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17.04.2017 | HIV & AIDS | Nachrichten

Früher Therapiebeginn

Ziel ist die Unterdrückung der Viruslast

Autor:
Anne Bäurle

Ob ein möglichst früher Therapiebeginn bereits in der akuten Phase einer HIV-Infektion sinnvoll ist, wurde bei der AIDS- und Hepatitis-Werkstatt intensiv diskutiert. Professor Hendrik Streeck aus Essen sieht darin den einzigen Ansatz, der bisher eine dauerhafte Kontrolle der Viruslast zumindest bei einigen Patienten ermöglicht hat.

"Der momentane Stand der Forschung ist, dass wir kein latent persistierendes Virus wie HIV aus menschlichen Zellen und Geweben eradizieren können. Die Frage ist deshalb: wie können wir eine Remission erreichen?" fasste Professor Hendrik Streeck vom Institut für HIV-Forschung des Universitätsklinikums Essen die derzeitigen Strategien zur HIV-Heilung zusammen.

Der "Berliner Patient"

Hier gebe es zwei größere Ansätze: Zum einen eine Therapiemöglichkeit, die mit dem sogenannten "Berliner Patienten" bekannt geworden und bisher einige Male wiederholt worden ist. 2008 bekam der an Leukämie erkrankte Amerikaner Timothy Ray Brown eine Stammzelltransplantation. Dazu wurde an der Berliner Charité Knochenmark eines Spenders verwendet, der dank einer seltenen Mutation des CCR5-Gens immun gegen HIV ist. Brown gilt seither als klinisch geheilt – seit 2007 erhält er keine ART mehr.

"Das ist aber bisher der einzige Fall, bei dem diese Therapie langfristig funktioniert hat", sagte Streeck bei einer Veranstaltung anlässlich der 7. Münchner AIDS- und Hepatitis-Werkstatt.

Die zweite Behandlungsoption sei eine Akute-Phase-Therapie, mit der etwa im Fall des Mississippi-Babys sowie bei Patienten der SPARTAC- und VISCONTI-Studien eine Langzeit-Remission erreicht werden konnte – allerdings nur bei rund neun Prozent der Patienten. "Bei diesen Patienten sind Host Genetic Factors wohl das Zünglein an der Waage", vermutet Streeck. Diese sorgten bei den Patienten für eine starke Immunantwort, die gemeinsam mit einer Akute-Phase-Therapie die Langzeitremission ermöglichten. "Das ist aber keine Therapie für die breite Masse", bemerkte Streeck.

Je früher, desto besser?

Dennoch gebe es gute Daten, dass sich eine sehr frühe Behandlung in der akuten Phase der Infektion positiv auswirke. "Es kommt zwar auch bei Patienten, die zu einem sehr frühen Zeitpunkt mit einer antiretroviralen Therapie (ART) behandelt wurden, bei einer analytischen Therapiepause zu einem Anstieg der Viruslast – allerdings im Vergleich mit chronisch Infizierten deutlich später."

Dies liege vermutlich daran, dass in einer sehr frühen Phase der Infektion die Viruslast gut unterdrückt wurde. Zudem wirke sich eine frühe Behandlung offenbar positiv auf das Reservoir von HIV aus. So hätten Studien gezeigt: je früher ein HIV-Patient eine ART erhalte, desto weniger zellständige Virus-DNA sei später nachgewiesen worden.

Im Blut von HIV-Patienten hätten sich IL-10 und MIP3-β als gute Surrogatmarker für die Größe des Reservoirs herausgestellt, merkte Streeck an. Mögliche Risiken sind zum einen eine erhöhte Gefahr der Resistenzbildung, da bei einem sehr frühen Therapiebeginn oftmals noch kein Resistenz-Test vorliegt, zum anderen ein höheres Risiko von Langzeitnebenwirkungen. Trotzdem plädierte Streeck für eine möglichst frühe ART in der akuten Phase einer HIV-Infektion.

"Eine Therapie in der akuten Infektionsphase ist bisher der einzige Ansatz, der konsistent und dauerhaft in wenigen Individuen zu einer Kontrolle der Viruslast geführt hat und zudem das Virus-Reservoir deutlich verringert. Immunologisch ist das ganz klar die beste Option", resümierte der Virologe.

Diese Berichterstattung wurde durch finanzielle Unterstützung des Unternehmens MSD ermöglicht. Das Unternehmen hatte keinen Einfluss auf die Inhalte der Berichterstattung.