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Erschienen in: Uro-News 6/2024

04.06.2024 | HIV | Fortbildung

HIV-Präexpositionsprophylaxe in Deutschland

Hocheffektiv, aber nicht ausreichend genutzt

verfasst von: Dr. Daniel Schmidt

Erschienen in: Uro-News | Ausgabe 6/2024

In Studien hat sich gezeigt, dass die HIV-Präexpositionsprophylaxe Risikogruppen zuverlässig vor einer HIV-Infektion schützt und kosteneffektiv ist. Das Potenzial dieser Präventionsmethode wird aktuell jedoch zu wenig ausgeschöpft. Die Gründe hierfür sind vielfältig und reichen von strukturellen Zugangsbarrieren bis zum unzureichenden Informations- und Aufklärungsangebot. Um die HIV-Präexpositionsprophylaxe zu sichern, zu verbessern und auszuweiten, gilt es dies entsprechend zu optimieren.
Menschen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), die ein substanzielles Infektionsrisiko mit dem humanen Immundefizienz-Virus (HIV) aufweisen, haben in Deutschland seit September 2019 mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (§ 20j Sozialgesetzbuch [SGB] V) Anspruch auf die HIV-Präexpositionsprophylaxe (HIV-PrEP). Die PrEP ist eine Präventionsmethode, bei der HIV-negative Personen ein bereits seit vielen Jahren für die HIV-Therapie zugelassenes Medikament (Tenofovirdisoproxil plus Emtricitabin, TDF/FTC) einnehmen, um sich vor einer HIV-Infektion zu schützen. Der gesetzliche Anspruch auf GKV-PrEP umfasst die Beratung, die Versorgung mit dem Arzneimittel und die erforderlichen Untersuchungen. Dazu zählt zwingend der Ausschluss einer HIV-Infektion. Darüber hinaus müssen eine replikative Hepatitis-B-Infektion und eine Nierenfunktionsstörung ausgeschlossen werden. Außerdem ist nach Leitlinie zur HIV-PrEP eine risikoadaptierte Untersuchung auf Lues, Gonorrhö und/oder Chlamydien als Begleitdiagnostik indiziert [1, 2, 3].

Anspruchsberechtigte und fachliche Befähigung

Die genauere Ausgestaltung zu Anspruchsberechtigten sowie Voraussetzungen an die fachliche Befähigung der behandelnden Vertragsärzt*innen ist in Anlage 33 zum Bundesmantelvertrag-Ärzte (BMV-Ä) als Vereinbarung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem GKV-Spitzenverband über die HIV-PrEP zur Prävention einer HIV-Infektion gemäß § 20j SGB V vom 24. Juli 2019 geregelt [2].
Zu den Anspruchsberechtigten zählen Versicherte mit einem substanziellen HIV-Infektionsrisiko, die das 16. Lebensjahr vollendet haben (Abb. 1, Darstellung gemäß BMV-Ä). Die Anspruchsberechtigung benennt klar umrissene Gruppen mit erhöhtem HIV-Infektionsrisiko in den Punkten a-c, bietet aber mit der Gruppe d einen gewissen Spielraum zur Ausweitung auf zuvor nicht benannte Personen, die nach individueller und situativer Risikoüberprüfung dennoch erhöhte HIV-Infektionsrisiken aufweisen. Hierzu würden demnach unter anderem auch (heterosexuelle) Menschen mit oft wechselnden Sexualpartner*innen, Sexarbeitende und Reisende in Hochprävalenzländer ohne konsequente Kondomnutzung fallen.
Die Anforderungen an die fachliche Befähigung der teilnehmenden Ärzt*innen und die Anerkennung zur Durchführung und Abrechnung der HIV-PrEP als GKV-Leistung umfassen die in Abb. 2 dargestellten Voraussetzungen (gekürzte Darstellung gemäß BMV-Ä). Bereits diese gekürzte Darstellung aus dem BMV-Ä macht deutlich, dass die Anforderungen recht umfangreich sind und es für interessierte Ärzt*innen ohne anerkannte HIV-Spezialisierung aufwendig ist, die fachliche Befähigung zur Abrechnung der HIV-PrEP innerhalb der GKV zu erhalten - und vor allem auch sie zu behalten. Es bleibt aber festzuhalten, dass jeder Arzt/jede Ärztin in Deutschland die PrEP nach wie vor auch auf Selbstzahlerbasis verordnen darf.

Erkenntnisse aus den Studien EvE-PrEP und PrEP-Surv

Die Einführung der GKV-PrEP wurde in einem vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) finanzierten und vom Robert-Koch-Institut (RKI) geleiteten Forschungsvorhaben begleitet und evaluiert: „Evaluation der Einführung der HIV-Präexpositionsprophylaxe als Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung“ (EvE-PrEP) [4]. Basierend auf den Ergebnissen der PrEP-Evaluation hat das RKI begonnen, ein Monitoring der Versorgung mit der HIV-PrEP in Deutschland zu etablieren und zu verstetigen. Dazu finanziert das BMG das Projekt: „Surveillance der Versorgung mit der HIV-Präexpositionsprophylaxe innerhalb der GKV in Deutschland“ (PrEP-Surv) [5, 6].
In beiden Projekten war das Ziel die Evaluation der Auswirkungen der neuen Schutzmöglichkeit durch die PrEP auf das Infektionsgeschehen von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI). Außerdem sollten potenzielle PrEP-Bedarfe und Zugangsbarrieren erhoben sowie Vorschläge zum Abbau der Zugangsbarrieren erarbeitet werden. Zur Beantwortung der Fragestellungen wurde in einem breit aufgestellten Konsortium und mit Hilfe unterschiedlicher Datenquellen gearbeitet [4, 7, 8].

PrEP-Nutzende, HIV- und STI-Infektionen

Auf Grundlage von Apothekenabrechnungsdaten und Annahmen zum Anteil mit anlassbezogenem PrEP-Gebrauch schätzten wir zum Stand Ende Juni 2020 zwischen 15.600 und 21.600 PrEP-nutzende Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) in Deutschland [9]. Mit Stand Ende 2023 schätzten wir eine Gesamtzahl von rund 40.000 PrEP-Nutzenden - mit einer weiterhin steigenden Tendenz [10]. Die Anzahl der MSM mit PrEP-Bedarf wurde auf etwa 50.000-109.000 geschätzt [9]. Hinzu käme eine gewisse Anzahl an PrEP-Nutzenden aus weiteren Gruppen mit potenziellem PrEP-Bedarf.
Da es sich bei der HIV-PrEP um eine zumeist zeitlich befristete präventive Maßnahme und nicht um eine Dauertherapie handelt, ist hier voraussichtlich aber nicht mit einer stetig wachsenden Anzahl an PrEP-Nutzenden zu rechnen. Menschen wechseln für die Zeit mit erhöhten HIV-Risiken in die PrEP-Versorgung hinein, bei Ausbleiben der HIV-Risiken aber auch wieder aus der PrEP-Versorgung heraus. Somit wird sich die Anzahl der PrEP-Nutzenden sehr wahrscheinlich auf einem gewissen Niveau stabilisieren und nicht stetig steigen. Wichtig festzuhalten bleibt, dass die HIV-PrEP kosteneffektiv ist und jede verhinderte HIV-Infektion kostensparend für das Gesundheitssystem ausfällt - ganz abgesehen vom individuellen sowie Public-Health-Nutzen [11]. Die HIV-PrEP ist also eine Präventionsmethode mit hohem Potenzial. Auf dieses teils nicht ausreichend oder ungenutzte Potenzial verweist die Weltgesundheitsorganisation (WHO) explizit in ihren im Juli 2022 veröffentlichten Leitlinien für eine differenzierte und vereinfachte PrEP und gibt Hinweise für den Abbau der Zugangsbarrieren und die Ausweitung der PrEP, die auch für Deutschland wichtige Aspekte beinhalten [12].
In den für Deutschland in EvE-PrEP und PrEP-Surv ausgewerteten Studien und GKV-Routinedaten waren die PrEP-Nutzenden zum größten Teil männlich (98-99 %), Großteils im Alter zwischen 25 und 45 Jahren (Median 35-38 Jahre) und überwiegend deutscher Staatsangehörigkeit oder Herkunft (67-82 %) [7]. Nahezu alle PrEP-Nutzenden in der Substudie NEPOS („National Evaluation of PrEP Outcomes and STIs“) zählten zur Gruppe der MSM (99 %) [13].
In verschiedenen Quellen (GKV-Daten, Apothekenabrechnungsdaten, Schätzung zur PrEP) zeigten sich deutliche regionale Unterschiede beim PrEP-Gebrauch mit einer gehäuften Nutzung der PrEP in großstädtischen Gebieten, mit Berlin an der Spitze [7, 9]. Dies bestätigt sich auch in Analysen von Apothekenabrechnungsdaten für das Jahr 2022 (Abb. 3).
In Bezug auf HIV-Infektionen erwies sich die PrEP im klinischen Alltag in der Substudie NEPOS als hoch effektiv. Es fanden nur vereinzelt HIV-Infektionen in Zusammenhang mit PrEP-Nutzung statt (HIV-Inzidenzrate: 0,08/100 Personenjahre) und meistens war der vermutete Grund eine geringe Adhärenz [13].
Ob die Anzahl der PrEP-Nutzenden ausreicht, um die HIV-Inzidenz mittel- und längerfristig nachhaltig zu reduzieren, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Die geschätzte Anzahl der HIV-Neuinfektionen nahm in Deutschland insgesamt sowie in der Gruppe der MSM in den letzten Jahren kontinuierlich ab. Im Jahr 2020 lag letztere bei etwa 1.100 Fällen (- 300 v.s. 2019). Dies ist wahrscheinlich auf Verhaltensänderungen während der Pandemie zurückzuführen. In den Jahren 2021 und 2022 veränderte sich die Neuinfektionszahl nicht mehr. Dass es 2022 nicht wieder zu einem Anstieg gekommen ist, könnte auch auf vermehrter Nutzung der PrEP beruhen [14]. Bei Menschen mit intravenösem Drogengebrauch oder Menschen mit heterosexuellem HIV-Übertragungsweg steigt die Anzahl der HIV-Neuinfektionen hingegen an. Mittlerweile machen diese Fälle fast die Hälfte aller HIV-Neuinfektionen aus. Gleichzeitig findet die PrEP in diesen Gruppen kaum Anwendung. Dieser Entwicklung sollte unbedingt entgegengesteuert werden. Die PrEP wäre dafür ein wirksames Instrument.
Die Inzidenz von STI (Chlamydien, Gonorrhö, Syphilis) nahm über den Studienverlauf nicht zu, sondern blieb nahezu gleich (GKV-Daten) oder ging sogar zurück (NEPOS). Allerdings sind auch diese Ergebnisse bei der NEPOS-Studie nicht klar vom Einfluss der SARS-CoV-2-Pandemie zu trennen [7]. Bei der Bewertung des Verlaufs der HIV- und STI-Inzidenzen im Jahr 2020 und den Folgejahren müssen eine Reihe von Faktoren berücksichtigt werden, zu denen eine Änderung des Sexualverhaltens sowie eine geringere Verfügbarkeit von Test- und Präventionsangeboten und eine geringere Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung gehören. Längere Analysen im weiteren Verlauf sind nötig, um die Auswirkungen der HIV-PrEP auf Testung und Diagnose von HIV und STI mit mehr Validität zu bestimmen und zu bewerten.
Die SARS-CoV-2-Pandemie hatte auch einen deutlichen Einfluss auf PrEP-Einnahme, -Unterbrechungen und -Nachfrage in den HIV-Schwerpunktzentren. So gaben in Befragungen im Zuge der ersten Ausgangsbeschränkung 76 % der HIV-Schwerpunktzentren einen Rückgang der PrEP-Nachfrage an []. PrEP-Abbrüche oder -Pausen waren zumeist pandemiebedingt: Rund 50 % der Unterbrechungen entfielen auf die erste pandemiebedingte Ausgangsbeschränkung im März und April 2020 [13].

PrEP-Bedarf und Zugangsbarrieren

Im Austausch mit dem Community-Beirat zeigte sich ein potenzieller PrEP-Bedarf für Personen über die Gruppe der MSM hinaus. Es wurde deutlich, dass für Personen innerhalb von trans*/nicht-binären Communitys, für Sexarbeitende, für Personen aus migrantischen Communitys (insbesondere afrikanische Community) sowie für drogengebrauchende Menschen potenziell PrEP-Bedarf besteht, zumindest ein hoher Bedarf nach mehr Informationen über PrEP und den Zugang zu ihr [17, 18, 19]. Notwendig wären bedarfsgerechte Angebote und Informationen zur PrEP für Zielgruppen mit erhöhtem HIV-Risiko, wie es sie in anderen Ländern (USA, Australien, Frankreich) bereits gibt [20, 21, 22, , 24]. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass der PrEP-Bedarf in ländlichen Regionen, in denen es weniger PrEP-Verordnende gibt, nicht ausreichend gedeckt war, und dass auch in den Großstädten viele MSM von sich aus keinen Bedarf äußern, obwohl die Kriterien für eine PrEP-Indikation vorliegen [9].
Der Mangel an PrEP-Verordnenden außerhalb der Metropolen zeigte sich bei den Diskussionen im studienbegleitenden Community-Beirat als eine wesentliche Zugangsbarriere zur GKV-PrEP [17, 18, 19]. Des Weiteren werden durch die Konzentration auf HIV-Schwerpunktzentren bestimmte Personengruppen, die von der PrEP profitieren könnten, nur schwer oder gar nicht erreicht. Dies gilt beispielsweise für promiske heterosexuelle Menschen, Personen aus afrikanischen Communitys und weitere Gruppen, die diese Praxen seltener aufsuchen.
Die mangelnde Verfügbarkeit von PrEP-Verordnenden insbesondere abseits der Metropolen zeigte sich auch in einer Befragung bei HIV-Schwerpunktzentren im Netzwerk der Deutschen Arbeitsgemeinschaft ambulant tätiger Ärztinnen und Ärzte für Infektionskrankheiten und HIV-Medizin e. V. (dagnä) vom Herbst 2022. Die Befragung ergab, dass ein Großteil der Zentren Zugangsbarrieren zur PrEP (69 %), außerdem Versorgungslücken im ländlichen Raum (90 %) sowie Versorgungslücken aufgrund eines Mangels an PrEP-Verordnenden (76 %) sah. Wesentliche Verbesserungsvorschläge der dagnä-HIV-Schwerpunktzentren umfassten die Ausweitung der GKV-PrEP durch Vereinfachung der Weiterbildung und Wegfall der Hospitationspflicht sowie die Wissensvermittlung und Aufklärung zur PrEP [25].
Weiterhin zeigte sich, dass ein häufiger Grund für die Nichteinleitung der PrEP die Angst vor Nebenwirkungen war. In den Daten zu den Gründen für Unterbrechung oder Abbruch der PrEP waren Nebenwirkungen hingegen selten, womit die Angst vor Nebenwirkungen deutlich stärker ausgeprägt war als die Häufigkeit der dokumentierten Nebenwirkungen [13]. Hieraus ergeben sich ein Aufklärungsbedarf, um an PrEP interessierten Menschen eine informierte, faktenbasierte Entscheidung zu ermöglichen sowie ein Potenzial für eine weitere Verbreitung der PrEP bei Menschen mit erhöhtem HIV-Risiko. Daneben zeigten sich weitere irreführende Annahmen in Bezug auf PrEP, denen ebenfalls unbedingt durch Wissensvermittlung begegnet werden sollte. Dazu zählen unter anderem folgende Mythen: „PrEP ist nur für schwule Männer da und auch nur für diese werden die Kosten übernommen“; „Wer solche Pillen [PrEP; Anm. d. Red.] nimmt, hat HIV“; „PrEP macht unweigerlich die Nieren kaputt“; „PrEP ist immer begleitet von zahlreichen Nebenwirkungen“; „PrEP ist nur für kondomfreien Sex da“.

Verbesserungsvorschläge

Zusammenfassend wurden in EvE-PrEP sowie im Folgeprojekt PrEP-Surv die in Tab. 1 dargestellten wesentlichen Zugangsbarrieren ermittelt sowie konkrete Verbesserungsvorschläge erarbeitet, um die Zugangsbarrieren zu verringern [7, 25, 26].
Tab. 1:
Zugangsbarrieren zur Präexpositionsprophylaxe und Verbesserungsvorschläge zur Verringerung der Zugangsbarrieren
Zugangsbarrieren
Verbesserungsvorschläge
keine GKV (häufig bei Migrant*innen)
PrEP auch außerhalb der GKV besser zugänglich machen durch Möglichkeiten der Bereitstellung/Kostenübernahme
kaum Wissen zu PrEP über die Gruppe der MSM hinaus
Wissen und Verfügbarkeit verbessern: bedarfsgerechte Angebote für Personen in trans*/nicht-binären Communities, Sexarbeitende, Migrant*innen (afrikanische Community), Drogengebrauchende
SARS-CoV-2-Pandemie hat den Fokus von PrEP weggelenkt, prekäre Lebenslagen verstärkt
Stärkung von im Zuge der SARS-CoV-2-Pandemie vernachlässigten Strukturen
Versorgung außerhalb der Metropolen teils unsicher
Versorgung außerhalb von Metropolen verbessern und sichern:
— niedrigschwellige Lösungen für PrEP-Qualifizierung, z. B. E-Learning, Telekonsil
— Nutzung von Community-Strukturen wie Checkpoints
für 2024 geplante Einbudgetierung könnte Versorgung unattraktiver machen
weiterhin extrabudgetäre Vergütung wie bei anderen Präventionsleistungen
GKV: Gesetzliche Krankenversicherung; PrEP: Präexpositionsprophylaxe; MSM: Männer, die Sex mit Männern haben
Um die PrEP-Versorgung zu sichern, zu verbessern und auszuweiten sind Handlungskonzepte und Anreize wichtig. Um das Potenzial der PrEP als Präventionsmethode erschließen zu können, bleibt es wichtig, allen Personen mit Bedarf die PrEP zugänglich zu machen.

Fazit und Aufruf

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die PrEP ist ein erfolgreiches Instrument zur Verhinderung von HIV-Infektionen, hat bisher aber in Deutschland noch nicht ihr volles Potenzial entfaltet. Die PrEP wird bisher fast ausschließlich von MSM genutzt, während PrEP-Bedarf in weiteren Communitys besteht. Dabei geht es zum einen um einen zielgruppenspezifischen Informations- und Aufklärungsbedarf beispielsweise für Personen aus trans* und nicht binären Communitys, Sexarbeitende, Personen aus migrantischen Communitys (insbesondere afrikanischen Community) sowie Personen, die intravenös Drogen konsumieren. Zum anderen geht es um den Abbau struktureller Zugangsbarrieren. Hierzu zählen unter anderem die Anforderungen an die fachliche Befähigung zur PrEP-Verordnung im Rahmen der GKV.
Die derzeitigen Regelungen werden sowohl von Ärzteschaft als auch Community-Organisationen als zu hochschwellig und aufwendig eingeschätzt. Es zeigte sich, dass bereits jetzt ein Mangel an PrEP-Verordnenden besteht (vor allem außerhalb der Metropolen), der bisher stetig wachsende Bedarf längerfristig nicht gedeckt werden kann, und dass bestimmte Personengruppen mit potenziellem PrEP-Bedarf nur schwer oder gar nicht erreicht werden [25, 27].
Die Zugangsbarrieren sind benannt, ebenso entsprechende konkrete Verbesserungsvorschläge. Nun geht es um deren Umsetzung. Die Anspruchsberechtigung ist hier wohl weniger das Problem, vielmehr mangelt es an Aufklärung und Wissensvermittlung zur PrEP und die Voraussetzungen an die fachliche Befähigung zur Abrechnung der PrEP innerhalb der GKV erscheinen als zu hochschwellig. Nun sind auf den verschiedenen Ebenen alle Akteur*innen gefragt und in der Verantwortung. Dies gilt sowohl für Community-nahe Organisationen, die Informationen zur PrEP breit streuen sollten, als auch für die auf rechtlich-regulatorischer Ebene jeweilig Verantwortlichen, an denen es liegt, die Verordnung zu erleichtern.
Daneben können auch Ärztinnen und Ärzte ohne anerkannte HIV-Spezialisierung durch Interesse an der PrEP ebenfalls zur Entfaltung des Potenzials der HIV-PrEP beitragen, indem sie durch Wissensvermittlung und Aufklärung die Ausweitung der PrEP auf andere Communitys unterstützten. Sie können Informationen außerhalb von Großstädten und HIV-Schwerpunktzentren für breitere Zielgruppen zugänglich machen und so helfen, die Zugangsbarrieren und Hemmschwellen für diese zu senken. Außerdem gehören Urologinnen und Urologen insbesondere zum Kreis derer, die nach entsprechender Zusatzqualifikation die PrEP im Rahmen der GKV verordnen und abrechnen können. Eine Verordnung auf Selbstzahlerbasis ist für jeden Arzt respektive jede Ärztin in Deutschland ebenso möglich.

Dr. Daniel Schmidt

Abteilung für Infektionsepidemiologie
Robert-Koch-Institut Berlin
Seestraße 10
13353 Berlin
SchmidtD@rki.de

Danksagung

Vielen Dank an alle Beteiligten in den dagnä-NEPOS-Zentren und der NEPOS-Studiengruppe sowie den PrEP-Surv-Zentren. Ein großer Dank gilt dem Community-Beirat in EvE-PrEP und PrEP-Surv.
Vielen Dank an das BMG für die Projektförderung. Das Projekt EvE-PrEP war ein vom BMG gefördertes Forschungsvorhaben auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Das Projekt PrEP-Surv ist ein vom BMG gefördertes Forschungsvorhaben auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Dank allen Mitarbeitenden des Robert-Koch-Instituts, die an den Projekten EvE-PrEP und PrEP-Surv beteiligt waren.
Literatur
1.
Zurück zum Zitat Bundesministerium für Gesundheit. Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG). 2019:Artikel 1 Nr. 9 Bundesministerium für Gesundheit. Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG). 2019:Artikel 1 Nr. 9
2.
Zurück zum Zitat GKV-Spitzenverband. Anlage 33 zum Bundesmantelvertrag-Ärzte (BMV-Ä) Vereinbarung über die HIV-Präexpositionsprophylaxe zur Prävention einer HIV-Infektion gemäߧ 20j SGB V vom 24. Juli 2019. [2021 Oct 6]. https://go.sn.pub/1bZEWY; abgerufen am 4.8.2023 GKV-Spitzenverband. Anlage 33 zum Bundesmantelvertrag-Ärzte (BMV-Ä) Vereinbarung über die HIV-Präexpositionsprophylaxe zur Prävention einer HIV-Infektion gemäߧ 20j SGB V vom 24. Juli 2019. [2021 Oct 6]. https://​go.​sn.​pub/​1bZEWY; abgerufen am 4.8.2023
3.
Zurück zum Zitat Deutsche AIDS-Gesellschaft (DAIG). Deutsch-Österreichische Leitlinien zur HIV-Präexpositionsprophylaxe. Stand: Mai 2018; AWMF-Registernr. 055-008 Deutsche AIDS-Gesellschaft (DAIG). Deutsch-Österreichische Leitlinien zur HIV-Präexpositionsprophylaxe. Stand: Mai 2018; AWMF-Registernr. 055-008
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5.
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6.
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Zurück zum Zitat Schmidt D et al. Surveillance der Versorgung mit der HIV-Präexpositionsprophylaxe in Deutschland - Ergebnisse der halbjährlichen Befragung in HIV-Schwerpunkteinrichtungen. Epid Bull 2023;7:1-11 Schmidt D et al. Surveillance der Versorgung mit der HIV-Präexpositionsprophylaxe in Deutschland - Ergebnisse der halbjährlichen Befragung in HIV-Schwerpunkteinrichtungen. Epid Bull 2023;7:1-11
26.
Zurück zum Zitat Schmidt D. Bericht zum 1. Treffen des Community-Beirats im Projekt Surveillance der Versorgung mit der HIV-Präexpositionsprophylaxe innerhalb der GKV in Deutschland (PrEP-Surv). Berlin: Robert Koch-Institut 2022; https://go.sn.pub/nLlgtB; abgerufen am 4.8.2023 Schmidt D. Bericht zum 1. Treffen des Community-Beirats im Projekt Surveillance der Versorgung mit der HIV-Präexpositionsprophylaxe innerhalb der GKV in Deutschland (PrEP-Surv). Berlin: Robert Koch-Institut 2022; https://​go.​sn.​pub/​nLlgtB; abgerufen am 4.8.2023
Metadaten
Titel
HIV-Präexpositionsprophylaxe in Deutschland
Hocheffektiv, aber nicht ausreichend genutzt
verfasst von
Dr. Daniel Schmidt
Publikationsdatum
04.06.2024
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Uro-News / Ausgabe 6/2024
Print ISSN: 1432-9026
Elektronische ISSN: 2196-5676
DOI
https://doi.org/10.1007/s00092-024-6328-8

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