Wunsch ersuchte, als „Externer“ von einem akademischen Lehrkrankenhaus eine Habilitation mit dem Thema „Katheterablation und Charakterisierung des elektrophysiologischen Substrates bei Vorhofflimmern“ durchzuführen. Mit erfolgter Habilitation 2018 ermöglichte mir Prof. Dr. C. Schmitt die Gründung der Sektion Elektrophysiologie am Städtischen Klinikum Karlsruhe. Wir sind mittlerweile Trainingszentrum für mehrere große Industriepartner und ich freue mich darauf die Elektrophysiologie in Karlsruhe auch in Zukunft weiterentwickeln zu können.

Rhythmologe in der Niederlassung – PD Dr. Boris Schmidt

Die Bezeichnung „invasiver Rhythmologe in der Niederlassung“ mutet zunächst mal wie ein Paradoxon an. Ich werde daher im Folgenden versuchen, „meinen Karriereweg“ darzustellen und erläutern wie es dazu kam.
Meine Facharztweiterbildung, damals noch als Arzt im Praktikum, habe ich in der Universitätsklinik Freiburg unter Leitung von Herrn Prof. Christoph Bode begonnen. Ich hatte das große Glück, durch Herrn Prof. Manfred Zehender und Herrn Prof. Thomas Faber eine außergewöhnliche individuelle Förderung zu erhalten und gleich von Beginn der Ausbildung an in der Rhythmologie starten zu können. Da ich nach einer sehr langwierigen experimentellen Promotion in der Neurophysiologie einen Karriereweg in der kardiologischen Grundlagenforschung für mich ausschließen konnte, habe ich mich auf klinische Forschungsprojekte konzentriert.
Die frühen 2000er-Jahre waren dann von der Euphorie rund um die Katheterablation von Vorhofflimmern geprägt. Fasziniert von den Möglichkeiten der invasiven Elektrophysiologie entstand der Wunsch, in diesem Bereich weitere wissenschaftliche Fragestellungen zu bearbeiten und klinische Fertigkeiten zu erwerben. Durch ein DGK-Forschungsstipendium habe ich 2004 die Chance erhalten, mich der Arbeitsgruppe von Herrn Prof. Karl-Heinz Kuck in Hamburg anzuschließen. Nach wenigen Tagen war klar, dass ich zukünftig in diesem Feld arbeiten möchte, also inhaltlich mein Karriereweg jetzt festgelegt war.
Es folgten dann die Fortsetzung der Facharztweiterbildung in Freiburg und schließlich die Fortsetzung der elektrophysiologischen Ausbildung in Hamburg.
Inspiriert durch das „Leipziger Modell“ von Prof. Gerhard Hindricks und Prof. Hans Kottkamp als „Doppelspitze“ einer rhythmologischen Abteilung, entwickelte sich dann im Laufe der Jahre die Idee, gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen PD Dr. Julian Chun ein elektrophysiologisches Zentrum im Kollegsystem aufzubauen.
Ein Angebot aus Frankfurt, sich einer großen Gruppe von Kardiologen anzuschließen, erwies sich als Wink des Schicksals. Hier haben sich exzellente Bedingungen geboten, eine EP-Einheit in Union mit einer leistungsstarken Kardiologie auszubauen. Begleitet war der Entschluss natürlich von der Sorge, in der Niederlassung derart von der klinischen Tätigkeit absorbiert zu werden, dass kein „Freiraum“ für wissenschaftliche Projekte mehr bleibt. Durch die Fokussierung auf klinisch wissenschaftliche Projekte konnten wir diese beiden Arbeitsfelder gut miteinander verbinden. Es stellte sich daher die Erkenntnis ein, dass die Möglichkeit, weiterhin wissenschaftlich zu arbeiten nicht zwingend ein universitäres Umfeld erfordert, sondern im Wesentlichen vom persönlichen Engagement abhängt.
In kurzer Zeit konnten wir zwei EPU-Labore in Betrieb nehmen, zusammen mit jungen Nachwuchskräften wissenschaftliche Projekte auf den Weg bringen und eine Vielzahl internationaler Nachwuchselektrophysiologen ausbilden. Nur durch die Unterstützung der Fellows und Doktorandinnen und Doktoranden war es überhaupt möglich, weiterhin wissenschaftlich aktiv zu bleiben. Dennoch wird auch in der Niederlassung der Großteil der wissenschaftlichen Arbeiten (Paper schreiben, Vorträge gestalten etc.) am Wochenende oder nach Dienstende erledigt.
Das Paradoxon „Interventioneller Rhythmologe in der Niederlassung“ wird dadurch aufgelöst, dass ich eine Zwitterfunktion übernommen habe. Einerseits bin ich niedergelassener Kardiologe und führe regelmäßig eine kardiologische Sprechstunde durch, andererseits arbeite ich als Chefarzt für Kardiologie im AGAPLESION Markus-Krankenhaus. Der Alltag ähnelt daher am ehesten einem „Consultant“ des angelsächsischen Systems mit entsprechend enger Verzahnung ambulanter und stationärer Patientenversorgung.
Hinsichtlich der Organisationsstruktur ergeben sich als „Selbständiger“ einerseits große Freiheiten, d. h. Selbstbestimmtheit im Hinblick auf das, was man tut und wie man es tut. Allerdings ist diese Freiheit auch mit entsprechenden Verantwortlichkeiten und Risiken verbunden, wie z. B. Personal, Strategie, Material, Ausstattung etc.

Fazit

Die Möglichkeiten, die sich aus der Entscheidung Rhythmologin oder Rhythmologe zu werden ergeben, sind vielfältig. Den beschriebenen Karrierewegen ist die Faszination für das Spezialgebiet Rhythmologie gemeinsam sowie der Wille und Mut, Entscheidungen zu treffen und diese auch zu verfolgen, auch wenn der eingeschlagene Weg holprig erscheinen mag.
Faktoren, die man auf dem eigenen Karriereweg in der Rhythmologie berücksichtigen und für sich selbst abwägen sollte, sind die Unterstützung durch Mentoren, wissenschaftliches Interesse, klinische und wissenschaftliche Vernetzung innerhalb der eigenen Klinik und darüber hinaus, sowie Zeiten für Auslandsaufenthalte oder Forschung.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

V. Johnson erhielt Vortragshonorare, Reisekostenunterstützung und/oder einen Fellowship grant von Abbott, Biotronik, Boston Scientific, Medtronic, Pfizer, Zoll. S. Ernst ist als Beraterin für Biosense Webster, Baylis Medical und Catheter Precision tätig. P. Kirchhof erhält finanzielle Unterstützung für Grundlagenforschung, translationale Forschung sowie für klinische Forschungsprojekte von der Europäischen Union, von der British Heart Foundation, von der Leducq Foundation, von der Medical Research Council (UK), sowie vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung. Des Weiteren von verschiedenen Pharmafirmen sowie Deviceherstellern, die im Bereich Vorhofflimmern arbeiten. Vortragshonorare auch von diesen Firmen, aber nicht in den letzten drei Jahren. PK ist als Erfinder gelistet von zwei Patenten der University of Birmingham (Atrial Fibrillation Therapy WO 2015140571, Markers for Atrial Fibrillation WO 2016012783). P. Lugenbiel erhielt Vortragshonorare, Reisekostenunterstützung und/oder einen Fellowship grant von Bayer, Boston Scientific, Medtronic, Pfizer. D. Duncker erhielt Vortragshonorare, Reisekostenunterstützung und/oder einen Fellowship grant von Abbott, Astra Zeneca, Bayer, Biotronik, Boehringer Ingelheim, Boston Scientific, Medtronic, Microport, Pfizer, Zoll. A. Luik und B. Schmidt geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.

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